02.05.2013
Cinema Moralia – Folge 61

Schafft zwei, drei, viele Oh Boys!

Oh Boy, ein Film wie ein Schelmenroman, hat es ganz nach oben geschafft

Die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel, Grund­ver­sor­gung gegen Quoten­denken: Der Deutsche Filmpreis ist vergeben – nun macht das deutsche Kino gegen das Fernsehen mobil; und was uns der Filmpreis sonst noch lehrt – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 61. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Tom Schilling hat Ost-Abitur. Am John-Lennon-Gymnasium. So etwas gab es bei uns im Westen leider nicht. Es war halt nicht alles schlecht in der DDR, zum Beispiel lernte man, das bewies Schilling am Abend des Bundes­film­preises, gute Reden zu halten: Nach dem Spott über »das poin­ten­ge­spickte Ergebnis«, das ihm sein Reden­vor­for­mu­lierer vor seiner Laudatio auf Barbara Sukowa aufge­schrieben hatte, und das, so Schilling öffent­lich »den Wunsch nach konven­tio­neller Lange­weile aufkommen ließ«, formu­lierte er eine tolle Lobes­hymne: »Man glaubt immer, Männer hätten Angst vor intel­li­genten Frauen. Ich aber möchte Ihnen sagen, was Sie längst wissen: Das Gegenteil ist der Fall. Männer lieben intel­li­gente Frauen.«
Es war auch lustig auf Schil­lings Gesicht zu blicken, während andere »witzische« Texte verlesen wurden: Ungläu­biges, fassungs­loses Entsetzen, »Oh Boy!«

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Und die Bibel hat doch recht: David gewinnt gegen Goliath – es kam wieder, wie es meistens kommt beim Deutschen Filmpreis, jeden­falls seit er nicht mehr im Jury­ver­fahren sondern per Massen­ab­stim­mung vergeben wird: Die Preise bündelten sich auf ganz wenige Filme, aufwen­dige Groß­pro­duk­tionen sahnen die Tech­nik­preise ab (diesmal Cloud Atlas), andere, die oft nominiert sind – wie diesmal Auto­ren­kino-Veteranin Marga­rethe von Trottas Hannah Arendt – bekamen nur wenige Ausz­eich­nungen, oder gingen wie Oskar Roehlers Quellen des Lebens sogar ganz leer aus, und ein vergleichs­weise unab­hän­giger Film bekommt die Haupt­preise. Aber im Unter­schied zu Jahren, als mit der allzu luftigen Bayern-Klamotte Wer früher stirbt ist länger tot, dem schwerblü­tigen Vier Minuten oder dem Gutmen­schen­drama Halt auf freier Strecke schwache Konsens­filme über alle Ansätze zu mutigerem Kino – von Das Parfum bis zu Barbara – trium­phierten, ist Jan-Ole Gersters OH BOY! ein würdiger Sieger: Alles andere als konven­tio­nell, dabei so klug und witzig, wie es Ausländer dem deutschen Kino zwischen Wenders bis Schweig­höfer gar nicht zutrauen.

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Ausge­rechnet Oh Boy! Ausge­rechnet das Debüt von Jan Ole Gerster. Nicht weniger als acht Mal war dieses große Berliner Film­wunder bereits nominiert gewesen: Ein vergleichs­weise fast ohne Geld produ­zierter Film, der mit allen Regeln bricht, die die Nase­weisen des Kinos gern aufstellen, der theo­re­tisch alles Mögliche falsch macht: Er hat keine richtige Geschichte, und verzichtet auf Psycho­lo­gi­sie­rungen seiner Figuren. Er erzählt in Schwarz­weiß. Das darf man ja auch nicht – erinnern wir nur an die debatten zwischen michael Haneke und seinem deutschen Produ­z­enten Stefan Arndt, der Das weiße Band unbedingt in Farbe drehen wollte. Der Titel wäre dann wahr­schein­lich Das bunte Band gewesen. Aber lassen wir das.
Oh Boy handelt, das darf man bei all der guten Laune nicht vergessen, auch auf überaus kluge Weise vom deutschen Kino und vom Faschismus. Doch ja – oder gibt es ein genia­leres Bild für die deutsche Kino-Faszi­na­tion, Kino-Obsession mit Nazi-Bildern und Nazi-Stories, als das, wo Tom Schilling an irgend­einem Film-Set in Babels­berg ist, die Studio­halle verlässt, und draußen ein KZ-Häftling und ein SS-Wachmann zusammen eine rauchen?
Über dieses Bild allein könnten wir jetzt eine eigene Cinema-Moralia-Folge schreiben. Man muss nicht annehmen, dass so etwas dem Jan-Ole Gerster zufällig passiert. Und wer sich doch nicht ganz sicher, der merkte es dann am Schluß des Films, in der Bar-Szene mit Michael Gwisdek. Die ist ja auf eine angenehme, dezente Weise unglaub­lich moralisch, viel­leicht sogar mora­li­sie­rend. weil sie uns – also die Kino­zu­schauer – mit der Nase auf die alltäg­liche Obszönität unseres Lebens stößt. Die schieben wir alle gern so beiseite, und das ist wahr­schein­lich auch vernünftig, weil lebens­dien­lich. Ganz richtig ist das aber natürlich nicht, und diese Obszönität ab und zu mitten vors Gesicht gehalten zu bekommen, so dass wir nicht einfach beiseite treten und uns ihr entziehen können, und dazu noch so charmant, wie Michael Gwisdek – das genau ist der Sinn von Kunst.

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Oh Boy ist auch das Lob eines modernen Tauge­nichts. Und natürlich erzählt der Regisseur da auch über sich, zumal er in einer seiner Preis­reden die Gleichung »Nichtstun + Nach­denken = Recher­che­leis­tung« erklärte. Tatsäch­lich ist dies so: OH BOY! und seine Macher halten der hekti­schen narziss­ti­schen Kinoszene den Zen-Ansatz entgegen. Weniger ist mehr, und dies muss nicht immer das »Weniger Schnitte minus Dialoge minus Plot«-Rezept der Berliner Schule sein. Sondern einfach eine relaxedte Grund­hal­tung. Auch darin zeigt Oh Boy wie gutes Kino wirklich geht.
Nebenbei handelt der Film natürlich von allem; von Liebe, Tod und dem Sinn des Lebens

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Daher wunderte man sich (oder halt auch nicht), dass kluge Kollegen gleich wieder zu mäkeln anfingen: »Kaum einer, der ernsthaft damit zufrieden war, dass dies nun der Film des Jahres gewesen sein sollte.« Wer sollte es denn Peter, sonst bitte gewesen sein?

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Man kann trotzdem bedauern, dass, als sich am Frei­tag­abend in Berlin die Welle der Sympathie für den Außen­seiter zu einem Tsunami von Preisen verdich­tete, wieder einmal kein Platz für Diffe­ren­zie­rung war: Zum Beispiel Marga­rethe von Trotta hätte einen Regie­preis verdient gehabt. Doch für größere Fein­heiten lässt die Schwar­min­tel­li­genz der Film­aka­demie keinen Platz. Im Großen Ganzen gingen die Preise diesmal in Ordnung, und die Veran­stal­tung war zwar überlang, aber würde­voller als in den Vorjahren.
Die Film­aka­demie, das darf man fest­stellen, macht sich langsam. Unter ihren Geschäfts­füh­rern Alfred Holighaus und Anne Leppin bringen vieles besser auf die Reihe, als ihre Vorgänger.
Und bestimmt schaffen sie es auch noch, dass die Show unter gefühlten vier Stunden dauert, dass es keine Spezi­al­ef­fekte gibt, zu denen man, wäre man der böse Mensch für den einen einige halten, »Lola im Regen« oder »Lola ganz nackt« oder »er deutsche Filmpreis fällt ins Wasser« titeln könnte, und dass Fred Kogels persön­liche Super­mo­de­laus­wahl bei ihm zuhaus im Bett bleibt.

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Was sie nicht schaffen werden, ist, dass das Fernsehen sich daneben benimmt. In der radikal gekürzten, zeit­ver­set­zten Gala im ZDF – »zweite Prime-Time« spottete Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann – schnitt man Neumanns Kritik an den Sendern ganz heraus – das war noch erwartbar –, kürzte man die Preis­träger fast sämtlich, während die Lauda­toren ungekürzt blieben, und Werner Herzogs schöne lange Rede wurde auf die zwei Anfangs­sätze herun­ter­ge­stüm­melt – insgesamt ein unfass­barer, grotesk pein­li­cher Vorgang, der schon Grund genug wäre, dem ZDF die Gebüh­ren­gelder mal genauso anteilig zu kürzen und so zeit­ver­setzt zu über­weisen, wie sie die für sie arbei­tenden Produ­z­enten bezahlen.
Ande­rer­seits zeigt das die Macht­ver­hält­nisse in aller Deut­lich­keit, und ist insofern immerhin ehrlich.

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Oh Boy, Quellen des Lebens und Hannah Arendt sind der Trost in einem deutschen Filmjahr, das zum zweiten Mal hinter­ein­ander ansonsten eher schwach auf der Brust ist: Kein einziger deutscher Film in Cannes, seit Jahren erstmals kein Preis im Berlinale-Wett­be­werb, keine Oscar-Nomi­nie­rung und auch in den Schauen anderer inter­na­tio­naler Festivals ist deutsches Kino schwächer vertreten, als in den Jahren zuvor. Nur die Kasse daheim scheint zu stimmen: Respek­table 30 Prozent Markt­an­teil melden die Bran­chen­ver­bände. Blickt man hinter die Zahlen­ko­lonnen, ist schnell klar, dass die vielen Nullen auch durch künst­le­ri­sche Nullen erzeugt werden: Die neuesten Filme von Til Schweiger und Matthias Schweig­höfer bieten seichte Unter­hal­tung und polieren die Bilanzen. Dahinter herrscht Krisen­stim­mung.
Während quali­tativ hoch­wer­tiges und beim Publikum erfolg­rei­ches Kino im Ausland produ­ziert wird – bei Hanekes AMOUR gab es immerhin deutsches Geld –, in Ländern wie Frank­reich Dänemark und Öster­reich, werden zuhause noch die letzten Schlupflöcher des Auto­ren­kinos abge­wi­ckelt: Fern­seh­re­dak­tionen wie das »Kleine Fern­seh­spiel« des ZDF kürzen radikal, ebenso die ARD-Sender BR und SWR, nur der WDR ist eine Ausnahme – obwohl doch gerade erst die Gebühren gesichert wurden. 7,5 Milli­arden fließen jährlich in die öffent­li­chen Sender­häuser. Doch statt fürs Programm geben sie den Löwen­an­teil für Betriebs­renten und ihren aufge­blähten Verwal­tungs­was­ser­köpfe aus.

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Unter dem Roten Teppich rumorte es aber aus anderen Gründen heftig. Denn in sehr seltener Einigkeit macht das Deutsche Kino gegen das Fernsehen mobil. Vor der Film­preis­gala, die ja immer auch ein Bran­chen­treffen ist, veröf­fent­lichten 14 Bran­chen­ver­bände, inklusive Kino­be­treiber- und Film­kri­ti­ker­ver­band eine gemein­same Reso­lu­tion, in der sie ihren Protest gegen das Verhalten der Fern­seh­sender bündeln und erklären und das öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­sender an ihre Pflichten erin­nerten. Die Förderer der Bundes­länder dürften sie unter­s­tützen. Am Abend selbst blies dann der Kultur­staats­mi­nister ins gleiche Horn: »Das Fernsehen hat keinen Quoten­auf­trag, aber eine Grund­ver­sor­gungs­pflicht!« rief Bernd Neumann dem in der ersten Reihe plat­zierten ZDF-Intendant Thomas Bellut zu, »und zur Grund­ver­sor­gungs­pflicht gehört ohne Zweifel die Kultur – nicht als Sahnehäub­chen für Nacht­stre­cken, sondern als Hefe im Teig.«

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Schade nur, dass der enga­gierte Kultur­staats­mi­nister in seiner wahr­schein­lich letzten Filmpreis Rede sich an anderer Stelle vergriff: »Man kann demo­kra­ti­sche Verfahren nicht abschaffen, bloß, weil einem die Ergeb­nisse nicht passen.« sagte Neumann. Stimmt, wenn man es so hinschreibt. Gemünzt war der Satz auf die Kritik an der Film­aka­demie, und ihrem Preis­fin­dungs­ver­fahren, zum Teil sogar überhaupt an ihrer Rolle als Ausrichter eines öffent­li­chen Staats­preises, die im vergan­genen Jahr nicht nur aber unter anderem von verschie­denen Seiten der deutschen Film­kritik vorge­bracht worden war.
In diesem Zusam­men­hang ist der Satz natürlich Unsinn, und überdies frech, weil er seine Zuhörer für dumm verkauft. Denn Neumann weiß ganz genau, dass niemand »demo­kra­ti­sche Verfahren abschaffen« will. Gewünscht wird einfach eine Rückkehr zum altbe­währten Jury-Prinzip.
Das wird bei der Berlinale angewandt oder in Cannes. Und hat Fatih Akin etwa auf unde­mo­kra­ti­sche Weise den Goldenen Bär gewonnen? Oder war Neumann selbst, der bis 2004 in der Film­preis­jury saß, Mitglied einer unde­mo­kra­ti­schen Insti­tu­tion. Auch Jurys stimmen schließ­lich ab, und bei allem legitimen Popu­lismus, der ja auch Spaß macht, wenn man das Publikum hinter sich weiß, sollte es Neumann auch den Sympa­thi­santen des derz­ei­tigen Verfah­rens nicht allzu leicht machen. Manche von ihnen plappern dieses redu­zierte Demo­kra­tie­ver­s­tändnis dann nämlich auf der nächsten Filmparty nach, und wir müssen uns das dann anhören.

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Ein besseres Demo­kra­tie­ver­s­tändnis als Neumann haben offen­kundig auch die deutschen Film­för­derer. In einer gemein­samen Pres­se­mit­tei­lung aller deutschen Förder­insti­tute haben diese jetzt bei Angela Merkel gegen das geplante das geplante Frei­han­dels­ab­kommen zwischen der EU und den USA und gegen den schran­kenlos freien Markt protes­tiert. Sie fordern dagegen gemeinsam mit Frank­reich und der EU eine »kultu­relle Ausnahme« für die Film­för­de­rung. Es geht also nicht darum, um jeden Preis alte Pfründe zu vertei­digen, sondern um die gefähr­dete Substanz; es geht darum, ob sich Deutsch­land eine eigen­s­tän­dige Kino­kultur leisten will – die Politik will es –, und ob dieje­nigen, die davon am meisten profi­tieren, die Sender, auch etwas dafür tun wollen.
Der gemein­samen Pres­se­er­klä­rung hat sich auch der »Verband der deutschen Film­kritik« (VDFK) ange­schlossen und plädiert für eine unein­ge­schränkte kultu­relle Ausnahme zugunsten der Film­för­de­rung in Europa. Denn über Kunst und ihre Förderung kann nicht der schran­kenlos freie Markt allein entscheiden. Darum fordern die deutschen Film­kri­tiker eine kultu­relle Ausnahme der Film­för­de­rung. »In einem unglei­chen Wett­be­werb braucht das Kino die Unter­s­tüt­zung der Volks­ver­treter.« heißt es in der Erklärung des VDFK.

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Zurück zur Reso­lu­tion: Dieter Ulrich Aselmann und Thomas Frickel, Vertreter von zwei der wich­tigsten Unterz­eich­ner­ver­bände rechneten vor, dass die TV-Sender jährlich 8,45 Milli­arden (die SZ, auf die ich mich letzte Woche verlassen hatte, hatte eine Milliarde zu wenig gemeldet) Gebüh­ren­gelder erhalten, und davon nur einen Bruchteil für Kultur und Film­pro­duk­tion inves­tieren. Sie fordern, das in Zukunft mindes­tens 3,5 Prozent des Etats in die Produk­tion von Kino­filmen inves­tiert wird – das wäre immer noch weit weniger Geld, als die Sender jährlich für Sport­rechte oder für die eigenen Betriebs­renten ausgeben.
Die ARD zahlte für Sport 2012: 450 Mio Euro, also 24% ihres Programm­bud­gets, das aber nur 8% des Programms gene­rierte. Der Betrag, den die Unterz­eichner fordern, wäre 66% des ARD Budgets für Sport, 85% des ZDF-Budgets, also 33% der gesamten Sport­aus­gaben von ARD und ZDF (Dritte Programme einge­rechnet.) Wofür also gibt man sein Geld aus?
In den Kinopool der Förderung zahlt das ZDF ca 10 Mio Euro pro Jahr.
Mehr dazu beim nächsten Mal. Hier nur noch die Kern­aus­sage: »Die Ausstrah­lung kultu­reller Werke befindet sich im Programm seit Jahren auf dem Rückzug.« erklärt Aselmann, »Hiervon ist besonders der deutsche und europäi­sche Kinofilm betroffen. Ausstrah­lungs­ter­mine zur Haupt­sen­dezeit werden gestri­chen. Dabei geht es nicht um Almosen, sondern um geset­z­liche Ansprüche.« Und die Regis­seurin Nina Grosse ergänzt: »Es geht um die Rück­er­obe­rung der dem Fernsehen verlo­ren­ge­gan­genen Schicht des Bildungs­bür­ger­tums.«

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Die Film­preis­ver­lei­hung war in dem Zusam­men­hang Wasser auf die Mühlen der Filme­ma­cher: So mussten die enga­gierten Produ­z­enten von Hannah Arendt die jetzt preis­ge­krönte Darstel­lerin Barbara Sukowa und die Regis­seurin von Trotta selbst gegen den massiven Wider­stand der Sender durch­setzen. Sagen wir es offen: Keiner wollte mit Marga­rethe von Trotta noch einen Film machen. Bettina Brokemper aber, die einfach angstfrei ist, setzte sich durch.
Bei Oh Boy sind sie nur mit einer Mini­mal­be­tei­li­gung vertreten. Und der Sieger des Filmbands in Bronze, Cate Short­lands Lore, der bereits den Hessi­schen Filmpreis gewann, ist der seltene Fall eines Films ohne jede Fern­seh­be­tei­li­gung. Bis jetzt hat sich noch kein Sender gefunden, der dieses unge­wöhn­liche, sehr intensive Portrait einer Jugend in der »Stunde Null« 1945 ausstrahlen will.

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Viele Akademie-Mitglieder klagen auch darüber, dass mit Cloud Atlas ein Film die meisten (9) Nomi­nie­rungen einheimste, der gar kein deutscher Film ist. Ökono­misch viel­leicht schon, und juris­tisch auch, sonst dürfte er nicht nominiert werden. Aber mit Tom Tykwer stammt neben dem Geld nur einer von drei Regis­seuren aus Deutsch­land – Cloud Atlas spielt dort nicht, deutsch wird nicht gespro­chen, und deutsche Schau­spieler sind auch nicht zu sehen. Da schon im Vorjahr Roland Emmerichs falscher Shake­speare-Kostüm­schinken Anonymous abräumte, ist die Frage berech­tigt, ob das berüch­tigte »stupid german money« zurück­kehrt? Damit bezeich­nete man in den 90er Jahren die deutsche Unsitte, Film nur als Inves­ti­ti­ons­chance zu begreifen, und statt eigener auslän­di­sche Filme zu fördern.
Viel­leicht sollten die deutschen Förder­gelder statt in überteure Pres­ti­ge­pro­duk­tionen wie den 100 Millionen teuren Cloud Atlas besser in Filme wie Oh Boy gesteckt werden. Der hat gerade mal 300.000 Euro gekostet und ist deshalb im Vergleich auch wirt­schaft­lich der viel erfolg­rei­chere Film.

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Bitte machen wir uns diese Preis­dif­fe­renz einfach noch mal klar: 300.000 gegen 100 Millionen. Das heißt: Wenn man bei Cloud Atlas drei Prozent Kosten einge­spart hätte, hätte man dafür zehn Oh Boys machen können. Oder anders: Wenn die Film­för­de­rung, die locker 10 Millionen (eher 15, unter uns) in Cloud Atlas gesteckt hat, das Geld statt­dessen anders angelegt hätte, dann hätte sie dafür zum Beispiel 33 Oh Boys bekommen. Oder nochmal anders: Für das Geld, das Cloud Atlas gekostet hat, hätte man 333 Oh Boys drehen können und dann hätte man immer noch 100.000 für zwei Studen­ten­filme übrig (wobei Oh Boy ja selbst auf seine Art ein Studen­ten­film ist).
Alles Polemik natürlich. Das kann man ja nicht so rechnen, heißt es dann immer. Die Rechnung stimmt trotzdem.
Und jetzt die Preis­frage: Hat Cloud Atlas wirklich so viele Förder­ef­fekte, tut der Film wirklich so viel für das deutsche Kino, wie es 333 Oh Boys und zwei Studen­ten­filme getan hätten, selbst wenn die Hälfte von ihnen, oder meinet­wegen zwei Drittel richtig schlecht geworden wären. Dann blieben ja immer noch 50 saugute und 70 passable Oh Boys übrig. Und um Qualität geht es ja bekannt­lich bei der Film­för­de­rung sowieso nicht allein, sondern um Effekte. Und so richtig gut, drücken wir es mal so aus, ist Cloud Atlas ja nun auch nicht geworden.

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Es geht bei dieser irgendwie unfairen, zugleich aber auch dringend notwen­digen Gegenüber­stel­lung um die Verhält­nis­mäßig­keit der Mittel. Wofür gibt man Geld aus, und wofür nicht? Bei einem Kaufmann, der sein Geld auf eine einzige Karte setzt und voll auf Risiko spiel, statt es auf 335 Chancen zu streuen (wo die Wahr­schein­lich­keit ja besteht, dass ein, zwei so abgehen, wie Oh Boy), würde man sagen: Er zockt.

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Übrigens, to make no mistake: Stefan Arndt und Manuela Stehr, X-Filme also, hätte ich einen Preis unbedingt gewünscht und mehr als gegönnt. Denn selbst­ver­s­tänd­lich ist es eine ungeheuer große Produ­z­en­ten­leis­tung, diesen Film überhaupt zu finan­zieren. Und ein viel größeres Risiko – in dem Fall auch mit eigenem Geld und dem guten Namen – als bei vielen Filmen von Bernd Eichinger. Dass die Mitglieder der Film­aka­demie das auch irgendwie spüren, merkt man dann daran, dass die tech­ni­schen Preise bis auf »Ton« alle an Cloud Atlas gingen.
Dass der Haupt­preis »Bester Film« das dann nicht tat, hat aber seine Logik. Denn diese Ausz­eich­nung ist nur formal die für die »Beste Produ­z­en­ten­leis­tung«. Tatsäch­lich ist es die für »den Film, den wir alle mögen«
Kleine Anregung an die Film­aka­demie: Warum eigent­lich macht ihr keinen Film für die »Beste Produ­z­en­ten­leis­tung«. Idea­ler­weise hoch dotiert, von zusät­z­li­chem Kultur­staats­mi­nis­ter­geld, weil der Preis dann auch an die Firma geht, und in neue Filme inves­tiert werden muss.

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Ansonsten gilt mit anderen Worten: Schafft zwei, drei, viele Oh Boys!

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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