23.02.2012

62. Berlinale 2012

Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Who is who: Paolo und Vittorio Taviani

Der Putsch der Alten: Gauck, Rehagel und jetzt auch noch die Tavianis. Aber auch Wulff – Notizen von der Berlinale, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Anke Engelke, Anke Engelke, Anke Engelke – ja, es gibt keinen Berlinale-Tag ohne sie. Es ist eine einzige Orgie der Geschmack­lo­sig­keit. Und wir meinen jetzt nicht die von ihr jeweils mode­rierte Abschluss­ver­an­stal­tung oder die Eröff­nungs­ver­an­stal­tung, die von allen, die es erlebt haben, auch von Berlinale-Mitar­bei­tern, die wir hier nicht nennen werden, als nur noch bodenlos empfunden wurde, nein, darauf kommen wir jetzt gar nicht. Wir meinen die Tatsache, dass eine Person, die für die Berlinale die Abschluss­ver­an­stal­tung und die Eröffnung moderiert, und wenn schon nicht von ihr, dann doch von einem Spon­sor­sender bezahlt wird – Schät­zungen liegen übrigens bei ca. 50.000 Euro pro Abend (wer mehr weiß, darf sich melden; Hinweise werden vertrau­lich behandelt) –, dass also eine der Berlinale vertrag­lich und ökono­misch verbun­dene Person sich nicht zu blöd ist, während der Berlinale auch noch im Auftrag des RD-Morgen­fern­se­hens »bericht­er­stat­tend« über die Berlinale tätig zu sein. Klar, wir wissen schon, dass man das Wort »Bericht­er­stat­tung« beim Morgen­ma­gazin in Anfüh­rungs­tri­chen schreiben muss. Schlimm genug. Natürlich blendet dann niemand ein: Liebes Publikum, die Frau hat übrigens die Eröffnung moderiert, wird also kaum unab­hängig berichten zu können, und wenn schon, kann man es nicht merken. In anderen Zusam­men­hängen heißt das Vorteils­an­nahme und Vorteils­ge­wäh­rung.

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Aber muss sich die Engelke auch noch bei Pres­se­kon­fe­renzen zu Wort melden? Mit pseu­do­kri­ti­schen Fragen? Kann ihr keiner sagen, dass sie erstens nicht für alles kompetent ist, und dass es zweitens doch etwas blöd aussieht, wenn sie an einem Tag zu verstehen gibt, einen Film nicht zu mögen, und vier Tage später dem Regisseur im Namen der Berlinale einen Preis über­reicht? Warum muss Anke Engelke überhaupt alles machen? Warum kann man keinen Tag diesem Gesicht entkommen?

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Apropos Vorteils­an­nahme und Vorteils­ge­wäh­rung: Wulff ist zurück­ge­treten, aber das Wulffen geht weiter. Es ist doch, seien wir mal ehrlich, kein Zufall, dass Wulff ausge­rechnet über einen Film­pro­du­z­enten und das Thema Film­för­de­rung gestürzt ist. Und dass hier mal auch Normal­men­schen gehört haben, dass es möglich ist, dass Film­för­der­fonds Landes­bürg­schaften erhalten und trotzdem jahrelang keinen einzigen Film produ­zieren.

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Es war ein sehr merk­wür­diger Samstag, der Berlinale-Abschluss­samstag in Berlin. Am Vortag war endlich Wulff zurück­ge­treten, weshalb dann die soge­nannten Leit­me­dien sich auch im Feuilleton berufen fühlten, noch einmal mit anderen Worten das zu sagen, was sie in den acht Wochen zuvor auch schon geschrieben hatten. Letzte Gele­gen­heit. Und darum blieben dann allerlei, längst beauf­tragte und geschrie­bene Berlinale-Texte unver­öf­fent­licht. Kein Platz mehr.
Im Lauf des Samstags gab es dann über den Tag hinweg allerlei Preis­spe­ku­la­tionen – für Christian Petzold sah es nach einhel­liger Jour­na­lis­ten­mei­nung gut aus, für Bence Fliegaufs unga­ri­schen Beitrag auch, »schon aus poli­ti­schen Gründen«, wie manche maliziös ergänzten, auch mit Preisen für Tabu und L'enfant d'en haut wurde gerechnet. Klar war, dass der Wett­be­werb ohne eindeu­tigen Favoriten in seine Schluss­runde ging.
Zugleich verdich­teten sich zwei weitere Gerüchte: Der 72-jährige Joachim Gauck würde Bundes­prä­si­dent werden, der 73-jährige Otto Rehhagel solle Hertha BSC vor dem Abstieg aus der Bundes­liga retten. 

Alters­weis­heit soll also Lach­num­mern wieder eine Seriö­sitäts­in­fu­sion geben, soll Pein­lich­keits­num­mern wenn schon nicht mit Qualität, so doch mit Ernst und Tugenden versorgen. Und dann geht am Abend der Goldene Bär an das 82- bzw. 80-jährige Brüder­paar Taviani. Damit hätte keiner gerechnet. Jedem der den Film Cesare deve morire gesehen hat, ist die Preis­ent­schei­dung schlei­er­haft: Ein Doku­men­tar­film wohl­ge­merkt. Ein braver biederer Doku­men­tar­film, der den Charme und alle die Probleme hat, die Filme haben, die mit Laien gedreht sind, wenn diese Laien auch noch Häftlinge sind, die im Knast Shake­speare-Stücke aufführen. Eine ignorante Preis­ver­lei­hung für einen anachro­nis­ti­schen Film.
Plau­si­blere Erklä­rungen für die Entschei­dung lauten: »Alte Säcke zeichnen alte Säcke aus.« (Eine Produ­z­entin). Mike Leigh wollte keinem jüngeren Regisseur (also Konkur­renten) die Ausz­eich­nung gönnen. Oder: Je besser Jurys auf dem Papier sind, um so schlechter sind ihre Entschei­dungen. Oder es ereignet sich einfach die Wieder­kehr der alten Männer. Am Sams­tag­abend war der Applaus für den wich­tigsten Preis dann doch sehr verhalten.

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Es gibt so ein paar Sprüche, die sterben nie. Dazu gehört der Satz von dem Begründer der fran­zö­si­schen Nouvelle Vague, von Jean-Luc Godard, es gehe im Kino nicht darum, poli­ti­sche Filme zu machen, sondern darum, Filme politisch zu machen. Die Berlinale, das sagt sie jeden­falls gern von sich selbst, ist ein sehr poli­ti­sches Film­fes­tival. Und das ist auch richtig. Genauso richtig ist aber auch das Gegenteil – dann wäre die Berlinale sehr, sehr unpo­li­tisch. Es kommt eben einfach darauf an, was man unter einem poli­ti­schen Film versteht. Poli­ti­sche Filme, das sind Thesen und Manifeste, einfache Wahr­heiten, in deren Dienst sich Kino besonders leicht stellt, die aber, ob wahr oder nicht, sehr schnell sehr lang­weilig werden. Denn was passiert mit einem Film, wenn er einfach Thesen und Ansichten verkündet? Im schlimmsten Fall wird er zu Propa­ganda.

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Auf der Berlinale lief Angelina Jolies Film über Massen­ver­ge­wal­ti­gung im bosni­schen Bürger­krieg. Ein wichtiges Thema, aber ein schreck­li­cher Film. Ist das nun politisch? Und konta­mi­niert eine hunds­mi­se­rable Ästhetik womöglich am Ende das poli­ti­sche Anliegen? Auf der Berlinale liefen mehrere Filme über das Erdbeben von Japan, über Fukushima und die Folgen. Wer hätte nicht Mitleid mit den armen Menschen. Aber ist Mitleid politisch? Es laufen auch eine Menge Filme über die Arabel­lion. Sie alle sympa­thi­sieren mit den Demons­tranten. Aber schlägt hier die Berlinale nicht die Schlachten von gestern? Ist es politisch, Mubarak auf der Leinwand noch zum zehnten Mal zu stürzen?

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Viel­leicht wäre es, wenn schon, viel poli­ti­scher, zu zeigen, dass Mubarak nicht für alles Schlimme in Ägypten verant­wort­lich gemacht werden kann, dass er ein guter Freund genau der west­li­chen Regie­rungen war, die ihn jetzt verdammen. Und dass die Demons­tranten auch nicht immer nur Gutes im Schilde führen, nicht immer unsere Unter­s­tüt­zung und Sympathie verdienen.

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Aber solche Fragen sind nicht so schööön wie die, die die Berlinale zeigt. Sie sind unbequem, und darum werden solche Filme nicht gemacht. Oder die Berlinale zeigt sie nicht. Womöglich ist es aber eigent­lich sehr unpo­li­tisch, immer nur längst gewonnene Schlachten noch einmal zu gewinnen, längst verjagte Dikta­toren wie Hui Buh, das Schloss­ge­spenst, noch einmal über die Leinwand zu jagen – zur Erbauung des wohlig geschau­erten Publikums.

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Um poli­ti­sche Aktion geht es auf seine unver­gleich­liche Art Klaus Lemke. Der deutsche Regisseur, berühmt seit 40 Jahren, bekam für sein neuestes Inde­pen­dent-Werk keine Einladung zur Berlinale. Also verkün­dete er kurz­er­hand: »Occupy Berlinale!« und demons­trierte vor dem Roten Teppich. Ein bisschen Ernst, ein bisschen Spaß­po­litik, die vor allem der deutschen Förder­land­schaft gilt, die diverse Filme­ma­cher und Produ­z­enten mit Steu­er­gel­dern alimen­tiert, Auto­ren­filmer wie Lemke aber links liegen lässt.

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Politisch Filme machen, das ist aber noch etwas ganz anderes: »Ich folge nur den Befehlen meiner Vorge­set­zten.« Diese, durch Adolf Eichmann berühmt gewordene Ausrede ist nicht gerade die glück­lichste Vertei­di­gungs­stra­tegie für einen israe­li­schen Soldaten. Wir hören sie dennoch mehr als einmal in Soldier/Citizen (Bagrut Lochamim) einem hoch­span­nenden Doku­men­tar­film aus Israel, der im »Inter­na­tio­nalen Forum des Jungen Films« seine Welt­pre­miere erlebt. Der 1965 geborenen Regis­seurin Silvina Landsmann ist mit nur 70 Minuten ein hoch­span­nender Film gelungen. Ein Insti­tu­tio­nen­por­trait im Stil von Frederick Wiseman. Und zugleich ist dies auch eine Hymne auf die Freiheit der israe­li­schen Gesell­schaft. Sie begleitet eine Gruppe israe­li­scher Soldaten beim drei­wöchigen Unter­richt in Staats­bür­ger­kunde. Der ist Bestand­teil des Angebots für Soldaten, gegen Ende des Militär­dienstes verpasste Schul­ab­schlüsse nach­zu­holen. Der in Zivil geklei­dete Lehrer erklärt seinen unifor­mierten Schüler, was Plura­lismus bedeutet, und was für Konse­quenzen es hat, dass Israel ein Rechts­staat und eine Demo­kratie ist. Dabei werden der Grün­dungs­my­thos und das komplexe Selbst­ver­s­tändnis des jüdischen Staates an der Wirk­lich­keit nach 60 Jahren und den Erfah­rungen der Soldaten im Alltag des Nahost­kon­flikts, und in Gesprächen mit Freunden und Familie konfron­tiert. Es geht hoch her, denn die Soldaten sind unter­ein­ander so uneinig, wie der Rest der Gesell­schaft. Viele der jungen Männer sind erschre­ckend unin­for­miert, und geben im saloppen Gerede auch mal einige Grund­lagen des Staates oder gleich die Mensch­rechte preis: Als einer sagt, man solle »die Araber« raus­werfen »... nach Jordanien« ist er über­rascht, zu hören, dass die Gemeinten die israe­li­sche Staats­bür­ger­schaft besitzen. Manche kommen mit der Kritik der Frie­dens­be­we­gung nicht zurecht – »Sie nennen mich Nazi. Bin ich ein jüdischer Nazi?« –, Andere haben vor ortho­doxen Juden gleich­viel Angst wie vor Muslims: »Der Tag wird kommen, an dem die Ultras und die Araber die Mehrheit sind, und den säkularen Staat abschaffen.« Wieder andere sagen, sie würden lieber in »der Schweiz oder Holland leben«, und sind verwun­dert, dass es dort auch einen Militär­dienst gibt. So wird dieser Film zum konden­sierten Portrait der israe­li­schen Gesell­schaft. Zugleich bietet er auch – mitunter erschre­ckende – Innen­an­sichten von Angst, Paranoia und Unver­söhn­lich­keit unter dem Soldaten-Männer­bund: An die Möglich­keit fried­li­cher Koexis­tenz glaubt hier niemand: Araber sind ausnahmslos Terro­risten, denen keinerlei Rechte zuge­standen werden. Wenn einer wider­spricht, ist er ein »Leftist« – aber wenn es dann die Gerichte sind, die Soldaten für Über­griffe und Verbre­chen im Einsatz verur­teilen, dann fällt der bereits zitierte Eichmann-Verweis auf den »Befehls­not­stand«. Gibt es wirklich nicht mehr aus der Geschichte zu lernen, noch nicht einmal in Israel?

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Ein besonders gelun­genes Beispiel, was politisch Filme zu machen wirklich bedeuten kann, kommt aus Deutsch­land: Christian Petzolds Wett­be­werbs­bei­trag Barbara erzählt eine mehr­schichte Liebes­ge­schichte in der DDR des Jahres 1980: Ober­fläch­lich ist das rein privat, auch wenn die Stasi einigen der Figuren das Leben schwer macht. Bei genauerer Betrach­tung ist ein auf allen seinen Ebenen ein detail­lierter Gegen­ent­wurf zu Donners­marcks Das Leben der Anderen. Die Liebe zur Kunst, also Musik, Literatur und Malerei trennt hier nicht die Guten von den Bösen, sie macht nicht das Leben besser, sondern sie ist eine Vers­tän­di­gungs­form. Und während Donners­marck eine Erlö­sungs­bal­lade vom guten Menschen erzählt, erzählt Petzold davon, das sich das Gutsein, dass sich Moral nicht in der Moti­va­tion zeigt, nicht im Predigen von Werten, sondern darin, dass einer das Richtige tut. In diesem Sinne sind die Haupt­fi­guren in Barbara fast Heilige: Ganz prag­ma­tisch stellen sie ihr Ego zurück, wenn es ganz konkret gilt, anderen zu helfen.

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Politik im Kino – das meint nicht Manifeste, nicht Thesen, und schon gar nicht, dass Filme auf der richtigen Seite stehen. Politik im Kino ist eine Haltung, die von Neugier und Fragen gesprägt ist, vom Willen zur Kritik, nicht von Versöhn­lich­keit und fertigen Antworten. Von solchen wirklich poli­ti­schen Filmen gab es auf der Berlinale 2012 immer noch zu wenige.

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