12.09.2013
Cinema Moralia – Folge 70

Koolhaas oder die Ungerechtigkeit der Dinge

Ein Held unserer Zeit – Kleists Michael Kohlhaas

Film­po­li­ti­sche Über­le­gungen zur Wahl, vom Nutzen der Empörung, und von der Lage der Archive – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 69. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Was ist das für ein System, das nicht mehr fragt nach den Wünschen? Das Wünschen ist gestorben. Das Wünschen ist ein Stör­faktor. Aber ich glaube, das Politik ohne Wünschen nicht funk­tio­niert.«
Film­re­gis­seur Andres Veiel an der Berliner Akademie der Künste am 11.9.2013

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In zehn Tagen sind Bundes­tags­wahlen. In der »Akademie der Künste« gab es dazu im Rahmen des 50.Akade­mie­ge­sprächs die inter­es­sante Veran­stal­tung »Wählen gehen!«, die trotz – oder wegen? – ihres arg sozi­al­päd­ago­gi­schen Ausru­fez­ei­chens und einer desaströsen Mode­ra­tion sehr lohnens­werte Einsichten zum Zustand von Gesell­schaft und Politik zuta­ge­för­derte. Auf dem Podium saß unter anderem der Filme­ma­cher Andres Veiel. Veiel klagte unter anderem über die »Geschichts­ver­ges­sen­heit« der deutschen Gesell­schaft und über eine poli­ti­sche Bewusst­seins­in­dus­trie, die durch PR-Mani­pu­la­tion, das Bewusst­sein der Krise aus der Öffent­lich­keit heraus­hält.
Und das liegt nach seiner Ansicht klar an Kanzlerin Merkel: »Es hat doch auch ganz viel mit einer Physi­kerin zu tun, die uns allen das Gefühl gibt, die Krise sei weit weg, habe mit uns nichts zu tun. Das ist ein wohliges Gefühl, sediert zu sein ... sie macht ihre Versuche, fährt auf Sicht und kriegt den Karren schon irgendwie aus dem Dreck – dieses falsche Grund­ge­fühl ist ja in den letzten vier Jahren erfolg­reich vermit­telt worden.«
Zugleich konsta­tierte Veiel auch einen »Souver­änitäts­ver­lust« der Politik, ihre Unter­mi­nie­rung durch die Herren des Geldes.

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Die kommenden Wahlen haben natürlich auch etwas mit dem Kino zu tun. Sie betreffen zum einen die konkrete Film- und Kultur­po­litik, zum anderen die geistige Situation in der Bundes­re­pu­blik, durch Politik- und Medi­en­zu­sam­men­hänge, durch gesetzte Prio­ritäten und nicht zuletzt durch den Denk- und Hand­lungs­stil der poli­ti­schen Klasse.

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Natürlich geht es bei den Wahlen auch ums Geld. Um film­po­li­ti­sche Vertei­lungs­fragen: Wieviel ins Kino fließt und wohin? Da ist entgegen der Behaup­tungen des Kultur­staats­mi­nis­ters Bernd Neumann einiges im Argen. Denn Neumann ist, bei aller Mühe, ein einsamer Kämpfer, der von seiner Fraktion und Kanzlerin oft genug im Stich gelassen wurde. Erreicht hat er etwas im Bereich der Film­för­de­rung und auf der Ebene der Pres­ti­ge­pro­jekte, mit denen sich auch CDU/CSU-Hinter­bänkler beein­dru­cken lassen.

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Was dagegen völlig fehlt, und was ein unverz­eih­li­cher Mangel ist, machte ein hoch­in­ter­es­santes Gespräch deutlich, dass jetzt im deutsch­land­funk die Redaktion von »Kultur Heute« mit Michael Hollmann, dem Präsi­denten des Bundes­ar­chives in Koblenz führte. Dort lagern neben vielem anderen etwa eine Million Film­rollen und Video­kas­setten – darunter wertvolle kultu­relle Schätze. Aber die Archiv­technik ist in die Jahre gekommen, das Geld mehr als knapp, und so droht die Zers­tö­rung unwie­der­bring­li­chen Materials.
Dazu Hollmann: »Das ist jetzt die Frage, ob Digi­ta­li­sie­rung da der richtige Weg ist. Zunächst haben wir für diese Nitro­filme, die eigent­lich – und das verlangt das deutsche Gesetz von uns – auf nicht brennbare, nicht explosive Mate­ria­lien umkopiert werden müssen, ... spezielle Magazine, die tief­ge­kühlt sind, so dass die Explo­si­ons­ge­fahr sehr stark reduziert ist. Bis auf einen Fall in den 80er-Jahren hier in Koblenz haben wir da noch nie Probleme mit gehabt. Aber das Problem besteht auch darin, dass die Kenner und Liebhaber des Filmes norma­ler­weise sehr großen Wert darauf legen, die Filme auch auf ihrem ursprüng­li­chen Material zur Kenntnis zu nehmen bezie­hungs­weise Umko­pie­rungen auf Film zur Verfügung zu haben, die dem Ursprungs­ma­te­rial möglichst nahe kommen. Da ist die Digi­ta­li­sie­rung eine noch umstrit­tene Methode, weil wir im Rahmen der heutigen Technik andere Anfor­de­rungen haben, als es eigent­lich an die Liebhaber alter Filme gerichtet ist. Es ist so eine Verket­tung von Problemen, die dann im Bereich des Neubaus dazu geführt haben, dass sich Verzö­ge­rungen ergeben. Ich will jetzt nicht in das gleiche Horn wie alle blasen, aber in Berlin wird viel gebaut und Archive sind nicht immer die erste Priorität im öffent­li­chen Bauen. Und auf die Art und Weise haben sich Verzö­ge­rungen ergeben, die uns schmerzen.

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Ebenso schlimm: Die riesigen Mengen uner­schlos­sener Filme. Und wenn man sich dann klarmacht, dass das Bundes­ar­chiv gerade mal 300.000 Euro im Jahr für Ankäufe zur Verfügung hat, dass die Murnau-Stiftung für das komplette Filmerbe vor 1945 gerade einmal 1 Million Jahres­etat hat – mit dem Ergebnis, dass sie noch nicht mal genug Geld hat, um Fachleute dafür zu bezahlen ihren Bestand komplett und sach­ge­recht zu sichten, dass sie also überhaupt nicht fest­stellen kann, was sie hat, und eventuell restau­rieren muss, und ob sich in ihrem unge­sich­teten Besitzt womöglich verschol­lene Filme befinden (was ange­sichts der Masse sehr wahr­schein­lich ist), dann ist es obszön, 500 Millionen – also den Murnau-Etat des nächsten halben Jahr­tau­sends –, davon rund 400 Millionen (am Ende mehr) vom Bund allein für den Wieder­aufbau des preußi­schen Stadt­schlosses auszu­geben. Für ein Preußen-Disney­land und Pres­ti­ge­pro­jekt der Restau­ra­tion. Wer hat diesen Wieder­aufbau voran­ge­trieben? Schwar­z­gelb!

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Die Piraten werden wohl nicht in den Bundestag einziehen. Entgegen der Ansichten mancher Freunde habe ich sie auch nicht gewählt, aber sympa­thi­siere mit einigen ihrer Ansichten,

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Im »Spiegel« gibt der israe­li­sche Regisseur Ari Folman ein Interview, das viel inter­es­santer ist, als sein neuer Film The Congress. Hätte der doch mal ähnlich eindeu­tige Posi­tionen und weniger Mora­lismus: Auf die Frage, ob das Zeitalter der digitalen Stars begonnen habe antwortet er: »Die tech­ni­schen Voraus­set­zungen dafür sind jeden­falls schon da. Für Filme wie Avatar oder Man of Steel wurden die Schau­spieler von Kopf bis Fuß einge­scannt und digi­ta­li­siert. Manche Szenen kann man mit echten Schau­spie­lern gar nicht mehr drehen, weil dies viel zu gefähr­lich wäre. Digitale Stars können sich nicht die Knochen brechen.
»Spiegel«: Aber fehlt ihnen nicht die Aura, die einen Schau­spieler erst zum Star macht? Folman: Schauen Sie sich mal die Gesichter mancher Stars an, die gezeichnet sind von Schön­heits­ope­ra­tionen und von Botox. Finden Sie da noch eine natür­liche Aura? Hollywood ist vom Jugend­wahn besessen, es geht nicht um das Wahre und Echte. Ich glaube, Hollywood wünscht sich digitale Stars, weil man ihnen die Falten nicht wegspritzen oder wegschminken muss. Keine schöne Perspek­tive... Leonardo DiCaprio hat immer noch fast ein Babyface, dabei ist er nun fast 40. Wenn Sie eine 40-jährige Schau­spie­lerin an seine Seite stellen, könnte sie wie seine Mutter wirken. Das ist wirklich brutal.

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Heinrich von Kleists Novelle »Michael Kohlhass« ist ein Held unserer Zeit. Einer in dem man den Gerech­tig­keits­kämpfer ebenso erkennen kann, wie den Terro­risten, den nervigen Furor des Gewissens ebenso erkennen kann wie das Feuer der Revo­lu­tion, die Hoffnung auf einen Umsturz und großen Klad­de­ra­datsch, die heimlich viele von uns hegen und vor der wir auch alle Angst haben, nagen wir doch mit an den Knochen des Ancien Regime.
Nun ist der Stoff nach Aaron Lehmanns Aktua­li­sie­rung Kohlhaas oder die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel vor ein paar Wochen ein weiteres Mal verfilmt worden.
Der Franzose Arnaud des Pallières mischt einen Histo­ri­en­film mit Abstrak­tion zu einem Zen-Kohlhaas, einem Coolhaas, der manchmal an einen Western von Anthony Mann und John Ford erinnert, manchmal an Werner Herzogs besten Film Aguirre, der Zorn Gottes, auch in kurzen Müdig­keits­mo­menten.
Man sollte sich Michael Kohlhaas ansehen, und natürlich Kleist lesen, wenn man noch Anre­gungen sucht, wie man auf Unge­rech­tig­keit und die Kumpanei von Politik, Geld und Justiz reagieren müsste, damit die Mächtigen es sich viel­leicht doch noch mal überlegen. Außer durch sein Wahlkreuz an der richtigen Stelle

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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