21.02.2013

63. Berlinale 2013

Die schrullige alte Dame

Exposed
Exposed bringt alles durcheinander

Über Touristen-Prämien für die Stars, Dienst­boten und Diven und zwei Doku­men­tar­filme mit Spreng­po­ten­tial

Von Dunja Bialas

Berlinale: Das sind ja vor allem immer die Klagen. Über den Wett­be­werb, über Kosslick, der das größte Festival Deutsch­lands nicht gegenüber Cannes oder Venedig zu vertei­digen weiß. Darüber, dass immer nur die Zweit­garde der Stars auffährt, oder dass Film­ve­hikel program­miert werden, um mit ihnen zumindest den einen oder anderen Star auf den roten Teppich zu ziehen, und wenn's auch immer dieselben sind (Cathérine Deneuve mit dem auf sie zuge­schnit­tenen Film Elle s'en va, die unver­meid­liche Nina Hoss, dieses Jahr als Western­frau im ausge­lachten Gold von Thomas Arslan, sodann Nicolas Cage, Emma Stone, beide nur als Stimmen im stark umwor­benen The Croods zu hören, Jeremy Irons, der zur Berlinale-Vorpre­miere von Nachtzug nach Lissabon anreiste, weiter der Wett­be­werbs-Abonnent Steven Soder­bergh: dieses Jahr mit Side Effects, letztes Jahr mit Haywire, 2007 mit The Good German und 2001 mit Traffic, und sogar Jane Fonda, »die zwar keinen Film hatte, aber als Botschaf­terin eines Kosme­tik­kon­zerns« nach Berlin kam, wie die Star-Rundschau des rbb regis­triert). Jetzt gibt es sogar schon eine Auszeich­nung für die »Verbun­den­heit zum Festival«: Isabella Rossel­lini, die ihre bereits zum Auftakt der Berlinale auf Arte ausge­strahlten Mammas – eine Art Fort­set­zung von Green Porn (2008) – präsen­tierte, erhielt die »Berlinale Kamera«.
Aber was kümmern mich eigent­lich die Stars?

Ich halte es wie alle Freunde des, ja, wie soll ich sagen, Nischen­films: die eigent­li­chen Stars sind für uns die Filme. Und um diese habe ich mich reichlich gekümmert, abseits des Wett­be­werbs, auf dem ein schon fast hyste­ri­sches Augenmerk liegt. Dabei zeigte sich, dass das Forum dieses Jahr – bis auf Ausnahmen – eher schwächelte, das Forum Expanded aufgrund einer nicht zu durch­schau­enden Waghal­sig­keit in der Film­pro­gram­mie­rung (Haupt­sache unzu­gäng­liche oder dröge »Filme«) besser zu meiden war (großar­tige Ausnahme: Yugo­s­lavia der Künst­lerin Marta Popidova). Über­ra­schungen gab es dann aber im Panorama zu sehen.

New York, New York

Ausge­weidet. Gut Reno­va­tion hieß die sehr persön­liche und äußerst hell­sich­tige Doku­men­ta­tion der New Yorkerin Su Friedrich, die den Umbau ihres Viertels Williams­burg über Jahre festhält. Williams­burg ist, als der Film ansetzt, ein von Künstlern und Hand­wer­kern bewohnter Stadtteil von Brooklyn; die großen Indus­trielofts haben sich die Künstler in Eigen­in­itia­tive in beschei­dene und vor allem günstige Ateliers und Wohnraum umgebaut. Der Spirit des Viertels ist die Nach­bar­schafts­pflege: alle kennen alle, keiner ist für sich allein. Den Kiez muss man eigent­lich nicht verlassen, um ein gutes Leben zu führen.
Dann aber kommt es 2005 zu einer Neuaus­wei­sung des ehema­ligen Indus­trie­ge­biets zum reinen Wohn­viertel. Alle Werk­s­tätten (Auto­werk­s­tätten, Schrei­ne­reien, Drucke­reien usw.) müssen weichen. Die derart geschickt zwangs­geräumten Bauten werden abge­rissen, Friedrich zeichnet auf dem Stadtplan von Williams­burg die Baulücken mit rotem Edding ein und zählt dabei durch: »One, two, three – four, five. Six, seven … eighty, eighty-one, eigthy-two, eighty-three.« Am Schluss des Films wird sie bei über 200 abge­ris­senen Bauten sein, der Stadtplan ist mit roten Flecken durch­setzt, und auch Su Friedrich räumt jetzt, als eine der letzten, ihre Wohnung.
Mit anschwel­lender Wut und großem Humor erzählt Friedrich vom Beob­ach­tungs­posten ihres Fensters von den Umbrüchen. Das Zusam­men­treffen mit ihrer poshigen Nach­bar­schaft wird ihr zum Anlass zu sarkas­ti­schen Bemer­kungen über designte Hunde, die das Viertel jetzt optisch bestimmen und über die Trutz­burgen, hinter die sich die neuan­ge­kom­menen Banker & Co. zum Wohnen zurück­ziehen.
Höhepunkt des Films ist der Fund eines riesigen Fels­bro­ckens, der die Abriss­ar­beiten im Grund­s­tück gegenüber über Monate blockiert, weil die Bauar­beiter dem schweren Bunken einfach nicht beikönnen. Er wird zum letzten Symbol des Wider­stands gegen die Gentri­fi­zie­rung: als er abtrans­por­tiert wird, lässt Friedrich einen jazzigen Gospel erklingen. Das Sterben des Viertels ist nun Tatsache.

Su Friedrich ist eine begnadete Doku­men­tar­fil­merin, was sich in ihrem wachen Beob­ach­tungs­sinn zeigt. Den Film in Berlin zu zeigen, hatte natürlich noch einen verschär­fenden Aspekt, wo seit einiger Zeit nun auch Kreuzberg und Neukölln in den Gentri­fi­zie­rungssog geraten. Am Tag nach der Film­pre­miere fand eine Zwangs­räu­mung in der Berliner Lausitzer Straße statt. Su Friedrich, die selbst einmal in Berlin gelebt hatte, war anwesend und verharrte ab 7 Uhr morgens mit den Demons­tranten vor der Tür, um die Räumung zu verhin­dern. Aber sie wurden ausge­trickst: die steu­er­gel­derfi­nan­zierte Polizei verhalf der Zwangs­voll­stre­ckerin über einen Seiten­ein­gang in das Haus, und leistete damit Beihilfe für die privat­wirt­schaft­li­chen Inter­essen des Vermie­ters. So kann Staat sein. Immerhin: das benach­barte Regen­bo­gen­kino hat den Film schon mal für sich gesichert. Einen besseren Ort für seine Vorfüh­rung gibt es nicht.

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Das Panorama ist ja bekannt als Sektion, in der die Filme laufen, die irgend­etwas mit Gender zu tun haben. Dies verdankt sich dem lang­jäh­rigen Leiter und übrigens auch Forums-Mitbe­gründer Manfred Salzgeber, der sich für die schwul-lesbische Film­kultur einsetzte und ihnen mit dem Panorama eine wichtige Plattform gab. Für alle, die nicht vorder­gründig am Gender-Thema inter­es­siert sind, war dies mit Grund dafür, die Reihe eher zu meiden.
Dieses Jahr aber gab sich das Panorama sehr viel­seitig, gerade in den Doku­men­tar­filmen. Auch Su Friedrich ist eine Lesbe, was sie gleich zu Beginn ihres Films klar­stellt (und zu einer unwill­kür­li­chen »Ah nein, bitte jetzt nicht das«-Abwehr­re­ak­tion führte). Dabei beließ sie es dann aber auch. Und wir konnten erfahren: Auch schwul-lesbische Filme­ma­cher haben andere Themen als ihre eigene, kulturell-geschlecht­liche Identität.

Beth B, New Yorker Under­ground-Künst­lerin, machte die Geschlecht­lich­keit hingegen zum starken Thema ihres Doku­men­tar­films Exposed. Sie stellt die vari­an­ten­reiche New Yorker Neo-Burlesque-Szene vor. Hier geht es schon lange nicht mehr nur um den Strip­tease. Der Körper ist politisch, so könnte man es zusam­men­fassen, zeigt die Otherness innerhalb einer Gesell­schaft, die sich auf der anderen Seite mehr und mehr zu normieren versucht. Dicke Frauen, trans­se­xu­elle Männer, Behin­derte, aber auch »normale« Frauen, die besonders offensiv mit ihrer eigenen Sexua­lität umgehen, zeigen teils extrem provo­kante Perfor­mances. Getroffen hat Beth B die TänzerInnen in einem der letzten subver­siven Veran­stal­tungs­orte der Lower East Side, dem Slipper Room. Ein Film, der auch anregte, über Normen und Stan­dar­di­sie­rungen nach­zu­denken, in der eigenen beschränkten Welt der Bundes­re­pu­blik.

Arbeiter & Grund­be­sitzer

Als ich jüngst im Zuge meiner Kurator­tä­tig­keit für das Dok.fest in München einen perua­ni­schen Film sichtete, staunte ich nicht schlecht. Völlig unre­flek­tiert präsen­tierte die Filme­ma­cherin einen in Reichtum strot­zenden Haushalt, mit Haus­an­ge­stellten und der eigenen gelif­teten Groß­mutter, die herrische Anwei­sungen gab, und einem Hund, der von der Groß­mutter auf unan­ge­nehme Weise geherzt wurde.

Und so staunte ich noch mal nicht schlecht, als mir fast das gleiche Setting in dem mexi­ka­ni­schen Spielfilm Workers von José Luis Valle entge­gen­schlug. Eine an den Rollstuhl gefes­selte und geliftete ältere Dame in einem prun­kenden Haus hat nur noch eines im Leben: einen Windhund, den sie »Prin­zessin« nennt und ebenso behandelt. Für dessen Wohl­er­gehen hält sie ihr gesamtes Dienst­per­sonal auf Trab: das Zimmer­mäd­chen, die Haus­häl­terin, den Chauffeur. Als sie stirbt, setzt sie Prin­zessin als Allein­erben ein; erst, wenn der Hund – eines natür­li­chen Todes – gestorben sein wird, kann das treue Dienst­per­sonal erben. Der Plot ist natürlich vorher­sehbar (und erinnert lusti­ger­weise an Garfield 2, wo ein dicker Kater in einem engli­schen Schloss Allein­erbe ist und das Dienst­per­sonal versucht, ihn um die Ecke zu bringen). Aber es gibt noch eine Paral­lel­hand­lung: Rafael, einem Arbeiter bei »Philips«, wird die Pensio­nie­rung verwei­gert, weil er seit dreißig Jahren illegal in Mexiko lebt. Daraufhin beginnt dieser mit konse­quenter Sabotage, sich am Betrieb zu rächen.
Die große Stärke des Films war aber – last but not least im Unter­schied natürlich zu Garfield 2 – dass der Film nicht auser­zählt wurde, sondern sich vielmehr in Andeu­tungen, Stim­mungen aufhielt, auch um die beiden Erzähl­stränge inein­ander zu führen. Ein atmo­s­phä­ri­scher Film, der auf leichte und dennoch tief­grün­dige Art die Herr­schafts­ver­hält­nisse in einer unge­rechten Gesell­schafts­an­ord­nung verdeut­lichte.

Fast das gleiche Setting – reicher Haushalt, Dienst­boten, ein Haustier – gab es in dem argen­ti­ni­schen Forums-Film La Paz von Santiago Loza zu sehen. Eine Mutter, die sonst nichts zu tun hat, betüdelt ihren erwach­senen Sohnemann, der gerade aus der Psych­ia­trie entlassen wurde. Liso aber will ausbre­chen: nicht nur aus seiner proble­ma­ti­schen psychi­schen Gefasst­heit, vor allem aus der Enge der fami­liären Umsorgung. Das boli­via­ni­sche Dienst­mäd­chen hilft ihm dann schließ­lich, seinen Frieden zu finden.
La Paz ist mit großer Leich­tig­keit und Impro­vi­sa­ti­ons­gabe erzählt. Lisandro Rodriguez, der Liso spielt, hat seine eigene neun­zig­jäh­rige Groß­mutter gewinnen können, er fährt sie im Film immer wieder auf dem Motorrad durch die Stadt. Auch hier über­nehmen die stim­mungs­ge­la­denen Sequenzen in bloßen Andeu­tungen das Erzählen. Auch hier: kein starker Plot, der drama­tur­gisch voran­ge­trieben wird, sondern ein dezentes sich Entwi­ckeln der Handlung, das viel Offenheit und Spielraum, für die Akteure wie für den Zuschauer, zulässt.
Ein subtiles, subkutan wirkendes Erzähl­kino, dem hier noch andere Beispiele folgen könnten.

So gibt es im Fazit natürlich nicht »die« Berlinale. Jedes Festival setzt sich zusammen aus der Vielzahl und Unter­schied­lich­keit seiner Filme. Viel­leicht wäre es an der Zeit, die Filme durch die Sektionen zu schicken (und den Wett­be­werb neu zu bestücken). Heraus käme eine weniger lärmende Berlinale, aber viel­leicht eine, die sich einen neuen inter­na­tio­nalen Stel­len­wert als A-Festival neben Cannes und Venedig erschließen könnte, ähnlich wie Rotterdam, das sich den filmi­schen Neuent­de­ckungen verschrieben hat. Aber so viel Mut zum Leisesein im groß­schnäu­zigen Berlin wäre natürlich Kamikaze. Berlin ist und bleibt: eine schrul­lige alte Dame, die man bedienen muss. Auch wenn sie hie und da ziemlich geliftet ist.

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