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Dead Man Walking gehört zu einer Kategorie Film,
der man sich kaum entziehen kann. Die Geschichte einer Nonne,
die einem Todeskandidaten eines Gefängnisses im Süden
der USA während seiner letzten Tage seelischen Beistand
gewährt. Sie will immer nur das Gute, dabei gerät
sie aber zwischen die Fronten der Befürworter und Gegner
der Todesstrafe. Der gute Mensch von New Orleans. Doch während
Schwester Helen - gespielt und getragen von Susan Sarandon
- bis über den Tod des Mörders unbefleckt strahlt,
gerät der Film unter die Räder.
Tim Robbins inszeniert eigentlich den Streit von Altem und
Neuem Testament in der amerikansichen Gesellschaft von heute.
Hier Auge um Auge - Zahn um Zahn, dort Vergebung und Nächstenliebe.
Schwester Helens seelsorgerischer Weg führt sie an Abgründe
eines Rechts- und Strafvollzugssystems, das von Moral und
Gerechtigkeit spricht und ihr doch nur Haß und Unmenschlichkeit
vor Augen führt. Auch die Kirche fällt ihr noch
in den Rücken, anstatt ihn ihr zu stärken. Ihre
Position gar nicht erst rechtfertigen zu wollen, gehört
zu den Stärken der Figur Helen, wie des Filmes selbst:
Sprachlosigkeit kann überzeugender sein als Argumente.
Gegenüber Poncelet allerdings fehlen ihr die Worte
keineswegs. Als die verschlossene, vom Haß zerfressene
und von Angst hohle Figur des Mörders schließlich
Reue zeigt, fließen die Tränen auf und vor der
Leinwand. Schwester Helen knüpft Kontakt zu dem zu Hoffnungslosigkeit
Verurteilten, indem sie Gemeinsames sucht. Beide, so bemerkt
sie zu Anfang, lebten mit den Armen. Als sie ihm später
erklärt, auch Jesus sei ein Rebell gewesen und deswegen
gefährlich für die Regierung, muß Poncelet
dies auf seine Weise mißverstehen.
Obendrein, wenn man an die Hinrichtung denkt, in der Poncelet
auf ein Bett geschnallt wird, das seitlich noch Armstützen
hat. Solchermaßen gekreuzigt richtet er noch ein letztes
Wort an die Angehörigen der Mordopfer hinter der schützenden
und trennenden Glasscheibe. Er bittet um Vergebung. Unverzeihlich.
Im Zustand vollkommener Rührseligkeit übersieht
man die gefährliche Botschaft hinter der frohen: mußte
Poncelet sterben, um bereuen zu können? Oder aber: durch
was wird seine Reue besser konserviert, als durch die unmittelbar
darauffolgende Hinrichtung, der man zusammen mit den Angehörigen
der Betroffenen, mit dem ach so idealtypisch herzensguten
Anwalt und Schwester Helen beiwohnt, die ihm im Bewußtsein
seines unmittelbaren Todes noch "I love you" zuflüstern
darf, ohne sich selbst oder ihrem Gelöbnis untreu zu
werden?
Die Hinrichtung selbst läuft in zwei Schritten. Zuerst
wird dem Kinozuschauer die Abartigkeit der Hinrichtung sowie
die der haßerfüllten Zeugen gezeigt. Um ihn aber
dann an die Seite zu den guten Betrachtern zu stellen. Dann:
langsames Close-up direkt vor die sich trübenden Augen
des Sterbenden. Dort, wo es keiner merkt, ist Kino am obszönsten.
Die im Film strapazierte Parallele zu Jesus gewinnt hier
neuen Sinn: Poncelet stirbt für alle. Für seine
Tat, für den inneren Frieden der Angehörigen der
Opfer, aber auch für eine wunderbar platonische Liebe,
für das System und für das politsch korrekte Publikum.
Gegen guten Willen scheint der Kopf machtlos.
Patrik Metzger
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