11.04.2013
Cinema Moralia – Folge 58

Das Filmfestival der Polizei

Mitten in Istanbul:
Das 32. International Istanbul Film Festival

Wo das Kino noch wichtig ist, werden Film­kri­tiker verhaftet, und Regis­seure gleich mit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 58. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Soll man sich eigent­lich freuen, wenn ein Kino plötzlich so wichtig wird? So wichtig, dass die Polizei mit Wasser­wer­fern, Tränengas und Knüppeln gegen Filme­ma­cher, Film­kri­tiker und eine Festi­val­di­rek­torin vorgeht, mehrere davon, unter anderem ein Jury­mit­glied für ein paar Stunden verhaftet? Oder ist das alles doch nur ein Zeichen für kultu­rellen Nieder­gang, jetzt auch in einer Stadt, die mal Kultur­haupt­stadt Europas war, und bis heute so etwas ist wie der östlichste Ort des Westens?
Der 80-jährige Costa-Gavras dürfte sich jeden­falls am vergan­genen Sonn­tag­nach­mittag an jene Zeiten erinnert fühlen, als er sich noch mit den grie­chi­schen Obristen Straßen­schlachten lieferte. Der in Frank­reich lebende, grie­chischs­täm­mige Regisseur war einer der Redner bei einer Demons­tra­tion bei der über tausend türkische Film­schaf­fende und Gäste des Inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals von Istanbul am vergan­genen Sonntag für die Rettung und gegen die Zers­tö­rung des histo­ri­schen Emek-Kinos im Herzen des Stadt­teils Beyoglu demons­trierten.

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Die Demons­tranten riefen Slogans wie »Emek und das Kapital machen keinen Deal« und »Emek gehört uns. Istanbul gehört uns«. Unter den Protes­tie­renden befand sich auch der Berliner Oh Boy-Regisseur Jan Ole Gerster. Mike Newell aus Großbri­tan­nien, Marcho Bechis aus Chile und der türkische Filme­ma­cher Erden Kiral, der 1983 auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann. Sie alle wurden Opfer der fast aus heiterem Himmel einsetz­enden Polizei­at­ta­cken. Gegen die haben mitt­ler­weile neben dem Festival und dem türki­schen Film­kri­ti­ker­ver­band auch deren deutsche Kollegen, die inter­na­tio­nale Film­kri­ti­ker­ver­ei­ni­gung FIPRESCI und »Amnesty Inter­na­tional« protes­tiert.

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Das Emek-Kino ist ein präch­tiger Art-Deco-Bau, der aus den 20er Jahren stammt und über viele Jahre das Herz des wich­tigsten türki­schen Film­fes­ti­vals war. 1993 wurde es zum letzten Mal renoviert. Die Proteste für das Kino symbo­li­sieren den Wider­stand der Zivil­ge­sell­schaft gegen den Ausver­kauf der histo­ri­schen Innen­stadt. Das tradi­ti­ons­reiche Kino soll für eine Shop­ping­mall geopfert werden.

(to be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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