11.07.2013

31. Filmfest München

Finstere Welten im Sommerbiergarten

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Deutschboden

Das Filmfest München zeigt Heimat­filme der anderen Art – eine erste, vorläu­fige, über­wie­gend ernüch­ternde Bilanz

Von Rüdiger Suchsland

»Ich hasse Deutsch­land. ... weil's hier so hässlich ist. Überfüllt mit unhöfli­chen ruppigen Menschen, Innen­s­tätte ausge­bombt, die ehema­ligen Bomben­krater zuge­schmiert mit Beton.... Stuttgart« – »Genau Stuttgart. ich weiß gar nicht, was die mit ihrem Bahnhof haben – die Stadt ist doch so hässlich, wenn man die abreißen würde, würde doch keinem weiter auffallen, oder?« – Corinna Harfouch und Bernhard Schütz in ihren Rollen in dem Film Fins­ter­world in der Reihe neuer deutscher Filme in München.

»Entweder Kracht oder Uslar – man muss sich da entscheiden, da kommt man nicht umhin...« So redeten manche während der zurück­lie­genden Film­fest­woche. Natürlich Unsinn. Auch wenn die Süddeut­sche, im »wir-war'n-dabei-Ton« wieder mal Teil einer Jugend­be­we­gung sein wollend, und doch mit dem richtigen Instinkt die beiden wich­tigsten Filme ins Zentrum rückend, so tat, als ginge es hier um ein nach­ge­holtes Duell aus den Neun­zi­ger­jahren. Wieso überhaupt Kracht? Und wieso Uslar? Filme haben sie beide ja nicht gemacht. Aber sie waren wohl doch die Ideen­geber von Fins­ter­world und Deutsch­boden, zwei bemer­kens­werten Kino-Reisen in jene – auch innere – deutsche Provinz, die neuer­dings wieder als Region aufge­wertet wird.

Fins­ter­world stammt von Frauke Fins­ter­walder, die bisher mit mehreren Doku­men­tar­filmen bekannt wurde. In ihrem ersten Spielfilm, den sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem bekannten Pop-Schrift­steller Christian Kracht geschrieben hat, zeigt sie Deutsch­land als traurigen, depres­siven, innerlich kaputten Ort – eine abgrün­dige Märchen­land­schaft, die Zeit und Raum entzogen ist, scheinbar aus der Zeit gefallen, und doch ganz gegen­wärtig. Es ist ein Land des Sonnen­scheins, der Autos und der Erin­ne­rungen an die Verbre­chen der Vergan­gen­heit; bevölkert von einem Dutzend merk­wür­diger Menschen – an einem einzigen Sommertag sind deren Schick­sale auf absurde Weise mitein­ander verschlungen. Voller Liebe zum Kleinen geht es ums große Ganze: Den Untergang unserer Zivi­li­sa­tion. Den Tod. Die Liebe. Den Sieg des Bösen.

Fins­ter­world ist kein einfacher Film, er war aber in jedem Fall einer der origi­nellsten, unge­wöhn­lichsten deutschen Filme der letzten Jahre und ohne Frage einer der Favoriten auf den »Förder­preis deutscher Film«, der endlich wieder zum Abschluss des Filmfests in München, statt in seiner Mitte verliehen wurde.

Das Filmfest warb zwar mit dem – so die Süddeut­sche treffend – »verschnarchten« Motto »Starke Frauen, starke Filme«. Zumindest in den deutschen Filmen konnte man eher Männer sehen. Moderne wie Franz, der Held von Jakob Lass in Love Steaks, der nicht raucht, nicht trinkt, kein Fleisch ist, und für den nicht­vor­han­denen Panzer mit der Liebe einer Köchin belohnt wird. Oder klassisch-tradi­tio­nelle: Die Raucher, Trinker, Fleisch­esser in Deutsch­boden. André Schäfers Film basierend auf dem gleich­na­migen Reportage-Roman des Jour­na­listen Moritz von Uslar ins Hacke­pe­ter­land des deutschen Ostens. Und unter Mitwir­kung des Autors. Schäfers Film bietet eine Studie aus dem Unterleib der Republik. Im schein­baren Niemands­land von Bran­den­burg hat Uslar seine Liebe zur Provinz – nicht zur Region! – entdeckt, und erzählt vom Kultur-Clash zwischen Berlin-Mitte-Hipster und deutschen Bier­bäu­chen – ein Heimat­film der anderen Art.

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Über Fins­ter­world redeten viele und zwar positiv, auch wenn es am Rande manch' läster­li­ches Gemurmel gab, in der SZ fand er aller­dings zunächst gar nicht statt – ein sicheres Indiz dafür, dass Autor Rainer Gansera den Film doof fand. Und darum schob dann sein Redakteur nach. Über Deutsch­boden redete gar keiner. Denn dieser auch sehr witzige Film, wurde vom Filmfest völlig versem­melt – erst am vorlet­zten Tag gab es die Premiere. Dabei hätte das »der« Film sein können, der zum Gesprächs­thema der ganzen Woche geworden wäre. Und im Nach­hinein müssen sich die Macher ernsthaft fragen, ob es richtig war, den Film nicht bei einem anderen Festival zu zeigen, dass ihn – jedes andere hätte das getan – bestimmt besser behandelt hätte. Hof zum Beispiel. Da gibt es auch Hacke­pe­ter­bröt­chen.

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Das Filmfest, das zeigt sich an diesem Beispiel, zeigt immer noch viel zu viele Filme, zugleich wird da vieles belang­loser präsen­tiert.
Zugleich gilt: Die deutsche Reihe ist mehr denn je das Zentrum des Münchner Filmfests, der weit und breit einzige Grund für profes­sio­nelle Beob­achter, nach München zu fahren. Alles andere? Hm. Fernsehen und Fernseh-Serien auf großer Leinwand, und ehren­wertes Nach­spielen dessen, was man auf den großen Festivals so einladen will, und das dann auch zusagt.
Die American-Inde­pen­dent-Reihe ist fünf Jahre nach dem Rücktritt von Ulla Rapp, vollends belanglos geworden.

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Und dann gibt es ein paar Dinge, die gehören einfach verboten: Die Retro­spek­tive zu Alejandro Jodo­rowsky zum Beispiel. Der ist einer der großen Zauberer des Kinos, und wurde entspre­chend ange­kün­digt. Doch was tut das Filmfest? Sie spielen DVDs. Noch nicht mal BlueRays. Aber selbst dann... Das ist die Selbst­ent­lei­bung eines Festivals. Denn ein Film­fes­tival existiert doch dazu, Standards zu pflegen, zu heben, wo nötig, nicht sie abzubauen. Ein Festival sollte sich solchem Down­gra­ding verwei­gern. Anstatt wie eine alternde Hure jedem Freier hinter­her­zu­laufen, nur um der paar Pfennige willen...

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Seit seiner Gründung im Jahr 1983 ist das Filmfest München vieles auf einmal: Ein Schau­fenster des Weltkinos; eine Start­rampe für junge deutsche Produk­tionen, vor allem aber eine Selbst­feier des Produk­tions- und Film­wirt­schafts­stand­orts München, eine Selbst­ver­ge­wis­se­rung des weiß-blau-katho­li­schen »mir san mir« in einer nordöst­li­cher und protes­tan­ti­scher gewor­denen Berliner Republik. Eine Weile glaubte man an der Isar gar, der Berlinale Konkur­renz machen zu können, doch derartige Träume sind verwelkt und heute kämpft man in der Konkur­renz anderer deutscher Film­fes­ti­vals um den zweiten und dritten Platz und ist damit zufrieden, eines unter mehreren Sommer­fes­ti­vals zu sein.
In den letzten zwei Jahren versucht sich das Filmfest München nun immerhin neu zu erfinden. Spürbar und zu Recht: Mit der neuen Leiterin Diane Iljane nach dem Abgang des erfolg­losen Andreas Ströhl hat man die Anzahl der Filme schon mal um ein Drittel auf die immer noch viel zu hohe Zahl von 174 reduziert. Bei 20 Filmen am Tag geht immer noch manches unter, zumal sich im recht will­kür­li­chen Durch­ein­ander von über elf Reihen – der viel größeren Berlinale genügen fünf – mit Titeln wie »Spotlight« oder »Cine­vi­sion« weder normale noch profes­sio­nelle Zuschauer auskennen.
Zugleich sucht die neue Leiterin noch erkennbar ihren Kurs: »Glamour« war letztes Jahr die Parole – diesmal lautet das Schlag­wort: »wir brauchen keine Stars«. Und das in der Schicki-Micki-Metropole!

Auch gibt es neue Probleme: Der Etat ist mit 1,7 Millionen zwar der zweit­höchste Deutsch­lands, aber für ein derart aufge­blähtes Programm trotzdem viel zu niedrig. Die von Ströhl vor Jahren voll­mundig verkün­dete »Isar-Meile« gab es schon seit Jahren nicht mehr, als dem Filmfest das Deutsche Museum als Spiel- und Versamm­lungsort wegge­bro­chen war. In diesem Jahr ging dem Filmfest auch die über 20 Jahre bewährte Spiel­s­tätte verloren: Das Cinemaxx war zwar nie schön, mit seinen sechs Sälen aber sehr praktisch als Treff­punkt und Festi­val­z­en­trum. Jetzt ist das Filmfest über die ganze Stadt verstreut.
Jedes Jahr sind es mehr Zuschauer – ein Wunder, wie diese Erfolgs­mit­tei­lungen von allen Festivals immer wieder produ­ziert werden. 72.000 Zuschauer macht knapp 178 Zuschauer pro Vorstel­lung, Presse- und Sonder­ver­an­stal­tungen nicht einge­rechnet. Wer das mit anderen Festivals vergleicht, wo im Schnitt locker über 300 Zuschauer im Saal sitzen, bei einzelnen Festivals gar über 500, der weiß, dass dies keine allzu guten Zahlen sind. Die Behaup­tung vom Publi­kums­fes­tival ist damit rela­ti­viert. Inter­es­sant aber ist, dass Iljen mit einem Drittel weniger Filme als Ströhl mehr Zuschauer holt. Das best ätigt ihren Kurs der Verknap­pung und Konz­en­tra­tion des Programms.

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Daran, dass man hier immer manche guten Filme entdecken oder nachholen kann, sich ein enga­giertes Program­mer­team sich mit viel Liebe fürs Kino bemüht, ändern all diese struk­tu­rellen Probleme nichts. Aber reicht das?

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