22.03.2012
Cinema Moralia – Folge 46

Und der Rest hält die Klappe...


Die Generation Kunduz

GENERATION KUNDUZ, Quantifizierung, Erfolg, und die Kultur der Subversion – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 46. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Starker Produzent nimmt schwachen Regisseur – diese unglückselige Konstellation bestimmt zunehmend das deutsche Kino. Was dabei herauskommt ist für jeden an jedem Donnerstag zu sehen: Kleine spießige Bilder auf großer Leinwand; konventionelle Geschichten, konventionelle Figuren und biedere Moral. Konsensfilme, sogenannte kommerzielle Produkte, die aber auch die kommerziellen Erwartungen in der Regel enttäuschen. Die Stärke dieser "starken" Produzenten ist natürlich nur eine gestische. Wirklich starke Produzenten lassen nämlich Regisseure zu, die ihnen auf Augenhöhe Contra bieten. Die ist filmpolitisch gewollt, denn seit etwa zwanzig Jahren erzählt man uns, dass es mit dem Autorenkino zuende sei. Stattdessen wird Produzentenkino propagiert. Das ist einer von den falschen Gegensätzen, mit denen hierzulande rhetorisch operiert wird: Autor gegen Produzent. Das ignoriert, dass es auch Autorenproduzenten gibt, und dass klassische Autorenfilmer wie Godard immer gute Produzenten an ihrer Seite hatten.

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Eine Diskussion an der Kölner IFS zum Thema, was falsch läuft, im deutschen Film. Das mag nicht neu sein, sorgte aber für viel Emotionen, weil es die abgehenden Studenten, angehenden Filmemacher sehr unmittelbar betrifft: Sie müssen in einer Landschaft Filme machen, die an ihnen zunehmend desinteressiert wirkt. Ich hätte gern vermieden, zuviel über das Fernsehen und seine unglückselige Rolle zu sprechen, aber natürlich geht es wieder vor allem darum. Versuche, weitere, aus meiner Sicht falsche Alternativen zu benennen: Kunst vs. Kommerz, weil dieser suggeriert, irgendein Filmemacher würde keinen Erfolg wollen. Natürlich ist das Unsinn. Die eigentlich interessante Frage ist die, was einer bereit ist, für den Erfolg zu tun. Inwieweit einer auf den Strich geht.

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Die Realität der Filmförderung sieht so aus: Der Ländertourismus, die Hoheit der Bundesländer bei der Filmförderung, verteuert und verschlechtert die Filme. Sie zwingt zu Zusatzkosten, und dazu mit Menschen zu arbeiten, mit denen die Filmemacher nicht arbeiten wollen. Alles wird unnötig verteuert. Sie zwingt auch zur Lüge: Fingierte Wohnsitze und Rechnungen, sowie Briefkastenfirmen sind an der Tagesordnung. Jeder weiß das, jeder schweigt. Die Omertá, das Schweigekartell der Branche gibt den Ton an.

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Über Erfolg. Mythen sind natürlich auch die meisten Begriffe und die Vorstellungen, die mit ihnen verbunden sind. Zum Beispiel der sogenannte »Erfolg«. Denn was ist schon ein Erfolg? Nehmen wir die beiden neuesten Filme von Dennis Gansel und von Christian Petzold, Die vierte Macht und Barbara. Beide sind vor zwei Wochen, am 8.März, im Kino gestartet. Beide hatten nach den ersten vier Tagen, der entscheidenden Zeitspanne für die Weitervermietung eines Films, etwa die gleiche Zahl Zuschauer: Gut 40.000. Barbara hatte dies aber nur mit halb soviel Kopien. Im Ergebnis wurden hier in der zweiten Woche noch die Kopienzahlen erhöht. Die vierte Macht flog schon aus vielen Kinos heraus. Petzold hatte also Erfolg, Gansel erlebte eine Pleite. Die deutsche Filmförderung macht solche Unterschiede freilich nicht. Sie schüttet die Referenzförderung gleichmäßig über beiden Filmen aus, und interessiert sich dabei auch keineswegs für den höchst unterschiedlichen Etat, der bei Gansel fast viermal so hoch liegt wie bei Petzold. Was Gansels Verleih natürlich ganz andere Möglichkeiten für die Filmwerbung gibt, also für das Akquirieren von Zuschauern. Apropos Denis Gansel: Er ist ein netter Mensch, kann sehr freundlich und gescheit über seine Filme reden, und sehr spannend von neuen Ideen erzählen. Wenn er allerdings eines davon realisiert, zuletzt Wir sind die Nacht und eben nun Die vierte Macht, dann fragt man sich jedes mal, wie es kommt, das ihm immer wieder jemand ein paar Millionen in die Hand gibt, und kein einziger rechtzeitig die Notbremse zieht. Denn ökonomischen Erfolg hat Gansel schon lange nicht mehr gehabt, von künstlerischem ganz zu schweigen. Nehmen wir ein anderes Beispiel für Erfolg: Hell vom Münchner Filmhochschüler Tim Fehlbaum hatte gut 200.000 Zuschauer. Ein tolles phänomenales Ergebnis für das Debüt eines Studenten, noch dazu in einem schwierigen Genre. Weil sich aber alle vom Preis beim Münchner Filmfest blenden ließen, und der Verleih vorab schwachsinnigerweise trompetete, man erwarte mindestens 500.000 Zuschauer, und Hell noch das Pech hatte am ersten warmen Wochenende des Spätsommers zu starten, gilt der Film als Misserfolg.

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Seit zehn Jahren drucken Tageszeitungen den DAX auf Seite 1 und im Feuilleton die Top-10-Filme. Aber nach Einspielzahlen. Statt nach Qualität zu fragen – also wenn schon Zahlen, dann nach dem Verhältnis von Kopienzahl und Besucherzahlen – wird Kultur quantifiziert.

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Was das Reden über Kunst und Kommerz aber offenbart, ist eine Schieflage: Denn alle Redner betonen bei solchen Gelegenheiten, dass Kunst selbstverständlich immer auch kommerziell... Aber keiner betont umgekehrt, dass Waren natürlich immer auch künstlerischen Wert... Daran sieht man: Kommerzüberlegungen sind nicht rechtfertigungsbedürftig, künstlerische aber sehr wohl. Und schlimmer noch: Wenn man dann mal nachfragt, wie sie denn künstlerischen Erfolg messen oder definieren würden, fällt keinem etwas ein, noch nicht mal die objektiv messbaren Preise, oder die diffuse »Relevanz«. Stattdessen wird gestammelt. Man kann Kunst heute, in unserer so denkbar barbarischen Epoche, gar nicht mehr definieren.

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Wird auch Afghanistan am Hindukusch verteidigt? Afghanistan ist zwar fast täglich in den Nachrichten, zuletzt erst durch den Amoklauf eines US-Soldaten und den gleichzeitigen Truppenbesuch der Bundeskanzlerin – aber was wissen wir wirklich von den dortigen Verhältnissen, von der Natur des Nato-Einsatzes und dem Alltag des Landes? Wir wissen nur, was wir gesehen haben, und weil wir wenig gesehen haben, wissen wir im Zweifelsfall das Falsche. Dem stellt Regisseur Martin Gerner, ein erfahrener Afghanistan-Reporter, andere Bilder entgegen. In seinem Dokumentarfilm Generation Kunduz, der episodisch fünf Afghanen portraitiert, aber selbst an seinen Rändern noch voll weiterer Geschichten steckt, zeigt er das Leben jenseits des Ausnahmezustands, jenseits von Krieg und truppengeschütztem Waffenstillstand: Ein zehnjähriger Schuhputzer mit erstaunlicher Einsicht, eine junge Radiojournalistin, ein Bürgerrechtsaktivist, einen Imam und einen Filmemacher. Konzentriert auf die Jugend, die ein Leben vor 9/11 und der amerikanischen Besatzung nicht kennt, erlebt man ein Land jenseits von Gotteskriegern und westlichen Interessen, in dem eine neue Generation sich in ihrem Aufbruch an Traditionen und anderen Hindernissen reibt, die sich nicht ins politische Schwarz-Weiß-Raster fügen. Akteure einer offenen Gesellschaft, die dort noch nicht existiert. Der Untertitel des Films charakterisiert die Sichtweise des normalen Afghanen: Es handelt sich um den »Krieg der Anderen«, auch der anderen Afghanen, der islamistischen Mörder im Namen Gottes und der ausbeuterischen Eliten im Namen des Profits – beides gleichermaßen korrupt. Zugleich drückt sich der Film nicht um die für hiesige Friedensfreunde und linksliberale Afghanistanversteher zumeist unangenehmen Einsichten: Dass es der Militäreinsatz des »Imperialisten« und Neo-Cons Bush war, der die Gesinnungsterroristen der Taliban vertrieb, und es so erst möglich machte, dass die emanzipierte Nazanin Radio macht, (dass sie sich aber später vom Verlobten das Weiterfilmen verbieten lässt). Dass Regisseur Ghulam Filme drehen darf. Dass die negativen Auswirkungen der patriarchalen Familienstrukturen des Landes in Workshops über »Die Rolle der Frau im Islam« zum Thema gemacht werden. Dass sich auch die vorgestellten Normalafghanen einig sind, dass »die Taliban böse« sind.
»Wenn ein deutscher Soldat hier umkommt, wird darüber im Fernsehen berichtet. Aber wenn ein Afghane stirbt, oder Dutzende, ist das egal«, sagt Nazanin. Einleuchtend beklagt Gerner die hiesige »Selbstbeschränkung« der Afghanistan- Berichterstattung, die zu einem »Bilderverbot« geführt habe. Und untergründig immer präsent ist als tabuisierte Leerstelle des westlichen Einsatzes jenes umstrittene, im Ausland vielkritisierte, im Inland in Schuldfrage und Hintergründen unter den Teppich gekehrte Bombardement von Kunduz, bei dem im September 2009 unter deutscher Verantwortung über 140 Zivilisten massakriert wurden – die bislang folgenreichste Aktion der ISAF. Gerner kehrt immer wieder zum Tatort zurück. Die Frage bleibt unbeantwortet: Wird auch Afghanistan am Hindukusch verteidigt?

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Headhunters. Der Job als Headhunter für Großunternehmen ist für Roger nur der Vorwand für seinen Hauptberuf: Als Kunstdieb gehört der Norweger nämlich zu Europas Besten. Seine bildschöne Gattin ist praktischerweise Kunsthändlerin und spickt ihn unwissentlich mit Insiderwissen. Doch als er den dänischen Manager Clas berauben will, geht einiges schief, und Roger wird vom Jäger zum Gejagten einer mordlustigen Gangstertruppe. Um Realismus geht es nie in Morten Tyldums Headhunters, der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Jo Nesbø, sondern um die norwegische Interpretation jenes Terrains, das in den letzten Dekaden vor allem die Coen-Brüder und Quentin Tarantino abgesteckt haben: Ironisch reflektierte und postmodern informierte Updates klassischer Kinogenres, die zugleich immer noch halbwegs als Genrestoff funktionieren. In diesem Fall treffen sich Kriminalfilm und Verfolgungsthriller, man begegnet gnadenlosen Killern, ulkigen Provinzbullen, absurden Toden und »witzigen« Prüfungen des eigenen Geschmacks, wie jener Szene, in der Roger sich zunächst im Plumpsklo versteckt und dann vollgesudelt durch die Nacht rennt. Das blutige Hin und her dient in letzter Konsequenz allerdings nur dem biederen Ergebnis, dass der 160 Zentimeter kleine Gernegroß von Held von seinem Napoleonkomplex kuriert wird, sein Haupthaar verliert und endlich die Frau verdient, die er schon hat.

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Das Filmmuseum Potsdam zeigt in seiner »Traumfabrik«-Ausstellung am 25. März den Film Heisser Sommer, gedreht in der DDR 1968 von Joachim Hasler. Es geht um eine Gruppe von elf Leipziger Oberschülerinnen auf den Weg an die Ostsee. Beim Trampen auf der Autobahn treffen sie zehn Jungs aus Karl-Marx-Stadt, die ebenfalls unterwegs ans Meer sind. Nachdem die Mädchen ihnen eine Mitfahrgelegenheit weggeschnappt haben, sinnen die Jungs auf Rache. Der Film hatte eine Million Zuschauer in der DDR.

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Was immer wieder zu beobachten ist in der deutschen Produzentenlandschaft: Angst vor der eigenen Courage. Fehlendes Selbstbewusstsein haben auch viele Förderer und die de facto Zweitförderer der öffentlichen Sender. Wären TV-Redakteure und Förderer wirklich selbstbewusst, würden sie es sich nicht gefallen lassen, das sie behandelt werden, als wären sie persönlich für eine Förderung verantwortlich. Sie stehen aber immer auf den Premierenbühnen, als müsse man ihnen persönlich dankbar sein. Da ist das Wulff-Prinzip: Die Verwechslung von Person und Amt. Alle bei uns vergessen: Es sind Institutionen, die fördern, nicht Personen.

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Man würde übrigens gern einmal einen TV-Redakteur sehen, der den Job eines Produzenten macht. TV-Redakteure verdienen mehr als fast jeder Produzent, aber dann haben sie vor den Treffen mit den Filmemachern noch nicht mal die Bücher gelesen.

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Es gebe »keine Fehlerkultur« in Deutschland, sagt eine Teilnehmerin in Köln, kein Ausprobieren von neuen Feldern, weil der, der irgendwo scheitere, woanders keinen Fuß mehr auf den Boden kriege. Wo wir gerade bei Kulturen sind: Es fehlt uns natürlich auch Streitkultur, die Fähigkeit, Dissens auszuhalten und auszutragen. Viele wollen es vielen recht machen, und der Rest hält die Klappe.

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Bei der Kölner Veranstaltung sprach ein Produzent, der von »Widerstand« nicht hält, stattdessen davon, wir benötigten eine »Kultur der Subversion«. Schon klar, was er meint. Ob es immer gleich Kultur sein muss? Reine Subversion genügt auch, und vielleicht bestimmt sie sowieso schon das Denken der meisten.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beobachtungen, Kurzkritiken, Klatsch und Filmpolitik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kinogehers.

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