29.05.2014
67. Filmfestspiele Cannes

Formen der Abweichung

 

Sebastiãno Salgado

Die Sektion »Un Certain Regard« in Cannes 2014

Von Dieter Wieczorek

Für Insider des Cannes-Festivals ist es keine Neuigkeit: die wirklich komplexen, außer­ge­wöhn­li­chen und inno­va­tiven Filme laufen nur ausnahms­weise im Wett­be­werb. Dagegen hat der sich gerne auf Expe­ri­mente einlas­sende Betrachter in der Neben­reihe »Un certain Regard« weit bessere Chancen, auf seine Kosten zu kommen. Hier wird noch gele­gent­lich eine wirkliche Diffe­renz­ar­beit geleistet, ange­sichts eines heutigen Situation des Weltkinos, das immer normierter und linearer wirkt, kein Wunder bei der nun üblichen Dreh­buch­do­mi­nanz­do­mi­nanz und -kontrolle im Entste­hungs­prozess, wo bereits von Anfang an Produk­ti­ons­an­stalten und Schau­spiel-VIPs mit ihren »Ansprüchen« inter­ve­nieren.

Da bieten sich schon einmal kleine Abwei­chungen vom Üblichen als Stra­te­gien an. Wim Wenders nutzte diesen kleinen Schritt ins Abseits des Genormten und brachte nicht den inno­va­ti­vesten Film, wohl aber das wich­tigste kultu­relle Dokument in diesem Jahr nach Cannes, ein Werk, das mit stehenden Ovationen gefeiert wurde: The Salt of the Earth. Das Konzept ist denkbar schlicht. Er porträ­tiert den brasi­lia­ni­schen Foto­gra­phen Sebas­tiãno Salgado, der mit seiner Kamera die tragi­schen Schlüs­sel­si­tua­tionen des 20. Jahr­hun­derts begleitet hat und dabei fast sein seeli­sches Gleich­ge­wicht verlor. Salgado war in Äthiopien während der großen Hunger­ka­ta­strophe, er photo­gra­phierte die im Ölschlamm versin­kenden Arbeiter in den bren­nenden Feldern Kuwaits, lebt mit zurück­ge­zo­genen Einhei­mi­schen im tropi­schen Regenwald, die problem­lose Polygamie leben, er konfron­tiert sich mit dem Genozid in Ruanda und schließ­lich mit den martia­li­schen Barba­rismen des zerfal­lenden Jugo­sla­wien. In seinen Welt­ge­schichte abbil­denden Photos respek­tiert er stets die Situation und das Erleben des Einzelnen, ein Gesicht, ein Körper, eine Geste, in der sich die Tragödie einer ganzen Ethnie oder verdammten sozialen Gruppe spiegelt. Dies fantas­ti­schen Fotos nun auf einer hoch­auf­lö­senden Leinwand zu sehen, ist allein schon ein unver­gess­li­ches Erlebnis. Wim Wenders freund­schaft­li­cher Kontakt mit Sebas­tiãno und seinem ihn beglei­tenden Sohn Juliano Ribeiro Salgado, Mitautor des Filmes, ermög­licht ein schlichtes und intimes Porträt, stets nur mit wenigen vorsich­tigen, mit gedämpfter Stimme gespro­chenen Kommen­taren versehen. Hier werden Salgados Zweifel am Recht der mensch­li­chen Rasse ange­deutet, die ihn zu einer physisch-psychi­schen Krise mündeten.

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