Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin

Österreich 2001 · 90 min. · FSK: ab 12
Regie: André Heller
Drehbuch: ,
Kamera: Othmar Schmiderer
Schnitt: Daniel Pöhacker
Darsteller: Traudl Junge
Traudl Junge

»Ich hätte ihnen lieber etwas Schöneres zum Abschied geschenkt«, sagt der Führer zu seiner blut­jungen Sekre­tärin und reicht ihr eine Zyan­ka­li­kapsel. Mehr als 50 Jahre danach erzählt Traudl Junge von ihrer Arbeit für Hitler, dem Attentat, dem surrealen Tanz auf dem Vulkan während der letzten Tagen im Bunker.

Di 81-Jährige ist eine begnadete Erzäh­lerin. Der 25-minütige Monolog, der den eindrucks­vollen Höhepunkt dieser Doku­men­ta­tion bildet, ist ein außer­ge­wöhn­li­ches Zeit­do­ku­ment. Da sitzt eine Frau, die sich intensiv mit der Vergan­gen­heit ausein­an­der­ge­setzt hat und mit der Frage nach der eigenen Schuld. Kein Wort der Rech­fer­ti­gung kommt über ihre Lippen. Anschau­lich berichtet sie, was sie sah, dachte, fühlte. Was hier vor der laufenden Kamera passiert, hat fast die psycho­lo­gi­schen Dimen­sionen einer Beichte. Jahr­zehnte hat sie wenig über diese Zeit gespro­chen. Anfangs hatte niemand Interesse an ihren Aufzeich­nungen. Nur G.W. Pabst hat sie für seinen Film Der letzte Akt 1955 als Beraterin hinzu­ge­zogen. Jetzt strömen die Worte unauf­haltsam aus ihr heraus, bis sie erschöpft zusam­men­sinkt. Hinter den geschlif­fenen Formu­lie­rungen spürt man den uner­träg­li­chen Druck, der sich über Jahr­zehnte aufgebaut hat. »Ich frage es mich noch heute: Wie es sein kann, dass ich nicht gespürt habe, dass dieser höfliche Mann ein solches Ungeheuer gewesen ist.« Abge­schottet im engsten Kreis, sei sie zu nahe dran gewesen am Zentrum des Gesche­hens: Im toten Winkel der Geschichte. Und der Zuschauer stellt sich die Frage, wo wohl sein persön­li­cher toter Winkel verborgen liegen mag.

André Heller und Othmar Schmi­derer waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein unge­heurer Glücks­fall. Dankens­werter Weise verzichten sie auf großes Equipment. Da ist nur diese gepflegte Dame in ihrer winzigen Einzim­mer­woh­nung in Schwabing und erzählt. Keine Archiv­auf­nahme zerstört die Bilder, die vor dem geistigen Auge des Zuhörers aufsteigen: Hitler, der seine treu ergebenen Hündin Blondie Kunst­stück­chen vorführen lässt. Hitler, der niemals Blumen in seinem Zimmer haben will, weil er nichts Totes um sich haben mag. Hitler, der sich nur ungern von Menschen berühren lässt. Die Banalität des Bösen wird greifbar.

Schließ­lich berichtet sie von dem Tag, an dem sie die volle Wucht der persön­li­chen Verant­wor­tung traf. Jahre nach Kriegs­ende kam sie an einer Gedenk­tafel für Sophie Scholl vorbei: »Da hab ich gespürt, dass es keine Entschul­di­gung ist, wenn man jung ist.« Das Gefühl, nichts gewusst zu haben von dem millio­nen­fa­chen Mord und darum frei von Schuld zu sein, zerbricht. Seither hat sie der jungen Frau, die sie einmal war, nicht verzeihen können.

Heller und Schmi­derer doku­men­tieren auch Traudel Junges Reak­tionen auf den ersten, dreis­tün­digen Zusam­men­schnitt. Gebannt hängt sie an ihren eigenen Lippen. Viel zu anek­do­tisch sei das erzählte, sagt die Zeit­zeugin kritisch. All die Geschichten seien ange­sichts der unge­heu­er­li­chen Taten völlig unwichtig. Mit der gekürzten Fassung des Films ist sie dann zufrieden.

Traudl Junge stirbt einen Tag nach der Premiere auf der Berlinale. Kurz zuvor hat sie noch mit den Filme­ma­chern gespro­chen: »Ich glaube, ich beginne mir nun zu verzeihen«, hat sie gesagt.

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