19.05.2011
Cinema Moralia – Folge 37

Leopard auf dem Sprung

Olivier Père, neuer Leiter des Filmfestivals von Locarno

Zombies statt Starrummel und die Zukunft der Filmfestivals – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 37. Folge

Antonioni, Claire Denis, Atom Egoyan, Kim Ki-duk, Haneke, Edward Yang, Catherine Breillat, Rodriguez, Hou Hsiao-hsien, Preminger – es sind beeindruckende Namen, die da, gemeinsam mit noch drei Dutzend weiteren auf der Leinwand erscheinen, repräsentiert durch kurze Filmfragmente, verbunden durch sanfte Überblendungen und eine unaufdringliche Musik. Locarno, das kleinste der großen europäischen Filmfestivals, präsentierte letztes Jahr einen neuen Trailer. Er erscheint vor den Filmen aller Sektionen, hält diese so atmosphärisch zusammen und entfaltet in wenigen Sekunden die ganze Magie und Schönheit des Kinos. Unaufdringlich, aber bestimmt erinnert er an die große Tradition dieses Festivals, eine Tradition, die in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geriet – und an die Olivier Père nun anknüpfen will.

Seit Sommer 2010 ist der Franzose Père neuer Leiter des Festivals von Locarno. 1971 in Marseille geboren, hatte er an der Sorbonne studiert und kam als Kritiker für Les Inrockuptibles an die Cinémathèque française, wo er von 1996 bis 2009 das Programm mitverantwortet hat. Zuvor hatte er in Cannes zwischen 2004 und 2009 als Chef der Quinzaine des Réalisateurs den legendären Status der Sektion als junges Korrektiv des offiziellen Programms wiedererobern können und aus dieser Nebensektion eine echte Alternative zum Wettbewerb geschaffen. Dabei gelangen ihm Coups wie der, den koreanischen Thriller The Host dem Wettbewerb abzuluchsen und Hollywood-Großmeister wie Francis Coppola oder William Friedkin mit Charme und Überzeugungskraft zu sich zu holen, aber natürlich auch Entdeckungen von bis dato unbekannten Autorenfilmern: Albert Serra und der diesjährige Berlinale-Sieger Semih Kaplanoglu wurden von Père mit ihren ersten Arbeiten nach Cannes geholt.

Genau dies ist nun auch Pères Auftrag für Locarno: Eine aufregende, unverwechselbare Verbindung von bekannten Namen, die das Tessin erneut für die großen Studios und Verleiher attraktiv machen, und das Finden zukunftsträchtiger Filmstile und neuer Regisseure. Locarno soll wieder zum Ort cinephiler Initiation werden.

Bereits der neue Trailer beweist in seiner dezenten Machart, wie viel Sinn Père für Zauber und Poesie des Kinos und den einmaligen Flair eines gelungenen Filmfestivals besitzt. Ein Festival, so betont er im Gespräch, müsse unbedingt mehr sein als nur eine Abfolge von Premieren. Er möchte Herausforderungen und Auseinandersetzung. »Wagemutig«, dieses Adjektiv will er am allerliebsten mit dem neuen Locarno verbunden wissen.

Was man sich darunter vorstellen darf, zeigte das erste Programm Pères, darunter der herausragende deutsche Wettbewerbsbeitrag Im Alter von Ellen, der zweite Spielfilm von Pia Marais. Oder der völlig andere, aber nicht weniger unerwartete White White World an. Im Zentrum des serbischen Films von Oleg Novkovic steht auch eine Frau. Erst achtzehn, immer wieder noch fast Kind, liebt sie einen anfangs widerstrebenden älteren Barbesitzer, der langsam erblindet. In flirrenden, vagen Bildern sucht die Kamera das Unklare dieser Liebesbeziehung zu fassen und deutet schon früh an, was diese amour fou in eine archaische Tragödie münden lässt – denn die beiden entpuppen sich als Vater und Tochter. Entscheidend ist auch hier die stilistische Originalität: Der Regisseur erzählt den Stoff als melancholisches Musical. Lange war Tristesse nicht so schön wie in jenen Momenten, in denen ein Selbstmörder seinen Klagegesang anstimmt: »I'll wait for you in hell! / And that's where I will kill you.« Oder wenn ein Chor von Minenarbeitern aus hundert Stimmen singt: »We eat from your eyes with golden spoons.« Auch andere Werke zeigen die Bandbreite von Pères Geschmack: Christophe Honorés Homme au bain erzählt pathostrunken vom Abgesang einer schwulen Liebe. Oder Gèraldine Bajards La lisière.

Auf Europas Kino lag also der klare Fokus in Pères erstem Programm, das deutlich verjüngt und gestrafft wurde. Nachdem Locarno im letzten Jahrzehnt arg an internationaler Bedeutung einbüßte, versucht Olivier Père seine Aufgabe zu meistern, indem er nicht weniger als das Festival neu erfindet – und damit ein wenig auch die Idee eines Filmfestivals überhaupt.

Das bedeutet zum einen, Locarno zum Ort der Offenheit – von »Humanität« sagt Père –, von Begegnungen und einmaligen Erfahrungen zu machen. Und wem das zu sehr nach Kirchentag klingt, für den sei hinzugefügt, dass der Direktor in den Wettbewerb auch einen Zombiefilm eingeladen hat und vor dem eher Gediegenes gewohnten Publikum auf der historischen Piazza Grande – jenem großartigen, aber auch schwer zu programmierenden Open-Air-Kino – neben Lubitsch-Klassikern auch Pandemie- und Monsterfilme zeigt – ein Festival als wildes Potpourri aus allen Gefühlslagen und Assoziationen der Dinge, die uns umgeben.

Das bedeutet auch das Ende eines Star-Betriebs, der längst unsinnig geworden ist und die Festivals allmählich in ihrer Substanz zerstört. Auf die Piazza kamen 2010 nicht mehr die Günstlinge des Boulevards, sondern Regisseure, die für neue Bildsprachen stehen wie der Chinese Jia Zhang-ke oder Altmeister Francesco Rosi, der politisch engagiertes Kino repräsentiert. Oder Chiara Mastroianni, die nicht nur in Honorés Film als nahezu einzige Frau einen wunderbar herausgehoben Auftritt hat, sondern auch durch ihre Eltern und ihre eigene, sehr prägnante Rollenauswahl für vieles steht, was Père vorschwebt: Autorenkino, das fesselt, das nicht snobistisch ist, sondern vor allem zu überraschen versteht.

Auch Olivier Père dürfte noch für manche Überraschung gut sein: Schon diesmal kann seine Auswahl locker mit der des letzten Berlinale-Wettbewerbs mithalten. In ähnlicher Weise, in der er einst die Quinzaine gegen den Cannes-Wettbewerb absetzte, beginnt sich Locarno unter seiner Leitung gegen die Hauptkonkurrenz des Festivals von Venedig zu positionieren – und in ein paar Jahren könnte es gelingen, Sofia Coppola statt an den Lido auf die Piazza zu holen. Der Leopard, der jedes Mal auf dem Festivalplakat eine neue Position einnimmt, ist diesmal jedenfalls im Sprung. »Siebzig Prozent« von dem, was er sich wünscht, habe er erreicht, sagt Père, und es klingt zufrieden. Im Gespräch spielt er mit den Händen mit einem Buch über die Berlinale. Nächstes Jahr will er anfangen, Deutsch zu lernen.

Am kommenden Montag, dem 23. Mai ist Père in Berlin im Roten Salon der Volksbühne Gast bei REVOLVER LIVE! (24).
Bei der Veranstaltung der Filmzeitschrift soll es im Rahmen eines Gesprächs um Festivals gehen.
Hierzu die Ankündigung der Veranstalter: »Thema des Abends ist das Festivalsystem als Utopie, Ersatz- und Antikino. Ein Gespräch über den Status Quo der Festivalwelt am Beispiel Locarno und die Perspektiven für ein Kino, dessen – soziale, politische, ästhetische – Identität in Auflösung begriffen ist.
Der Abend ist Auftakt einer losen Reihe über die Zukunft dessen, was heute Kino heißt.

23. Mai 2011 um 20 h im Roten Salon der Volksbühne
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Linienstraße 227
10178 Berlin

Rüdiger Suchsland

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beobachtungen, Kurzkritiken, Klatsch und Filmpolitik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kinogehers.

top