Una und Ray

Una

Kanada/GB/USA 2016 · 94 min. · FSK: ab 12
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch:
Kamera: Thimios Bakatakis
Darsteller: Rooney Mara, Ben Mendelsohn, Ruby Stokes, Riz Ahmed, Tara Fitzgerald u.a.
Menschen mit Gefühlen, die es nicht geben dürfte

Farbe statt Schwarzweiss

Was passierte mit Rotkäpp­chen, nachdem der Jäger sie inklusive Groß­mutter aus dem Bauch des Wolfs geschnitten hat? Führte Dorn­rößchen mit dem Prinzen, der sie aus dem 100-jährigen Schlaf geküsst hat, eine glück­liche Ehe? In Märchen werden böse Wölfe, Hexen, Schwieger- und Stief­mütter für alle Zeiten besiegt, ertränkt, verbrannt oder zumindest verbannt. In der Realität jedoch können Täter wieder auftau­chen, nachdem sie ihre Strafe verbüßt haben. Opfer leiden Jahr­zehnte unter Traumata, die die schweren Verlet­zungen bei ihnen verur­sacht haben.

In Una und Ray steht nicht der Täter bei dem Opfer wieder vor der Tür, sondern das Opfer bei dem Täter. Una zerrt ihre gemein­same, dunkle Vergan­gen­heit mit aller Macht zurück ans Licht. Aber der Reihe nach...

Una war einmal ein behütetes Kind. Zarte dreizehn, an der fließenden Grenze zwischen Mädchen und Frau. Ray war der Nachbar ihrer Eltern, eher melan­cho­lisch und satte vierzig Jahre. Mosa­ik­stein­ar­tige Rück­blenden zeigen, wie Una Ray anhimmelt und für ihn schwärmt, wie sie ihm verfällt. Er fängt eine Affäre mit ihr an. Ein paar Wochen lang ist Ray für Una die Liebe ihres Lebens. – Una für Ray ein verbo­tener Genuss, dem er nicht wider­stehen kann. Nachdem sie im Motel mitein­ander geschlafen haben, gesteht Ray, am liebsten würde er ein neues Leben mit ihr anfangen. Una ist Feuer und Flamme. Doch Ray will, bevor sie Hals über Kopf abhauen, zum nächsten Kiosk, etwas zum Knabbern kaufen. Während Una sehn­süchtig auf Ray wartet, bekommt er Gewis­sen­bisse und kalte Füße. Endlich ist ihm die Aussichts­lo­sig­keit seines Vorhabens bewusst geworden. Zu spät, um noch unge­schoren davon zu kommen...

Für das Gericht ist es ein glas­klarer Fall. Das Mädchen wurde miss­braucht, der Täter gehört hinter Gitter. Für Una sind ihre Gefühle für Ray ebenso so glasklar. Selbst als sie auf der Zeugen­bank gegen ihn aussagen soll, kreist sie hart­nä­ckig um die Frage: »Liebst du mich, so wie ich dich liebe?« Ange­sichts der Umstände ein gespens­ti­scher Gedanke. Doch Unas Gespenst, Ray, verschwindet nicht ins Reich der Vergan­gen­heit, in der er langsam, aber sicher zu einer sche­men­haften Erin­ne­rung verblasst. Obwohl sie keinen Kontakt haben, über­schattet Ray ihr Leben. Die fatale Leiden­schaft zu dem viel älteren Mann beherrscht Una weiter, sogar als erwach­sene Frau. Als sie mit Sieben­und­zwanzig erfährt, wo Ray lebt, will sie ihn unbedingt treffen. Inzwi­schen nicht mehr als leicht mani­pu­lier­bares Mädchen. Una mani­pu­liert selbst, setzt ihre weib­li­chen Reize ein, um von jedem Mann genau das zu bekommen, was sie will.

Doch was will Una noch von Ray? – Rache? Sexuelle Befrie­di­gung? Ihre Liebe ausleben, die vor fünfzehn Jahren verboten war? Braucht Unas Seele für ihre Heilung Gewiss­heit, ob Ray sie nur miss­braucht hat oder auch geliebt? Wird Una den Spieß umdrehen und das Leben des Mannes zerstören, der ihr Leben zerstört hat? Ray hat inzwi­schen eine neue Identität, einen Job, eine harmo­ni­sche Beziehung. Seine Läuterung ist glaub­würdig. Er wird ungern an seine Vergan­gen­heit erinnert. Nach der Verbüßung seiner Strafe ist das nicht nur sein gutes Recht, sondern auch eine Notwen­dig­keit, um ein normales Leben führen zu können. Denn Pädo­philie gehört zu den am heißesten disku­tierten und mit Abscheu belegten Straf­taten.

Aktuell ist die Hitze in der öffent­li­chen Diskus­sion so hoch gekocht, dass ein sach­li­cher Ton selten gewähr­leistet ist. Zu einem kühleren und damit hilf­rei­chen Umgang mit dem Thema gehört, dass die körper­liche Anziehung zwischen Erwach­senen und Jugend­li­chen bzw. Kindern im Verlauf der Mensch­heits­ge­schichte mehrmals unter­schied­lich bewertet wurde. Die Spann­breite reicht von der Befür­wor­tung, über die Duldung bis hin zum Verbot.

Der aktuelle Diskus führt sogar dazu, dass »normale« Bezie­hungen zwischen Erwach­senen und Kindern unter einem hyste­ri­schen Gene­ral­ver­dacht stehen können. Angehende Kinder­gärtner z.B. stehen unter dem Recht­fer­ti­gungs­druck, ob ihr Berufs­wunsch nicht sexuellen Motiven entspringt.

Nabokov hat schon mit seinem Roman »Lolita« (1955) gezeigt, dass eine Liebes­be­zie­hung zwischen einem jungen Mädchen und einem erwach­senen Mann mit herkömm­li­chen Opfer-Täter-Klischees wenig zu tun haben muss. Und spätes­tens nach den Verfil­mungen von Stanley Kubrick (1961) und Adrian Lyne (1997) war eine tole­ran­tere Blick­weise auf dieses Phänomen auch im Main­stream ange­kommen. Und wegen der starken, wider­sprüch­li­chen Emotionen, die das Thema auslöst, wird der Lolita-Komplex immer wieder neu erzählt und variiert.

Eine gelungene Variation wie Una und Ray, zeichnet kein stereo­types Schwarz­weiß-Bild. Sie liefert keine Argumente, weder pro noch contra. Regisseur Benedict Andrews lädt den »Lolita«-Komplex weder erotisch auf, noch verteu­felt er ihn. Die Haupt­dar­steller, Rooney Mara als Una und Ben Mendelsohn als Ray zeigen diffe­ren­zierte Porträts von Gefühlen, die es nach mora­li­schen Gesichts­punkten gar nicht geben dürfte. Fließende Übergänge zwischen Macht und Ohnmacht. Gier und Genuss. Recht und Unrecht. Vertrauen und Miss­trauen.

Ursprüng­lich war die Geschichte dieses Dilemmas kein Drehbuch, sondern ein Thea­ter­stück mit dem Titel »Blackbird«. Geschrieben hat es David Harrower. Der Drama­tiker hat es auch adaptiert und so die Vorlage für einen unge­wöhn­li­chen Film geschaffen.

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