03.07.2014
Cinema Moralia – Folge 90

Hauen und Stechen im deutschen Festivalbetrieb...

Die deutsche Reihe in München ist besser geworden: Vanessa Jopps Lügen und andere Warheiten, Premiere in München.

Und nicht nur da: auch Jour­na­listen kloppen mit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 90. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»München ist eine Ganz­tags­lüge – aber eine die sich lohnt.«
Klaus Lemke

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Das Münchner Filmfest ist toll. Das Ludwigs­ha­fener »Festival des Deutschen Films« aber auch. Man muss die beiden Festivals nicht verglei­chen, denn sie sind auch völlig verschieden. Ich finde Ludwigs­hafen besser, aber das sage ich norma­ler­weise nicht öffent­lich, denn da ich für Ludwigs­hafen arbeite, schreibe ich norma­ler­weise nichts darüber. Denn ich bin Partei. Aber da bin ich nicht der Einzige, ist mein Eindruck, und darum muss man in diesem Fall mal auf ein konkretes Beispiel aufmerksam machen, das, so scheint mir, auch etwas Grund­sät­z­li­ches erzählt über die Lage des soge­nannten Qualitäts­jour­na­lismus.

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Zuvor aber eine kurze Erklärung, warum ich Ludwigs­hafen für das bessere Festival halte: Ludwigs­hafen macht mit in diesem Jahr 55 Filmen über 60.000 Zuschauer, München mit über 150 Filmen etwa das Gleiche. Wenn es um nackte Zuschau­er­zahlen geht, sind die Verhält­nisse also klar. Ande­rer­seits laufen in Ludwigs­hafen deutsche Filme, die es natur­gemäß beim Zuschauer leichter haben, in München auslän­di­sche Filme. Da sind die Kinos eben manchmal leer. Dafür ist München aber auch öffent­lich gefördert (Der Zuschuss Münchens für sein Filmfest beträgt allein schon eine Million Euro. Dazu kommen Gelder vom Freistaat und natürlich Sponsoren), Ludwigs­hafen vor allem privat. In Ludwigs­hafen stehen die Filme­ma­cher im Vorder­grund; in München die Fern­seh­re­dak­teure und Fern­seh­sender und Verleiher und Produ­z­enten. Die Industrie. Kunst spielt die zweite Geige, aber das muss den normalen Zuschauer, der einen Film angucken will, nicht kümmern. Fern­seh­filme zeigen eh beide Festivals, ohne auf den immer wieder erkenn­baren ästhe­ti­schen Unter­schied die Rücksicht zu nehmen, die sie könnten.

In München gibt es viel mehr Geld, viel mehr »Branche«, viel mehr Partys und Drumherum. Dafür riskiert man beim Filmfest aber ziemlich wenig. Man zeigt so viel Filme, dass sie sich auch in vier Wochen keiner angucken kann, anstatt auszu­wählen. Immerhin ist in den letzten Jahren die deutsche Reihe viel besser geworden, und München bemüht sich auch um mehr echte Premieren.

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Man muss beide Festivals also gar nicht verglei­chen. Sie können gut neben­ein­ander friedlich koexis­tieren, sie werden sich um ein paar deutsche Filme streiten, und oft hat da München – leider! – die Nase vorn, weil sich Produ­z­enten und Verleiher mehr fürs Weiß­wurst­frühs­tück des FFF und den Bavaria-Empfang inter­es­sieren als für 1200 Zuschauer – normale Menschen, nicht Branche – bei einer einzigen Kino­vor­stel­lung.

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Wenn aber ein anderer vergleicht, und wenn er das so tut wie der Münchner Jour­na­list Jörg Michael Seewald in der vergan­genen Woche, dann muss man ihm wider­spre­chen.

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Wenn einer binnen acht Tagen gleich drei Texte übers gleiche Thema schreibt, muss ihm ja wohl das Herz ziemlich über­laufen. Text eins erschien in der FAZ am 23.6.; Text zwei im Tages­spiegel am 26.6.; Text drei wieder in der FAZ.
In diesen Texten sagt Seewald mit vielen Worten immer das Gleiche; München ist besser als Ludwigs­hafen. Man muss einfach diese Texte lesen, – wenn man die innere Lange­weile denn über­winden kann –, in denen sich der Jour­na­list darüber mokiert, dass Pick­nick­körbe 19.90 plus 10 Euro Pfand kosten, bloß weil es in München gar keine Pick­nick­körbe für zwei Personen gibt, Pfand aber sehr wohl, sogar für die Gäste der vielen fürs gemeine Publikum geschlos­senen Partys, dann wird jeder begreifen, wes Geistes Kind der Mann ist. Und dann kann jeder auch seine eigenen Gedanken darüber anstellen, bei wem sich der Mann mit solchen Texten mögli­cher­weise beliebt machen will.

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Aber es gibt zwei Formu­lie­rungen, auf die muss man antworten: »Wer sich Zeit nimmt, die Abspänne in Ruhe zu schauen, wird da auch die üblichen Verdäch­tigen wieder treffen: Jochen Kölsch für arte, Monika Lobkowicz vom WDR, Bettina Ricklefs vom BR und Brigitte Dithard vom SWR.«

Fast jeder deutsche Film, das weiß Seewald, der vor allem über Fernsehen schreibt, offenbar nicht, wird von TV-Sendern copro­du­ziert. Viel­leicht liest er ja mal die Abspänne der (nicht nur deutschen) Filme in München.

Seewald glaubt an den gestie­genen Stel­len­wert des Münchner Filmfests, Bran­chen­kenner meint er, glaubten an München als »die Nummer Zwei hinter Berlin in Deutsch­land«. Wer glaubt, wird selig.
Dann aber zitiert er den früheren Film­fest­chef Andreas Ströhl, unter dessen Ägide die Bedeutung des Filmfests deutlich abnahm: »Eigent­lich haben wir bislang jeden Film bekommen, den wir haben wollten.« Wenn dem so wäre, müsste Ströhl sich schämen, was er alles für Filme nicht gewollt hat. Aber natürlich stimmt das nicht. In jedem Jahr erzählen einem Filmfest-Mitar­beiter, was sie nicht bekommen haben. Das ist auch ganz klar, das gehört zum Geschäft. Geht allen so. Aber warum dieses Münchner Maul­hel­dentum? Pfeifen im Festi­val­wald?

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Seewalds partei­ische Texte sind kein Einz­el­fall. Seewald, so muss man vermuten, hat es offenbar nötig, andere zu bashen um München überhaupt loben zu können. Am 17.7.2013 musste die FAZ eine Rich­tig­stel­lung von Frauke Greiner, der Pres­se­chefin der Berlinale drucken. Dort heißt es: »Im Artikel ›Mehr als ein, Tatort' darf das Ganze nicht kosten‹ (F.A.Z. vom 28. Juni) zitiert der Autor Jörg Michael Seewald die Leiterin des Filmfests München Diana Iljine mit ›... wir haben keine fünf­zig­tau­send oder hundert­tau­send Euro über, um eine Catherine Deneuve einzu­kaufen wie etwa Berlin.‹ Der Autor fügt an: ›So viel Seiten­hieb darf dann doch sein. Längst über­strahlt die Berlinale mit ihren vielen Stars das Münchner Filmfest...‹ Offen­sicht­lich hat der Jour­na­list die Aussage von Frau Iljine nicht hinter­fragt bezie­hungs­weise überprüft, sie aber gerne als ›Seiten­hieb gegen die Berlinale‹ betitelt. Hier bedarf es einer Rich­tig­stel­lung: Catherine Deneuve hat im Februar 2013 ihren Film Elle s'en va im Berlinale-Wett­be­werb vorge­stellt. In diesem Jahr wie auch schon bei ihren vorhe­rigen Berlinale-Besuchen hat die Berlinale dafür kein Honorar für Frau Deneuve bezahlt. Dies gilt ebenso auch für alle anderen Festi­val­gäste der Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin.«

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Der Mann mag aber offenbar die Formu­lie­rung von den Seiten­hieben. In der FAZ steht jetzt auch: »Einen Seiten­hieb auf die Konkur­renz aus München«. Relax man! Hoffent­lich gibt ihm der FFF morgen ein Weißbier aus.

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