23.10.2014
Cinema Moralia – Folge 94

Die Sterne sollen weiterleuchten

Da hilft kein Flehen: Auch der Tod ist nicht umsonst

Das neueste vom Kultur­ver­fall: Spar-Schweine in Sendern und Förderung, die Desub­li­mie­rung all unserer Gelüste und Sterben-lernen, nicht nur für Filme­ma­cher – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 94. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Passi­vität ist wahr­schein­lich die beste Haltung für Film­kri­tiker. Sie sollten Geduld haben, abwarten können, was der Film mit ihnen macht, den Film kommen lassen. Film­kritik, wo sie am besten ist, ist ein Instru­ment, auf dem der Film spielt. Aber auch Instru­mente haben eine Seele, jede Stra­di­vari oder jedes Boesen­dorfer-Klavier ist anders, wie jeder Kritiker.
Insofern Film­kri­tiker auch ein gleich­be­rech­tigter Teil der kultu­rellen Land­schaft und »der« Filmszene sind, ist von ihnen aber auch Einmi­schung gefragt, Streit­kultur und Meinungs­stärke. Am besten begründet, zur Not auch mal einfach so, um den Laden aufzu­mi­schen. Hecht sein im Teich, in dem die fetten Karpfen noch oben schwimmen, aber nur Hechte überleben. Darum ist Film­kritik wo sie gut ist, immer auch Akti­vismus. Erst recht in einer Land­schaft die von behaup­teter und ange­schminkter Qualität geprägt ist, aber von fakti­schem Kultur­ver­fall in nie gekanntem, niemals geahntem Ausmaß. Wir wissen noch gar nicht, wie tief wir bereits gesunken sind, weil die Gleich­gül­tig­keit uns alle einlullt, und wir ahnen noch nicht, wie tief wir fallen werden, bevor alles viel­leicht wieder besser wird. Aber was wir sehen: »Qualitäts­jour­na­lismus« ist nur eine Floskel, eine Phrase, die kaum dieje­nigen beruhigt, die sie verwenden. »Qualitäts­jour­na­lismus« ist nur eine Maske, hinter der sich ein Abgrund auftut – »Qualitäts­jour­na­lismus« ist das ange­schminkte Lächeln von Joker aus Batman.

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In Reaktion auf das zunehmend »konven­tio­nelle und formel­hafte Kino« und den dazu passenden Jour­na­lismus wurde im Mai ein »Flugblatt für akti­vis­ti­sche Film­kritik« verfasst. Die Kritiker müssten ihren »passiven Prag­ma­tismus über­winden und den Akti­vismus für sich wieder­ent­de­cken«, schreiben die Verfasser, und dafür »wirt­schaft­liche Risiken« tragen. Zu den konkreten Ankün­di­gungen der Unterz­eichner gehört die Durch­füh­rung einer »Woche der Kritik« parallel zur Berlinale. Aber was muss man sich darunter vorstellen? Über die Möglich­keit, sich neue Freiräume zu erkämpfen, sprechen drei der Initia­toren des Manifests, mit zwei Redak­teuren von »Revolver« bei »REVOLVER LIVE! (39)« am kommenden Freitag, 24. Oktober 2014 um 20 Uhr im »Roten Salon« der Berliner Volks­bühne. Mit dabei sind Dunja Bialas von Artechock, Frédéric Jaeger und Claus Löser, sowie die Regis­seure/Redak­teure Christoph Hoch­häusler und Nicolas Wacker­b­arth. Wir sind gespannt.

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Akti­vismus scheint allgemein wieder mehr gefragt. Zeit wird's. Denn solange Förderer, Sender und nicht zuletzt die Politik, die vieles ändern könnte, wenn sie wollte oder eben müsste, solange diese Funk­ti­onäre alle ihre Probleme nur aussitzen, auf dem Rücken der Künstler, der Filme­ma­cher und des Publikums kann nichts besser werden. Man muss die Funk­ti­onäre zwingen, ihre Rolle wieder als dienende – den Künstlern und den Steu­er­zah­lern dienend – zu begreifen, und vor allem: Zu erfüllen.
Warum eigent­lich gibt es Loko­mo­tiv­füh­rer­ge­werk­schaften und Pilo­ten­ver­ei­ni­gungen, die ihren Namen verdienen, also für die Inter­essen ihrer Mitglieder kämpfen, und nöti­gen­falls streiken, aber kein entspre­chendes Pendant auf Seiten der Regis­seure und der Produ­z­enten? Deren Verei­ni­gungen machen mitunter gerade im Fall der Produ­z­enten sogar den Eindruck, als dienten sie eher zur Ruhig­stel­lung ihrer Mitglieder als zu deren Akti­vie­rung.

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Zur Zeit erschöpft sich der Akti­vismus noch vor allem in Mani­festen und Mani­fes­tähn­li­chem, also Forde­rungen. So fordern die Autoren und Regis­seure mehr Inves­ti­tionen ins Fernseh-Programm. Die Mehr­ein­nahmen aus der Haus­halts­ab­gabe sollten auch für Struk­tur­re­formen dienen. Wohl gespro­chen. Aber der Löwe zeigt noch keine Krallen.
Immerhin weist die Kritik auf wichtige Punkte hin: »Neben hohen Verwal­tungs­kosten fällt das Ungleich­ge­wicht in den Mittel­an­sätzen für jour­na­lis­ti­sche Bericht­er­stat­tung, Sport und für fiktio­nale bzw. doku­men­ta­ri­sche Lang­for­mate auf. Die ARD hat nach vielen Jahren der Intrans­pa­renz vor kurzem einige wenige Zahlen vorgelegt. Aus ihnen geht hervor dass etwa für Sport­sen­dungen mehr als fünf Mal so viel ausge­geben wird wie etwa für die führende ARD-Fiction-Reihe 'Tatort'. Solide ausfi­nan­ziert sind die jour­na­lis­ti­schen Eigen­pro­duk­tionen. Dagegen hat die Auftrags­pro­duk­tion (Serien, fiktio­nale Fernseh- und Doku­men­tar­filme) seit Jahren mit Kürzungen zu kämpfen. Sie ist zum 'Spar-Schwein' der Anstalten geworden. Ähnliches gilt für das materiell ohnehin geringe Enga­ge­ment bei Kino-Co-Produk­tionen, wo der Beitrag insb. des ZDF seit Jahren sinkt. ...
Die deutsche Fern­seh­fic­tion galt lange als führend in Europa. Aller­dings wird dieser gute Ruf durch weitere Kürzungs­auf­lagen gefährdet... Nicht weniger, sondern mehr Entwick­lungs- und Produk­ti­ons­mittel müssten inves­tiert werden, um den Anschluss etwa an nordische oder US-Serien nicht zu verlieren.« (Pres­se­mit­tei­lung des Bundes­ver­bands der Film- und Fern­seh­re­gis­seure BVR)

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Seit Jahren stagnieren die Honorare der Autoren und Regis­seure. Während der Lohnindex des Statis­ti­schen Bundes­amtes für 1998–2013 um 37 Prozent und auch die Rund­funk­ge­bühren in diesem Zeitraum um ca. 27 Prozent gestiegen sind, blieben die Honorare für Autoren und Regis­seure in etwa konstant.
In allen Bereichen, nicht zuletzt dem angeb­li­chen Qualitäts­jour­na­lismus greifen Buyout-Verträge um sich. Die Online-Expansion schafft zusät­z­liche Probleme.

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Echten Akti­vismus prak­ti­ziert die Firma »Pandora«, an deren Haupt­standort NRW man jetzt die Film­för­de­rung abbauen will: »Seit nunmehr 32 Jahren deutsche und inter­na­tio­nale Filmkunst. Seit über achtzehn Jahren aus Köln. Wir wollen mit unseren Filmen auf künst­le­ri­sche Weise auf gesell­schaft­liche Zustände und Entwick­lungen aufmerksam machen. ... Der Kinofilm erreicht über seine viel­fäl­tigen Auswer­tungen sehr viele Menschen, ist aber eine sehr teure Kunstform. Er braucht daher mannig­fal­tige Unter­s­tüt­zung. Wir sind sehr besorgt, dass einer unser wich­tigster Verbün­deten, die Film-und Medien­stif­tung NRW deutliche Kürzungen von ihren beiden Haupt­ge­sell­schaf­tern erfahren hat, zunächst vom WDR und nun auch von Land NRW. Die Film­stif­tung hat in den letzten Jahren stetig ihren Aufga­ben­be­reich um die neuen Medien erweitert, die Kürzungen gehen daher an die Substanz der Förderung.«

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Schwarze Kultur­po­litik ist oft schlecht. Rotgrüne Kultur­po­litik oft noch schlechter. Wie traurig!

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Das Recht auf freien Tod ist ein Menschen­recht. Herz­li­chen Dank für alle ermu­ti­genden Zuschriften nach dem »Cinema Moralia« letzte Woche! Christian Züberts Spielfilm Hin und weg handelt von einer Handvoll Freunde, die alljähr­lich eine Radtour machen. In diesem Jahr führt sie nach Belgien. Doch diesmal wird es für einen von ihnen auch die aller­letzte Reise sein. Denn Radler Hannes (Florian David Fitz) ist todkrank und will, weil Eutha­nasie in Deutsch­land verboten, in Belgien aber erlaubt ist, in Oostende sterben. Mit dieser Frage des Rechts auf ein frei­ge­wähltes, sanftes Sterben im Angesicht grausamen Qualtods, bei dem den Ärzten in Deutsch­land von ihren Verbänden und den Kirchen engere Grenzen gesetzt werden als vom Recht, greift Zübert ein wichtiges Thema auf. Nicht um den Sinn des Lebens geht es im Film, sondern um den Sinn von Leiden, und die Frage, wie man seine letzten Lebens­tage verbringt, wenn man weiß, dass nur noch wenige bleiben. Ästhe­tisch ist er seinem anspruchs­vollen Thema aber leider nicht gewachsen: Bedeu­tungs­getue statt Ernst, Lärm statt Stille, platter Humor statt feinem Witz – über 90 Minuten entwi­ckelt sich das Drama in höchst berech­neten und entspre­chend vorher­seh­baren Wendungen. Papierne Dreh­buchsätze entfalten Gefühls­kitsch und Klischees. Für den Betrachter eine Erfahrung zum Fremd­schämen – allein die hervor­ra­genden Schau­spieler, insbe­son­dere die immer wieder glänzende Julia Koschitz beleben diesen Feel­good­film über den Tod, der auf die Abge­stumpft­heit des Massen­pu­bli­kums setzt.

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Auch aufs Massen­pu­blikum setzt zwar Doris Dörrie – sie tut das aber in ihrem neuen Film ungleich geschmack­voller. Die Münchner Regis­seurin war in ihren Doku­men­tar­filmen schon immer besser als als Spiel­film­au­torin. In Dieses schöne Scheiß­leben (Que Caramba Es La Vida) portrai­tiert Dörrie mexi­ka­ni­sche »Mariachi« – Leben und Tod, Glück und Sterben liegen in dieser katho­lisch-exzes­siven Volks­musik dicht beiein­ander. In Dörries Film geht es aller­dings um die seltenen weib­li­chen Mariachi – typische Beispiele für Frauen in Männer­be­rufen. Und es geht um einen bestimmten Tag: Den »Dia de los Muertos«, den Tag des mexi­ka­ni­schen Toten­ge­den­kens. Dörrie hat vor allem mit der Hand­ka­mera gefilmt: Ein expres­siver, nicht nur für Latein­ame­rika-Inter­es­sierte hoch­in­for­ma­tiver Doku­men­tar­film, der trotzig das Leben und die Macht des Hier und Jetzt feiert im Angesicht von Elend und Tod.

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»Das Internet ist die Desub­li­mie­rung all unserer Gelüste« – ein Satz, den ich – ich weiß nicht mehr wo – letzte Woche aufge­schappt habe. Es ist aber auch deren Subli­mie­rung zum Schlech­teren. Das Internet tötet zum Beispiel Akti­vismus.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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