21.11.2013
Cinema Moralia – Folge 76

Kennedys Hirn

Paul Giamatti in Parkland

»Bigger than life«: Kennedy, Kracauer, der PR-Overkill und der letzte Tango des klas­si­schen Auto­ren­kino – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 76. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Ein ähnliches Verhältnis wie unsereins zum 11.September 2001 hatte die Gene­ra­tion davor zum 22. November 1963, dem Tag des Mordes an US-Präsident John F. Kennedy in Dallas. Fast jeder, den man fragt, der seinerzeit erwachsen war, weiß, wo ihn damals vor 50 Jahren die Nachricht vom Attentat erreichte. Eine erin­nerns­werte Anekdote hierzu erzählte vor Jahren einmal der im Sommer verstor­bene FAZ-Autor Henning Ritter. Er studierte seinerzeit in Heidel­berg, unter anderem Philo­so­phie bei Dieter Henrich, Spezia­list für Hegel und die Bewusstseins­phi­lo­so­phie, auch älteren Studenten der Münchner LMU noch gut bekannt, und heute Emeritus der dortigen Philo­so­phen. Am Abend im Henrich-Seminar wurde nicht Hegel gelesen, sondern Henrich war von der Nachricht, die ihn soeben erreicht hatte – erst gegen 20 Uhr deutscher Zeit war der Tod Kennedys bekannt geworden – erkennbar bewegt, sinnierte, und begann dann eine längere Rede darüber, wo sich jetzt denn wohl Kennedys Hirn befinde...

Eine Frage, an die ich jedes Mal denken muss, wenn ich mich an den Kennedy-Mord erinnere, weil sie so selbst­ver­s­tänd­lich ist, wie krude, so esote­risch, wie konkret.
Denn natürlich ist nicht die Materie gemeint, nicht die Hirnmasse des Präsi­denten, sondern das, was man früher problemlos als Geist bezeichnet hätte, heute aber kaum noch so schreiben kann. Also mehr als sein Bewusst­sein, aber auch dieses, doch zugleich der Anteil am Über­per­sön­li­chen, und viel­leicht auch das, was ihn außer­ge­wöhn­lich machte, faszi­nie­rend für Zeit­ge­nossen.

Hegel, der Napoleon den »Weltgeist zu Pferde« genannt hatte, hätte viel­leicht auch in Kennedy so etwas wie die Person gewordene Welt­ge­schichte erkannt. Wo geht sie hin, was ist mir ihr, wenn sie gewaltsam mitten aus ihrer Bahn gerissen wird?

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Diese Vorstel­lung, dass Kennedy etwas Beson­deres war, etwas Einma­liges, dass er zu jenen seltenen Menschen gehörte, die der Geschichte eine Wendung geben oder sie auf eine neue Stufe heben könnten, mag ja falsch sein, und ich fürchte, dass sie in den Augen vieler heutiger Zeit­ge­nossen (und Leser) als Unsinn erscheint. Aber sie wurde doch zumindest von vielen Zeit­ge­nossen Kennedys geteilt – und sie macht die Faszi­na­tion für die Person und ihren Tod, aber weit über diesen hinaus, bis heute aus.

Die Umstände des Mordes tun ein Übriges. Darum ist Kennedy bis zum heutigen Tag ein so großar­tiger Kinostoff. Denn das Kino handelt letzten Endes von Mytho­logie, und ohne Mytho­logie ist das Kino nichts. Das ist es, was der Spruch vom Kino als »bigger than life« eigent­lich meint.
Kennedy war »bigger than life«, noch im Tode.

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Die besten Kennedy-Filme? Am Ende wohl zwei Filme, in denen er gar nicht vorkommt: Oliver Stones JFK, und Otto Premin­gers großar­tiger Adcide & Consent, ein Film, der außer vom Washing­toner Polit­be­trieb eher – ohne den Namen zu nennen – von Johnson handelt, also von einem Vize­prä­si­dent, der plötzlich an die Macht kommt.

Daneben Thirteen Days über die Kuba-Krise. Love Field von Jonathan Kaplan mit Michelle Pfeiffer über den Tag des Attentats. Der in Venedig gelaufene Parkland über das Hospital in dem zunächst Kennedy, dann Oswald starben, ist inter­es­sant, aber aufge­blasen.

Und dann Wolfgang Petersens para­no­ider In the Line of Fire. Zu all dem Paranoia-Kram müssen wir ein andermal noch mehr schreiben, für heute nur soviel: Das Schlimmste sind all jene TV-Doku­men­ta­tionen, die Kennedy als schwachen Sohn eines über­mäch­tigen Vaters beschreiben, als noto­ri­schen Schürz­en­jäger, und jetzt pseu­do­psy­cho­lo­gisch aufklären über Joe und Jack, die Rivalität mit dem Bruder, der Vater, der ihn nicht liebte – oft genug politisch moti­vierte Schmut­z­kam­pa­gnen mit Pseudo-Entlar­vungs­gestus

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Endlich gibt es einen vernünf­tigen Preis für gute Film­kri­tiken und gute Film­kri­tiker. Und einen perfekten Namens­geber. Siegfried Kracauer, der wich­tigste deutsche Film­kri­tiker der Zeit vor 1945 und bis über die Gegenwart hinaus eines der wenigen echten Vorbilder für unsere Zunft ist der Namens­geber eines Preises, der von der MFG, der Film­för­de­rung Baden-Würt­tem­berg in Zusam­men­ar­beit mit dem Verband der deutschen Film­kritik (VDFK) am kommenden Woche­n­ende erstmals verliehen wird. Ich bin froh, mit manchen Hinweisen auf »Cinema Moralia« die Bedeutung und Aktua­lität Kracauers wieder mit ins Gedächt­nkis gerufen zu haben.

Man muss der MFG, nament­lich der schei­denden MFG-Chefin Gabriele Röthe­meyer für diese Tat dankbar sein, ebenso für eine großzügige Dotierung mit insgesamt 15.000 Euro. Die Namens­ge­bung ist aber selbst­ver­s­tänd­lich auch Verpflich­tung für die Preis­stifter – Larifari-Texte, Leser­ser­vice und Main­stream­ma­ni­feste wird man mit diesem Namen nicht ausz­eichnen dürfen.

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Im Zusam­men­hang mit der Preis­ver­lei­hung findet am kommenden Samstag im Berliner Arsenal auch eine Podi­ums­dis­kus­sion statt, die nach dem Beitrag der Kritik für die Kino­kultur forscht. Teil­nehmer sind Regis­seurin Jutta Brückner, Lars Henrik Gass, Leiter der Kurz­film­tage Ober­hausen, Dominik Kamal­z­adeh, Redakteur Der Standard und kolik.film, sowie Mitglied der Preisjury, Cristina Nord, Redak­teurin der taz und Bernard Payen, Kurator der Ciné­ma­thèque Francaise, und der Semaine de la Critique in Cannes. Nähere Infor­ma­tionen auf www.vdfk.de. Der Eintritt ist frei. Anmeldung für die Preis­ver­lei­hung ist erfor­der­lich.

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Mit diesen beiden Namen verbinden sich Stern­stunden des europäi­schen Auto­ren­films: Roman Polanski und Bernardo Berto­lucci. Der eine, ein polnisch-fran­zö­si­scher Filme­ma­cher, der als Junggenie in Europa reüs­sierte, später nach Hollywood emigrierte, und Filme wie Chinatown mit Stars wie Jack Nicholson machte, und noch später als Flücht­ling wieder in Paris landete, von wo aus er seit über 30 Jahren weiterhin Filme macht. Und der Revo­lu­zzer des Italie­ni­schen Kinos, der seit 1968 zum einzigen legitimen Erben der ganz großen italie­ni­schen Regis­seurs-Gene­ra­tion um Rosselini, Antonioni und Visconti wurde, und doch mit Meis­ter­werken Der letzte Tango in Paris und Novecento ganz eigene, neue Akzente zu setzen verstand, die über die großen Vorbilder hinaus gingen.

Beiden gemeinsam ist eine wech­sel­volle, aber immer ehren­werte Karriere; beiden gemeinsam ist, dass sie als Vertreter des Kinos der 70er Jahre gelten, des Kinos, der jüngeren Gene­ra­tion des Auto­ren­kinos, die nach der großen Revolte kam, nach Neorea­lismus und Nouvelle Vague, und die das Poli­ti­sche nun vor allem im Privaten fand. Die Filme von Polanski wie Berto­lucci inter­es­sieren sich stärker für Sex und Gewalt, sie vollzogen die Tabu­brüche, die ihre bürger­li­cheren Väter oft nur andeu­teten, auch sichtbar auf der Leinwand – ihr Kino ist im Zweifel Zeigen statt Reden, mehr Aktion als Reflexion, ohne dass es dadurch weniger komplex und intel­li­gent wäre.

Heute gehören sie zu den wenigen der letzten, noch aktiven ihrer Gene­ra­tion, zwei Dino­sau­rier eines Typus des europäi­schen Auto­ren­kinos, das schon fast ausge­storben ist.

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Der Zufall der Verleih­po­litik will es, dass nun auch die beiden neuesten Werke von Polanski und Berto­lucci am gleichen Tag ins deutsche Kino kommen. Und – dies ist kein Zufall – in der Zusam­men­schau ergeben sich bemer­kens­werte Gemein­sam­keiten: Zwei Kammer­spiele; zwei dunkle Innen­räume – eine Thea­ter­bühne, ein voll­ge­stopfter Keller –, in denen sich zwei bislang einander Unbe­kannte durch Zufall begegnen, und einen inten­siven Austausch mitein­ander beginnen. Das Ergebnis sind zwei mögli­cher­weise letzte Filme, zwei konz­en­trierte Selbst­re­fle­xionen ihrer Regis­seure, in denen sie fast beiläufig auch die Summe ihrer Lebens­werke ziehen.

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Venus im Pelz von Roman Polanski ist eine Lite­ra­tur­ver­fil­mung der Vorlage von Leopold von Sacher-Masoch, des Namens­ge­bers, wenn nicht Ahnherren des Maso­chismus. Doch von dem Buch bleibt außer dem Titel nicht viel übrig: Thomas, gespielt vom Franzosen Mathieu Amalric, sieht nicht nur dem Polanski der 70er zum Verwech­seln ähnlich, er ist auch ein Regisseur, in diesem Fall an einer Thea­ter­bühne. Und Polanskis Frau, die Schau­spie­lerin Emma­nu­elle Seigner spielt die Schau­spie­lerin Vanda, die zu spät zum Casting kommt, und sich mit dem Regisseur in eine rede-Duell verstrickt, einen Zweikampf mit Worten zwischen einem Intel­lek­tu­ellen und einer Prole­ta­rierin, in den sich zunehmend auch Polanski Vita einschreibt.
Es geht dabei um den Zusam­men­hang und Analogien zwischen Kunst und Leben, um Kontroll­ver­lust und Rollen­spiel.

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Einmal mehr entfaltet Polanski zudem in einem Film ein klaus­tro­pho­bi­sches Szenario: War es in Der Pianist ein einziger im Unter­grund­grund­ver­steck, waren es in Der Tod und das Mädchen (1994) drei und in Der Gott des Gemetzels (2012) vier Charak­tere – immer wieder geht es in Polanskis Filmen um Einge­schlos­sene in eigenen wie äußer­li­chen Gefäng­nissen. Auch solchen Situa­tionen entwi­ckelt der Regisseur Kammer­spiele mit geringst­mög­li­chem äußerem Aufwand, aber hoher innerer Inten­sität.

Es liegt allzu nahe, in derar­tigen Szenarien auch Kurz­schlüsse zu Polanskis Biogra­phie und seinen trau­ma­ti­schen Erfah­rungen zu ziehen – zu seiner Kindheit im Krakauer Ghetto, zur deutschen Besatzung mit ihren perma­nenten Todes­dro­hungen, zum Mord an der Mutter in Auschwitz. Wir Zuschauer werden in Venus im Pelz Zeugen einer konz­en­trierten Selbst­re­fle­xion des Regis­seurs, in der er fast beiläufig auch die Summe seines Lebens­werks zieht: Eros und Aggres­sion und ihr Zusam­men­hang, die untrenn­bare Vermi­schung von Polanskis künst­le­ri­schem Werk und seinem eigenen Privat­leben – in der biogra­phi­sche Kurz­schlüsse, auch jetzt etwa zwischen der sadfo­ma­so­chis­to­schenm Sexprak­tiken im Film und Polanskis eigenen Bett-Gepflo­gen­heiten trotzdem das Dümmst­mög­liche wären.

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Auch Ich und Du ist eine Roman­ver­fil­mung. Im Buch von Niccolo Ammaniti geht es um den 14-jährigen Lorenzo, der eine Klas­sen­fahrt schwänzt und sich für zwei Wochen im Keller versteckt. Zufällig wird er dort von seiner älteren Halb­schwester Olivia entdeckt. Sie ist drogen­süchtig, und versteckt sich aus anderen Gründen. Im Folgenden geht es um die allmäh­liche, inzestuös einge­färbte Annähe­rung der beiden – eine roman­ti­zis­ti­sche Erziehung der Gefühle und Sinne, die an Berto­luccis Die Träumer ebenso erinnert wie an seinen Letzten Tango...

Beide Filme lohnen unbedingt – nicht nur für Fans der Regis­seure. Sondern auch, weil man nach Betrach­tung eine andere Frage kaum verdrängen kann: Die melan­cho­li­sche Ahnung, hier auch dem letzten Tanz eines europäi­schen Auto­ren­kinos zuge­schaut zu haben, das Sinn­lich­keit mit anspruchs­voller Intel­li­genz verbindet, das verfüh­re­risch sein will, aber nicht unter Niveau.
Gibt es heute unter den 20, 30-jährigen wirkliche legitime Nach­folger eines Berto­lucci oder Polanski?

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Je kleiner die Bedeutung, um so größer die Datei – das ist ein ganz guter Richtwert zur schnellen Beur­tei­lung von Pres­se­mit­tei­lungen. Gerade in den letzten Wochen nahm es überhand: In nur zwei Wochen Ende Oktober kamen Mails von den Festivals aus Cottbus, Hof, Leipzig, Mannheim, Tübingen, Lübeck, Lünen, vom Prix Europa, dazu jeder zweite Film jedes dieser Festivals (inklusive der Kurzfilme und jede Film­hoch­schule mit einer eigenen Agentur, die Förderer mit ihren Jubel­mel­dungen, die Sender mit ebenfalls eigenen Jubel­mel­dungen zu den gleichen Filmen, und alle davon zu groß – das sind ohne jede Über­trei­bung am Tag locker 50 MB für die Lösch­tonne.

Dazu die normalen Film­starts – bei zehn Filmen pro Woche im Schnitt mit drei bis acht Mails pro Film, ein paar Buch­ver­lage, dazu das übliche Tages­ge­schäft eines Jour­na­listen, also Pres­se­kon­fe­renzen, der liebe Kultur­staats­mi­nister nicht zu vergessen... Wenn man mal zwei Tage offline war, muss man manchmal löschen, um Mails überhaupt öffnen zu können... Ein absoluter Wahnsinn an Datenschrott und PR-Overkill.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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