29.05.2014
67. Filmfestspiele Cannes

Wenn die Wächter erwachen

 

Atemberaubender Gewinner: Winter Sleep

Nuri Bilge Ceylans Winter Sleep gewinnt die Goldene Palme – Cannes-Notizen, siebte Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wirst Du mich auch bisweilen im Traum besuchen?«
Frank Wedekind: »Früh­lings­er­wa­chen«

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Ein Triumph für die Türkei und ein Preis, der auch politisch ist: 32 Jahre nach Yilmaz Güneys Yol und exakt in dem Jahr, in dem »Hundert Jahre türki­sches Kino« gefeiert werden, gewinnt mit Nuri Bilge Ceylans Winter Sleep wieder ein türki­scher Film mit der Goldenen Palme von Cannes die wich­tigste Auszeich­nung des inter­na­tio­nalen Auto­ren­kinos.

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Er wolle diesen Preis der türki­schen Jugend widmen, sagte Ceylan in seiner Dankes­rede, »denen, die im vergan­genen Jahr ihr Leben verloren haben.« Deut­li­cher musste der Sieger des Abends nicht werden: Sein Film handelt von einer Erstar­rung, einem Winter­schlaf, der früher oder später zuende gehen muss. Und unaus­ge­spro­chen ist das auch politisch gemeint.
Der Preis für Ceylan war so verdient, wie erwartet: Achtzehn Mal öffnete sich zu Camille Saint-Saens Karneval der Tiere an den vergan­genen zehn Tagen der Vorhang im Premie­ren­theater von Cannes. Und am Ende gewann genau jener Film den Wett­be­werb, den schon vor Beginn der Konkur­renz die Buch­ma­cher in London vorne gesehen hatten – denn auch auf die Goldene Palme kann man dort Wetten abschließen.

Die Goldene Palme für Ceylan ist ange­messen. Damit kann man gut leben, auch wenn ich lieber Kawase oder Assayas oder Godard als Sieger gesehen hätte. Aber Ceylan war »fällig« gewesen, er hatte dann auch eine gute Dankes­rede gehalten, die ohne zu plump zu werden, hoch­po­li­tisch war. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, der Mann wolle auch noch Premier­mi­nister werden. Nein, dieser Preis geht schon in Ordnung, aber er hinter­ließ auch kaum einen hier wirklich enthu­si­as­tisch – außer unseren türki­schen Freunden halt. Eher hat man das Gefühl, die Jury habe ihre Pflicht erfüllt, getan, was nicht zu verhin­dern war, und nun habe man das halt auch hinter sich.
Das ist dann schon wieder etwas zu wenig für diesen Film, der ja schon mehr ist, als einfach nur fehlerlos und auf der sicheren Seite.

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Dieser Preis kam erwar­tungs­gemäß, Celan hatte schon vor Beginn des Festivals zu den Favoriten gehört. Über­ra­schend war dagegen der »Große Preis der Jury« für die Italie­nerin Alicia Rohr­wa­cher. Ihren Film Le mera­viglie hatte kaum einer der Beob­achter auf der Rechnung für »Silber­me­daille« des Festivals.
Der Preis der Jury wurde geteilt: Damit speiste man den jüngsten und den ältesten Regisseur im Wett­be­werb glei­cher­maßen ab: Xavier Dolan und Jean Luc Godard. Das beste Drehbuch gewann der Russe Andrej Zwagintsev für Leviathan. Die Schau­spiel­preise gingen an Julianne Moore für David Cronen­bergs Maps to the Stars und an Timothy Spall für Mr. Turner.

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Alle Kaffee­satz­leser haben sich also getäuscht: Auch unter der femi­nis­ti­schen Jury­prä­si­dentin Jane Campion gewann ein Mann den Haupt­preis. Dass die bei vielen als einzige Konkur­renz zu Ceylan ange­se­hene Japanerin Naomi Kawase mit ihrem etwas schwerer zugäng­li­chen, freilich hoch­poe­ti­schen Still the Water völlig leer ausging, ist die größte Fehl­ent­schei­dung der Jury. Ebenso, dass man Assayas gar nicht prämierte. Gut, Rohr­wa­chers »Grand Prix«-Film habe ich nicht gesehen, und konnte ich auch nicht mehr nachholen. Da hatten mir doch alle verläss­li­chen Kollegen gesagt, der sei anständig, aber nicht mehr als guter Durch­schnitt. Im Certain Regard besser aufge­hoben.

Aber man hatte doch insgesamt den Eindruck kompli­zierter Kompro­misse und von Preis­ver­gaben, mit denen vor allem andere Preise vermieden werden sollten. So war in der Hinsicht der geteilte Jury-Preis verrä­te­risch: Dolan und Godard, der jüngste und der älteste Regisseur, ein Intel­lek­tu­eller und ein Pop-Boy haben auch filmisch nur gemeinsam, dass Dolan die Nouvelle Vague kennt, und immerhin den ernst­haften Versuch unter­nimmt, bei deren Anfängen auch wieder anzu­knüpfen.

Wer die Jury am Sams­tag­abend bei der Preis­ver­lei­hung und der anschließenden Pres­se­kon­fe­renz verfolgte, der hatte jeden­falls nie den Eindruck, hier säße eine Gruppe, hier säßen Leute, die sich gut genug verstehen, und gemeinsam etwas tun wollen. Sondern ein Haufen von Egomanen, allen voran Nicholas Winding Refn der fort­wäh­rend redete, auch wenn er gar nicht gefragt wurde, und der einfach extrem unan­ge­nehm und nerv­tö­tend rüber­kommt, und Sofia Coppola, die wie in ihren Inter­views kein Wort sagte, selbst wenn sie gefragt war, und arrogant erscheint. Und Jia Zhang-ke, der aussah, als ob er sich unwohl fühlte.

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Später war noch zu hören, die Jury hätte über alle Preise geheim abge­stimmt. Selbst schuld! Wie soll da was Vernünf­tiges raus­kommen? Oder sollen wir uns jetzt freuen, weil das irgend­eine Form weib­li­cher Demo­kratie ist?

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Die wirklich blöde Botschaft, die von dieser Jury­ent­schei­dung ausgeht, ist die, dass es im Kino mehr auf Worte ankommt, als auf Bilder. Das kann ich nicht teilen. Immerhin gingen sämtliche Regis­seure aus der Garde der regel­mäßigen Cannes-Wieder­gänger, der längst auch ästhe­tisch alten grauen Männer des europäi­schen Auto­ren­films leer aus: Kein Preis für die Brüder Dardennes, oder die Briten Ken Loach und Mike Leigh. Dafür aber Godard, der sich mit 83 als frischer und moderner erwies als fast alle anderen Filme­ma­cher an der Croisette – sehr zu Recht erkannte die Jury die produk­tive Heraus­for­de­rung seines Essay­films Adieu au langage.

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Stilis­tisch und filmäs­t­he­tisch waren in diesem Cannes-Jahrgang ansonsten keine heraus­ra­genden Neuent­de­ckungen zu machen. Nach wie vor gilt, worüber wir im letzten Jahr gegen Ende geschrieben haben: Die Globa­li­sie­rung des Geschmacks. Sie setzt sich fort, sie ist überall spürbar. Die Filme waren gut, aber sie waren kaum über­ra­schend. Es gab nicht Sperriges, Anstößiges, auch nichts Wildes. Schon gar nicht Avant­garde. Sondern alle Regis­seure sind brav, möchten Mammi Campion gefallen, und Klas­sen­primus werden.
So kann das nichts werden mit dem Kino.
Und auch nicht mit Cannes: Denn Festivals sind immer auch ein Mittel der Geschmacks­bil­dung. Wenn schon Cannes das profes­sio­nelle Publikum kaum noch zu Anderem, Neuem, zu cine­philen Wagnissen erzieht – wer soll es dann tun?

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Thema­tisch aber war dreierlei zu beob­achten: In fast jedem Film gab es starke, überaus aktive weibliche Charak­tere – manchmal wirkte es, als brauchten diese Filme die Männer gar nicht mehr, oder höchstens noch als Stich­wort­geber. Auffal­lend war auch, wie viele Filme in diesem Jahr auf die eine oder andere Art um das Thema Kommu­ni­ka­tion kreisten, um ihr häufiges Miss­glü­cken und ihr seltenes Gelingen.

Schließ­lich, damit verbunden, die wich­tigste Frage, der wir uns in unseren letzten Blogs an den nächsten Tagen noch ausführ­li­cher widmen werden, und die einmal mehr Godard am prägnan­testen gestellt hat: Kommt den hyper­mo­dernen Gesell­schaften und ihrer Kunst die Phantasie abhanden? Ist der auch im gegen­wär­tigen Auto­ren­kino erkenn­bare Hang zu sozialen Sujets, zu ihrer so pessi­mis­ti­schen wie anti-utopi­schen Abar­bei­tung und zu einer überaus natu­ra­lis­ti­schen Darstel­lung des Lebens, der Gefühle und des Handelns mögli­cher­weise nichts anderes als eine Ausrede für mangelnde Phantasie?

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Zugleich war es ein Festival, das kaum Über­ra­schungen bot. Zur relativ größten Über­ra­schung wurde der dritt­jüngste Filme­ma­cher im Wett­be­werb, der bislang inter­na­tional fast völlig unbe­kannte Argen­ti­nier Damian Sziffrón. Sein Film Relatos salvajes (Wilde Geschichten) war eindeutig der witzigste Beitrag, und in einem Wett­be­werb, in dem es tradi­tio­nell sonst wenig zu Lachen gibt, animierte die Darstel­lung einer jüdischen Hochzeit, die total aus dem Gleis gerät, auch das hart­ge­sot­tene Kriti­ker­pu­blikum zu Lach­salven. Durch Zufall erfährt die Braut mitten auf der Feier, dass ihr frisch Ange­trauter erst kürzlich mit einer Büro­kol­legin fremd ging – und auch noch die Frechheit hatte, diese zur Hochzeit einzu­laden. Erschüt­tert, zugleich fest entschlossen, sich die Party nicht verderben zu lassen, nimmt sie Rache: Sie tanzt in hölli­schem Tempo, und befördert dabei »ganz zufällig« den unge­liebten Hoch­zeits­gast ins Kran­ken­haus, schläft irgend­wann mit dem voll­kommen über­rum­pelten Koch, und vor allem macht sie ihrem Gatten klar, wer in Zukunft zuhause das Sagen hat. Beste­chend ist Erica Rivas – als sehr schöne, ener­gie­ge­la­dene Braut wirkt sie wie die legitime Nach­fol­gerin von Anna Magnani.

Diese Episode ist die beste und längste eines fünf­tei­ligen Episo­den­films, der von den spani­schen Almodovar-Brüdern produ­ziert wurde, und in fünf Kurz­filmen, die sonder­bare Begeg­nungen von Unglei­chen, schildern, ein Panorama des modernen Argen­ti­nien bietet – und auf diskrete und unauf­dring­liche Weise toughe, abgrün­dige, zugleich sehr lustige und kompro­miss­lose Gesell­schafts­kritik übt. Sziffrón ist zuhause mit Los Simu­la­dores bekannt geworden, einer Fern­seh­serie, die, so Kenner »das argen­ti­ni­sche Fernsehen revo­lu­tio­nierte«. Man wird noch von ihm hören.

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