Things. Places. Years.

Österreich 2002 · 70 min.
Regie: Simone Bader, Jo Schmeiser
Drehbuch: ,
Kamera: Anita Makris
Letzte Dokumente aus der verlorenen Vergangenheit

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Holocaust. Juden­ver­nich­tung. Endlösung. Worte, die ihren Schrecken bis heute nicht verloren haben. Taten, die unbe­greif­lich bleiben, auch 60 Jahre nach Kriegs­ende. Die Beschäf­ti­gung mit den Nazi­gräueln konzen­triert sich fast immer auf den Zeitraum der unmit­tel­baren Kata­strophe. Auf der Suche nach Antworten wendet sich der Blick zurück.

Dieser Film ist anders. Er spürt dem Nachbeben der Shoa nach und wie sie das Leben der Menschen bis heute prägt. Unter dem Eindruck des Rechts­rucks im Wahljahr 2000 haben sich zwei Wiener Medi­en­künst­le­rinnen auf den Weg nach London gemacht. Hier trafen sie Jüdinnen der ersten und zweiten Emigran­tin­nenge­ne­ra­tion, die als blutjunge Frauen oder Kinder aus Wien und Polen flüch­teten und ihre im Exil geborenen Töchter.

»In erster Linie bin ich eine jüdische Frau – alles andere hat sich geändert«, sagt eine der Inter­viewten. Aus säku­la­ri­sierten Familien stammend, hat viele erst der Holocaust zu Juden gemacht.

Die Allge­gen­wart des Abwe­senden prägt ihr Leben: das Fehlen eines Hinter­grunds, das Fehlen von Wurzeln, das Fehlen von Eltern und Groß­el­tern, Tanten und Onkeln, Geschwis­tern und Cousins. »In unseren Kreisen waren Groß­el­tern etwas befremd­li­ches«, berichtet eine der Damen. Die ältere Gene­ra­tion als selten Spezies.

Es geht nicht um Einzel­schick­sale, es geht um Persön­lich­keiten, die Frage nach der Identität und was diese Frauen jenseits ihres Jüdisch­seins mitein­ander verbindet. Die Fami­li­en­ge­schichten klammern die Regis­seu­rinnen bewusst aus -und doch schwingt sie überall mit.

Immer wieder gleitet die Kamera ruhig durch Londons Straßen. Nicht unbedingt jene, in denen Touristen flanieren, sondern die für die Inter­view­part­ne­rinnen wichtig sind.

Vielen hat sich die Angst vererbt, zu etwas zu gehören. »Der Ort, an dem ich lebe, bedeuten mir nichts«, sagt eine. Die Ufer der Themse sind nicht mehr als Ziegel­steine und Wasser. »Ich denke es ist eine bewusste Abkehr, eine Entschei­dung sein Herz nicht an Mate­ri­elles zu hängen«, sagt sie. Dinge und Orte kann man verlieren – soviel hat die Geschichte sie gelehrt.

Der Film zielt nicht auf Emotionen, bewusst haben die Regis­seu­rinnen vermieden, die Frauen aus der Reserve zu locken. Sie bieten ihnen Raum, das zu sagen, was ihnen selbst wichtig ist. Stimmen von Frauen gibt es in der Geschichts­schrei­bung immer noch viel zu selten -Historie wird zumeist nicht nur von Männern »geschrieben«, sondern auch erzählt und gewertet. Mit dieser Tradition wird mehr und mehr gebrochen. Endlich.

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