Kathedralen der Kultur

Cathedrals of Culture

Licht und Schatten moderner Pyramiden

»Churchill hat gesagt, wir formen unsere Bauwerke und unsere Bauwerke formen uns« – einmal hört man in diesem Film diesen Satz. Wie ist es, wenn man das weiter­denkt, dann mit Filmen über diese Bauwerke? Denn wenn die Geformten wieder Filme über die Bauwerke machen und auch diese Filme dann wieder uns formen...

Ein Film über Bauwerke, über Archi­tektur, also etwas, das man sehr selten im heutigen Kino sieht, ist es, was Kathe­dralen der Kultur am Ende bietet.

Kathe­dralen der Kultur – der Titel klingt pathe­tisch; sehn­suchts­er­füllt nach jenen Tagen, als das Wünschen noch geholfen hat, als das Abendland in seinen Grund­festen noch stand, und es recht einfach war zu erklären, was denn Kultur überhaupt ist. Im Wort von der Kathe­drale schwingt so vieles mit: Hoch­kultur; die Vergan­gen­heit eines sehr fernen Zeit­al­ters und nicht zuletzt auch: Gottes­dienst, Entrückt­heit, Heilig­keit.

Es ist also ein verlo­renes Paradies, das dieser Film beschwört, ein sehr schönes Idyll, über das zu spotten es gar keinen Anlass gibt. Und tatsäch­lich wäre es viel­leicht das Beste, wir könnten einfach zu dieser Utopie zurück, in eine Welt, in der alles glasklar ist und einfach.

Tatsäch­lich aber ist nicht viel heute klar und einfach und viel­leicht kam man gerade darum auf die Idee, diesen Film Kathe­dralen der Kultur zu taufen, in der Heilig­keit, die der Titel ausstrahlt, seiner bildungs­bür­ger­li­chen Gewiss­heit. Obwohl es im Grunde ganz anders ist: Im Grunde hat der Regisseur Wim Wenders einfach fünf Freunde gebeten, für eine Fern­seh­serie für den Kultur­kanal ARTE ihre Lieb­lings­bau­werke vorzu­stellen – jeweils genau 26 Minuten lang, so lang wie eine Kultur­ein­heit auf ARTE. So weit so gut, aber eben mit fast drei Stunden etwas lang und seiner Auswahl sehr zufällig, sehr will­kür­lich. Man muss schon Wim Wenders heißen, damit man so etwas überhaupt machen darf.

Wirklich bemer­kens­wert ist dieser Episoden-Doku­men­tar­film, dessen einzelne Abschnitte eigent­lich nichts mitein­ander zu tun haben, aus zwei Gründen, den zwei Gründen, die sie doch mitein­ander verbinden. Zum einen ist dies die 3D-Technik. Eigent­lich ist 3D ja schon wieder vorbei... Bei den Fans kommt sie nur begrenzt an, sie ist teuer, und für Block­buster nur begrenzt geeignet. In den letzten zwei Jahren aber verlässt diese Technik die künst­li­chen Paradiese der Super­helden und wird zur Kultur­brille: Ang Lee drehte mit Life of Pi einen stillen, poeti­schen Film. Und besonders Wim Wenders, der Veteran des deutschen Auto­ren­kinos zeigt sich als gläubiger Anhänger und Promotor der neuen Technik. Auf Pina folgt nun Kathe­dralen der Kultur...

Für Archi­tektur ist dies gut geeignet: 3D bläht die Räume in manchen Momenten tatsäch­lich so monu­mental auf, dass sie wie eine Kathe­drale erscheinen. Sie schafft aber auch Distanz – wir sehen bei 3D die Technik ja immer doppelt mit, in den Pop-up-Effekten, die Objekte scheinbar »aus der Leinwand heraus treten«, und durch die Brille, die auf unserer Nase sitzt.

Wohl weil er diese Distanz geahnt hat, und dem Ganzen selbst nicht traut, traf Wenders eine zweite folgen­schwere Entschei­dung: Die zur märchen­haften Heime­lig­keit durch eine aufge­setzte und dadurch recht aufdring­liche, distan­z­lose Pseu­do­poesie: Denn die Gebäude zum Sprechen zu bringen, das bedeutet in diesem Film, dass sie tatsäch­lich – reden.

Wie klingt es, wenn ein Gebäude redet? Zum Beispiel wie ein Hörbuch, das Meret Becker liest: »Scharoun hat mich entworfen nah einer Grundidee von drei inein­ander verschach­telten Penta­grammen. Niemand weiß genau, wie diese Idee entstanden ist. Auf jeden Fall bin ich so selber zu einem riesigen Musik­in­stru­ment geworden – und einem außer­ge­wöhn­li­chen Raum­körper.«
Hier handelt es sich um die Berliner Phil­har­monie – das Bauwerk, das Wenders selbst ausge­sucht hat.

Oder es klingt, wie im Fall des Centre Pompidou wie post­mo­dernes Bildungs­fern­sehen mit der Stimme von Ulrich Matthes: »Ich bin eine lebendige pulsie­rende Kultur­ma­schine. ... Nach all den Jahren habe ich mich an die ständige Beob­ach­tung durch unzählige Millionen Augen gewöhnt.«

So ist es in der Praxis eher niedlich als heilig, was Wenders tut. Ob er damit der Kultur, die er im Titel so beschwört, einen Dienst erweist, darf man bezwei­feln. Denn ist nicht gerade dies das Problem unseres Umgangs mit Kultur? Die Vernied­li­chung des Sperrigen, die Verein­fa­chung des Kompli­zierten, das Konsu­mier­bar­ma­chen von allem und jedem. Die Illusion, dass man alles in den gleichen 26 Minuten erklären und irgendwie abschließend vers­tänd­lich machen kann.

Diese Kritik am Grund­an­satz des Films ändert aller­dings nichts daran, das er sich lohnt, Denn in zwei Beiträgen kriti­siert der Film gewis­ser­maßen sich selbst. Da wäre zum einem Robert Redford. Seine Vorstel­lung des kali­for­ni­schen »Salk Institute«, eines moder­nis­ti­schen Bauwerks aus Beton, Holz und Glas, Redford nimmt sich die Freiheit auf den frag­wür­digen Audio-Kommentar des Gebäudes einfach zu verzichten. Statt­dessen hört man eine Collage aus Tönen und Stimmen. Auch hier aller­dings mit viel Musiksoße, auch hier im Predi­gerton des Bekehrten. Denn auch Redford hat große Botschaften.

Am besten gelungen in diesem sehr sehr merk­wür­digen Projekt ist der Beitrag des vor ein paar Wochen verstor­benen öster­rei­chi­schen Regis­seurs Michael Glawogger.

Er erzählt von der russi­schen Natio­nal­bi­blio­thek in Sankt Peters­burg. Sein Beitrag ist eine Ode wie ein Abgesang auf das Buch, das in den Schluchten des Digitalen immer mehr verschwindet. Glawogger erzählt vom Verlust des Hapti­schen, des Geruchs alter Bücher, aber auch der Zettel­kästen alter Archive und des Wissens der Archivare, das an ihnen hängt. Er hat an Wenders' Projekt gerade deshalb teil­ge­nommen, weil er ein erklärter »3D-Skeptiker« war, der den Verlust des analogen Filmkorns beklagte.
Und Glawogger erzählt nicht so sehr vom Gebäude sondern von den Menschen, dem Wandel der Buch­kultur von der Bibel zum Kindle. Bei ihm spricht nicht das Gebäude, sondern Menschen und Literatur. Hier muss man Kultur nicht bestaunen, hier lebt sie einfach. Ein tolles Vermächtnis.

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