16.02.2013

63. Berlinale 2013

Der aus der Kloschüssel trinkt

Birol Ünel
Birol Ünel – Remake oder Original?

Über das filmische Remake eines realen Events der letzten Berlinale

Von Felicitas Hübner

Berlinale 2012:
Der Schau­spieler Birol Ünel sollte lesen. Die Texte von Miron Zownir. Ünel sollte die Texte lesen, die Zownir in Cut-Up-Technik geschrieben hatte. Einer der bekann­teren Prot­ago­nisten der Cut-Up-Schreib­technik ist der US-ameri­ka­ni­sche Schrift­steller William S. Burroughs. Die Lesung sollte während der »Directors Lounge 8« im »Naherho­lung Sternchen« in Berlin-Mitte statt­finden. Das »Naherho­lung Sternchen« ist ein Wohn­ge­biets­klub aus DDR-Zeiten. Direkt hinter dem Kino Inter­na­tional in der Karl-Marx-Allee gelegen, bietet es dem Medien- und Film­fes­tival Unter­schlupf.

Doch Birol Ünel konnte an jenem Abend während der Berlinale im Februar 2012 nicht lesen. Er hatte seine Lese­brille nicht dabei. In einer prompt durch­ge­führten Publi­kums­um­frage fanden sich Augen­gläser mit der richtigen Dioptrien-Zahl. Ünel wurde die Brille auf die Nase geschoben, auf die Bühne gesetzt und das Manuskript in die Hand gedrückt. Als nächstens Lesehin­dernis erwies sich der Promille-Gehalt des Schau­spie­lers. Er mühte sich, er mühte sich wirklich. Weil er sich am Ende eines Textes nicht immer erinnern konnte, dass er ihn bereits gelesen hatte, las er ihn eben noch mal vor. Die Art seines Vortrags passte tatsäch­lich ganz gut zur Cut-Up-Idee. Viel­leicht hätte es auch Burroughs gefallen.

Die Ünel zur Seite gestellten Musiker machten anfangs noch freund­liche Miene zum ener­vie­renden Spiel. Miron Zownir bangte um seinen Abend und um seinen Star. Ünel stotterte zwar, verlas sich, verließ die Bühne, schwieg, trank Weißwein. Doch Zownir umgarnte seinen Vorleser, feuerte ihn an und gipfelte in dem Verspre­chen, die Musiker würden Birols Vortrag von nun an nicht mehr »unter­bre­chen«. Birol Ünel war sich seiner Bedeutung bewusst und lebte dieses selbst­be­wusst auf der Bühne aus. Die geborgte Lese­brille rutschte, die Brille fiel runter, die Brille hielt alles aus. Doch zwei Personen im Publikum beob­ach­teten dieses mit bangem Grauen: Die, die die Brille orga­ni­siert hatte und die, der die Brille gehörte.

Birol Ünel las weiter. Er griff sich einen neuen Text und verkün­dete, von nun an »querlesen« zu wollen. Das Publikum rief, dass er das schon die ganze Zeit täte.

Die Bril­len­be­sit­zerin und Verfas­serin dieses Textes konnte ihre Lesehilfe am Ende des Abends unbe­schadet aus einer Weißwein­lache retten.

Ein Jahr später.

Berlinale 2013:
Weil ein betrun­kener, berühmter Mann ein schönes Sujet bietet, kam der Autor Miron Zownir auf die Idee, den legen­dären Abend zu verfilmen. Der Film trägt den aussa­ge­kräf­tigen Titel Absturz und hatte während der Berlinale in der »Directors Lounge 9« am 10. Februar 2013 im »Naherho­lung Sternchen« seine Welt­pre­miere. Haupt­dar­steller Birol Ünel as himself. Das Publikum teils echt, teils aus befreun­deten Kultur­bio­topen rekru­tiert. So durfte zum Beispiel der Elek­tro­punker und Vertreter des modernen Arbei­ter­liedes Rummels­nuff mitspielen.

Um die Lesung der beson­deren Art wurde eine 19-minütige Geschichte gesponnen, die der beein­dru­ckenden Absur­dität des Originals nicht gerecht wurde. Birol Ünel kraucht sturz­be­trunken auf den Boden­ka­cheln des Männerklos herum. Seine alko­ho­li­sierte Kehle labt er mit frischem Wasser aus dem Steh­pin­kel­be­cken.

Da betritt eine Putzfrau die Szene. Die türkische Fachkraft für Raum­pfle­ge­an­ge­le­gen­heiten ist jung, hübsch, trägt kein Kopftuch und spricht ganz gut Deutsch, aber mit Akzent. Viel­leicht soll sie des Filme­ma­chers Alter Ego sein. Mit einer bereits vertrauten Begeis­te­rung stürzt sie dem sich auf der Toilette sitzend erho­lenden Trun­ken­bold entgegen. Sie hat den Star aus Fatih Akins Gegen die Wand sofort erkannt. Der Deutsch-Türke Ünel, Träger des Deutschen Film­preises 2004, reagiert mit diven­hafter Schnodd­rig­keit …

Eines der wich­tigsten Requi­siten des Origi­nal­abends – die Lese­brille – kam im Remake nicht vor.

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