19.05.2014
67. Filmfestspiele Cannes

Nuri Bilge Ceylan und die Türkei in der Nussschale

 

Atom Egoyans Kältethriller The Captive

»The Subject chooses you«: Filme von Atom Egoyan, Mathieu Amalric, Nuri Bilge Ceylan, Damian Siffron, Jessica Hausner, über sowje­ti­sches Eishockey – Cannes-Notizen, zweite Folge

Von Rüdiger Suchsland

Der Freitag brachte sechs Filme. Man könnte auch sagen, es seien eigent­lich sieben Filme, denn der türkische Winter Sleep von Nuri Bilge Ceylan dauerte fast drei­ein­halb Stunden, zählt also was die physische Präsenz und Anstren­gung betrifft, doppelt. Der Morgen begann aber mit Atom Egoyan.

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Ein böserer Zauberer raubt ein unschul­diges Mädchen, macht sie sich gefügig, worauf deren Mutter Rache nimmt… Die Arie der »Königin der Nacht« und später auch die Rachearie aus Mozarts Zauber­flöte erklingen beide mehrfach an entschei­dender Stelle in The Captive, dem neuen Thriller des kana­di­schen Regis­seurs Atom Egoyan (Das süße Jenseits, Felicia, mein Engel), der gestern Abend im Wett­be­werb von Cannes Premiere feierte. Bei Mozart entpuppt sich der Entführer aller­dings als Humanist und Vertreter der Aufklä­rung, der die alten Zöpfe abschneiden will – bei Egoyan ist er einfach ein Perverser, der an der Spitze eines überaus mächtigen und Gesell­schaft gut vernetzten Verbre­cher­rings steht, der Kinder miss­braucht.

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Vor Jahren wurde die zehn­jäh­rige Cassandra entführt, und der Fall lässt die Polizei so wenig los, wie die Eltern. Egoyan erzählt das Geschehen auf mehreren Zeit­ebenen: Zur Zeit der Entfüh­rung, sechs Jahre später und weitere zwei Jahre später, als sich alles auf einen drama­ti­schen Showdown zuspitzt schließ­lich befreit wird. Wir Zuschauer sehen früh, dass Cassandra noch lebt, dass sie in einem relativ großen luxuriös ausge­stat­teten, aber perfekt abge­rie­gelten Zimmer gefangen gehalten wird, das von fern an jene Keller­ver­ließe der Fälle »Amstetten« und »Natascha Kampusch« erinnert.

Wir sehen auch ihren Entführer, und erkennen, wie nahe ihm die Ermittler gele­gent­lich kommen – und welch üble Spiele er mit diesen und den verzwei­felten Eltern des Opfers treibt. So beschäf­tigt er die Mutter als Putzfrau und konfron­tiert sie immer wieder mit kleinen Gegen­s­tänden oder Zeichen, die sie an ihre Tochter erinnern, Erin­ne­rungs­aus­lö­sern. Dabei beob­achtet er sie durch versteckte Kameras und delek­tiert sich an ihrer Verzweif­lung.

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Gefangen sind hier im gewissem Sinn alle. Schließ­lich geht die Geschichte zwar gut aus, doch zuvor wird eine Poli­zistin entführt, geraten die Eltern selbst unter Verdacht, und andere Kinder in Gefahr. Egoyan versteht sich bei allem grund­sätz­li­chen Kunst­cha­rakter seines Films, bei aller gewollten Sprö­dig­keit und Konstru­iert­heit, auch darauf zu liefern, was ein solcher Film liefern muss: Spannung, über­ra­schende Wendungen, Gefahren, eine rasante Verfol­gungs­jagd in der schnee­be­deckten Land­schaft des kana­di­schen Winters. Er bersteht es, sein Publikum emotional zu enga­gieren: Man will so sehr, dass Cassandra frei kommt.

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Gespickt hat der Kanadier alles mit seinen Lieb­lings­mo­tiven: Kameras, Bild­schirme, gegen­sei­tige Über­wa­chung per Medien, die neue Ordnung des Liebes- und Sexlebens in sozialen Netz­werken, die Abgründe moderner Gesell­schaften und der Umgang mit trau­ma­ti­schen Erin­ne­rungen.

Die Sache der Aufklä­rung bewahren hier die Poli­zisten, gespielt unter anderem von Tarantino-Star Rosario Dawson und Scott Speedman. Egoyan versteckt die Konstru­iert­heit seiner Geschichte nie – im Gegenteil: Ihm geht es spürbar nicht um simple Glaub­wür­dig­keit sondern um Typi­sie­rungen von Gefühls­zu­ständen, und um Situa­tionen, die er spannend findet. Die Haupt­figur in diesem Film mit vielen Figuren ist am Ende wohl der Vater (Ryan Reynolds), dem es am Ende auch gelingt die Täter aufzu­spüren.

In seltenen Momenten fühlt man sich an Fargo erinnert. Ein guter Film, voll mit ganz vielen tollen Bildern und Einfällen – zugleich etwas unaus­ge­goren. Irgend­etwas stimmt hier nicht ganz – was manche Kollegen zu Buhrufen hinriss. Völlig unan­ge­mes­senen, wie ich meine.

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Egoyans Kino ist seit jeher ein Fetisch­kino. Die Räume und Gegen­s­tände sind deutlich designed, wie die Ideen. Die Frauen sehen ein bisschen zu gut aus, um wahr zu sein. Sie alle entspre­chen wenn man so will auch einer Männer­phan­tasie – es sind »little lost girls« im Inneren, kleine verlorene Mädchen. Das gilt gar nicht so sehr für Cassandra (Alexia Fast), die erstaun­liche Souver­änität und Abwehr­po­ten­tiale im Umgang mit ihrem Entführer an den Tag legt. Aber für die Mutter Tina (Mereille Enos), und auch für Rosario Dawson als Poli­zistin und Christine Horne als weib­li­chen Gangster.

Die sagt, als sie die von Dawson gespielte Poli­zistin mit K.O.-Tropfen ausschaltet und entführt den schönen Satz: »From one profes­sional to another: I wish I'd met someone like you, when I was a little girl.«

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»Verstoßen sei auf ewig, / Verlassen sei auf ewig, / Zertrüm­mert sei'n auf ewig / Alle Bande der Natur« – so heißt es in Die Zauber­flöte. Darüber werden wir weiter nach­denken an den nächsten Tagen.

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Dieser Tag brachte auf die Leinwand mehrfach Winter­land­schaften, mehrfach Amour Fou und immer wieder klas­si­sche Kammer­spiele, oft in bemer­kens­wert engen Räumen.

Zugleich sind diese ersten Tage von Cannes überdies über­ra­schend deutlich vom Genrekino dominiert. Das Genre kann das des Thrillers sein, wie bei Egoyan. Oder es kann das des Poli­zei­films sein, wie im Fall des fran­zö­si­schen Schau­spieler Mathieu Amalric, der für seine fünfte (Langfilm-)Regie­ar­beit Georges Simenons Roman »Das blaue Zimmer« verfilmt hat – zum ersten Mal. Das Ergebnis ist ein span­nendes, aber etwas trockenes Kammer­spiel um einen Indi­zi­en­pro­zess.

Im Rückblick erzählt Julien einem ermit­telndem Staats­an­walt (dem klas­si­schen juge des fran­zö­si­schen Poli­zei­films) im Verhör seine Geschichte: Esther und Julien, zwei inzwi­schen verhei­ra­tete Ex-Klas­sen­ka­me­raden treffen sich nach Jahren zufällig wieder und beginnen ein Liebes­ver­hältnis. Irgend­wann kommt ihr Mann dahinter. Jetzt will Julien aus Angst um seine Ehe die Geliebte nicht mehr sehen. Sie versucht weiter auf diskrete Form Kontakt zu halten, er verwei­gert sich. Dann stirbt ihr Mann – ob an seiner chro­ni­schen Krankheit, oder weil sie nach­ge­holfen hat, bleibt bis zum Ende unklar. Gut vier Monate später stirbt auch seine Frau – an vergif­teter Marmelade.

Bis zum Schluss bleibt offen, ob das schließ­lich verur­teilte Liebes­paar die jewei­ligen Gatten ermordet hat. Esthers Mann könnte auch eines natür­li­chen Tods gestorben sein, Juliens Frau könnte von der so bösen wie argwöh­ni­schen Mutter des Toten ermordet worden sein. Oder sich selbst vergiftet haben...

La chambre bleue ist in jeder Hinsicht ein Vexier­spiel, das es in sich hat. Der Leser/Zuschauer bleibt ebenso im Unklaren, was geschah und wie. Simenons Roman kann man als skep­ti­sche Theorie der Aufklä­rung betrachten, einer schei­ternden Aufklä­rung. Und als Betrach­tung des einsamen und von vorn­herein aussichts­losen Kampf des Einzelnen gegen ein System, das glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein. Die Ermitt­lung und der Prozess der beiden gemacht wird, ist von den Verfahren der Inqui­si­tion nicht zu unter­scheiden. Das macht sie zu Opfern und unseren Helden – selbst, wenn sie Täter waren. Zudem ist Julien auch ein Reprä­sen­tant des klas­si­schen Konflikt zwischen gelebtem und unge­lebtem Leben, für die Konse­quenzen, die die Entschei­dung für ein Leben hat, und für die mitunter schreck­li­chen Konse­quenzen die die Erstar­rungen des Älter­wer­dens, die Abwehr der eigenen Verspieße­rung mit sich bringen.
Doch ist Amalric anzu­kreiden, dass er genau diese inter­es­santen, zeit­ge­mäßen Aspekte nicht heraus­ar­beitet, sondern allen­falls andeutet. Man könnte das aufregend insze­nieren. Weil Amalric dem Roman nichts hinzufügt, aber genügt es, Simenon zu lesen. Sein Film wirkt für sich genommen völlig unnot­wendig.

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Drei­ein­halb stunden lang ist Winter Sleep, der neue Film von Nuri Bilge Ceylan, der nicht nur bei unseren Freunden in Cannes als »der« Favorit auf die Goldene Palme gilt. Mein Favorit war er vorher nicht, und ist er auch jetzt nicht, obwohl der Film sehr sehr gut ist, den Preis für sich genommen verdient hätte und nur von Ceylans letztem Werk Once Upon a Time in Anatolia über­troffen wird. Die Gründe für diese Vermutung liegen einfach darin, dass ich nicht glaube, dass Jane Casmpion als Jury­prä­si­dentin diesen Regisseur auszeichnen wird, der von Macho-Gehabe nicht frei ist, in dessen Filmen man wenn man will durchaus mysogene Elemente entdecken kann, und der auch hier eine klas­si­sche Männer­story erzählt, wenn auch weniger testo­ste­ron­ge­laden, als früher.

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Der Film spielt in einem großar­tigen Hochland im abge­le­genen Teil Zentral­a­na­to­liens. Die Haupt­figur ist Aydin ein alternder Thea­ter­schau­spieler, der sich im Eltern­haus zur Ruhe gesetzt hat, dort ein Hotel betreibt, und mit seiner Schwester und seiner deutlich jüngeren Frau Nihal zusam­men­lebt.

Um diese drei Figuren und eine Handvoll weiterer Charak­tere entspinnt sich ein dichtes Bezie­hungs­ge­flecht, das einer­seits als Portrait der Türkei »in a nutshell« gelesen werden kann: Es gibt einen Hodscha und einen Lehrer, es gibt Prole­ta­rier und Klein­bürger. Die Haupt­figur steht für die reiche, gebildete, kunst­in­ter­es­sierte und modern ausge­rich­tete Elite und ihre Desil­lu­sio­nie­rungs­pro­zesse.

Der Film braucht die drei Stunden, die nie lang­weilig werden, im Gegenteil immer unter Spannung stehen und einen sehr eigenen Flow entfalten. Film­hand­werk­lich ist alles sehr sehr gut, sehr kontrol­liert, aber bei aller Kontrolle gibt es auch immer wieder Überschuß, Momente des sich-gehen lassens.

Winter Sleep ist ein erstaun­lich gesprächiger Film, ein »talking turk«, stel­len­weise schwer dialo­glastig, ande­rer­seits würde man das einem Stück von Tschechow auch nicht vorwerfen, und ein dreis­tün­diger Tschechow wäre eher kurz. Aber ist das wirklich Kino? Zumindest schöpft Ceylan nicht alle dessen Möglich­keiten aus. Viel­leicht hat alles etwas zu wenig Bewegung, zu viel Kammer­spiel, zu viel Sprache. Es ist spannend, aber ist das genug?

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Nach der Vorstel­lung sagte einer zu mir: »Wenn er jetzt nicht gewinnt, müssen wir uns nächstes Mal vier Stunden angucken.«

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Ceylans Stärke ist nicht nur eine der Insze­nie­rung. Im Film gibt es immer wieder längere Gespräche, in denen es wirklich um etwas geht. Um Moral, darum, ob man »dem Bösen wider­stehen« soll, oder nicht? Um Gerech­tig­keit: »Did I create the world? Justice doen't exist even in nature«, sagt die Haupt­figur.
Oder über Kunst: »The subject chooses you.« So geht es wohl auch Ceylan selber.

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Von der bis vor kurzem richtig guten, unter ihrem neuen Leiter aber etwas verwahr­lo­senden Sektion Semaine de La Critique hört man bisher nichts, außer einer Sache, die man lieber nicht gehört hätte: Zur SIC-Party bekommt nämlich selbst Dana Linssen, zur Zeit immerhin die Vize­prä­si­dentin des inter­na­tio­nalen Kriti­ker­ver­bandes FIPRESCI keine Einladung. Mal sehen, ob die FIPRESCI auf solchen Klein­geis­ter­kram die Antwort gibt. Hoffent­lich...

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Los Simu­la­dores, die Simu­lanten, heißt die Fern­seh­serie, mit der der argen­ti­ni­sche Regisseur Damián Sziffrón zuhause bekannt wurde. Auf You Tube gibt es offenbar mehrere Folgen – und ich werde sie mir trotz leider nur rudi­men­tärer Spanisch­kennt­nisse angucken.
Der von den Almodovar-Brüdern produ­zierte Relatos salvajes, mit dem Sziffron erstmals in Cannes und dann gleich im Wett­be­werb vertreten ist, ist eigent­lich eine Compi­la­tion aus fünf Kurz­filmen, die mitein­ander nur über ihr Thema, nämlich schräge Begeg­nungen von Unglei­chen, zusam­men­hängen.

In der ersten Story merken ein paar Dutzend Fluggäste, dass sie alle über einen gemein­samen Bekannten verbunden sind – der entpuppt sich als Pilot, der das Flugzeug mit den Leuten, die sein Leben zerstört haben, abstürzen lässt. Bei einer Autofahrt geraten zwei Fahrer in einen Streit der gewaltsam eskaliert. In der dritten Episode spielt Ricardo Darin einen Spreng­meister, der durch eine private Abschlepp­firma und die Verket­tung vieler Zufälle alles verliert, inklusive Frau und Kind – und sich dann dadurch rächt, dass er die Firma in die Luft sprengt.

Wirklich toll sind die zwei letzten Geschichten: Eine reiche Familie versucht die tödliche Unfall­fahrt ihres Sohnes zu vertu­schen. Und die fünfte: Eine (jüdische, sehr schöne, ener­gie­ge­la­dene) Hochzeit gerät zur brutalen Entlar­vung der reichen Ober­schicht, als die Braut begreift, dass der Bräutigam schon vor der Hochzeit fremd gegangen ist.

Die Qualität dieses Films liegt darin, dass er auf diskrete und unauf­dring­liche Weise ein hartes anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches Manifest entfaltet: Sziffron kennt offen­kundig gut, wovon er erzählt, aber das lässt ihn kein bisschen nach­gie­biger gegenüber seinem Gegen­stand werden. Der Humor von Relatos salvajes hat in etwa so viel Menschen­freund­lich­keit wie die Heute Show, der Film bietet toughe, abgrün­dige, zugleich sehr lustige, sati­ri­sche und kompro­miss­lose Gesell­schafts- und Kapi­ta­lis­mus­kritik.

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Russische Film­kri­tiker neben mir finden den Film übrigens »cartoo­nish«. Die haben's gerade nötig, Kapi­ta­lis­mus­kritik nicht an sich rankommen zu lassen.

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Jessica Hausners Amour Fou bespre­chen wir hier später ausführ­lich – zu sagen ist zu dem Film vorweg nur, dass er sehr schöne Seiten hat, zugleich bestimmte grund­sätz­liche Probleme aufwirft, und entgegen anders­lau­tenden Gerüchten fast gar nichts mit Heinrich von Kleist oder der Romantik zu tun hat.

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Schließ­lich Red Army – das ist ein netter Sportfilm über die Geschichte des sowje­ti­schen Eisho­ckeys, der leider nicht in sowje­ti­scher, sondern ameri­ka­ni­scher Ästhetik fabri­ziert wurde. Weswegen es über dieses entbehr­liche Filmchen weiter nichts zu sagen gibt, es uns aber immerhin die Über­lei­tung erleich­tert zu den beiden Filmen, die wir auch noch sagen »FC Barcelona gegen Athletico Madrid«, bei dem ich ausnahms­weise einmal nicht zu Barcelona hielt, weil ich es dem kampf­starken Außen­seiter und Real-Madrid-Alter­na­tive zu sehr gegönnt hatte. Und auch deswegen, damit Athletico nicht vor dem Cham­pi­ons­league-Finale nächste Woche frus­triert wird. Und weil Barca dieses Jahr den Titel wirklich nicht verdient hatte – tatsächllich gelang Madrid das Unent­schieden, und sie wurden Meister.

Zum Pokal­fi­nale ist nur zu sagen, dass die Bayern ihren Sieg so verdient haben, wie Til Schweiger einen Oscar. Immerhin wurde in der Rele­ga­tion zur Zweiten Liga Bielefeld von Darmstadt 98 raus­ge­ke­gelt, was uns schon um der Abwechs­lung willen freut. Wunder gibt es eben immer wieder, im Fußball wie im Kino, also geben wir die Hoffnung nicht auf.

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