11.07.2013

31. Filmfest München

Le Tarot de Filmfest München

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
(Un-) Gerechtigkeit: Love Steaks

Edelmann & Willmann spielen mit offenen Karten

Von Anna Edelmann & Thomas Willmann

Der Narr

Er hat den Vorteil, kein Filme­ma­cher zu sein – sondern jemand, der auch Filme macht, wenn ihm danach ist. Und ganz wie ihm danach ist. Helge Schneider kann sich raus­halten aus dem kompletten Betrieb, er hat keinerlei Karriere-Kompro­misse nötig. Und er hat den Vorteil, dass man ihn als Regisseur unter­schätzt, weil: »Er ist ja nur Komiker und Musiker.«

Nun ist 00 Schneider – Im Wende­kreis der Eidechse kein solches Meis­ter­werk wie Jazzclub. Aber man spürt auch hier eine verblüf­fend umfas­sende Kenntnis von Kino und Klas­si­kern – der Film scheint durch­drungen, getränkt von allen Poliz­ei­filmen der Kino­ge­schichte, mit einem beson­deren Faible für die Ära Melvilles, für das fran­zö­si­sche und italie­ni­sche Genre der 1950er bis 70er. Und er sieht wunder­schön aus: Er ist auf Super 16mm gedreht, hat eine Wärme und Patina, die ihn schon visuell über die meisten anderen Filme des Festivals erhebt.

Vor allem aber hat Schneider, unter der Schutz­be­haup­tung des Humors, eine Narren-Freiheit zum Nicht-Narra­tiven, Obses­siven, dazu, seinen Schrullen nach­zu­gehen und auch einfach mal nur ein paar Minuten stumme Tanz­ein­lage zu bieten, die in Wirk­lich­keit mehr Surrea­lismus ist als Klamauk. Unter all den Regis­seuren des Festivals ist es womöglich ausge­rechnet Helge Schneider, den man als den legi­timsten Geis­tes­ver­wandten Alejandro Jodo­row­skys ansehen kann.

Der Magier

Der undurch­schau­bare, bebrillte Blick des alten Meisters betört uns vom Cover des Film­fest­ma­ga­zins. In der Black Box verrät der Magier ein Zunft­ge­heimnis: Wer auf der Leinwand dominant wirken will, darf nicht blinzeln. Ein echter Mann kneift nicht.

Michael Caine ist in Plau­der­laune. Er als Stargast ist eine echte Zierde für das Filmfest München: Unbe­streitbar einer der Großen – der diese Größe aber mit selbst­si­cherer Gelas­sen­heit trägt. Der mit 80 Jahren noch immer eine enorme Coolness und Anzie­hungs­kraft ausstrahlt – aber in sich auch noch immer Maurice Mick­lew­hite, den armen Jungen aus den Arbei­ter­vier­teln Londons, trägt und den Respekt vor den Legenden, mit denen er selbst zusam­men­ge­ar­beitet hat.

Er ist ein uner­schöpf­li­cher Quell von Anekdoten, die er beim Publi­kums­ge­spräch mehr als nur bereit­willig zum Besten gibt. Er erzählt von den Zeiten, in denen ihm Sir Laurence Olivier noch schrift­lich vor dem ersten Dreh die Angst nehmen musste, durch die falsche Anrede einen faux pas zu begehen. Er erzählt von Stars des Goldenen Hollywood, die durch das Knallen der Pistolen in Western alle auf einem Ohr taub waren. Und weiß Spek­ta­ku­läres zu berichten von Meis­ter­re­gis­seuren wie Mike Hodges. (»He can hear in both ears.«)

Michael Caine ist ein Mann von wahrem Adel. »Sir« vor dem Namen hin oder her, auch in einer post-feudalen Welt. Was junge Kollegen wohl antworten würden, wollte er sie im korrekten Gebrauch seines Titels instru­ieren? »Fuck off«, vermutet er, ohne zu Blinzeln.

Der Hiero­phant

Die Sonne, der Teufel/Tod, die Mäßigkeit: Das sind die drei Tarot-Karten, die Alejandro Jodo­rowsky in der Black Box für Nicolas Winding Refn legt. Der deutet es als günstige Zeichen für die Verwirk­li­chung des gemein­samen Projekts The Incal.

Das Ritual hat Tradition für die beiden befreun­deten Regis­seure. Der alte chile­ni­sche Surrea­list hat in dem jungen Dänen einen Adepten gefunden. Only God Forgives ist Jodo­rowsky gewidmet, und vor wichtigen Entschei­dungen sucht Winding Refn den Meister in Paris auf.

Jodo­rowsky ist ein Hohe­priester der Kunst. Seine Filme in der Retro­spek­tive machen einem bewusst, was den meisten der aktuellen Auswahl fehlt: Der Wille zum Wahnsinn; der Mut zum spek­ta­ku­lären Scheitern; das Kino als Magie, mit dem Glaube daran, dass es eine welt- und bewusst­seins­ver­än­dernde Kraft sein kann.

Der Film, auf den man während des Festivals am neugie­rigsten wird, hat das kleine Manko, dass er nicht existiert: Nur in der Doku Jodo­rowsky's Dune darf der Regisseur von seinem unvoll­endeten Kreuzzug erzählen, Frank Herberts »Dune« auf die Leinwand zu bringen. Unter seinen Mitstrei­tern wären gewesen Mick Jagger, Orson Welles, Salvador Dalí, Amanda Lear, Jean »Moebius« Giraud, H.R. Giger, Dan O'Bannon, Chris Foss, Pink Floyd. Er nannte sie seine »Krieger« – nicht einfach nur Film-Berufs­tä­tige, sondern Menschen mit Visionen und Obses­sionen.

Diese bedin­gungs­lose Art des Filme­ma­chens hat einen Klassiker hervor­ge­bracht wie Montana Sacra: Der stets auskunfts­freu­dige Jodo­rowsky meint beim Gespräch nach dem Film, es habe 30 Jahre gedauert, bis bei dessen Vorfüh­rungen am Ende nicht der halbe Saal die Flucht ergriffen hatte. Aber das war auch das einzig Abge­mil­derte, Retro­spek­tive, was der Film hatte. Seine rück­sichts­lose Mischung aus Esoterik, Katho­li­zismus, Surrea­lismus, Satire, Sex, Gewalt und Bildersog trifft einen auch heute unvor­be­reitet und über­wäl­ti­gend. Und entlässt einen doch in befrei­ende Selbst­ver­ant­wort­lich­keit.

Und selbst mit 84 ist Jodo­rowsky seinem Irrwitz treu geblieben. Nach 23 Jahren Pause hat er sich, frisch wie am ersten Tag, wieder ans Fime­ma­chen gewagt. Sein La danza de la realidad ist ein Kino-Ritual, in dem er (seinen eigenen Sohn in der Haupt­rolle) mit seinem Vater ins Reine zu kommen versucht – so verrückt, über­bor­dend, vers­tö­rend, besessen wie eh und je.

Die schönste Lehre, die man von dem alten Psycho­ma­gier fürs Leben mitge­geben bekommt, ist sein Umgang mit dem Debakel von Dune: Da ist kein Zorn, keine Trauer, kein verkrampftes Fest­halten am Verlo­renen, am »Was wäre gewesen, wenn...«. Die Trümmer des Projekts waren für ihn wie Saat­körner für Neues. Jodo­rowsky ist ein Anti-Yoda: Von wegen »There is no try«. Das vermeint­liche Scheitern an einem wirklich großen Versuch kann der größere Gewinn sein als das Gelingen einer zu sicher l ösbaren Aufgabe.

Die Liebenden

Fürs Zwischen­mensch­liche blieb im Festival-Zeitplan wenig Zeit. Da ist es schön, dass das Filmfest darum besorgt war, dass es seinen Gästen an mensch­li­cher Zuwendung nicht fehlte. Nichts brachte insbe­son­dere weibliche Besucher so schnell ins Gespräch mit kontakt­freu­digen Zeit­ge­nossen, wie das Spazie­ren­tragen der ausgehän­digten Umhän­ge­ta­sche nachts, nach Ende des letzten Films im Atelier, alleine in der Haupt­bahn­hof­ge­gend. Das lag gewiss an dem daumen­großen Filmfest-Logo, das Cineasten einfach verbindet.
Oder womöglich an dem über die gesamte Taschen­breite prangende Sky-Werbe­spruch: »Du willst es doch auch.«

Genau das rechte Maß an Offen­her­zig­keit ohne Aufdring­lich­keit fand man auch für die Passage zum neuen Festi­val­kino und Pres­se­vor­füh­rungs­z­en­trum im Atelier/City, entlang der dortigen Schau­fenster des angrenz­enden Sexshops. Um die inter­na­tio­nalen Gäste nicht durch die anrüchige Auslage unan­ge­nehm zu berühren oder durch Plüsch­hand­schellen, Elefan­ten­rüs­selt­angas und Delphin­dildos verse­hent­lich zu kino­fremden Akti­vitäten zu animieren, ließ man umde­ko­rieren. Nun wurde hier dem großen Film­künstler Alois Brummer Hommage erwiesen mit einer Poster- und Aushang­bild­schau, die das lebens­lange Kreisen dieses Auteurs um das eine große Mensch­heits­thema anregend illus­trierte. Ob Kriegs­drama (Graf Porno bläst zum Zapfen­streich), Histo­rien­epos (Katharina, die nackte Zarin) oder scho­nungs­lose Ausein­an­der­set­zung mit Zeit­pro­blemen (Gefähr­li­cher Sex früh­reifer Mädchen, Beim jodeln juckt die Lederhose) – stehende Ovationen waren Brummer stets gewiss.

Der Wagen

Zwischen den Filmen lässt man sich nicht treiben – man wird gefahren. Die kostbaren Minuten, die man bisher relativ selbst­be­stimmt an Sonne und Luft verbrachte, sitzt man nun in S- und U-Bahnen ab, im Unter­grund, unbemerkt vom Rest der Stadt. Um die deutlich länger gewor­denen Distanzen zwischen den Kinos pünktlich zu über­brü­cken, von der Münchner Freiheit zum Rosen­heimer Platz, von Atelier zu Arri.

Die Stimmung, mit der einen Filme wie The Spec­ta­cular Now oder Crystal Fairy entlassen, würde man gerne erst einmal in der Welt nach­glühen lassen. Beides Filme mit einem schwie­rigen Prot­ago­nisten – der eine nach außen hin entspannt, betäubt sich immer mehr mit Alkohol, der andere jagt völlig verkrampft dem einen, legen­dären Mescal-Rausch nach –, aber Filme, die deren Fehler mit einer Grund­ak­zep­tanz begegnen. Man fühlt sich aufge­hoben und verstanden in seinem Mensch­sein.
Aber der Wagen, er rollt.

Die Gerech­tig­keit

Man kann nicht sagen, dass die Ausz­eich­nungen dieses Festivals unbe­rech­tigt waren. Aber wirkliche Gerech­tig­keit hätte anders ausge­sehen.
Es war unfair, ausge­rechnet in diesem Jahr in der »Neues Deutsches Kino«-Reihe, in der ungewohnt viele FILME zu sehen waren, alle vier Förder­preise einem einzigen Werk zu verleihen. Dass Love Steaks sogar der Dreh­buch­preis zuge­standen wurde, hat selbst die Macher über­rascht – hatten sie nach eigener Aussage lediglich ein vages Hand­lungs­gerüst als Impro­vi­sa­ti­ons­grund­lage. Es so wirken zu lassen, als hätte es da in diesem Jahrgang keine nennens­werte Konkur­renz gegeben, hat die Programm­aus­wahl nicht verdient.

Es ist keine Frage, was Freedom Bus den One-Future-Preis einge­tragen hat: Es ist eine höchst kluge Doku­men­ta­tion über den schwie­rigen Prozess der Demo­kratie, mit offenem Ende, mitfüh­lender Halb­dis­tanz zum Prot­ago­nisten und ohne Heischen von Emotion. Ein Film auch über die Frus­tra­tionen der Meinungs­frei­heit, der Ausein­an­der­set­zung mit radikal anderen Überz­eu­gungen.
Er biedert sich mit diesen Qualitäten genau dem nicht an, was eigent­lich Popu­la­rität ausmacht. Insofern hat der Publi­kums­preis für den Film – bei aller Aktua­lität durch die Ereig­nisse in Ägypten – doch über­rascht. Er freut einen, aber legt gleichz­eitig den Verdacht nahe, dass sich ein Trend der letzten Jahre fortsetzt: Es gewinnen Filme, die eine lokale Anhän­ger­schaft mobi­li­sieren können. Zur Abstim­mung vergibt das Publikum keine Noten, sondern man kann während des gesamten Festivals beliebig viele Stimm­karten für einen Favoriten einwerfen. Das heißt: Es gewinnt eher ein Film, der 50 Leute animieren kann, je 20 Karten abzugeben, als einer, der 900 Einz­el­stimmen für sich verbuchen kann.

Das Problem ist bekannt, auch den Verant­wort­li­chen. Dieses Jahr wurde sogar vor einigen Vorstel­lungen explizit darauf hinge­wiesen, dass mehr­fa­ches Abstimmen möglich ist – ohne klar­zu­stellen, ob für einen Film oder mehrere. Man kann also bei diversen Siegern der letzten Jahre nicht von einem Miss­brauch des Systems sprechen, sondern nur von einem cleveren Gebrauch. Auch wenn es so manchmal die Richtigen trifft – es schwächt erheblich die Bedeutung des Preises.

Die Mäßigkeit

Sähe man sich zur schul­mäßigen Kunst­be­wer­tung genötigt, und würde von den Filmen des Programms 2013 einen Noten­durch­schnitt berechnen – dann würde dieser höchst­wahr­schein­lich besser ausfallen als in den Jahren zuvor.
Aber das ist kein Grund zur unge­trübten Freude. Denn es liegt daran, dass diese Abschluss­klasse fast nur aus braven 2er- bis 4er-Schülern bestand. Das gibt eine bequeme Sicher­heit. Aber gerade deswegen inves­tiert man emotional nicht soviel wie in einem Jahrgang voller Hoch­be­gabter und Schul­ver­wei­gerer. Es fehlten die Extreme und Exzesse, die positiven wie negativen Über­ra­schungen – die uner­war­teten Glücks­mo­mente, unver­schämten Ärger­nisse. Die Filme, von denen man wie von einer neuen Liebe nie aufhört zu erzählen. Jene, aufgrund derer man den Film­hoch­schulen ganzer Länder die Kameras entziehen möchte. Filme, über, für, gegen es sich zu streiten lohnt.

Der Teufel

Freilich muss das auf dem Papier verfüh­re­risch geklungen haben: Eröffnung mit der Welt­pre­miere einer deutschen Oscar-Preis­trä­gerin. (Was Oscars, zumal Auslands-Oscars, wirklich wert sind, jetzt mal unbe­nommen.) Das muss geflüs­tert und gezi­schelt haben: »Das machen wir! Da sind wir wer!«

Wäre aber klug gewesen, sich Caroline Links Exit Marrakech vorher mal anzu­schauen. Marokko als pitto­reske Bühne für das Vater-Sohn-Drama deutscher Wohl­stands­bürger – ein Film, der sich explizit abschottet gegen die Welt. Ein arabi­scher Jour­na­list darf sich mal als Advocatus Diaboli beschweren, dass man in Marokko westliche Subven­ti­ons­kunst macht, als gäbe es in dem Land grad nichts Wich­ti­geres. Aber das findet in dem Film keine Konse­quenz, genau­so­wenig wie da Platz ist für auch nur ein Eckchen Europas, in dem sich jemand Sorgen um Geld machen müsste. Was legitim wäre, wenn der Vater-Sohn-Konflikt zu bannen vermochte. Aber Exit Marrakech ist vor allem: Fad. Es ist ein Film über Menschen, die nicht mitein­ander reden können, die aber dauernd alles ausspre­chen, was sie fühlen, was sie wollen, was sie antreibt. Er leidet drama­tur­gisch also an der deutschen Fernseh-Krankheit – verbindet sie aber noch mit dem quälend schlep­penden Rhythmus deutschen Bedäch­tig­keits­kinos.
Was bleibt: Ein schöner, unbe­ab­sich­tigter Lacher, wenn anfangs Josef Bier­bichler als Inter­nats­leiter zum Besten gibt: »Lesen Sie das! Das ist gut, nicht? Tolstoi! »

Der Turm

Die lang­jäh­rige Bastion, das CinemaxX, ist dem Filmfest wegge­bro­chen. Die Festi­va­l­ord­nung ist in ihren Grund­festen erschüt­tert: Die Isar ist entmeilt.
Und es zeigt sich vehement: Ein Filmfest ist eben mehr und anderes als die Summe seiner Sitz­plätze und Leinwände. Nichts gegen die Kinos Münchner Freiheit, gegen City und Atelier und deren Betreiber und Teams – die haben sich alle Mühe gegeben, das Festival will­kommen zu heißen. Aber es ändert völlig die Art, wie dieses in der Stadt verankert ist – oder nicht. Die Isarmeile – das Stück München zwischen Isartor und Rosen­heimer Platz – hat uns Film­ver­rückten immer für eine Woche gehört, dort haben wir uns häuslich einge­richtet. Auf den Gängen zwischen den Kinos ist man sich begegnet, hat Schau­be­fehle und aktuelle Kurz­war­nungen ausge­tauscht (und zur Not auch Über­le­bens­ar­tikel wie Müsli­riegel, Deos, Haar­bürste, Pflaster oder gar Nach­richten von der Außenwelt), hatte seine festen Wasser­löcher und Futter­krippen (und Zeit, sie aufzu­su­chen), hat alle zwei Jahre im Muff­at­bier­garten halb­zeit­weise EM- und WM-Spiele geschaut, hat dem Pres­se­z­en­trum und der Lounge im Gasteig Kurz­be­suche abge­stattet und nachts beim Heimgehen noch als Abschieds­gruß ein paar Fetzen vom Open-Air-Kino-Sound­track mitge­nommen.

Diese Nähe und diese Wege sind nun weg – es fühlt sich alles eher an wie ein Fami­li­en­treffen, bei dem alle in unter­schied­li­chen Sälen eines Groß­re­stau­rants sitzen. Die Isarmeile hat für und durch das Festival gelebt, hat im Festi­val­groove mitge­schwungen – Sonnen­straße und Schwabing ist die Anwe­sen­heit des Filmfests nicht anzu­merken, denen ist es egal. Vor allem die Kinos Münchner Freiheit wirken wie eine Kapsel, die in eine übrig­ge­blie­bene Lücke zwischen U-Bahn-Sper­ren­ge­schoss, Kaufhaus und Bomben­krater versenkt wurde. Sie sind kein Ort, der ausstrahlt in die Umgebung.
Und nachdem letztes Jahr so groß die Glamour-Parole ausge­geben wurde, ist es dieses Jahr bezeich­nend, dass das einzige »Premie­ren­kino« der Carl-Orff-Saal ist – ein Mehr­zweck­saal.

Der Stern

Die kleinen Erleuch­tungen sind manchmal die schönsten. Joss Whedon, der sonst durchaus für Maxi­mal­lö­sungen zu haben ist (The Avengers, Cabin in the Woods), verfilmt Shake­speares Much Ado About Nothing als schwarz-weißes Heim-Spiel mit Freunden. Er nähert sich den heiligen Versen weder frömmelnd noch bilder­s­tür­mend. Statt nach der einen, grund­sät­z­li­chen Auslegung zu suchen, begeis­tert er sich und uns für die Detailfreuden des Stücks. Er macht viele Pointen schlicht wieder hörbar, kitzelt die Charak­ter­komik heraus, scheut auch nicht Slapstick-Einlagen, findet das Äqui­va­lent zur histo­ri­schen Ordnungs­hüter-Satire in Poliz­ei­film-Klischees. Und selbst die heute als rassis­tisch empfun­denen Stellen zensiert er nicht, sondern insz­e­niert unsere Reaktion vorweg­ge­nommen auf der Leinwand und erzeugt damit einen der besten Lacher.
Zweifel an Whedons Geschmacks­si­cher­heit drängen sich nur in einem Punkt auf: Wir wären enttäuscht, sollte der austausch­bare kali­for­ni­sche Villen-Stil kein Produk­ti­ons­de­sign sondern seine tatsäch­liche Innen­ein­rich­tung sein.

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