06.03.2014
Cinema Moralia – Folge 83

F for Fake reloaded...

Der Alchemist: Beltracchi vernebelt so manchem den Verstand

Die Fälschung der Fälscher – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 83. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Das Verhältnis zu den Eltern beginnt traurig, schat­ten­haft sich zu verwan­deln. ... Einmal rebel­lierten wir gegen ihre Insistenz auf dem Realität­s­prinzip, die Nüch­tern­heit, die stets bereit war, in Wut gegen den Nicht-Entsa­genden umzu­schlagen. Heute aber finden wir uns einer angeblich jungen Gene­ra­tion gegenüber, die in jeder ihrer Regungen uner­träg­lich viel erwach­sener ist, als je die Eltern es waren; die entsagt hat, schon ehe es zum Konflikt überhaupt kam, und daraus ihre Macht zieht, verbissen autoritär und uner­schüt­ter­lich.«
Th. W. Adorno, »Minima Moralia«, S.22

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Gähnen inklusive. Wieviel Bücher von Adorno hat Doris Dörrie wohl gelesen? Muss sie ja auch nicht, der Frank­furter Philosoph ist keine Lektüre für jedermann. Sie muss sich aller­dings auch nicht auf seine Kosten lustig machen.
Dörries neuester Film, Alles inklusive, der eine eigene Rezension einfach nicht wert ist, weil er ist, wie alle von Dörries letzten Filmen, erzählt von einem Gene­ra­tio­nen­kon­flikt: Alternde Hippie-Mami, gespielt von Hannelore Elsner und ihre von Nadja Uhl gespielte Tochter, die auf den Namen Apple hört und so spießig wie neuro­tisch ist. Damit wir letzteres merken, hat sie ihren Hund auch »Freud« getauft. Das Problem des Films ist nicht allein, der reak­ti­onäre Umgang mit dem Sujet, es ist schon eher seine wahn­sin­nige Humor­lo­sig­keit, die sich mit verkrampften Witzchen tarnt. Vor allem aber ist es die Tatsache, dass der Film noch zehnmal spießiger ist, als die Tochter-Figur. Die einzige unsym­pa­thi­sche Figur des Films ist eine von der hier wirklich bedau­erns­werten Juliane Köhler gespielte Radio­mo­de­ra­torin. Sie wird als welt­fremde Kopf­ge­steu­erte charak­te­ri­siert, die – natürlich – Adorno zitiert und – natürlich – als Einzige gegen Unter­hal­tung eintritt. Was nur belegt, dass Dörrie es offenbar wahn­sinnig nötig hat, ihr anti­in­tel­lek­tu­elles Ressen­ti­ment irgendwo auszu­leben, und sich für die erwar­teten und berech­tigten Verrisse schon vorab Ausreden zuzulegen.

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Die Kunst der Fälschung. Zum Fall Belt­racchi, und Arne Birken­stocks Doku­men­tar­film Die Kunst der Fälschung über den wir letzte Woche berichtet haben – danke für die ermun­ternden Reak­tionen!!! –, gibt es noch sehr viel zu sagen – und einiges davon werden wir an dieser Stelle noch tun. Pünktlich zum Start dieses aus sehr vielen Gründen empfeh­lens­werten Doku­men­tar­films möchten wir wenigs­tens mit ein paar Legenden aufräumen:
- Ist der Film konven­tio­nell gemacht, wie ein mir überaus vertrauter Autor formu­lierte? Nein, er ist »sehr gut und unter­haltsam gemacht«. So stand es im Manu­skript. Das wurde dann raus­re­di­giert. Denn der Satz »Zensur findet nicht statt«, steht nur im Grund­ge­setz, nicht aber in allen Redak­ti­ons­stuben.
- So wird der Film immer wieder darge­stellt als ein »Auftrags­werk« Belt­rac­chis (FAZ), als Teil seiner Selbst­ver­mark­tung. Denen, die das sagen, sollte man nicht glauben, sondern einfach den Film selbst angucken.
- Ist das, wie die zweite Kunst­kri­ti­kerin in der FAZ schreibt, »eine Fort­set­zung der Vertei­di­gung und der erfolg­rei­chen Image­po­litik mit filmi­schen Mitteln«? Dem Image mag der Film nutzen, weil er mit einigen Vorur­teilen und Fehl­ur­teilen aufräumt. Eine Fort­set­zung der Vertei­di­gung ist er aber keines­wegs.
- Darf man über »so einen« denn einen Film machen? Warum nicht? Man macht über ganz andere Leute Filme. Belt­racchi hat Charme, er ist viel­leicht nicht in allem ehrlich, aber zumindest offen.
- Das törich­teste Argument in diesem Zusam­men­hang ist der absurde Vorwurf, dass der Film öffent­liche Film­för­de­rung bekommen habe – offenbar weiß sie nicht, oder will nicht wissen, dass in Deutsch­land fast jeder Film Förderung bekommt, bekommen muss. Denn immerhin im Grund­ge­setz steht es noch: »Zensur findet nicht statt.«

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Hat Humor­lo­sig­keit eigent­lich etwas mit Serio­sität zu tun? Eher mit ihrem Gegenteil scheint mir. Auffal­lend an den aller­meisten aus dem Anti-Belt­racchi- und dem Anti-Birken­stock-Lager, ist die völlige Ironie­frei­heit. Und das ausge­rechnet zu Karneval, ihr Köllner! Aber heute ist ja schon Ascher­mitt­woch.

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Überhaupt die FAZ: Ein anderer Autor hatte dort an Belt­racchi schon Wochen zuvor kein gutes Haar gelassen: »Spießer und Feigling« heißt es schon in der Unterz­eile, und in dieser, für die sonst so seriöse FAZ unge­wöhn­li­chen Tonlage geht es dann weiter: »selbst­ver­liebter Klein­bürger ... Wichs­vor­lagen ... Geilheit und Geld«.
Soviel zur ästhe­ti­schen Lage im Qualitäts­feuilleton.

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Viel­leicht liegt es ja an solchen Texten und solchen Autoren, dass, wie der Perlen­tau­cher vermeldet, die FAZ noch nie so dünn war, es noch nie so wenig Text für soviel Geld gab, wie am letzten Montag.

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Ein Medien­spiel. Warum das so ist, dafür hat zumindest die Wissen­schaft eine Erklärung: Die in Zürich lehrende Elisabeth Bronfen hat in mehreren Büchern die Mecha­nismen von Medien unter­sucht:
»Die Kritiker wollen die Deutungs­ho­heit über den Bereich der Kunst haben. Wenn dann plötzlich eine Kunst produ­ziert wird, die die Kritiker vors Licht führt, dann wird auch nicht nur die Rolle der Käufer, sondern auch der Kunst­kri­tiker kommt dann ins Schwanken. ... Belt­racchi wird wahr­schein­lich schon zu einem Sünden­bock gemacht, weil er nicht nur den Kunst­händ­lern, sondern auch den Kunst­kri­ti­kern zeigt, worauf das ganze Geschäft mit dem sie ihr Geld verdienen, basiert – nämlich, dass sie ja selber Hoch­stapler sind.«
Das ganze Interview dann nächste Woche, hier.

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Zitieren wir doch lieber den in jeder Hinsicht weit besseren Autor Niklas Maak, der in Birken­stocks Film als Inter­view­partner mitwirkt:
»Es gibt eine mark­t­i­ma­nente Logik, die Kritik und Zweifel bestraft und Zustim­mung und Aner­ken­nung belohnt... Der Experte kriegt eine üppige Provision dafür – es gibt keinen, der möchte, das es falsch ist. Das ist schon eine beacht­liche Leistung, wie nach dem derz­ei­tigen Erkennt­nis­stand eben nur ein Mann, kein großes Team es geschafft hat, sämtliche vermeint­liche Zentralen der Kompetenz und Macht in der inter­na­tio­nalen Kunstwelt auszu­schalten, eine nach der anderen. Wie in einem schlechten Cowboy-Film: Einer kommt und mäht einen Sheriff nach dem anderen weg.«
Genau das ist der entschei­dende Punkt.

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»Fast jede Geschichte ist auch eine Lüge«, sagt Orson Welles in seinem amüsanten Essayfilm F For Fake (1973), einer intel­li­genten Reflexion über Wahrheit, Fälschung und unseren unbe­dingten Willen zur Selbst­täu­schung.
Vergessen wir also nicht Welles: Dessen komplettes Werk ist durch­zogen vom Thema Fälschung. Denken wir nur an das berühmte Radio-Hörspiel von 1938 mit der Fälschung einer Mars­men­schen-Invasion. Hat viele Menschen geschä­digt und verstört, moralisch verun­si­chert, und viel­leicht starb gar einer an einem Herzin­fakt. Welles selbst liebte das Spiel mit versteckten Zitaten und Plagiaten. Zwei seiner Filmtitel gehen ironisch mit dem Problem um: It's All True (1942) und F For Fake (1973). Letzterer handelt ebenfalls vom Kunst­be­trieb und natürlich geht es bei Welles damit auch ums Kino – mit den albernen Kunst­händ­lern meint er die Film­pro­du­z­enten gleich mit.
In diesem Film tritt auch der echte Kunst­fäl­scher Elmyr de Hory auf, und spielt sich selbst. Nur eine Stunde brauche er für eine Modigliani-Zeichnung – nicht nur Belt­racchi war schnell.

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Irgendwo kommt dann auch Picasso noch einmal zu Wort, der einen echten Picasso für falsch erklärt – schließ­lich könne er selbst einen Picasso ebenso gut fälschen wie irgendwer sonst. Von Picasso stammt der Satz, dass die Kunst eine Lüge sei, die hilft, die Wahrheit zu erkennen. Ok, und wie ist es denn dann mit Belt­racchi? Öffnen er und sein Fall uns nicht auch für vieles die Augen?

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Wieso nochmal sollen wir Wolfgang Belt­racchi hassen, verab­scheuen, oder zumindest verachten? Wieso, wenn wir umgekehrt den Hauptmann von Köpenick lieben dürfen, und Felix Krull erst recht – im Kino, wie als Buch. Belt­racchi muss man nicht verklären. Belt­racchi ist vieles. Aber er ist auch: Einer von unten, der es denen da oben mal kräftig gezeigt hat. Klar ist das ein primi­tiver Reflex. Aber ist er falsch, oder echt?

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Oscars. Ein briti­scher farbiger Regisseur, ein Mexikaner, eine Austra­lierin, und eine Afro­ame­ri­ka­nerin gewinnen die wich­tigsten Film­preise der Welt – so könnte man die Geschichte der dies­jäh­rigen Oscar­nacht erzählen. Es wäre damit einmal mehr der Beweis erbracht, wie inte­gra­ti­ons­fähig Hollywood und die ameri­ka­ni­sche Gesell­schaft sind. Wie viel­fältig das Kino der Gegenwart.
Man könnte aller­dings auch eine ganz andere Geschichte erzählen. Wer am Sonntag tagsüber nichts Besseres zu tun hatte, und ein bisschen im Internet unterwegs war, der hatte es nämlich nicht nötig, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Egal ob bei der »New York Times«, bei dem Bran­chen­ma­gazin »Variety«, bei den unab­hän­gigen Cine­philen von »Indiewire« – überall konnte man schon Tage vor der Oscar-Verlei­hung nachlesen, wer in welchen Kathe­go­rien gewinnen würde.
Nur drei Oscars für 12 Years a Slave, aber den für den Besten Film. Ganz viele Oscars für Gravity, vor allem in tech­ni­schen Kate­go­rien, aber auch den Regie­preis, den der Mexikaner Alfonso Cuaron unbedingt verdient hatte. Ein Oscar für Cate Blanchet für Woody Allens neue Komödie, trotz aller wieder­auf­ge­wärmten Miss­brauchs­vor­würfe gegen den New Yorker Stadt­neu­ro­tiker. Und einer für Matthew McCau­naughey, denn wer einen AIDS-Kranken spielt, dabei auf Make-up verzichtet, seinen Körper herun­ter­hun­gert oder sich Gewicht anfrisst, der hat im politisch-über­kor­rekten Reinheits-Amerika den Oscar sicher. Dafür kein Oscar für Leonardo DiCarpio, und überhaupt für Martin Scorseses tollen aber bitter­bösen The Wolf of Wall Street, das war auch klar wie Kloßbrühe, denn Filme über Börsen­haie sind sowieso schon unan­ge­nehm, weil sie viel zu viel mit der Wirk­lich­keit zu tun haben. Wenn sie dann aber auch noch lustig sind, in ihnen Zwer­gen­werfen, nackte hübsche Frauen, Koks, viele Dollar­scheine und flotte Yachten vorkommen, dann appel­lieren sie am Ende noch an alle unsere niederen Gesin­nungen zusammen. Pfui, pfui, pfui.
Die dies­jäh­rige Oscar­nacht war mit anderen Worten eine stink­lang­wei­lige Veran­stal­tung, und man muss Angst bekommen, ob diese glamuröse Selbst-Feier des ameri­ka­ni­schen Kinos nicht an der eigenen Beschränkt­heit zu ersticken droht.
Die Oscars sind nicht mehr reprä­sen­tativ für Hollywood. Quentin Tarantino hat hier noch ne einen vernünf­tigen Preis gewinnen, Sofia Coppola auch nicht, Martin Scorsese musste 65 werden und mit Departed das plumpe Remake eines viel besseren Hongkong-Films vorlegen, um endlich einmal den Oscar für den besten Film nach Hause zu nehmen – den er für geschätzt zehn bessere Filme nicht bekommen hatte.
Diesmal ist also 12 Years a Slave der angeblich beste Film der Saison – kaum zu glauben, wenn man ein paar von denen gesehen hat, die gar nicht erst nominiert waren.
12 Years a Slave ist nicht schlecht, aber er beweist doch in jeder seiner lackierten Einstel­lungen, dass Steve McQueen ein besserer Video-Künstler ist als ein Regisseur.

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Lektüre. Kino­be­treiber haben ja viele Verdienste, die wir auch gern würdigen. Was an ihnen aber manchmal echt nervt ist das Gejammer, das noch größer ist als das von Verlei­hern, Produ­z­enten, Regis­seuren.
Neueste Beispiel: Christian Pfeil, Mitbe­treiber des Monopol-Kinos am Nordbad wurde neulich von der AZ zum Berlinale-Auftakt folgen­der­maßen zitiert: »Ich habe gerade den Film Blau ist eine warme Farbe aus dem Programm genommen, und das, obwohl er gut lief. Aber er ist über drei Stunden lang. Wenn ich dann noch einen Film von drei Stunden – wie The Wolf of Wall Street im Programm habe, rechnet sich das nicht mehr. Denn man kann mit einem Dreis­tünder keine zwei Abend­vor­füh­rungen machen. Und vom Ein-Euro-Aufschlag wegen Überlänge kassiert der Verleih gleich wieder 50 Cent. Da bleibt zu wenig. Kleinere Kinos mit wenigen Lein­wänden können sich daher gar nicht leisten, dauernd lange Filme zu zeigen. Das ist sicher­lich auch ein Grund, warum in Deutsch­land Lars von Triers Nympho­ma­niac in zwei Teilen gezeigt werden wird. Und dass die Berlinale im Wett­be­werb so viele überlange Kunst­filme hat, wird auch die Zukunft kompli­ziert machen für uns Programm­kinos.«
Geht's noch? Was wollt ihr eigent­lich? Da habt ihr Super­filme von Scorsese, Von Trier und den Cannes-Sieger, und es ist immer noch nicht richtig. Da trauen sich die blöden Künstler doch tatsäch­lich Kunst­filme zu machen, die nicht in die Norm eines 89.30 Minuten langen TV-Events passen. Ja, sowas aber auch.
Da kann man nur sagen: Hoffent­lich lernt das Publikum daraus, und guckt die Filme woanders. Denn zu einer funk­tio­nie­renden Kino­kultur gehören nicht nur Filme, die in möglichst jeder Weise die Norm sprengen, sondern auch Kino­be­treiber, die ihr Publikum pflegen, und die sich als Diener der Filme und ihrer Macher begreifen, nicht umgekehrt. Am Ende geht's ja um eben diese Filme, nicht darum, dass ein Kino möglichst viele Vorstel­lungen ins Programm quetschen kann.
Dass ein Kino­be­treiber einen Film, »obwohl er gut lief« nur aufgrund seiner Länge aus dem Programm nimmt, finde ich jeden­falls unter­ir­disch. Aber viel­leicht hab ich nur die Fein­heiten der Program­mie­rungs­kunst noch nicht verstanden.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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