11.05.2013

28. DOK.fest München 2013

Hudekamp / Der große Irrtum

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Am Rand des Abgrunds in Hudekamp

Komple­mentär prekär – Eine Doppel­kritik

Von Natascha Gerold

Hier­zu­lande, heißt es oft, leben die Meister im Jammern. Doch kaum einer beklagt sich über sein Leben, weder in Hudekamp – ein Heimat­film von Christian von Brock­hausen und Pia-Luisa Lenz, der die Bewohner eines Hoch­hauses im gleich­na­migen Stadtteil Lübecks porträ­tiert, noch in Der große Irrtum, in dem Dirk Heth und Olaf Winkler unter anderem ihre Zustands­be­ob­ach­tung der Stadt Eggesin in Meck­len­burg-Vorpom­mern fort­setzen. Menschen in prekären Lebens­lagen – das sind in Lübeck zum Beispiel die verwit­wete Rentnerin Annemarie und Alko­ho­liker Sebastian. Ihr Zweck­bündnis ist kein starkes Band, eher ein löchriger Strumpf, dennoch zollt es Haus­meister Klaus Respekt ab. Er, der Herr über 20 Bild­schirme und Etagen­ka­meras, ist Beob­achter, Tröster und Vertrauter so manchen Bewohners.

Das Gefühl, dass der eine auf den anderen aufpasst, ist dies kein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Gut? Zumindest reicht es nicht für eine Verbes­se­rung des eigenen Markt­werts, wie man in Der große Irrtum sieht. Noch nicht. Viel­leicht wäre das anders, wenn es einen alter­na­tiven Markt für Arbeit gäbe, die ausschließ­lich den Anderen nützt – Der Film erzählt von dieser zunächst erfolg­rei­chen Idee der Bürger­ar­beit, die in Magdeburg mit 20 »Bürger­ar­bei­tern« in einer Behin­der­ten­werk­statt startete und als gezähmter Tiger als bundes­weites Projekt 2014 für beendet erklärt werden soll. Und bietet die reizvolle Frage an, wo wir hinkämen, wenn Menschen ihren Hartz-IV-Bezug durch gemein­nüt­zige Arbeit verdienen und dabei auch noch glücklich werden könnten. Und wo Zeit für den Nächsten zur neuen Währung wird, die man in einen Tausch­ring inves­tieren kann. Die Eggesiner, filmische Groß­fa­milie von Heth und Winkler seit mitt­ler­weile zehn Jahren, tüfteln an solchen Ideen wie letzterer und bleiben Über­le­bens­künstler – ob als Mini-Jobber, Hartz-VI-Aufsto­cker oder Umschüler mit sehr langem Atem.

»Das Papier zählt, sonst bist du nichts in Deutsch­land«, sagt Student Adnan aus dem Hude­kamper Wohnblock, der für sein Lehr­amts­stu­dium auf vieles verzichtet. Die Wahrheit ist noch bitterer, denn das Stigma des »sozial Schwachen« kann jeden treffen – ob in Ost, West, bildungs­fern oder -nah, schlei­chend oder im Hand­um­drehen und manchmal, wie in Der große Irrtum, während der Dreh­ar­beiten. Doch »sozial schwach«, schrieb Heribert Prantl 2010 in der »SZ«, seien nicht die Menschen, sondern der Staat, dem nichts einfalle, um sie aus ihrer Armut heraus­zu­holen. Beide Filme – die einen Pflicht­platz in deutschen Lehr­plänen verdient hätten – zeigen Bürger, die ihrem Staat die Ideen bieten und/oder das Potenzial zur Umsetzung hätten. Und lassen den Schluss zu, dass wir längst reif sind für den Para­dig­men­wechsel, in dem Geltung nicht mehr nur mit Geld zu tun hat.

Hudekamp Sa., 11.05., 17:00 Uhr, City 3
Der große Irrtum, So.,, 12.05., 19:00 Uhr, City 3.

top