14.02.2014

64. Berlinale 2014

Vielleicht, ist Sex einfach ein bisschen überschätzt?

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Lars von Triers Nymphomaniac

...auch von Lars von Trier? Ansonsten gibt's Zahlen-Mystik, Kier­ke­gaard und Johann Sebastian Bach – Berlinale-Tagebuch, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Im Grunde warten wir nur auf die Erlaubnis zu sterben.«
aus: Nympho­ma­niac Vol. One

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Medi­en­part­ner­schaften – es gibt viele bei einem Festival wie diesem. Auch durch öffent­liche Radio-und Fern­seh­sender. Aber warum? Sollte das nicht anstößig sein? Schleich-Werbung ist den Öffent­li­chen ja verboten. Stellen wir uns einmal vor, das ZDF schließt eine Medi­en­part­ner­schaft mit dem CDU-Parteitag, der BR mit den LINKEN. Undenkbar. Bei einem Film­fes­tival aber sehr wohl. Hier gilt jas auch in der Bericht­er­stat­tung viel zu oft: Kritik ist uner­wünscht. Von Redak­teuren hört man dann: »Warum soll man denn den Film verreißen? Dann bespre­chen wir doch lieber drei, die gut sind.«

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»Ich wollte das Poli­ti­sche meines Themas in den Vorder­grund stellen«, erzählt die Regis­seurin, »aber bei dem Workshop habe ich gelernt, dass die Fami­li­en­ge­schichte das Entschei­dende ist.« – Ja, dann hättest du besser keinen Workshop besucht, denke ich.

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Ein Zug rast durch Zeit und Raum. Nie hält er an, denn Still­stand bedeutet Tod. In dem Zug sitzt die Mensch­heit, oder das, was von ihr übrig­ge­blieben ist in einer Zukunft, die Kata­strophe heißt, einer neuen Eiszeit, die die ganze Welt in eine arktische Schnee- und Glet­scher­wüste verwan­delt hat. Snow­piercer heißt dieser wilde Film des renom­mierten korea­ni­schen Auto­ren­fil­mers Boon Jung-Ho, ein heraus­ra­gendes Beispiel für die Gegenwart des phan­tas­ti­schen Films.

Snow­piercer, ein Highlight in der Panorama-Sektion der Berlinale, ist ein Science Fiction, nach einer berühmten fran­zö­si­schen Graphic Novel, der von den Koreanern mit europäi­schen und ameri­ka­ni­schen Schau­spie­lern, darunter Tilda Swinton und John Hurt in der Tsche­chi­schen Republik und in den öster­rei­chi­schen Alpen gedreht wurde. Ein unter­halt­samer Genrefilm mit tieferer Bedeutung. Denn natürlich reprä­sen­tiert dieser Zukunftszug wie jeder gute Science-Fiction-Einfall unsere eigene Gegenwart, also eine Moderne in rasendem Still­stand; eine neue Klas­sen­ge­sell­schaft voller innerer Wider­sprüche, die die Abwe­sen­heit jedes Sinn­ho­ri­zonts durch eine törichte Unter­hal­tungs­ma­schine ersetzt. Eine provo­zie­rende Phantasie, die unserer Gegenwart den Spiegel vorhält.

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Nach dem Screening, in das überhaupt hinein­zu­kommen eine ähnlich waghal­sige Aktion war, wie der Aufstand der Helden des Films, tritt um halb zwei Uhr nachts Park Chan-wook auf die Bühne, der Produzent des Films, selbst seit Oldboy ein Regie-Star des korea­ni­schen Kinos. Boon Jung-hoo ist nicht da, vor Beginn hatte er aber eine sehr lustige und zunehmend absurde Video­bot­schaft ans Publikum präsen­tiert, die mit dem Verspre­chen endete, beim nächsten Forum kostenlos als Prak­ti­kant zu arbeiten.
Park gab viele inter­es­sante Erläu­te­rungen. Das lag aber auch an der besten Mode­ra­tion seit Jahren im Forum – perfekt vorbe­reitet und charmant; ein Lob an den netten unbe­kannten Moderator im Cubix-Kino.

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Ein zweiter, anderer Film aus Südkorea bleibt gleich­falls von den ersten Berlinale-Tagen im Gedächtnis: A Dream of Iron, von Kelvyn Kyun Kun Park ist ein Essayfilm im Stil des genialen Franzosen Chris Marker, der die korea­ni­sche Geschichte der 70er und 80er Jahre mit der der Stahl­in­dus­trie, der der Meeres­säu­ge­tiere im Gelben Meer und einer Liebe­ser­in­ne­rungs­ge­schichte verbindet.

Ein unter­grün­diges Thema ist auch in anderen Filmen offen­kundig das Sujet der Iden­ti­täts­spal­tung und der Schi­zo­phrenie. So etwa in The Demon Within (Mo Jing) vom Hongkong-Regisseur Dante Lam. Der verbindet das Schicksal eines trau­ma­ti­sierten Poli­zisten mit Elementen des typischen Hongkong-Films und einer melan­cho­li­schen Betrach­tung über die Verän­de­rungen in der ehema­ligen briti­schen Kron­ko­lonie und dem Verschwinden alter Stadt­viertel.

Die seit Jahren quali­tativ verläss­lichste Berlinale-Sektion ist die »Gene­ra­tion« – die sich auf Filme mit jugend­li­chen Themen spezia­li­siert hat. Besonders viele Filme kommen hier in diesem Jahr aus Latein­ame­rika. Zum Beispiel Atlantida von Ines Maria Barri­nuevo, der eine Handvoll von Jugend­li­chen an einem heißen Sommertag auf dem Land begleitet – ein subtiles Grup­pen­psy­cho­gramm aus Argen­ti­nien, kluge Menschen­be­ob­ach­tung in erlesenen Bildern.

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Uner­wünschte Folgen der Digi­ta­li­sie­rung: Durch die Sicht­bar­keit der Nasen­haare ist die Groß­auf­nahme aus der Mode gekommen.

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»Führe mich!« – ein bisschen, wie von Teufels Gnaden, klingt sie ja, die Stimme von »Rammstein«, der Berliner Schocker-Band unter Fascho-Verdacht, mit deren Song Lars von Trier seinen neuen Film einleitet, oder soll man sagen: seinen neuesten hölli­schen Spaß? »Führe mich!« – das kann so vieles meinen, die Sehnsucht nach einem poli­ti­schen Herrn und Gebieter, aber auch die Einladung zu sado­ma­so­chis­ti­schen Sexspiel­chen.

Und das war es wohl, was man vor allem erwartete, als am Sonn­tag­abend im Berlinale-Palast Nympho­ma­niac Volume 1 Premiere hatte. Wohl­plat­zierte Trailer, wohl­do­sierte Skan­dal­bilder hatten den Medien­be­trieb über Monate gefüttert und die Erwar­tungen ebenso nach oben geschraubt wie fast schon wieder etwas ermüdet: Lars von Trier, jenes Regie-Enfant-Terrible aus Dänemark, würde diesmal also einen Porno drehen, ein »richtigen«, was immer das ist, mit Darstel­lern, die nicht mehr so tun als ob, sondern richtig mitmachen. Auch das ist schon da gewesen, spätes­tens bei Andy Warhol vor knapp 50 Jahren, und jeder Teenager hat sowas schon längst im Internet gesehen, man konnte also auch einen wich­tig­tue­ri­schen Kunst­porno befürchten, der Barri­kaden einrennt, die schon unsere Großväter geräumt haben.

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Aber Lars von Trier ist viel zu klug für derart post­pu­ber­täre Späße. Er, der seit über 20 Jahren den europäi­schen Auto­ren­film durch­ein­an­der­wir­belt, ist auch viel zu neugierig und unruhig, viel zu sehr daran inter­es­siert, mit sich selbst zu expe­ri­men­tieren, als das ihn solche Sachen ernsthaft inter­es­sieren würden. Und so war es denn auch: Einmal mehr hat Lars von Trier einen typischen Lars-von-Trier-Film gedreht, also ein hoch­äs­t­he­ti­sches ausge­klü­geltes Spiel mit Refe­renzen aus der Kunst- und Geis­tes­ge­schichte, und im Zentrum die kunst­volle Passi­ons­ge­schichte einer jungen Frau – manchen gilt von Trier zwar als Frau­en­feind, aber auch dies ist er ein primi­tives Klischee, dass seine Schau­spie­le­rinnen auch nicht zu teilen scheinen. In diesem Fall sind es Charlotte Gains­bourg, Stacy Martin und Uma Thurman. Martin spielt die junge, Gains­bourg die ältere Heldin, eine Frau namens Joe, die zusam­men­ge­schlagen auf der Straße aufge­lesen wird und ihrem Samariter ihre Geschichte erzählt:
Es ist dies die Geschichte einer Nympho­manin, einer sexsüch­tigen Arzt­tochter. Was sie sucht, ist bis zum Ende nicht ganz klar, wohl auch ihr selber – hinzu kommt, dass es bislang ja nur den ersten Teil zu sehen gibt.

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Porno­gra­phisch sind tatsäch­lich einige Szenen – jeden­falls im Sinne des Gesetzes, nach dem Porno­gra­phie dann vorliegt, wenn primäre Geschlechts­teile des Menschen in Aktion gezeigt werden. Ande­rer­seits ist das alles andere als lustvoll und luster­re­gend, auch wenn man manch schöne Menschen im Bett in Aktion sieht. Vor allem aber ist der Sex trotzdem nicht die Haupt­sache: Statt Eros geht es mehr um Thanatos, den Tod, den kleinen und den großen am Ende des Lebens. Sex ist in diesem Film ein Mittel zur Beschleu­ni­gung des Endes, und auch dazu, uns bis zum Ende etwas die Zeit zu vertreiben.

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»Im Grunde warten wir nur auf die Erlaubnis zu sterben«, heißt es an zentraler Stelle. Ansonsten inter­es­sieren von Trier Zahlen-Mystik, Kabba­listik, die Philo­so­phie von Kier­ke­gaard und die Natur­wis­sen­schaft von Pytha­goras und die Musik von Schosta­ko­witsch und Johann Sebastian Bach. Viel­leicht, so denkt man, ist Sex einfach ein bisschen über­schätzt, auch von Lars von Trier, viel­leicht sollte man Sex nicht meta­phy­sisch überhöhen, sondern einfach als normale Möglich­keit des Menschen akzep­tieren, und ihm nicht aufbürden, Mittel zur Selbst-Erkenntnis zu werden, wie das dieser Regisseur tut. Sein Film ist aber so oder so eine faszi­nie­rende Heraus­for­de­rung.
Nympho­ma­niac ist ein Manifest gegen die Liebe, gegen libertäre Moral und gegen die Sex-Beses­sen­heit der Gegen­warts­ge­sell­schaft. Zugleich verfällt der Film dieser natürlich auch und verspottet alle konser­va­tiven Moral­vor­stel­lungen.

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Am Schluss steht einer­seits das olym­pi­sche – aufklä­rend-spöt­ti­sche – Gelächter einer gött­li­chen Komödie, und ande­rer­seits eine ganz anmutige Ode an die Schönheit, wie sie bei Bachs erklingt: »Ich ruf zu Dir, oh Jesu Christ!«

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