27. Filmfest München 2009
Filmtipps fürs Fest |
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| Marta aus Tutta la vita davanti | ||
Wie so oft in diesem Jahr, laufen die besten Filme wieder
parallel, darunter auch mein Lieblingsfilm im bisherigen
Festival.
Schon in den ersten Minuten zieht Tutta la vita
davanti von Paolo Virzì die Zuschauer in seinen Bann. Ganz
Rom verwandelt sich vor den Augen von marta, der Hauptfigur, in ein
gigantisches Ballett. Alle Passanten beginnen im Takt der Musik zu
hüpfen, die Busfahrt zur Arbeit wird zur Choreografie. Dann
setzt - wie bei Amelie - eine märchenhaft süße Stimme aus dem Off
an, die Geschichte zu erzählen. Aber anders als bei Amelie geht es
hier nicht um reisende Gartenzwerge oder Liebeständeleien sondern
um die »ernsten« Seiten des Lebens, die wirtschaftliche und mentale
Existenz. Marta ist die italienische »Generation Praktikum«. Nach
hervorragendem Uni-Abschluss in Philosophie findet sie keinen Job.
Schließlich schlägt sie sich als Babysitterin und
Teilzeit-Telefonverkäuferin durch. Wie eine Mischung aus Alice und
Amelie betrachtet sie mit staunenden Augen und philosophischer
Gelassenheit den sektenähnlichen Motivationskult und das Businessgehabe ihres
Arbeitgebers, um daraus ein Essay über Heidegger, das Teamverhalten in
Call-Centern und Big Brother zu schreiben. Besonders angenehm: Außer Marta gibt es
keine »Guten« und »Bösen«. Alle Figuren haben ihre sympathischen und ihre dunklen
Facetten. Tutta la vita davanti soll im nächsten Frühjahr
in die deutschen Kinos kommen. Wer nicht so lange warten will, muss Do. 2.7. um
17;00 Uhr in den Carl-Orff-Saal.
Wer filmische Entdeckungen bevorzugt, die noch keinen deutschen Verleih haben, ist um 18:00 Uhr im Maxx 6 bei Serbis (Service) richtig. Der neueste Film des auf den internationalen Filmfestivals gerade als Entdeckung herumgereichten philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza ist eine Art Goodbye, Dragon Inn auf Speed. Auch Serbis erzählt einen Tag im Leben eines alten Kinos und der Familie, die es betreibt und in ihm lebt. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Während der Taiwanese Tsai Ming-liang seine Geschichte mit provozierender Langsamkeit erzählt, herrscht bei Serbis Action. Schon der infernalische Straßenlärm, der den meisten Szenen als Atmo unterlegt ist, lässt keine Ruhe aufkommen. Die Kamera ist in Bewegung, folgt den Menschen durch die Gänge und Eingeweide des Kinos oder jagt eine Ziege, die sich vor die Leinwand verirrt hat. Auf der Leinwand flimmern Pornos und im Zuschauerraum bieten Stricher den titelgebenden »Service« an - einen blow job.
Etwas später, um 20:00 Uhr läuft im Maxx 3 Country Wedding, die erste Regiearbeit der isländischen Cutterin Valdís Óskarsdóttir. Ein Pärchen aus Reykjavik will eine romantische Hochzeit auf dem Lande feiern. So fahren sie mit Familie und den engsten Freunden los - in zwei gecharterten Bussen, schließlich sollen sich Braut und Bräutigam erst in der Kirche begegnen. Das Ganze ist leider wie zu schlimmsten Dogma-Zeiten mit wackliger Videokamera gedreht. Aber auch die Tugenden von Dogma sind vertreten: Eine frische Geschichte, genau beobachtete Personen und einige absurde Situationen. Vor allem aber gelingt es Country Wedding, die Spannungen und Konflikte im Bus bis zum Finale kontinuierlich aufzubauen und zu steigern. So ist beste Unterhaltung garantiert.