12.07.2013
Cinema Moralia – Folge 65

»Ich habe nachgedacht.«

Oh Boy: Niko (Tom Schilling) mit seinem Vater (Ulrich Noethen)

Why why why, Jan Ole? – Die Archive der Zukunft, die Zukunft des Fern­se­hens nach seinem Ende und warum 44 die neue 29 ist – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 65. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»In diesem Augen­blick ging über die Brücke ein geradezu unend­li­cher Verkehr.«
Franz Kafka: »Das Urteil«

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Immer wieder Oh Boy. Immer wieder in Gesprächen mit Filme­ma­cher, Kollegen und »normalen« Zuschauern, in denen es eigent­lich um ganz anderes geht, kommt das Gespräch auf diesen Ausnah­me­film. Wo liegen die Qualitäten? Warum funk­tio­niert der Film so großartig? Ist er denn wirklich so gut? Und ist der Preis­regen berech­tigt? Ist dies eigent­lich ein Jungs-Film? Man kann über so etwas ewig nach­denken und debat­tieren.

Wer den Film von Jan Ole Gerster immer noch nicht gesehen hat, oder ihn noch einmal sehen will, hat dazu jetzt am kommenden Mittwoch in München Gele­gen­heit. Um 10.30 im Cinema gibt es eine Sonder­vor­stel­lung des Films – das ganze ist zwar offiziell eine Schü­ler­vor­stel­lung des Kultur­re­fe­rats – also eine offi­zi­elle Unter­richts­ver­an­stal­tung, liebe Lehrer, für die ihr die Mathe­stunde abblasen dürft –, neben Schülern sind aber auch alle anderen Zuschauer will­kommen.

Dieser Hinweis ist nicht völlig unei­gen­nützig, denn zusätz­lich zum Film gibt es auch noch eine kurze Einfüh­rung und eine Diskus­sion, an der die Film­wis­sen­schaft­lerin Fabienne Liptay und der Psycho­ana­ly­tiker Andreas Hamburger teil­nehmen, und die von mir moderiert wird. Wer also endlich einmal über »Cinema Moralia« disku­tieren möchte, darf das dann nach Veran­stal­tungs­ende im Bier­garten auch tun.

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Einen inter­es­santen Text zu Oh Boy hat Constantin von Harsdorf auf »Cult« geschrieben . Darin reflek­tiert er darüber, was eigent­lich mit der Gene­ra­tion der Endzwan­ziger, Anfang-Dreißiger los ist, die die von Tom Schilling gespielte Haupt­figur verkör­pert? Die »Gene­ra­tion Y« (sprich: »Why?«), die alles zergrü­belt, hinter­fragt, nicht wirklich arbeiten will, aber auch nicht nur hedo­nis­tisch in den Tag rein leben, sondern mitunter Gutes und Wichtiges tun. Vor allem aber nichts Falsches. Das wäre meine Antwort: Sie wollen alles richtig machen, und bevor das schief geht, machen sie lieber gar nichts. Die Jugend von heute!

Harsdorf betont eher die Bedeutung der »Work-Life-Balance« und charak­te­ri­siert sie als Drifter: »Man muss sich einfach mal treiben lassen und nicht immer gleich festlegen müssen, das kommt früh genug. Dreißig ist das neue Zwanzig und so.« Wenn das stimmt, dann wäre ich ja auch ein »Gene­ra­tion Y«-Angehö­riger. Dafür aber bin ich zehn Jahre zu alt – ich würde daher eher formu­lieren »44 ist das neue 29«.

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Ganz so neu ist das Dandy­hafte und das Flanieren ja auch nicht. Sofia Coppola beschäf­tigt sich damit seit 15 Jahren, und The Virgin Suicides ist doch eigent­lich auch ein Refe­renz­film für Oh Boy, oder? Und wenn ein paar der Schüler am Mittwoch viel­leicht im Englisch-LK Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray gelesen haben, dann wissen sie, dass das Vikto­ria­ni­sche Zeitalter auch schon ihren Oh Boy hatte.
Coppola habe ich übrigens vor ein paar Tagen inter­viewt – und im Gespräch, das hier nach­zu­lesen sein wird, hat sie ihr Tun sehr treffend als das Schaffen von atmo­s­phä­ri­schen Räumen beschrieben. Eine Art Chill-Out-Zimmer – so könnte man auch über Oh Boy sprechen.

Harsdorf verknüpft Oh Boy sehr einleuch­tend mit Francis Ha, der auf der Berlinale lief, und im August ins Kino kommt. Die Haupt­figur sei so »etwas wie eine entfernte New Yorker Seelen­ver­wandte von Schil­lings Tagedieb Niko – und damit unzäh­ligen Twen­ty­so­me­things in den Kino­ses­seln. Auch sie versucht sich irgendwo in der Zeit fest­zu­klam­mern, hält sich die Augen zu während sie herumal­bernd durch die Straßen rennt, Haupt­sache in Bewegung bleiben. Prokras­ti­na­tion nennt man so etwas heute so gern. Sie teilen diese schwe­lende Sehnsucht, die irgendwo in die Ferne zielt, gehen aber unter­schied­lich mit ihr um.«

Man müsste jetzt viel­leicht einmal darüber nach­denken, was diese Figuren und ihre Inak­ti­vität – Passi­vität ist etwas anderes – über die Gegenwart sagen. Handelt es sich um »Oblo­mo­werei«, um einen willens­schwa­chen Charakter, der neuro­tisch und apathisch ist? Viel­leicht ein bisschen. Aber warum ist er das? Die Frage ist die wich­ti­gere, denn wenn man den Oh Boy-Niko schon verur­teilen will, muss man auch die Gesell­schaft richten, aus der er stammt.

Ich will es eigent­lich nicht. Denn in Nikos Haltung steckt zuviel Klugheit und Oppo­si­tion, zuviel Gesund­heit, um ihn als Kranken abzutun. Noch ein schönes Harsdorf-Zitat über das Wunder­bare dieser beiden Film­fi­guren: »Man braucht sich keine Sorgen machen, dass sie irgend­wann einmal mit beiden Füßen auf dem Boden landen. Es ist Empathie, kein Mitleid, das diese wunder­baren Charak­tere hervor­rufen. Manchmal möchte man ihnen zurufen, sie anschreien, doch schnell überlegt man es sich anders, es hätte doch keinen Sinn. Sie herum­tapsen zu sehen, ist auch einfach schön.«

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Unsterb­lich ist übrigens natürlich die Antwort von Tom Schil­lings Niko auf die Frage des Vaters, was er denn die letzten zwei Jahre getan hätte. »Ich habe nach­ge­dacht.«

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Magdalena Taube von der – im Übrigen überhaupt großar­tigen – unab­hän­gigen Netz­zei­tung »Berliner Gazette« verdanke ich den Hinweis auf die Wiener Veran­stal­tung »Shared Digital Futures«, einen Workshop für Kultur­in­sti­tu­tionen, in dem es um die Zukunft der Archive und die Folgen der Digi­ta­li­sie­rung für die Archive ging. Das Thema betrifft natürlich das Kino ganz besonders.

Denn wenn die Digi­ta­li­sie­rung die Archive erreicht hat, ist die Frage, was in Zukunft mit dem Nachlass von Filme­ma­chern geschieht. Sowohl mit dem der längst Toten, mit den Nitro- und Film­ko­pien, als auch mit den noch Lebenden. Denken wir mal an Filme­ma­cher wie Werner Herzog, Alexander Kluge oder Rudolf Thome, die auf verschie­denen Mate­ria­lien arbeiten – 16mm bis digital. Welches Archiv wird die Schätze, die das im Zwei­fels­fall auch noch zu entdecken sind, aufnehmen, wie werden sie gelagert, und wer wird das bezahlen? Die Erfahrung lehrt, dass gerade Nachlässe von Filme­ma­chern – im Vergleich zu Schrift­stel­lern, Philo­so­phen oder Malern und Musikern – von der Nachwelt sehr schlecht und mit Gering­s­chät­zung behandelt werden. Wenn sie nicht zufällig Fass­binder heißen. Oder Orson Welles? Bei deutschen Filme­ma­chern wäre da natürlich erstmal der Bund gefordert.

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Die Fragen der Wiener Veran­stal­tung gingen aber darüber hinaus: Wie kann ein erwei­terter Zugang zu digitalen Netz­werken eine diver­si­fi­zierte Kultur­land­schaft fördern? Welche Möglich­keiten ergeben sich durch die Auflösung der Grenzen zwischen Künst­lerInnen und Publikum? Was bedeutet es, wenn kultu­relle Arbeiten als fertig­ge­stelltes Werk und gleich­zeitig als Basis für neue Arbeiten aufge­fasst werden?

Aktuelle Busi­ness­mo­delle der kultu­rellen Verwer­tung geraten in eine Sackgasse. Das bestehende Urhe­ber­recht wirkt sich zunehmend als Behin­de­rung von Kultur, von neuen Werken aus. Die jahr­tau­sen­de­alte Praxis der Kopie und Umar­bei­tung wird durch Rechte-Inhalber, Kunst-Auswerter und Content-Händler zunehmend erschwert bis unmöglich gemacht. Und komplett auf sich selbst fixierte Archivare klammern sich an ihre Schätze, stellen sie selbst im eigenen Haus nur höchst einge­schränkt zur Verfügung. Auch das, nicht nur das alltäg­liche Pira­tieren der User ist eine Bedrohung der Basis west­li­cher Kultur.

Ein neuer Umgang mit Werken muss auf den Prin­zi­pien Zugang, Inter­ak­ti­vität und Soli­da­rität zwischen Künstlern und Publikum, zwischen inno­va­tiven Kultur­pro­du­zen­tInnen und einer inter­es­sierten Öffent­lich­keit, basieren.

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Am 13. Juli 2013 veran­stalten die Digital Media Women Berlin ihren ersten Workshop zum Thema Podcast. Podcast-Expertin Brigitte Hagedorn  erklärt dort, was Podcasts eigent­lich sind und wie man Audio-Beiträge fürs Web mit kleinem Budget selbst aufnehmen, schneiden, veröf­fent­li­chen und verbreiten kann. Anmeldung unter: digi­tal­me­di­a­women.mixxt.de. Ort: WWF Deutsch­land.

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Wie die Zukunft der Archive ist auch die des Fern­se­hens ein Thema, das uns nicht loslassen kann, und das natürlich etwas mit Kino zu tun hat. Denn das Fernsehen ist nicht nur Financier, sondern auch Abspiel­gerät für Filme – und zwar dreifach: als Fern­seh­pro­gramm, als Internet-Angebot, als DVD-Bild­schirm.

Im engeren Sinn aber lautet die inter­es­san­teste Frage: Hat das Fernsehen als Fernsehen – also als Programm­an­gebot, das sich von dem anderer Medien unter­scheidet – noch eine Zukunft?
Wohl eher nicht. Die gegen­wär­tige Entwick­lung muss einen ja mehr als nach­denk­lich machen. Die Studie »Digitales Deutsch­land« – die man hier nachlesen und down­loaden kann – liefert dazu wichtige Zahlen: fast 77 Prozent der erwach­senen Bevöl­ke­rung nutzen das Internet regel­mäßig. Für das Jahr 2020 prognos­ti­ziert die Studie einen Anteil von 90 Prozent. Weltweit werden derzeit pro Minute 48 Stunden Video­ma­te­rial auf YouTube hoch­ge­laden. Soziale Netzwerke wie Facebook haben sich als digitale Kommu­ni­ka­ti­ons­platt­formen etabliert. Computer und Internet sind zunehmend nicht mehr Medien neben Hörfunk, Fernsehen, Zeitungen, sondern die zentrale Medien-Plattform. Wir hören über Internet Radio, sehen fern, sehen Filme, lesen, orga­ni­sieren alles »on demand«.

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Was aus dieser Entwick­lung folgt, ist klar: Ausdif­fe­ren­zie­rung und Indi­vi­dua­li­sie­rung werden zunehmen. Das Leben verspartet sich, es wird Leben »on demand«.
An Stelle komplexer Gesell­schaften werden simple Gemein­schaften treten, eine Provin­zia­li­sie­rung des Geistes, eine digitale Stam­mes­ge­sell­schaft wird die Folge sein. Das sind die »digital natives«, die man auch unter »Gene­ra­tion Y« versteht. Vom kana­di­schen Medien­theo­re­tiker Marshall McLuhan stammt die Formel vom »Global Village«. Das stimmt nur zum Teil, denn es sind eher viele Dörfer, als das die Welt ein Dorf ist. Und man muss hinzu­fügen, dass in den Hütten dieses Dorfes Kanni­balen leben.

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In Zukunft gilt: Die Grenzen meiner Freundes-Liste sind die Grenzen meiner Welt. Das ist keine gute Nachricht. Wenn wir das ändern oder vermeiden wollen, müssen wir uns verändern. Wir müssen Fernsehen, Kino, Medien überhaupt neu erfinden.
Wir müssen mehr nach­denken.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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