Cactus

Australien 2007 · 89 min.
Regie: Jasmine Yuen-Carrucan
Drehbuch:
Kamera: Florian Emmerich
Darsteller: Travis McMahon, David Lyons, Bryan Brown, Shane Jacobson, Daniel Krige u.a.
Ein Ford als Heimstatt in der Wüste

On the Road Again

Zwei dunkle Gestalten rangeln in der schwarzen Nacht mitein­ander. Glas­scherben liegen auf dem Boden, und der Kampf führt die beiden Männer von dem Haus auf die Straße. Der junge Mann, nur mit Boxer­shorts bekleidet, wird nieder­ge­schlagen und mit einer Spritze betäubt. Dann wird er im Koffer­raum eines Autos verstaut, und die Fahrt kann losgehen. Die Austra­lierin Jasmine Yuen-Carrucan lässt ihren ersten Film, ein Roadmovie, in der Tiefe der Nacht beginnen, mit einem dunklen Ereignis. In der Eingangs­szene wird man Zeuge, wie ein profes­sio­neller Wett­spieler Eli (David Lyons) von John Kelly (Travis McMahon) entführt wurde. Dahinter steckt ein anonymer Auftrag­geber, der John immerhin einen roten Ford Fairmont „Bonnie“ zur Verfügung gestellt hat, mit dem er sich auf den Weg durch das karge Outback macht, um seine schwere Ladung gegen 20 000 austra­li­sche Dollar einzu­tau­schen.

Fortan sind die Bilder fiebrig aufge­laden. Die flim­mernde Hitze der austra­li­schen Weite lähmt die Körper. Und als würde der Film von dieser zähflüs­sigen Lang­sam­keit ange­steckt, sind die nach­fol­genden Bilder geprägt von Über­blen­dungen. Immer wieder sieht man die Kilo­me­ter­an­zeige des roten Ford, immer wieder wird man so der Weite der Wüste gewahr, die nur durch die geplanten Stationen markiert wird. Sie allein sind Anhalts­punkte im Nirgendwo. Nach jeder Etappe stellt John den Kilo­me­ter­stand wieder auf Null, als würde die Fahrt jedesmal wieder von vorne beginnen, aber auch in der Hoffnung, dass der Weg, der hinter einem liegt, damit ein für allemal gelöscht wäre, als wäre ein Neuanfang möglich, der viel­leicht sogar Glück verspricht.

In der Ödnis der Wüste und der Gleich­för­mig­keit der Fahrt werden Mini­mal­er­eig­nisse zu einem gewal­tigen Hand­lungs­ein­bruch: Ein Zug rast plötzlich wie ein Pfeil durch eine Land­schafts­auf­nahme und Schüsse kommen aus dem Nichts. Schon längst durfte der gekid­nappte Eli den Koffer­raum verlassen, und der Wüsten­trip wird nun auf engstem Raum gemeinsam durch­litten. Dabei löst sich die Distanz zwischen den beiden Insassen fort­schrei­tend auf, je weiter sie in die Wüste und in die Geschichte des Anderen eindringen. Der geschlos­sene und beklem­mende Raum des Autos wird für die beiden Männer mehr und mehr zu einem Raum der Sicher­heit, der sie vor der Trocken­heit und dem lauernden Tod der Wüste schützt. Wie Blut rast der rote Wagen durch die Straßen, den Adern der Wüste. Die Kilo­me­ter­an­zeige bestimmt den Puls.

Doch das rote Auto, das sich so wunder­voll von der Einöde absetzt, kann nicht beide Männer retten. Als John unvor­her­ge­sehen die geplante Straße verlassen muss und beide Männer aus dem Auto steigen, sind sie dem Gesetz des Outbacks ausge­lie­fert.
 Der Hüter dieses Gesetzes ist Sheriff Rosco (Bryan Brown), der mit einer quasi­gött­li­chen Macht die Wüste beherrscht. Rosco verfährt nach dem Prinzip »Gleiches mit Gleichem vergelten«. So wie die Niko­tin­pflaster ihn von seiner Niko­tin­sucht befreien sollen, kann in seinen Augen ein Verbre­chen nur durch ein Verbre­chen getilgt werden. – Choose the wrong road and you’re...Cactus-dead, wie es in der Wüste heißt.

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