04.12.2014
Cinema Moralia – Folge 97

Neue Grenzen und alte Instinkte

Hundert Jahre türkischer Film – Aus der Ausstellung »One Hundred Years of Love« in der Istanbul Modern

Kuli­na­ri­sche Film­kritik und hundert oder viel­leicht doch eher tausend­und­eins Jahre türki­sches Kino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 97. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Jedem, der es noch nicht gemacht hat, kann ich nur dringend raten, in Inter­stellar zu gehen – den leider in Deutsch­land besonders zahl­rei­chen Kritikern zum Trotz. Am letzten Woche­n­ende habe ich ihn zum zweiten Mal gesehen, diesmal auf IMAX-Leinwand, und diese Entschei­dung keine Sekunde bereut. Im Gegenteil: Der Film verträgt gut das mehr­ma­lige Schauen, und ein Effekt ist natürlich auch der, dass man den Film beim zweiten Mal etwas analy­ti­scher sieht, und beginnt zu verstehen, wie er gemacht ist. Viel deut­li­cher wird dabei dann, wie Nolan die Tempi wechselt, wie genau und klug die Zeitö­ko­nomie von Inter­stellar gebaut ist. Und IMAX ist für den Film ideal – weil Inter­stellar auf Film­ma­te­rial gedreht wurde. Spätes­tens hier sieht man das. Ein derar­tiges Spiel mit Unschärfen wäre digital meines Erachtens gar nicht hinzu­be­kommen. Jeden­falls habe ich es noch nie gesehen.

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2001: A Space Odyssey, Stanley Kubricks ausgez­eich­neter Film, ist natürlich eine offen­kun­dige Referenz für diesen bisher besten Film Nolans. Nolan ist ja mehr als Kubrick durchaus ein Filme­ma­cher, über den man streiten kann. Inter­stellar aber ist hervor­ra­gend, auch weil man über ihn produktiv streiten kann, weil er überhaupt Gespräche ermög­licht, die von Inhalten handeln. Zum Beispiel auch darüber, ob es nicht höchste Zeit wäre für eine Renais­sance des Fort­schritts­den­kens.
Darüber sprach neulich auch der Philosoph Slavoj Zizek in einem – übrigens auch witzigen – Vortrag an der »London School of Economics«. Zizek bemerkt die absurde Gleichz­ei­tig­keit zwischen dem Möglichen und dem Unmög­li­chen, die Tatsache, dass wir in Zeiten leben, in denen einer­seits Unglaub­li­ches technisch möglich zu sein scheint, kaufen kann man auch alles Mögliche, sofern man das Geld hat, in der der Politik ist aber gar nichts mehr möglich. Das System wirkt dysfunk­tional, die diversen Krisen scheinen unlösbar.
Vom Ausbruch aus solcher Situation handelt Inter­stellar, von den »New Frontiers«, die John F. Kennedy einst beschwor. New Frontiers, die würden uns allen gut tun.

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Ein schöner Fund – merci, Martina! – auf der Seite des »British Film Institute«: Dort wurde gerade ein Brief erstmals veröf­fent­licht, den Stanley Kubrick vor 50 Jahren an den Schrift­steller Arthur C. Clarke schrieb, und in dem er diesem vorschlug, mit ihm bei einem »richtig guten« Science-Fiction mitzu­ar­beiten. Der Beginn einer Männ­er­freund­schaft: Kubrick gesteht seine Bewun­de­rung für Clarkes Bücher, und auch Clarke flirtet: In seiner Antwort sagt er, Kubricks »Lolita« habe er zweimal gesehen, »the first time to enjoy it, the second time to see how it was done.« Mit diesen Sätzen begann ihre Zusam­men­ar­beit.

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»Quo vadis deutsches Kino?« fragt wieder das Festival »Around the World in 14 Films« von Bernhard Karl, den man auch in München kennt, nicht zuletzt als kompe­tenten Programm­ma­cher des Filmfests. Auch ich bin auf dem Podium dabei, und freue mich auf die gewohnt streit­bare Stand­ort­be­stim­mung des deutschen Films.
Leider ist immer alles etwas zu knapp gerechnet, und gerade wenn es richtig spannend wird, müssen alle ins Kino. In der Einladung verlinkt war außer einem »Cinema Moralia«-Artikel auch ein Text aus der Welt. Als ich zuerst nur die Über­schrift mit dem Titel »Bei Amts­an­tritt fand ich eine kata­stro­phale Lage« las, fragte ich mich, wer das jetzt wohl gesagt hatte? Wer würde wohl derart alar­mis­tisch formu­lieren? Dieter Kosslick? Der neue Chef­re­dak­teur der »Welt«? Oder der ehemalige Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann?
Aber nein – ausge­rechnet Neumanns Nach­fol­gerin Monika Grütters. Da wollen wir doch mal gleich nachlesen, wie sie das denn gemeint hat: Welt-Interview.

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Ein paar inter­es­sante Fakten sollten ja nicht übersehen werden: Filmkunst zieht in Deutsch­land nämlich immer mehr Heavy User an. Mehr als jeder vierte Besucher soge­nannter »Arthouse«-Filme (26,4%) war 2013 nämlich mindes­tens siebenmal im Kino, und damit fast so oft wie ein durch­schnitt­li­cher Däne. Insgesamt wurden im letzten Jahr 777 Kinosäle – davon 645 in reinen Programm­kinos und 132 einzelne Programm­ki­no­säle – von ihren Betrei­bern als Studio-, Programm- oder Film­kunst­kino klas­si­fi­ziert. Das sind 16,9 Prozent aller Leinwände und 6 weniger als im Jahr davor. Programm­ki­no­lein­wände gene­rierten 12,2 Prozent des gesamten Besu­cher­auf­kom­mens und erwirt­schaf­teten bei einem durch­schnitt­li­chen Eintritts­preis von 6,87 Euro (Gesamt­markt 7,89 Euro) einen Ticke­t­um­satz von 108,3 Mio. Euro.

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Bezwei­feln oder besser für Wunsch­denken halten darf man dagegen die Behaup­tung, die Zuschauer entschieden sich für einen Kino­be­such »wegen einer guten Geschichte«, wie der AG Kino-Vorsitz­ende Christian Bräuer neulich bei einem Panel meinte. Die Zuschauer kennen ja diese Geschichte gar nicht, haben allen­falls eine Vorstel­lung davon. Was sie kennen, sind die Stars, den Film­trailer und die Kino­pla­kate.

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Wer das nicht glauben will, der sollte bis Anfang Januar nach Istanbul fliegen. Dort läuft derzeit im Museum »Istanbul Modern« eine hoch­in­ter­es­sante Ausstel­lung – »One hundred years of love« – zum Verhältnis zwischen Kino und Publikum. Darge­stellt wird darin zwar einer­seits die Film­ver­mark­tung – Premieren und Galas, Trailer und Plakate, Festivals und die früher aufwen­dige Gestal­tung der Kino­paläste –, ande­rer­seits all das, was das Publikum selbst daraus macht: Fanzines, Samm­lungen von Fotos, Auto­gramm­karten, Poster, der Feti­schismus mit dem unsereins bestimmte Eintritts­karten und Programm­hefte aufbe­wahrt.

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Der eigent­liche Anlass der Schau ist das hundert­jäh­rige Jubiläum des türki­schen Kinos. Es wird derzeit überall gefeiert, und als der Türke Nuri Bilge Ceylan im Mai in Cannes die Goldene Palme für Winters­leep gewann, widmete er den Preis in seiner Dankes­rede dem »hundertsten Geburtstag des türki­schen Kinos«. Das Problem bei der Sache: Jenen angeb­liche erste türkische Film, der vor hundert Jahren, im November 1914 gedreht wurde, hat nie jemand gesehen. Es gibt keine Augenz­eu­gen­be­richte, keine Rezen­sionen, keine verz­eich­nete Kino­pre­miere. Selbst die Töchter des Regis­seurs wissen nicht, ob der Film je exis­tierte. Falls er es tat, ist er verschollen. Um was, aber handelt es sich? Der Film heißt The Demo­li­tion of the Russian Monument at St Stephen (Ayas­te­fanos'taki Rus abides­inin yikilisi), und ist ein Doku­men­tar­film. Regisseur, besser Kame­ra­mann war der Offizier Fuat Uzkinay.
Unklar ist, ob der Film überhaupt je exis­tierte. Erst recht bizarr wird es durch die Tatsache, dass die Bewer­tungen durch 81 Personen dem Film auf der »Internet Movie Database« eine Bewertung von 8.5 verschaffen. Was haben sie gesehen?
Ein Märchen aus 1001 Nacht? Natürlich möchte man jetzt gleich eine Mock­u­m­en­tary drehen, in der man jene 81 zu ihren Eindrü­cken befragt. Was hätten sie zu erzählen? Was wissen sie, was wir nicht wissen?
Und dann einen zweiten Film: Darin müsste es um einen Regisseur gehen, der im Auftrag der Regierung die Lücke füllen und den fehlenden Film fälschen, also nach­drehen soll.

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Berlin kann sich vor Festivals gar nicht retten. Neben »Around the World in 14 Films«, einem echten Publi­kums­fes­tival wo jenes geneigte Publikum, zumindest das Berliner Filme gucken kann, die Cannes und andere Festivals der Berlinale abge­luchst haben, und die meilen­weit besser sind, als das, was da im Februar als »A-Wett­be­werb« präsen­tiert wird.
Es gibt aber auch die fran­zö­si­sche Filmwoche, die morgen beginnt

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Die Kampagne gegen TTIP geht weiter. TTIP bekommt neue, mächtige Gegner. Gegen die Beschluss­lage seiner Partei will der SPD-Vorsitz­ende und Wirt­schafts­mi­nister Sigmar Gabriel Konzernen Milli­ar­den­klagen vor Schieds­tri­bu­nalen erlauben. Die Parla­mente in den Nieder­landen, Öster­reich und Frank­reich haben dagegen Schieds­ge­richte bereits abgelehnt.
Wer noch nicht unter­schrieben hat, oder die Kampagne auf andere Art unter­s­tützen will, kann das hier tun.

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Nicht viel anders geht es beim Urhe­ber­recht – außer dass die Dinge da etwas kompli­zierter liegen, und die Menschen schlechter infor­miert sind. Das sehr verdienst­volle »Erich Pommer Institut« hat gerade einen »Kongress Urhe­ber­rechts­po­litik« veran­staltet, mit inter­es­santen Fragen und Themen, nur leider etwas einseitig besetzt. Denn die Position der EU-Kommis­sion und die Agenda der Bundes­re­gie­rung sind ja glück­li­cher­weise nicht alles.
Bei der Veran­stal­tung waren dann nur parla­men­ta­risch etablierte Parteien und Insti­tu­tionen anwesend, aber weder Vertreter der User, des Netzes, noch etwa der Pira­ten­partei oder der FDP – gerade die beiden letzteren hätten hier vom Main­stream abwei­chende Posi­tionen. Und auch inter­na­tio­nale Redner gab es nicht. Dabei ist das Thema selbst inter­na­tional.
Die Sprache verrät in diesem Themen­be­reich Bände. Eine Veran­stal­tung heißt dann eben: »Welche recht­li­chen Grenzen hat Krea­ti­vität?« Darin geht es um Unter­richts­ma­te­rial zum »User Generated Content«. Man könnte ja auch von den Möglich­keiten sprechen. Davon, wie Filme­ma­cher und andere Kreative das tun können, was sie wollen. Aber die deutschen Medi­en­in­sti­tu­tionen inter­es­sieren sich eben mehr für Grenzen, vor allem bei der Krea­ti­vität.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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