25.2.2016

»Kino ist was anderes als nur Filme sehen«

Filmfest-Glamour dank Mario Adorf, Geraldine Chaplin und Eberhard Hauff. Und Christian Ude. (Foto: CU Pictures, 2007)

Ein Gespräch mit Alt-OB Christian Ude über die drei großen Ks: Kino, Kneipe, Kabarett

Das Gespräch führte Dunja Bialas

Zur Person: Neben seinen Ämtern als Kultur­bür­ger­meister und OB war er 24 Jahre lang auch im Aufsichtsrat der Filmfest München GmbH, mal als Vorsit­zender, mal als Vize: Christian Ude. Er bezeichnet sich als »Cineast von Kindes Beinen an«, er ist mit vielen Filme­ma­chern, Schau­spie­lern und Autoren befreundet und leitet seit 28 Jahren das Kultur­forum der Sozi­al­de­mo­kratie in München, das seither eine anspruchs­volle Filmreihe bietet.

An einem sonnigen Mittag Ende Januar fahre ich bei eisigen Tempe­ra­turen ins Herz von Schwabing, um denje­nigen zu treffen, der über zwanzig Jahre der mäch­tigste Mann Münchens war: Alt-Ober­bür­ger­meister Christian Ude. Allein die Tatsache, dem zu begegnen, der die Geschicke der Stadt leitete, verändert meine Sicht auf die Dinge: Als meine U-Bahn wegen einer kaputten Tür nicht weiter­fahren kann, bin ich fast versucht, mich dem Verkehrs­schicksal zu über­lassen und meine Verspä­tung beim Ex-OB mit einem Hinweis auf den stör­an­fäl­ligen MVV zu entschul­digen. Um die Bürger­per­spek­tive zu forcieren? Ich entscheide mich dann aber doch für ein Taxi und auch dafür, tunlichst Fragen à la Wie war es als OB? zu vermeiden. Gespannt bin ich darauf, wie sich das legendär druck­reife Sprechen von Ude im persön­li­chen Gespräch mani­fes­tieren wird. Mir öffnet ein sichtbar entspannter und äußerst gut gelaunter Christian Ude die Tür zu seiner Schwa­binger Wohnung am Kaiser­platz. Erst am Vorabend stand er zusammen mit André Hartmann auf der Bühne bei Heppel & Ettlich. Sein Sprechen ist deutlich rheto­risch model­liert, dabei schön münch­ne­risch einge­färbt, mit Abtö­nungs­par­ti­keln wie »eigent­lich«, »tatsäch­lich« und »natürlich« als Lieb­lings­wörter. Meine erste Frage richtet sich an Ude als Mitbe­gründer des Kultur­fo­rums, das gerade seine Früh­jahrs­film­reihe in den Kinos Münchner Freiheit gestartet hat: Zeit für ein Gespräch über Kino, Kneipen – und über seine dritte Leiden­schaft: Das Kabarett.
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Artechock: Zur Zeit läuft in den Kinos Münchner Freiheit wieder die Filmreihe des Kultur­fo­rums der Sozi­al­de­mo­kratie zum Thema »Zeitgeist und Zeit­ge­schehen«. Gerade war auch Ihre Partei­freundin, die Arbeits­mi­nis­terin Andrea Nahles, mit ihrem Film­pro­gramm »Futurale« zu Gast in München. Mit dieser Filmreihe illus­triert sie aus sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Perspek­tive bestimmte Thesen von Politik und gesell­schaft­li­cher Entwick­lung. Welchen Stel­len­wert haben Film und Kino für Sie, als ehema­liger Ober­bür­ger­meister und als Privat­mensch?

Christian Ude: Tatsäch­lich seit meiner Kindheit einen ganz maßgeb­li­chen Stel­len­wert, wobei es enorme Schwan­kungen gab. Es gab während des Studiums Jahre, in denen ich in keiner Woche den Kinogang verpasst habe, und es gab in der Amtszeit natürlich Jahre, wo ich nur in der Filmreihe, die meine Frau im Kultur­forum macht, und beim Filmfest München Kinofilme im Kino gesehen habe. Es standen ganz einfach keine Abende zur Verfügung!

Wie sah das Kino Ihrer Kindheit aus?

Es war bei mir so ähnlich wie wohl bei den meisten Schwa­binger Kindern: Wir sind ins Studio Isabella gegangen, ich mit meinem Großvater, der jedes Jahr ein paar Monate in München lebte, und da durfte ich den Film aussuchen, meist waren es Cowboy-Filme – aber noch nicht Winnetou – eher das Gary-Cooper-Frühwerk. Nach dem Kino bin ich mit meinem etwas ratlosen Großvater, der den Filmen nicht so viel abge­winnen konnte, im John-Wayne-Schritt nach Hause gegangen.

Und dann kamen die ersten Semester des Studiums. Da wurde das Studio in der Isabel­lastraße, was bei mir gleich um die Ecke war, zunehmend abgelöst vom Türken­dolch: Da konnte man viel mehr Studen­tinnen und Studenten kennen­lernen. Zentrale Bedeutung bekam auch das Arri. Ich muss ganz ehrlich gestehen: Nicht etwa wegen der Filmkunst, die dort zeitweise auch zu sehen war, sondern wegen Eddie Constan­tine. Immer Mittwoch Abend gab es den Eddie-Film. Das war ein Erlebnis sonder­glei­chen: Das Publikum kannte den Film in- und auswendig und spielte mit. Viele Studenten hatten gleich ein ganzes Tragerl Bier mitge­bracht, so dass man immer auch Freibier bekam. Die kannten alle die Filme und versuchten, mit Zurufen die drohenden Ereig­nisse abzu­wenden, was natürlich nicht gelang. Das ging so: »Eddie, Eddie, Vorsicht! Von rechts!« Ich wusste überhaupt nicht, was das soll. Aber tatsäch­lich kam dann bald rechts hinter dem Vorhang die Pistole hervor, und Eddie wurde ange­schossen. Die Warnungen waren völlig vergeb­lich. Das Erlebnis zeigte mir: Kino ist was anderes als nur Filme sehen.

Welche Filme haben Sie am stärksten beein­druckt?

In den 60er Jahren habe ich die maßgeb­li­chen Filme, die man als Filmkunst bezeichnen kann, im Occam-Studio von Fritz Falter* gesehen. Am nach­hal­tigsten hat mich Die Brücke von Bernhard Wicki beein­flusst, den ich später als Bürger­meister noch kennen­lernen durfte. Es hat mich in einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Einstel­lung enorm bestätigt, dass eine Abitur­klasse zu Beginn des Sommers sinnlos aufge­rieben wird, das war so empörend und beun­ru­hi­gend, dass man einfach pazi­fis­tisch einge­stellt werden musste! Der andere Film war Alexis Sorbas, auch einer dieser großen Schwarz­weiß­filme, die sich viel mehr einge­prägt haben als vieles Buntes später – wie auch M von Fritz Lang, oder die Filme von Orson Welles, die nur in Schwarz­weiß möglich und denkbar waren. Bei Alexis Sorbas ist es so, dass ich eigent­lich überhaupt keinen Grie­chen­land­bezug hatte. Denn ich war ja nicht einer dieser einge­bil­deten Pinsel vom huma­nis­ti­schen Max-Gymnasium, ich kam vom neusprach­li­chen Oskar-von-Miller-Gymnasium. Wir hatten den schöneren Turm, einen riesigen Schulturm, aber eben kein Grie­chisch! Auch an Urlaub in Grie­chen­land war überhaupt nicht zu denken, der Gardasee war das höchste der Gefühle. Und trotzdem hat der Film in mir eine tiefe Grie­chen­land-Sehnsucht ange­stoßen, die dann später auch ein poli­ti­sches Thema wurde, mit den grie­chi­schen Studenten und Gewerk­schaf­tern, die zur Zeit der Militär­junta hier im Exil lebten und zu uns Jung­so­zia­listen kamen. Als ich dann wirklich nach Grie­chen­land kam, hatte ich immer den Alexis Sorbas im Herzen.

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»Seit Alexis Sorbas habe ich die fixe Idee, ich würde gerne Sirtaki tanzen wollen.«

Erst später, als ich den Film wieder­holt gezeigt habe, auch in der Filmreihe oder beim Filmfest München, habe ich mich gefragt: Wie konnte ich mich eigent­lich dafür begeis­tern? Das ist ja schreck­lich, was man da zu sehen bekommt! Emotional sind viele Szenen großartig und bewegend. Aber wie hier mit einer angeblich unsitt­li­chen Witwe umge­gangen wird, das würde man heute für isla­mi­schen Funda­men­ta­lismus halten! Es war aber ein grie­chi­sches Dorf, das eine Frau gestei­nigt hat, weil sich eifer­süch­tige Männer, die sie gerne selber gehabt hätten, in ihrer Schein­hei­lig­keit zu Gewalt­tä­tig­keiten haben hinreißen lassen. Oder die Klage­weiber! Die das Haus schon plündern, während sie noch den letzten Schnau­ferer macht. Wider­liche Szenen! Aber das war mir beim ersten Betrachten des Films überhaupt nicht bewusst. Ich fand das großartig und emotional aufrüh­rend und aufregend. Seitdem habe ich die fixe Idee, ich würde gerne Sirtaki tanzen wollen.

Das ist ja genau die Doppel­deu­tig­keit, die man bei Filmen erleben kann: Filme trans­por­tieren Inhalte, die eben nicht eindeutig als Thesen formu­liert werden, sondern eine weitere Spanne aufweisen. Was dann über die Politik hinaus­geht. Man hat auch mit Lebens­in­halten zu tun, die Wider­sprüch­lich­keiten aufzeigen und ganz viel Emotion beinhalten können. Welche Rolle geben Sie der Politik im Film?

Ich würde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass die Politik oder einzelne Politiker, und seien sie im Ruhestand, dem Film sagen sollen, was er zu sein habe. Das wäre ein instru­men­ta­li­sierter Film, und damit hätte er seine Unschuld verloren, bevor die erste Klappe fällt. Film muss künst­le­ri­sches Ausdrucks­mittel sein. Wenn das am Ende nur der Aufruf ist zum Gewerk­schafts­bei­tritt oder zur richtigen Wahl­ent­schei­dung, dann ist das mit Sicher­heit ein schau­er­lich schlechter, banaler und bald dahin­wel­kender Film. Es muss um Wesent­li­ches gehen, um das mensch­liche Leben, und natürlich können poli­ti­sche Inhalte nicht ausge­klam­mert werden. Fragen der Wert­schät­zung werden zu Politik. Wie das mensch­liche Leben konkret abläuft, hat nicht immer, aber in vielen Fällen mit Politik zu tun und wird davon beein­flusst. Film darf daher auch nicht program­ma­tisch unpo­li­tisch sein, weil da ein viel zu großer Teil der Realität ausge­blendet würde. Deswegen haben Filme mich natürlich auch immer politisch bewegt.

Spontan fallen mir da zwei Werke ein: Das war Fahr­rad­diebe von Vittorio de Sica, den wir einmal zu Schul­jahrsende gucken durften, mit einem eigent­lich platten Hand­lungs­strang: Einem Arbeits­losen, der gerne als Plakat­kleber die Familie durch­bringen würde, wird das Fahrrad gestohlen. Und weil er damit seinen Job verlieren würde, stiehlt er ein anderes, wird dabei aber geschnappt. Unsere Schul­klasse hat vor Zorn gebebt. Dieser Film hat ein soziales Gerech­tig­keits­ge­fühl geschärft: Gib jedem eine Chance! Das hat poli­ti­siert. Sehr viel später habe ich Costa-Gavras' Z gesehen, wo man mitbe­kommt, wie rechter Terror abläuft. Ein liberaler Politiker fällt einem Anschlag zum Opfer, nachdem er ausdrück­lich den anwe­senden Poli­zei­prä­si­denten aufge­for­dert hatte, für Recht zu sorgen. Das war unglaub­lich aufwüh­lend. Das waren poli­ti­sche Erleb­nisse!

Die Filmstadt München veran­staltet seit 1985 Film­reihen, die auch Filme zeigen, die politisch bewegen. Sehen Sie in kultu­rellen Veran­stal­tungen einen gesell­schaft­li­chen Auftrag? Oder steht die Pres­ti­ge­frage im Vorder­grund, wie es anfäng­lich beim Filmfest war, damit sich die Stadt schmücken kann?

Ich finde, Film­po­litik darf nie die Absicht verfolgen, bestimmte Filme mit einer bestimmten Sicht­weise zu stützen. Dann hätten wir ja wirklich den Film als verlän­gerten Arm jewei­liger Mehr­heits­ver­hält­nisse. Film­po­litik hat dem Film zu dienen. Und da haben Sie genau das richtige Thema ange­spro­chen: Das war beim Filmfest anfäng­lich nicht der Fall. Das heißt: ganz am Anfang schon, in der Stunde der Zeugung. Ich habe damals noch einige der Betei­ligten gekannt, wie Alexander Kluge und Eberhard Hauff, die eine Förderung des Film­ge­sche­hens und der Film­ak­zep­tanz durch ein Festival wollten. Aber es passierte das glatte Gegenteil unter Ober­bür­ger­meister Erich Kiesl, das ist so unstrittig, dass man es auch nach seinem Tod sagen darf. Er hat mit der Wahl eines Mode­di­rek­tors (Alfred Wurm, Anmerkung d.Red.) zum Festi­val­leiter deutlich gemacht: Ihm ging es um ein gesell­schaft­li­ches Event, das mit cine­as­ti­schen Einstel­lungen und Absichten nicht das Geringste zu tun hatte. Er flog für irrwit­zige Spesen nach Amerika, um sich anzu­schauen, wie Glamour im Land der unbe­grenzten Möglich­keiten ausschaut. Das war der zweite Wahnsinn. Dann kam der Ausstieg der Filme­ma­cher, die gesagt haben: Das ist nicht unser Ding. Es war der CSU-Bürger­meister Winfried Zehet­meier, der das Filmfest gerettet hat. Er ist als Kultur­bür­ger­meister an die Sache heran­ge­gangen und hat die Filme­ma­cher rein­ge­holt, nicht den Mode­ma­cher und die Gesell­schafts­tanten und die Klatsch­ko­lum­nisten. Das waren die richtigen Weichen­stel­lungen, aber erst im zweiten Anlauf.

Dann war die Wahl für Eberhard Hauff, Film­pro­du­zent und Bruder des Filme­ma­chers Reinhard Hauff, zum Festi­val­di­rektor die richtige Entschei­dung, denn er war unglaub­lich vernetzt, mit Filme­ma­chern unter­schied­li­cher Couleur. Die waren sich durchaus uneins! Bei dem Thema aber, was ein Festival für den Film bringen soll, waren sich alle einig. Sie haben Hauff als ihren Vertrauten und Macher des Festivals empfunden.

Ich habe in meiner Amtszeit versucht, den Etat aufzu­sto­cken, was immer gelungen ist, mit sehr film­kun­digen Leuten beim Freistaat Bayern. Das muss man sagen: Die Film­för­de­rung in Bayern ist neben der nordrhein-west­fä­li­schen die beste in Deutsch­land. Professor Schäfer, der bei jeder Aufsichts­rats­sit­zung des Filmfests dabei war, ist ein hoch­karä­tiger Experte. In den 21 Amts­jahren von mir – im Aufsichtsrat war ich 24 Jahre, auch schon als Kultur­bür­ger­meister – gab es kaum einen bedeu­tenden deutschen Film, bei dem Schäfer nicht als Förderer beteiligt war, der Freistaat Bayern ist in der Film­po­litik wirklich gut aufge­stellt. Minister Falt­l­hauser – obwohl Finanz­mi­nister!, das sind ja eigent­lich die natür­li­chen Feinde kultur­po­li­ti­scher Anliegen – war auch ein Glücks­fall, weil er nicht nur eine Affinität zu Kultur­ge­bäuden, sondern auch zur Film­för­de­rung hatte. Der Fehlstart des CSU-Ober­bür­ger­meis­ters ist durch die Rettungs­ak­tion seines Stell­ver­tre­ters und das Enga­ge­ment von Reprä­sen­tanten des Frei­staats Bayern wieder mehr als gut gemacht worden.

Und zugleich war der Fehlstart der Start­schuss für die Münchner Film- und Festi­val­ma­cher. Die Filmstadt München hat sich als Verein heraus­ge­bildet, als Antwort auf den miss­li­chen Start des Filmfests. Die Stadt hat hier zu einer Vorrei­ter­rolle auf Bundes­ebene gefunden, indem das Gras­wur­zel­pro­jekt von der Kultur­po­litik aufge­griffen und im großen Zuge gefördert wurde. Natürlich nicht ganz frei­willig. Sie haben sich zu orga­ni­sieren gewusst und haben konkrete Forde­rungen vorgelegt. Die Förderung wurde zwar bewilligt, sie stagniert aber seitdem mehr oder weniger. Was ist der Grund?

Wenn es eine Stagna­tion gibt, dann gilt dies nicht nur für die Höhe der Zuschüsse, sondern auch für die Bedeutung. Ich glaube als leiden­schaft­li­cher Cineast, dass das Kino das Netz genauso überleben wird, wie es das Fernsehen nach schweren Rück­schlägen über­standen hat. Aber man kann nicht die Augen davor schließen, dass junge Leute, und damit meine ich jetzt alle unter vierzig, ein anderes Kommu­ni­ka­tions- und Konsum­ver­halten haben als in meiner Jugend, wo man zwischen drei Falter-Kinos ausge­wählt hat. Heute können sie unter zigtau­senden im Netz erreich­baren Filmen, Unter­hal­tungs- und Infor­ma­ti­ons­an­ge­boten aussuchen. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Und da muss man sich fragen: Wie kann sich der Film und das Kino in einer Welt des Medi­en­wan­dels behaupten? Ich glaube nicht, dass das eine Stadt aus der Welt schaffen kann, indem sie den Zuschuss verdop­pelt.

Haben Sie konkrete Ideen für eine Belebung von Kino? Wie machen Sie das bei der Filmreihe des Kultur­fo­rums?

Wir sind ja nur selten auf Entde­ckungs­fahrt, um Filme zu zeigen, die man noch nie gesehen hat. Wir zeigen eher Werk­reihen, wo die Regis­seure immer sehr dankbar sind, wenn nicht nur die drei Best­seller kommen, sondern auch die drei Filme, die es kaum ins Kino und ins Publi­kums­ge­dächtnis geschafft haben. Insofern haben wir gele­gent­lich die Aufgabe, etwas bekannt zu machen, was nicht so markt­gängig und deswegen erfolg­reich ist. Aber den Anspruch, Unbe­kanntes zu erschließen, haben wir gar nicht. Wir haben einen anderen Anspruch: Kino kann, soll, darf ein Gemein­schafts­er­lebnis sein, wo man sich trifft, auch hinterher noch essen geht oder einen Wein trinkt. Und sich möglichst mit dem Regisseur und mit Schau­spie­lern unter­halten kann.

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Nach der Filmreihe zum Griechen: Schau­spie­lerin Margot Hielscher mit Edith von Welser-Ude, die zusammen mit Theo Hinz die Filmreihe des Kultur­fo­rums ins Leben rief. Und Christian Ude. (Foto: CU Pictures, 2007)

Das haben wir tatsäch­lich geschafft. Es ist unglaub­lich, mit der Auskunft, dass womöglich nur fünfzig Leute kommen, viel­leicht aber auch 120, einen Volker Schlön­dorff ins Kino zu bekommen. Der dann direkt gerührt ist, dass er viele Jahre später über einen Film mit kulturell inter­es­sierten Leuten disku­tieren kann. Es gibt kaum eine Schau­spie­lerin oder einen Schau­spieler in München, die nicht in der Reihe Filme erläutert, Anekdoten aus der Produk­ti­ons­zeit erzählt hätten, aber auch Miss­ver­s­tänd­nisse darüber, wie der Film vom Publikum oder von den Medien fälsch­lich gesehen wurde, aufge­klärt hätten. Deswegen ist die Reihe nach über 25 Jahren nicht totzu­kriegen. Theo Hinz, der der wahre Erfinder der Filmreihe ist und Ermög­li­cher des ersten Vier­tel­jahr­hun­derts, hat schon die nächsten fünf Jahre durch­ge­plant. Ein beson­derer Glücks­fall, der zeigt, was die Reihe leisten kann, war die Familie Verhoeven-Berger, wo eine einzige Familie alles ist: Superstar und Weltstar, Regisseur und Produzent, und das auch schon in drei Gene­ra­tionen. Die Familie jeden Abend in verschie­denen Konstel­la­tionen dazuhaben, war eine gigan­ti­sche Chance.

Sie haben gerade die ange­nehmen Seiten eines Kino­be­suchs erwähnt: dass man hinterher noch gemeinsam woanders hingeht. Das bringt mich zum zweiten K: Zur Kneipe! Wie war denn die Verbin­dung von Kneipe und Kultur in Schwabing?

In Schwabing gab es, als ich zur Schule ging und eine Schül­er­zei­tung gemacht habe, Maler, Schrift­steller, Kaba­ret­tisten wie Werner Fink oder Dieter Hilde­brandt. Eva Pampuch, die vom benach­barten Sophie-Scholl-Gymnasium kam, meinte, das sei ja alles Schnee von gestern. Die Musik würde bei den jungen Filme­ma­chern spielen, die würden alle sehr bedeutend werden. Und die trafen sich im Fall­me­r­ayer Hof. Da waren alle Namen vertreten, die man heute kennt, der junge deutsche Film saß da beiein­ander. Bei einem Bier wurde über Film­po­litik geredet, Alexander Kluge viel über Film­för­de­rung, und er hat Thesen vertreten, die ich wahn­sinnig gescheit fand, aber überhaupt nicht verstanden habe. Was ihn nicht daran hinderte, später Sozius meiner Kanzlei zu werden, was den Briefkopf auf das Vorteil­haf­teste schmückte! Ich habe ihn sehr dafür bewundert, wie er sich Reservate im Privat­fern­sehen gesichert hat. Manche haben auch gespöt­telt, das sei die gerechte Strafe für das Privat­fern­sehen, dass sie halb­stün­dige Sendungen bringen müssen, die der typische Zuschauer des Privat­fern­se­hens nicht sehen möchte.

Wichtig war auch das Hong Kong in der Tengs­traße, das der Chinese Jin Tao über­nommen hat. Er kennt alle deutschen Schrift­steller, von Böll, Grass und Lenz ange­fangen, persön­lich aus Peking. Er hat eine Doktor­ar­beit geschrieben über Thomas Mann und war im Außen­mi­nis­te­rium damit beauf­tragt, Kontakte zu Schrift­stel­ler­gruppen zu halten, die nach Peking kommen. Bei einer Reise ins Ausland ist er abge­sprungen und nach Deutsch­land gekommen. Er hatte aber diesen chine­si­schen Ehrbe­griff: Man darf nicht von der Stütze leben, wenn man als bürger­li­cher Intel­lek­tu­eller sich auch selber ernähren kann. Deswegen ist er Kellner geworden und hat nachts »Das Parfum« von Patrick Süßkind übersetzt – deshalb konnte der Film in China erfolg­reich gezeigt werden. Inzwi­schen ist er auch der Inhaber des Ladens. Er hat dankens­wer­ter­weise meinen Brief an ihn einge­rahmt und aufgehängt, dass sichere Quellen besagen, dass das Manifest von Ober­hausen in seiner Kneipe ausge­kno­belt worden ist.

Und dann war da noch der Jenner­wein…

Den Jenner­wein habe ich gar nicht als kultu­rellen Treff­punkt wahr­ge­nommen. Das war einfach eine Kneipe zum Bier­saufen. Das kann aber auch an der Uhrzeit gelegen haben. Wir sind als Jung­so­zia­listen immer erst nach unseren Veran­stal­tungen um Mitter­nacht noch zum Jenner­wein gegangen. Viel­leicht waren die kultu­rellen Gespräche dann schon vorbei, ich habe auf jeden Fall kein cine­as­ti­sches oder film­po­li­ti­sches Gespräch in Erin­ne­rung. Für uns galt einfach das Motto: Mit dem Kapi­ta­lismus wird es böse enden, und zwar sehr bald schon. Aber vorher gehen wir noch ein Bier trinken beim Jenner­wein!

Heppel und Ettlich haben den Jenner­wein in den 60er Jahren über­nommen, bevor sie dann zu den Olym­pi­schen Spielen das Heppel & Ettlich in der Kaiser­straße gegründet haben. Erst gestern war ich dort, und wir haben die Vergan­gen­heit wieder aufleben lassen: Wer alles da war, was aus den Leuten später geworden ist. Einige kommen jetzt schon mit Krück­stock und Rollator in ihre Stamm­kneipe. Diese Bindungs­kraft von Henry Heppel, Wolle Ettlich und Lutz Neumann, der am Anfang auch dabei war, ist unglaub­lich, das geht durch die Jahr­zehnte, wie sie ihre »Gemeinde« beiein­an­der­halten.

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Nach dem Kino oder Kabarett in die Kneipe: Senta Berger, Margot Hielscher und Joseph Vilsmaier. Und Christian Ude. (Foto: CU Pictures)

Bei Heppel & Ettlich gab es von Anfang an Film­vor­füh­rungen. Im Nebenraum, der auch unbe­kannten Kaba­ret­tisten wie mir als erste Bühne diente. Da war von Anfang an ein cine­as­ti­sches Publikum. Wichtig war das Film­pro­gramm für Kinder, das ein richtiger Inte­gra­ti­ons­schmelz­tiegel für das Kennen­lernen von Familien war. Gestern hat Wolle behauptet, es sei auch so mancher Seiten­sprung in die Wege geleitet worden, das kann ich nicht über­prüfen. Aber vorstellen kann ich's mir! Da entstand mit der Kneipe ein Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt für Cineasten und es war der Klein­kunstort schlechthin. Die Kreise haben sich teilweise überlappt, aber waren nicht identisch.

Das ist ja das Inter­es­sante bei Heppel und Ettlich, dass hier die Klein­kunst auf den Filme­ma­cher trifft.

Und die dann noch dazu richtig gute Filme machen! Klassiker wie die Lang­zeit­studie über die DDR, oder seine Liebes­er­klä­rungen an Schwabing oder Neukölln, das sind richtig tolle Filme**.

Es gibt zwei Filme von Wolfgang Ettlich über Sie, wobei der eine wohl ein Imagefilm ist. Ude – Der Film, was für ein großar­tiger Titel!

Moment, Ude – Der Film ist der einzige Film, den der Sender »München TV« produ­ziert hat, da spielte Ettlich keine Rolle. Aber Sie haben trotzdem Recht: Zur Land­tags­wahl hat Ettlich einen Imagefilm gedreht, der auch ganz offen als solcher dekla­riert wurde. Und er hat fürs Baye­ri­sche Fernsehen eine eins­tün­dige Doku­men­ta­tion gemacht, das war die Lang­zeit­be­ob­ach­tung Servus Christian – Das letzte Jahr des Ober­bür­ger­meis­ters. Im Volks­theater hat er mein Gespräch mit Helmut Schmidt aufge­zeichnet. Ich hätte nie erwartet, dass das mal ein solches Zeit­do­ku­ment wird. Denn es gibt zwar viele Sendungen mit Helmut Schmidt, aber selten eine aus der Sicht der SPD. Norma­ler­weise wird er befragt, wie es war mit der Flut in Hamburg bis zum Nato-Doppel­be­schluss. Das kommt bei mir auch vor, aber auch die Zeit der Frie­dens­demos gegen den Doppel­be­schluss und die Zeit, in der sich die Sozi­al­de­mo­kraten meiner Gene­ra­tion mit ihm verteu­felt schwer getan haben. Da hat Wolle wirklich ein Film­do­ku­ment geschaffen.

Sie hatten auch noch kleinere Rollen in Fern­seh­se­rien über­nommen, in »München 7«, und vor ihrer Amtszeit als Ober­bür­ger­meister bei Hanns Christian Müller in Langer Samstag gespielt.

Mein heutiges Kabarett und meine Auftritte zusammen mit Künstlern sind mit einem gewissen Anspruch verbunden. Damals war das nicht der Fall, sondern nur eine Chance, die Arbeits­weise und die Produk­ti­ons­be­din­gungen kennen­zu­lernen. Bei Hanns Christian Müller konnte ich sehen, welcher Aufwand erfor­der­lich ist und welche Anfor­de­rungen an Schau­spieler gestellt werden. Das war für mich der eigent­liche Nutzen. Ich habe da einen ziemlich dämlichen, korrupten Poli­zei­be­amten gespielt. Aber ich kann sagen: Ich habe mit Campino und Gisela Schnee­berger gedreht! Seitdem bin ich der Meinung, dass die Statisten in der Film­kritik maßlos unter­schätzt werden. Immer dieser Starkult!

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»Auch in kleinsten Rollen kann man die Arbeit als Schau­spieler kennen­lernen.« Ude in der Rolle als OB mit Regisseur Franz Bogner bei »München 7«. (Foto: CU Pictures)

Bei der »Linden­straße« war ich sogar zwei Mal. Einmal mit Vater Beimer, der von mir eine Auszeich­nung gekriegt hat, weil er ein Brand­er­eignis recht­zeitig der Feuerwehr mitge­teilt hat, und mit Mutter Beimer hatte ich zu tun, weil sie ins Rathaus kam. Um den Bürger­meister zu fragen, was man denn alles tun müsse, um eine Umwelt­de­mons­tra­tion korrekt abzu­wi­ckeln. Meistens habe ich mich selber gespielt. Auch Michaela May habe ich in einem Film einen Preis übergeben, grotes­ker­weise im Pavillon des Hofgar­tens, wo in der Realität noch nie ein Preis übergeben wurde. Aber es war eine schöne Location mit guter Kulisse. Und dann habe ich noch mit Helmut Fischer gespielt, der hat von mir auch einen Preis verliehen bekommen. In allen Fällen, bei May, Schnee­berger und besonders bei Fischer, mit dem wir ja persön­lich eng befreundet waren, war es ein Vorschlag der Schau­spieler gewesen. Bei »München 7« war es der Wunsch von Franz Bogner. Er kam zu mir und hatte ein schier unvor­stell­bares Anliegen. Er wollte, dass die Stadt genehmigt, dass im Glocken­spiel eine Szene gedreht wird, in der sich ein Selbst­mörder hinun­ter­wirft. Die Stadt­ver­wal­tung hatte das kate­go­risch abgelehnt. Es könnte ja Nach­fol­ge­täter, Tritt­brett­fahrer nach sich ziehen. Ich habe gegen die Bedenken der Verwal­tung durch­ge­setzt, dass wir das geneh­migen. Bei diesem Gespräch waren wir uns nahe gekommen, weil er merkte, dass ich mich in allen BR-Produk­tionen, die ich wirklich für großartig halte, nicht nur den Monaco Franze und Kir Royal, sondern auch die frühen Serien von Bogner und Dietl, auskannte. Er meinte dann, ich solle auch mal eine Rolle über­nehmen. Ich habe mich dann wieder selber gespielt, wo ich nun wirklich auch behaupte, das könne ich. Es war eine Szene, wo Obdach­lose ins Rathaus kommen, weil sie sich durch fremd­län­di­sche Bettler an den Rand gedrückt fühlen.

Als Ober­bür­ger­meister haben Sie ja auch die realen Geschicke der Stadt bestimmt. Ein Dauer­thema ist die Kino­si­tua­tion in München. Seit 2002, also deutlich in ihrer Amtszeit aus der Taufe gehoben, gibt es den Kino­pro­gramm­preis. Dem gingen Schließungen von namhaften Kinos voraus. Teilweise aus privat­wirt­schaft­li­chen Gründen, teilweise aber auch nicht frei­willig, wie beim Film­ca­sino, das von der Party­szene verdrängt wurde. Gibt es für die Stadt Möglich­keiten, in Einzel­fällen einzu­greifen?

Natürlich möchte man als Cineast möglichst viele Kinos am Leben sehen und am Leben erhalten. Vor allem, wenn sie ein anspruchs­volles Programm haben und nicht einfach Schrott­ab­spiel­plätze sind. Das ist überhaupt keine Frage. Nur muss man sagen, dass es in München eine heraus­ra­gend gute Situation gibt. Jetzt spreche ich viel­leicht ein bisschen zu sehr als Schwa­binger, aber es ist doch schier unglaub­lich, dass man in unmit­tel­barer Nähe eine Vielzahl von Kinos hat. Das ABC, das ich schon als Schüler aufge­sucht habe und dann gleich mehrere Kinos auf der gegenüber­lie­genden Seite. Die Kinos Münchner Freiheit, wo die Filmreihe des Kultur­fo­rums läuft, die meine Frau gemeinsam mit dem Film­pro­du­zenten Theo Hinz ins Leben gerufen hat, und wo wir es auch nach dem schreck­li­chen Tod von Steffen Kuchen­reu­ther mit seinem sehr enga­gierten Bruder Thomas Kuchen­reu­ther zu tun haben. Ein Glücks­fall für die Kinoszene der Stadt!

Als unter lautem Weinen der Kultur­szene das Monopol-Kino schließen musste, stellte sich heraus: Es kann sogar mit wesent­lich besserem Raum­an­gebot in West-Schwabing in der Schleißheimer Straße Fuß fassen. Aber komi­scher­weise haben alle Feuil­le­tons über den uner­setz­li­chen Verlust in Ost-Schwabing geschrieben und nicht über die Neugrün­dung in West-Schwabing. Was ich als geborener West-Schwa­binger unan­ge­messen finde. Ich denke, dass das Angebot rings um die Münchner Freiheit ein bundes­weit extrem hohes Angebot ist und die Menschen in West-Schwabing auch einmal ein Kino verdient haben. Wieso das ein Welt­un­ter­gang sein soll, wenn das Angebot unge­schmä­lert, sogar ausge­weitet, nur nicht am Kinob­renn­punkt Münchner Freiheit situiert ist, sondern an der Schleißheimer Straße, habe ich nie verstanden. Und selbst die Schwa­binger 7 gibt es ja noch, in derselben Straße! Und wo ist das Feuil­leton, das täglich über die Schwa­binger 7 als kultu­reller Brenn­punkt der Münchner Kultur­szene schreibt? – Nichts! Sobald man nicht mehr schimpfen kann, ist das Thema nicht mehr von Interesse.

In meiner Amtszeit war ich mit enorm vielen Fällen von drohendem Kinosterben befasst. Die mora­li­sche Pflicht des Haus­be­sit­zers, für die kultu­relle Vielfalt zu sorgen, die ja die Grundlage seiner Immo­bi­li­en­preise ist, und zwar nicht nur für das Kino im Erdge­schoss, sondern für die Attrak­ti­vität der gesamten Immobilie, das habe ich immer betont und in vielen Fällen auch Glück gehabt. Es hat zum Beispiel beim Studio in der Isabel­lastraße hinge­hauen, und es ist mit dem Film­ca­sino am Odeons­platz versucht worden. Beim Monopol-Kino hat es dazu­ge­führt, dass es einen besseren Standort gefunden hat, als es vorher hatte. Übrigens bin ich vorher sehr ungern durch die Feilitzsch­straße gegangen, weil mich permanent Leute angeredet haben, wie die Stadt so was Scheuß­li­ches, so ein Ruin­en­grund­s­tück mit Baracke und das frühere »Barba­rella«-Kino zulässt, und jetzt gehe ich ungern durch die Straße, weil sie sagen, wie konnte die Stadt erlauben, dass da ein Privat­ei­gen­tümer sein Baurecht ausschöpft. Das er aber schon vor dem Weltkrieg hatte! Das Baurecht dort ist älter als die Bundes­re­pu­blik. Und trotzdem soll dann der Bürger­meister, um die Schwa­binger 7 und eine Dönerbude zu retten, das Baurecht für dreißig Wohnungen besei­tigen. Absurd! Das sind reine emotio­nale Wallungen, wo man keine vernünf­tige Güter­ab­wä­gung mehr vornehmen kann.

Bei bestimmten Objekten hat der Arten­schutz funk­tio­niert. Das Film­theater Send­linger Tor steht unter Denk­mal­schutz, genauso das Theatiner, und das ABC Kino genießt Bestands­schutz. Könnte man hohe Mieten, die in München ein großes Problem darstellen, durch eine Förderung ausglei­chen?

Verteu­felt schwierig ist, dass man mit finan­zi­ellen Zuwen­dungen oft das Gegenteil erreicht. Wenn Sie zum Beispiel sagen, dass die Stadt die Miet­zah­lungen übernimmt, verfünf­fa­chen Sie damit die Miethöhe. Weil jeder Haus­be­sitzer, der jetzt noch sagt, wie soll der arme Teufel von Kino­be­treiber das wieder reinholen, dann natürlich sagt: Eigent­lich ist bei hoch­kom­mer­zi­eller Nutzung auch die fünffache Miete in München üblich, das fordere ich jetzt auch, es zahlt ja eh die Stadt. Dann haben Sie für die Kino­be­treiber nichts getan, aber den Steu­er­zahler geplün­dert und dem Haus­be­sitzer die Kassen gefüllt. Also, so einfach ist das nicht! Deshalb hat die Stadt nie gesagt, wir über­nehmen die Miet­kosten, sondern sie sagt: Es ist nunmal eine privat­wirt­schaft­liche Betä­ti­gungs­form, und wenn einer inhalt­lich wirklich gut ist, dann gibt's als Einzel­för­de­rung den Kino­pro­gramm­preis.

Es ist aber auch eine Frage an das Publikum. Das war das Thema bei den Emma-Läden, es ist das Thema bei Kneipen, es ist das Thema bei privat­wirt­schaft­li­chen Kinos: Die Leute gehen nicht hin. Aber wenn dann ein Fach­ge­schäft oder eine Kneipe oder ein Kino verschwindet, heißt es: Das ist ja unerhört! Das ist ein Teil unserer Lebens­qua­lität und unserer Kultur, das muss die Politik retten. Mich würde es freuen, wenn alle, die bereit sind, am Ende ein Klagelied anzu­stimmen, vorher schon mal hingehen und Eintritt zahlen. Und ich liebe Idyllen, die sich halten! Hier in der Nähe gibt es die Ostfrie­si­sche Teestube, die hat ungelogen dasselbe Mobiliar wie vor meinem juris­ti­schen Staats­ex­amen. Ich habe dort oft, wenn es in der Wohn­ge­mein­schaft zu laut war, gefrühs­tückt und Jura gelernt. Das ist eine Insel im Häuser­meer und ein Einladung, eine Zeit­ma­schine zu betreten. Es sind auch noch dieselben Betreiber. Das geht, weil der Haus­be­sitzer die Teestube zu schätzen weiß und eine Miete verlangt, die man gar nicht verraten darf. Er verschafft sich dadurch aber selber Lebens­qua­lität. Die anderen Haus­be­sitzer, die es leider auch gibt, vor allem Erben­ge­mein­schaften, die ganz schnell Bares sehen wollen, oder Immo­bi­li­en­ver­werter, die überhaupt nur von Profit­ma­xi­mie­rung in kurzer Zeit ausgehen, die machen kaputt, was den Wert ihrer eigenen Immobilie ausmacht. Kurz­fristig stimmt die Kalku­la­tion. Wenn es dann aber so viele machen, dass es ein Viertel verändert, dann geht das Gejammer los und am Schluss kommen auch noch die Haus­be­sitzer und sagen, die Stadt muss sich was einfallen lassen, um den kultu­rellen Charakter des Viertels zu retten, den sie selbst planmäßig kaputt gemacht haben.

Unser Kultur­re­fe­rent hat sich einmal mir gegenüber verwun­dert darüber geäußert, dass die Münchner keine Verän­de­rung wollen. Er selbst kommt aus Ober­hausen im Ruhr­ge­biet, wo man Verän­de­rungen oft als Fort­schritt erlebt. Wie kamen Sie auf Hans-Georg Küppers? Aus Film- und Kino­per­spek­tive gespro­chen: Wir empfinden ihn als großen Glücks­griff.

Das gilt genauso für andere Perspek­tiven. In aller Demut aber muss ich wirklich zugeben: Richtig schmücken kann ich mich nicht. Denn der Präsident des kommu­nalen Arbeit­ge­ber­ver­bands hat ihn mir empfohlen, als wir auf der Suche nach einem Nach­folger waren (von Lydia Hartl, Anm. der Red.). Und obwohl ich meinen OB-Kollegen sehr schätzte, habe ich mir gedacht: So blöd bin ich nicht, dass ich einem Kollegen den Kultur­re­fe­renten abnehme, den er mir mit glühenden Worten empfiehlt (Küppers war damals in Bochum Kultur­de­zer­nent). Da war ich miss­trau­isch. Aber zum Glück hatte sich die SPD-Kultur­spre­cherin, die Stadt­rätin Ingrid Anker, bei Gott und der Welt sach­kundig gemacht. Sie kam dann zu mir und sagte: Ich weiß gar nicht, warum du so miss­trau­isch bist, der wird ja von allen empfohlen. Und dann habe ich mich Gott sei Dank mit ihm getroffen und war spontan von ihm angetan. Ich habe ihn dann mit heller Begeis­te­rung vorge­schlagen. Küppers geht von sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Werten aus. »Kultur für alle«, was ja schon das Motto für Hermann Glaser in Nürnberg und Hilmar Hoffmann in Frankfurt war, das lebt er. Er ist ein mit allen Wassern gewa­schener Verwal­tungs­mann, aber auch ein künst­le­risch inter­es­sierter Mensch, dem man das sofort anmerkt. Und er hat ein Händchen für Projekte, zum Beispiel das Krea­ti­vquar­tier, das einzig und allein von ihm ausging. Man ist gut beraten, bei seinen Projekten zu helfen, da sie sich alle, zumindest im Nach­hinein, bewahr­heitet haben.

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Christian Ude 2001 mit Oscar-Gewinner Florian Gallen­berger und dem damaligen Kultur­re­fe­renten Julian Nida-Rümelin beim Deutschen Filmpreis (Foto: CU Pictures)

Was machen Sie jetzt nach Ihrer OB-Zeit? Sind Sie ins Kabarett zurück­ge­kehrt?

[lacht] Ich halte wesent­lich mehr Vorträge in Univer­sitäten, in Akademien, beim Städtetag, beim Mieter­bund, bei wohnungs­po­li­ti­schen Kongressen, nur inter­es­siert es die Öffent­lich­keit nicht. Während zu meinem Kabarett-Abend jeder kommen kann. Und tatsäch­lich mache ich im Frühjahr wieder zwei Mal »Ude & Friends« im Prinz­re­gen­ten­theater. Es machen so viele Künstler mit, dass es immer sehr schnell ein ausver­kauftes Haus gibt, und das macht natürlich Spaß, wenn man nicht auf der Parkbank sitzt und Däumchen dreht, sondern wenn man all die Themen und Bezie­hungen, die sich ergeben haben, nutzen und ausschöpfen kann.

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*Fritz Falter, Münchner Kino­pio­nier, der maßgeb­lich für die Filmkunst wurde.
**erwähnte Filme von Wolfgang Ettlich:
DDR – 25 Jahre später (1989 / 2015)
Schwabing – Meine nie verblasste Liebe (2006)
Mein Neukölln (2015)
Servus Christian (2014)

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Udes Schwabing entlang der drei großen Ks:

Kino

Kneipe

Kabarett

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Veran­stal­tungen:
Kultur­forum der Sozi­al­de­mo­kratie
Film­pro­gramm in den Kinos Münchner Freiheit
Mittwoch, 17. Februar, 17:30 Uhr, Auch Henker sterben (R: Fritz Lang, USA 1943)
Mittwoch, 2. März, 17:30 Uhr, Der unbe­kannte Soldat (R: Michael Verhoeven, D 2006)
Mittwoch, 16. März, 17:30 Uhr, Wir Wunder­kinder (R: Kurt Hoffmann, D 1958)

Ude & Friends im Prinz­re­gen­ten­theater
Sonntag, 14. Februar, 20:00 Uhr
Sonntag, 20. März, 15:00 Uhr

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