27.08.2015

»Und dann sind sie dem Volk ausgeliefert...«

Der Klassiker, den schon die alten Römer konnten: Die Schildkrötenformation

Die Regis­seurin Marie Wilke über ihren Film Staats­diener, unser Bild der Polizei und den Souverän, die Bürger

In ihre Lang­zeit­do­ku­men­ta­tion Staats­diener zeigt die Regis­seurin Marie Wilke jetzt die Welt der Polizei aus Sicht junger, ange­hender Poli­zisten. Gedreht über drei Jahre ohne Zensur durch die Insti­tu­tionen, wie Wilke betont, entstand ein Film in der Tradition der Insti­tu­tio­nen­por­traits von Frederick Wiseman, des berühmten Groß­meis­ters des Direct Cinema.
Marie Wilke arbeitete als Regie- und Produk­ti­ons­as­sis­tentin bei zahl­rei­chen Spiel- und Doku­men­tar­kurz­filmen sowie als Film­vor­füh­rerin, bevor sie in Bozen Doku­men­tar­film­regie studierte. Parallel zum Studium schrieb sie Film­kri­tiken und begann, als Editorin zu arbeiten.
Nach dem Diplom studierte sie u.a. bei Jutta Brückner, Heinz Emigholz und Harun Farocki an der Univer­sität der Künste in Berlin (Expe­ri­men­telle Medi­en­ge­stal­tung) und arbeitete als Editorin für Doku­men­tar­filme, Nach­richten und Repor­tagen u.a. für ARD, arte und RAI.
Seit 1999 dreht Wilke eigene Doku­men­tar­filme und ist als Dozentin tätig, unter anderem an der HFF in Potsdam-Babels­berg. Staats­diener ist ihr erster Kinofilm.

Das Interview führte Rüdiger Suchsland.

artechock: Der Titel »Staats­diener« sugge­riert eine gewisse Distanz zum Thema...

Marie Wilke: Ist das so? Distanz spielt natürlich mit rein, aber man kann den Titel in beide Rich­tungen lesen. Ich habe ihn von einem Poli­zisten. Zu mir meinte er: »Ich möchte 'Staats­diener' sein.« Das war mir zuvor noch nie ironie­frei begegnet.

Was stand am Anfang, warum macht man einen Film über die Polizei?

Wilke: Zu dem Ort der Poli­zei­schule bin ich zufällig gekommen. Als ich da war, habe ich viele Themen vorge­funden, die mich sowieso schon inter­es­siert haben: Die Poli­zei­schüler simu­lieren Realität und üben das Handeln »als Staat« ein. Das fand ich sehr spannend: Wie können Menschen als Vertreter des Staates agieren. Das habe ich so sehen können, dass ich es filmisch auch beob­achten konnte. Dann dachte ich sofort: ich will einen Film darüber machen!

Du nimmst dabei eine neutrale Beob­ach­ter­po­si­tion ein…

Wilke: Für mich war es immer mein Ansatz, weit vom Thema zurück­zu­treten, und gewis­ser­maßen drauf zu blicken, wie jemand von einem anderen Stern, der sich anguckt, wie Menschen eigent­lich Gesell­schaft orga­ni­sieren. Wenn man so hinguckt, dann wird es auch schon schnell fast komisch.
Erstmal ist es ja eine unglaub­lich tolle Idee, dass jeder Einzelne von uns sein Recht, Gewalt auszuüben überträgt auf eine Staats­ge­walt, die streng nach Gesetz handelt. Nur sind dies ja wieder Menschen. Dieses Konstrukt einer­seits als Theorie an der Schule zu beob­achten – denn da wird das Ideal gelehrt: Ich bin Polizist. Wie trete ich auf? – und dann zu sehen, was passiert, wenn das auf die Realität trifft. Das war für mich so spannend.

Jetzt haben die Poli­zei­schüler, die Du portrai­tierst selber oft eine für mich erstaun­liche Distanz. Sind die reprä­sen­tativ ausge­wählt?

Wilke: Ich habe mit ca. 100 Bewerbern gespro­chen, und sie während der Aufnah­me­prü­fung beob­achtet, auch gleich mit der Kamera. Da habe ich relativ schnell gemerkt, wer mich inter­es­siert. Ich wollte nicht die »bunten Hunde«. Ich habe nicht geschaut: Wer ist besonders außer­ge­wöhn­lich?
Es war aber am Ende eine Bauch­ent­schei­dung: Wo ist eine gewisse Brüchig­keit? Wer hat im Gespräch viele Fragen formu­liert? Wer stellt sich selbst gewisse Fragen? Ich hatte eher den Blick: Wer sind »typische Poli­zisten«?
Und natürlich mussten sie inter­es­siert und offen für den Film sein.
Es waren dann fünf Leute, die jetzt nicht alle gleich viel im Film sind, die ich vom ersten bis zum letzten Tag drei Jahre lang beob­achtet habe. Jetzt ist deren Ausbil­dung fertig und sie sind seit März voll im Einsatz.

Du hast auf Kommen­tare und Erklä­rungen verzichtet. Was war Deine Haltung als Filme­ma­cherin?

Wilke: Ich traue jedem Zuschauer zu, viel zu sehen und zu entdecken. Ich wollte einfach an den Ort hin gehen und beob­achten, was passiert. Ich habe kurz überlegt, was man wissen muss.

Aber ist das am Ende nicht zu schwer für den Durch­schnitts­zu­schauer? Beim »Kleines Fern­seh­spiel« des ZDF geht das noch...

Wilke: Es war schon ein Kampf – kann ich so ganz allgemein sagen. Ich bin mit den Redak­teuren schon klar gekommen. Wir haben ja ARTE-»Grand Format«. Redak­teure sind Anne Even und Olaf Grundert – das ist ein Format, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Autoren-Hand­schrift zu pflegen.
Es ist aber sicher in Deutsch­land nicht einfach, so etwas zu machen.

Man denkt natürlich an Frederick Wiseman. Gab es andere Vorbilder?

Wilke: Frederick Wiseman liebe ich sehr. An der UdK habe ich bei Harun Farocki studiert, und auch Raymond Depardon liebe ich einfach. Er hat auch einen Film über die Polizei gemacht.

Man könnte sich den Film auch so vorstellen, dass Brüche stärker ausge­spro­chen sind, dass die Figuren selber mehr zu Wort kommen, dass noch andere zu Wort kommen: Die Ausbilder etwa. Warum das alles nicht?

Wilke: Mich selbst inter­es­sieren Filme nicht sehr, die mir etwas erklären wollen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas erklären will. Der Film beob­achtet und er zeigt, er bietet eine Fläche an, auf der jeder etwas anderes entdeckt.
Ich wollte keinen Prot­ago­nis­ten­film. Mir ging es um diesen Prozess. Wir sind bei den Prot­ago­nisten, aber kommen nicht allzu nahe an sie heran. Absicht­lich. Ich habe versucht eine Balance zu halten.
Der Blick aufs Ganze ist mir wichtiger. Der Blick aufs Ganze wäre verstellt gewesen, wenn man zu sehr in die Gefühls­welt der Personen gegangen wäre.
Bei »Polizei« denken viele an »Polizei-Gewalt«. Aber ich wollte nicht in so eine Themen-Schiene. Klar: Poli­zei­ge­walt gibt es, es ist auch ein rele­vantes Thema, aber ich wollte es vermeiden, dass der Blick zu eng ist.

Kann man denn diesen Unter­schied zwischen Zeigen und Erklären, zwischen Stel­lung­be­ziehen und Wert­neu­tral­b­leiben überhaupt so klar ziehen? Wir wissen ja: Schon die Auswahl ist Wertung...

Wilke: Ganz ehrlich: Ich hatte keine Meinung über die Polizei. Wenn ich nicht neugierig gewesen wäre, hätte ich diesen Film nicht gemacht. Ich versuche auch nicht, subtil doch noch eine Botschaft zu vermit­teln. Es ist für mich wirklich ein Blick auf eine Insti­tu­tion.

Ich finde im Übrigen, dass es sogar um Poli­zei­ge­walt geht...

Wilke: Schön, dass Du das so siehst. Denn ich finde auch: Es ist sehr stark drin. Es geht ja ständig um Macht und Miss­brauch von Macht. Wie weit gehe ich?

Gibt es eine ideale oder gewünschte Haltung?

Wilke: Offenheit. Ich hoffe, dass die Zuschauer mit einer sehr klaren Haltung irritiert werden.

Jetzt erleben wir auch das »Volk«, die Bürger... Ein guter Effekt für den Film. Wir sehen Neonazi-Demons­tra­tionen und so kommt der Film in dieses aktuelle Fahr­wasser: PEGIDA und jetzt dieser Tage der Mob, der gegen Flücht­linge demons­triert...
Warum das?

Wilke: Darum. Weil die natürlich auch den Staat ablehnen. Der Souverän will nicht mitmachen. Der Dreh war vor Pegida, das sind Neonazis, die demons­trieren – die Pegida-Sache war für mich wie ein Echo von dem, was ich schon vorher sehen konnte. Wichtig war mir diese massive Staats­feind­lich­keit zu zeigen. Zu zeigen, dass die alle den Staat ablehnen. Da ist ja eine Riesen­k­luft.
Es gibt da eine generell ableh­nende Haltung.

Ich kann mir vorstellen, dass es einige Zuschauer gibt, die erwarten ein nega­ti­veres Bild der Polizei, und die würden es auch von Deinem Film erwarten. Jetzt im Kontrast zu den Neonazis kommt es mitunter so rüber: Das sind die, die für uns die Kohlen aus dem Feuer holen, die für den Staat einstehen...

Wilke: Nein. So sehe ich das nicht. Die holen nicht für uns die Kohlen aus dem Feuer. Es gibt einen bestimmten Moment, wo ein einzeler Polizist als Stimme der Vernunft den Nazis entge­gen­tritt. Ein großer Film-Moment.
Natürlich sind nicht alle so. Poli­zisten sind ja keine aktiven Staats­ver­tei­diger. Die haben ihr Gesetz und da müssen sie sich einfach dran halten. Und dann sind sie dem Volk ausge­lie­fert, wie das sich benimmt.

Es ist schon ein bestimmter Charakter, der zur Polizei geht. Leute, die gerne Macht ausüben, die viel­leicht stärker als andere das Bedürfnis haben, sich an etwas fest­zu­halten. Wir leben ja in Zeiten, in denen Polizei stärker infrage gestellt wird. Der Apparat jeden­falls, nicht der einzelne...

Wilke: Ich bin auch mit grund­sätz­lich negativem Bild von Polizei aufge­wachsen. Allein schon ein Begriff wie »Staats­ge­walt«.
Man hätte gerne, dass es die nicht gibt. Dass es keine ordnende Macht braucht. Aber gerade das hat mich provo­ziert.

In Frank­reich hat man ein ganz anderes Bild von Polizei: Poli­zisten sind da oft Feinde der Macht, Ermittler als Stell­ver­treter des Volkes, Vertreter der Ideen von 1789.
Wie ist in Deutsch­land denn unser spezi­elles Verhältnis zur Polizei beschaffen?

Wilke: Es ist mir ganz oft begegnet, dass sich Bürger »beherrscht« fühlen. Merk­würdig. Man könnte ja auch sagen, dass es gut ist, dass es keine tota­litären Tendenzen gibt, dass wir nicht von irgend­einem Regime beherrscht werden.
Die Vorur­teile über Polizei treffen nicht zu. Es bewerben sich sehr viele Leute für Poli­zei­schulen.

Woran liegt das? Sicherer Beruf?

Wilke: Sicherer Beruf! Was ich wirklich sagen kann: Diese Poli­zei­schule hat mich echt über­rascht. Die haben eine Auswahl­ver­fahren... da hieß es schon öfters: Mann sind die soft. Es geht nur um psycho­lo­gi­sche Tests. Jeder der auch nur einen Funken Aggres­si­vität zeigt, oder extre­mis­ti­scher Haltung, der wird sofort aussor­tiert. Die sind super­vor­sichtig und haben alle wahn­sin­nige Angst davor, dass sich tota­litäre Tendenzen fort­setzen. Da tut sich irre viel.
Bei einer Demo von Fußball­fans werden Poli­zisten laufend bepöbelt. Das ist ganz normal, das wird nicht geahndet.
In Frank­reich haben die Poli­zisten eine derartige Autorität, da würde keiner wagen, das zu tun, und wenn doch, dann liegen sofort Zehn auf dem drauf.

Man hat keine Achtung vor dem Staat...

Wilke: Eigent­lich nicht. Der ist ein Gegner. Aber nicht eine unan­tast­bare Auto­ritäts­figur.

Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Hat die Nazi-Zeit auch noch das gute Vers­tändnis von Staat verdorben?

Wilke: Ich glaube es ist etwas typisch Deutsches. Wir sind durch Phasen gegangen, durch die andere Länder nicht gegangen sind. Was Autorität, Macht und Macht­miss­brauch angeht. Es ist eine ganz logische Konse­quenz.

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