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"The Industry" sagt man in Los Angeles, wenn man vom Filmgeschäft
spricht - und das nicht zufällig: Film ist in unserer Gesellschaft,
mit allen Vor- und Nachteilen, die das bringt, ein Industrieprodukt.
Die Grundlage der industriellen Revolution ist die maschinelle
Fertigung; die zentrale Idee hinter der maschinellen Fertigung
ist die beliebige, präzise Wiederholbarkeit eines Produktionsvorgangs.
Welcome
to the Machine. THE LOST WORLD: JURASSIC PARK ist da. Nachdem
sich die Thrill-Mechanismen von JURASSIC PARK weltweit bei einer
ungeahnten Anzahl von Menschen als effektiv erwiesen haben, wird
nun erneut eine Horde echsenhafter Freßmaschinen auf das
Publikum losgelassen, um sich noch einmal gierig Unsummen von
Geld einzuverleiben. Das Team hinter der Kamera ist das gleiche
wie bei JURASSIC PARK, Jeff Goldblum und Richard Attenborough
übernehmen erneut die gleichen Rollen, und das Grundprinzip
(Menschen flüchten vor Dinosauriern) ist sowieso unverändert. Daß
es im Untertitel nicht etwa JURASSIC PARK II heißt, ist
konsequent und ehrlich: "Jurassic Park" ist inzwischen mehr Trademark
denn Filmtitel, und THE LOST WORLD ist eher Wiederholung denn
Fortsetzung.
Der oft gezogene Vergleich der beiden JURASSIC
PARK Filme mit einer Achter- oder Geisterbahnfahrt trifft Wesentliches.
Hier wie dort geht es darum, sich mechanisierten Momenten des
Schreckens hinzugeben, während die Technik gleichzeitig
darüber wacht, daß das Grauen in kontrollierten Grenzen
bleibt. Nichts anderes wollen im Film die Erbauer des fiktiven
"Jurassic Parks". THE LOST WORLD ist inhärent selbstreflexiv:
JURASSIC PARK (I wie II) ist letzlich nichts anderes als ein
funktionierender "Jurassic Park" - mit der Illusion größerer
Bedrohung und der Gewißheit tatsächlicher Sicherheit.
Und wie in dem dargestellten Projekt der Saurierzüchtung
geht es LOST WORLD darum, Vergangenes zu wiederholen/wieder-zu-holen
und damit ein staunendes Publikum zur Kasse zu bitten.
Insgesamt
ist die Maschine diesmal größer und böser geworden.
Die Farben sind düsterer, erdiger und kontrastreicher, und
Quantität und Level der Gewalt sind gestiegen. Selbstverständlich
sind die Spezialeffekte noch perfekter, und es gibt noch mehr
Dinosaurier, die noch mehr Menschen noch genüßlicher
zerfleischen.
Immerhin: Seine Funktion erfüllt LOST WORLD
über weite Strecken hin nahezu perfekt. Wenn jemand weiß,
welche Hebel zu ziehen und Knöpfe zu drücken sind,
um beim Publikum die gewünschten Emotionen auszulösen,
dann Steven Spielberg. Er ist einer der letzten Virtuosen des
klassischen Erzählkinos, und in einer Saison, wo andernorts
nur noch der blinde Aktionismus zu herrschen scheint, wo der
Action-Film zunehmend zu einer noch beliebigeren Aneinanderreihung
noch lauterer und größerer Explosionen verkommt, tut
es äußerst wohl, auch einmal wieder dem ehrwürdigen
Prinzip des Suspense gehuldigt zu sehen. Endlich gibt es wieder
einmal lange Sequenzen mit durchgehendem Spannungsbogen und zielgerichtetem
Aufbau zu genießen - den Labor-Trailer an der Klippe macht
Spielberg so schnell keiner nach.
Überhaupt hat es Spielberg
sich nicht einfach leicht gemacht. Er war sichtlich bemüht,
auch noch die ödesten Sequenzen des Drehbuchs (wie beispielsweise
die lästige Exposition) durch Regieeinfälle zu beleben,
und der Film hat zahlreiche wunderschöne Momente (von der
komplexen Eröffnungseinstellung bis zu einem herrlichen,
schier endlosen Close-up von Julianne Moores angsterstarrtem
Gesicht), sowie ein gerüttelt Maß an Selbstironie
(die er sich natürlich locker leisten kann).
Das Rohmaterial,
aus dem LOST WORLD zusammengesetzt ist, rekrutiert sich aus dem
Magazin der Filmgeschichte. Gefräßig bedient der Film
sich im historischen Bildervorrat; von HATARI über KING
KONG, GODZILLA, den LOST WORLD-Filmen von 1925 und 1960, JURASSIC
PARK selbst und diversen Vietnamfilmen bis hin zu NOSFERATU reichen
die Spender der cinematischen DNS, die Spielberg seinem Saurier-Spektakel
einpflanzt.
Während dieses Spiel mit Zitaten häufig
großen Spaß macht, ist es hingegen äußerst
unschön, daß Spielberg sich auch die Mechanismen zur
Darstellung des Monströsen aus dem Fundus besorgt hat, und
dabei einiges aus der Rumpelkammer der Xenophobie zum Vorschein
kommt. In LOST WORLD gilt es einmal mehr, die amerikanische
Nuklearfamilie zu retten - auch wenn diese nicht mehr so aussieht,
wie man das früher gewohnt war: am Ende des Films sitzen
nun, in Eintracht vor dem Fernseher versammelt, Jeff Goldblum
mit einer schwarzen Tochter, deren Mutter im Film nie auftaucht,
und einer Frau, mit der er nicht verheiratet ist. Aber auch
die Dinosaurier haben jetzt Familien, und die Bedrohung der schiefen
Idylle geht im Film von Ungeheuern aus, die allzu oft mit südamerikanischen
Immigranten assoziiert werden; die Botschaft, die übrigbleibt,
ist: die fiesen Einwanderer machen alles kaputt. Wenn die
Dinosaurier schließlich auf eine Insel verschifft werden,
um dort unberührt von Menschenhand glücklich zu leben,
geht es unter dem Deckmantel ökologischen Bewußtseins
darum, daß die Horden der Armen dieser Welt dort bleiben
sollen, wo sie sind, und daß sie, wenn sie sich schon vermehren
müssen, dies gefälligst bei sich daheim tun sollen.
In Deutschland könnte dieser Film glatt als unschöner
Beitrag zur Asyl- und Nachreisedebatte durchgehen.
Doch nicht
nur auf ideologischer Ebene hat der Film seine Probleme. Wie
das bei Maschinen so ist: die stete Wiederholung des gleichen
Vorgangs führt zu Abnutzungserscheinungen. Es gibt einen
Punkt, ab dem auch die schönste Dinosaurier-Attacke an Reiz
verliert, weil sie eben nur noch die so-und-so-vielte in einer
langen Reihe schöner Dinosaurier-Attacken ist. Da hilft
es auch nicht viel, wenn LOST WORLD nicht dort aufhört,
wo man es erwarten würde, sondern zum Finale noch ein paar
Umdrehungen höher schaltet und JURASSIC PARK III in komprimierter
Form gleich mitliefert. Aus der Geisterbahn wird da dann nur
vollends Kindergeburtstag. (Wenigstens wird dabei aber Drehbuchautor
David Koepp vom T-Rex gefressen - Selbsterkenntnis, erster Weg
und so...)
Der mechanisierte Schrecken bekommt so schließlich
selbst etwas Mechanisches. Wie bei einer Geisterbahnfahrt, die
zulange dauert, werden einem irgendwann die Schienen bewußt,
denen man gezwungen ist zu folgen. Und bald fühlt man sich
dann nur noch wie ein Teil einer viel größeren Maschine,
die man durch das bereitwillige Reagieren auf die Darbietung
am Laufen hält. Um eine weitere Ebene der Selbstreflexivität
zu erreichen, hätte LOST WORLD konsequenterweise noch einen
Film mehr zitieren sollen: Chaplins MODERNE ZEITEN.
Thomas Willmann
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