10.05.2012
Cinema Moralia – Folge 49

Sommer mit Tegel

Die Vermissten: tollkühl & gespenstisch!

Precht statt Brecht, Die Vermissten und bewegte Bilder im Zeitalter der Eindeutigkeit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 49. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Die Münchner haben ja schon lange ihren Großflughafen auf halber Strecke nach Berlin und Nicht-Hauptstädtern ist es vielleicht egal: Aber die Lachnummer der Woche war natürlich die Absage der Eröffnung des Berliner Großflughafens. »Ende August, Anfang September« sagen die Herren des BER-Flughafens jetzt – aber sie haben keineswegs Assayas gesehen, sondern wollen nur möglichst vage bleiben. Man möchte fast wetten, dass es am Ende dann mindestens Oktober wird, so wie die Dinge hier in Berlin laufen. Gut so! Wir freuen uns, dass wir noch ein paar Mal in Tegel starten und landen dürfen. Der Flughafen ist schließlich viel schöner, klüger geplant und zentraler gelegen, als es der in Schönegeld je sein wird. Und natürlich hat der Neubau vor den Toren der Stadt, der Nicht-Ausbau von Tegel etwas mit der allgemeinen Verhässlichung und Verdummung der Welt zu tun, und insofern etwas Symbolisches.
Jetzt hat – Dialektik pur – eben diese Dummheit der Welt uns Berlinern aber noch einen letzten Sommer mit Tegel geschenkt. Genie ßen wir ihn.

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Man fragt sich im Übrigen, was denn die ganzen Berliner Filmemacher so mit diesem Sujet treiben. Es gibt gefühlt sowieso weit weniger Tegel-Filme, als es zum Beispiel in München Riem-Filme gibt, und während ich das schreibe fällt mir dieser grandiose Anfang von »Härte 10« ein, einer Fernsehserie, die ich als Kind sah, obwohl ich sie nicht sehen durfte, weil sie irgendwie als jugendgefährdend galt – erinnert sich noch wer? So etwa 1975, mit Wolfgang Kieling.
Aber was mit dem Tegel-Verweis gemeint ist: Hoffentlich dreht da einer auf dem allmählich sich verwaisenden Flughafen, hoffentlich erzählen Menschen mit guten Einfällen und leichten Kameras die ewigen Geschichten von Abschied und Ankunft, von Schicksalspassagen und Beiläufigkeit, die man nur auf Bahnhöfen, Autoraststätten und eben Flughäfen so gut erzählen kann, und fangen dabei möglichst viele gute, ewige Tegel-Bilder ein, die diesen Flughafen auf immer in unsere Gedächtnis einbrennen.

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Eine weitere Verbindung zum Kino: Tempelhof früher und Tegel heute sind genau wie die beiden Typen des alten deutschen Films. Ufa und Nachkriegszeit, dann Wohlfahrtsstaat und Wiederaufbau; Diktatur und Öffentlich-Rechtlich. Beides auf seine Art äußerst interessant und jedenfalls gut für die Kunst.
BER dagegen ist vom Aussehen und wie man diese Woche verstehen lernt, auch vom Verfahren, wie das neue deutsche Großmannskino: Viel zu teuer, überflüssig; zudem klemmt und knarzt es, jeder sieht das, keiner sagt es, Termine werden verschoben, Notausgänge funktionieren nicht, und 700 Aushilfen sollen die Türen per Hand bedienen. Der totale Wahnsinn.

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Im Kino startet diese Woche Die Vermissten von Jan Speckenbach. Ein toller Film! Vermutlich wird er einer der besten dieses deutschen Filmjahres bleiben. Konsequent wurde er in Deutschland ignoriert, auch bei guten Festivals wie der Berlinale, wo er nur – Sorry Girls – in der »Perspektive Deutsches Kino« landete. Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu: Knapp verpasste er den Auftritt in Cannes, dann verstanden ihn andere Festivals nicht. Nächste Woche schreiben wir selbst, heute zitieren wir die Kollegen: »[Jan Speckenbach] beweist seine Kunst, zu einer verunsichernden Gesellschaftsvision vorzustoßen, in einer kühlen, klaren Form, die das junge deutsche Kino stilistisch bereichert und atmosphärisch belebt.«, Ralf Schenk, Berliner Zeitung
»Was haben der demographische Wandel und das Märchen vom Rattenfänger von Hameln miteinander zu tun? Eine Gesellschaft reduziert sich, wenn immer weniger Kinder geboren werden – oder wenn sie einfach verschwinden. [...] Regisseur Jan Speckenbach zeichnet am Ende eine gespenstische Science-Fiction Welt, die nur einen Schritt weit von der Realität entfernt ist, in der der Film begonnen hat.« Nicole Ritterbusch, Radio Bremen.

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RP Kahl hat diesen tollen Film beim Berlinale-GirlsCamp als Moderator vorgestellt, und q&a-Rekorde aufgestellt, und wenn man Leuten glauben darf, die da waren, wirkte da die »Perspektive« plötzlich richtig international.

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Im ICE Bochum-München. Weiß ist ihre Farbe; sie ist unverheiratet, ein fetter, über ein Zentimeter Durchmesser runder Aluminiumklotzring hängt am Finger ihrer linken Hand, sie ist eher 60 als 50 Jahre alt, hat ihre Haare blondiert, in denen eine Sonnenbrille steckt, die Haut leicht, aber erkennbar angebräunt, wie bei einem Hähnchen in einem Delikatess-Restaurant, in Düsseldorf stieg sie zu, wo sonst, »ist der Platz noch frei« lautete ihr Befehl Platz zu machen, sitzt jetzt neben mir, getrennt durch eine imaginäre Stacheldraht-Linie, gesundes Wasser aus ihrer Evian-Flasche trinkend mit schlürfenden Geräuschen, mit weißer Armbanduhr am rechten Arm, im weißem Jeanshosenanzug, mit weißem Brillentuch den Bildschirm ihres weißen iPads abwischend, ruft sie die Website der »Vorwerk leaders conference« auf, dann die von Peek und Cloppenburg, Düsseldorferin eben, dann checkt sie ihre mails, sie bekommt welche von Wirtschaftskanzleien, Telekommunikatoren, von Eventmanagern über Golfspieler bis zu Damen aus der Führungsebene der Telekom. »Jedes Unternehmen lebt von seiner Kundenbindung« steht auf den Websites, die sie aufsucht und »Steuern sparen mit Mietbildern«, ich kann alle Namen lesen, finde Bilder von einigen von ihnen später auf den Seiten vom »Atelier Valeska«, zusammen mit CSU-Politikern von gestern und heute. Ihren eigenen Namen kann ich nicht lesen, am Frankfurter Flughafen steigt sie aus, die schreckliche Frau, ohne ein Wort noch, und sei's nur aus Höflichkeit. Ein tiefer Einblick in Deutschland in 40 Minuten.
»Ich bin Praktiker« sagt Otto Rehhagel im Sportteil der SZ. Morgen spielt er gegen Düsseldorf.

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Das ZDF schafft gerade seine letzten kulturellen Feigenblätter ab: Man kann ja über das »Nachtstudio« und erst recht »Das Philosophische Quartett« geteilter Meinung sein. Aber beides sind letzte Inseln der vernünftigen Rede in einem Meer aus Geplapper. Salons, statt Talk-Shows. Klar, dass das für manche Mainzer zu hoch ist. Noch schlimmer wird alles, wenn man hört, dass Sloterdijk ausgerechnet durch Richard David Precht ersetzt werden soll. Precht statt Brecht, Populismus statt Entfremdung. Design statt Irritation – das passt natürlich zu einem Sender, der gerade dazu ansetzt, sich selbst abzuwickeln.

In der neuen Zeit lästert Sloterdijk schon mal vorab: »Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Ob er wirklich, wie das ZDF annimmt, zu einer Verjüngung des Publikums beitragen wird, bezweifle ich allerdings. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung.«
Diese Bosheiten sind nicht ganz ohne Vorgeschichte: Unter dem Titel »Einstürzende Sandbauten« hatte Precht einmal Sloterdijk bei Cicero wirkungsvoll verrissen.

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Das »Nachtstudio« wird man noch mehr vermissen: Unbedingt – unbedingt! – können wir allen empfehlen, sich auf YouTube einmal die drei nachgerade genialen »Nachtstudio«-Folgen vom September 2001 mit Rainald Goetz anzugucken. Darin geht es ums Fernsehen, und es wird so ziemlich alles über das Fernsehen gesagt, was darüber gesagt werden muss. Weil der Planung aber die Geschichte mit den WTC-Attentaten einen Streich spielte, tritt zum Spiel der Ernst des Lebens, und es ist hochspannend dabei zuzugucken, wie es vor allem Goetz gelingt, zwischen beiden Polen die Balance zu halten. Mehr dazu demnächst

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beobachtungen, Kurzkritiken, Klatsch und Filmpolitik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kinogehers.

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