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Rüdiger
Suchsland sprach mit Volker Schlöndorff über den deutschen
Terrorismus, eigene Erlebnisse und seinen neuen Film DIE STILLE
NACH DEM SCHUSS
Artechock: Wie am es zu Ihrem neuen Film DIE
STILLE NACH DEM SCHUSS?
Schlöndorff: Die langweilige, aber echte Variante der
Entstehungsgeschichte ist, dass Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase
und ich uns eines Tages in der Berliner Akademie der Künste
kennengelernt haben...
Vorher kannten Sie sich gar nicht?
Nein, wir sind uns mal so über den Weg gelaufen, bei offiziellen
Veranstaltungen. Jedenfalls haben wir schnell miteinander
sympathisiert, auch aufgrund unserer gemeinsamen Vergangenheiten -
er mit 40 Jahren in der DDR aufm Buckel, ich über 30 Jahre Filme -
und gesagt: Mensch machen wir doch mal was zusammen. Ich bin
damals nach Berlin gekommen, um irgendwelche "Berlin-Filme" zu
machen: Natürlich menschliche Geschichten, aber die sich jetzt aus
dieser neuen Situation nach 89 ergeben. Unser Stichwort war
Pitterwall [??; R.S.] wenn Ihnen das was sagt...
Nein, überhaupt nicht.
Das gibt's seit 150 Jahren, mindestens seit Ende des
19.Jahrhunderts, das ist so ein jährlicher Band, da werden die
spektakulärsten Kriminalfälle aufgeführt, das ist unter Autoren so
ein Stichwort; früher jedenfalls, in den 30er oder 40er Jahren hat
man da seine Stoffe oft herbezogen. Das eine Randnotiz. Also
wir dachten eher an einen einigungsbedingten Wirtschaftskrimi oder
Ähnliches. Und dann sagte der Wolfgang: Du hast doch die Geschichte
gelesen. Na klar hatte ich die gelesen, ich hab sogar die
Ausschnitte bei mir gesammelt, einfach so aus alter Anhänglichkeit
und Interesse. Und er sagte: Das wärs doch. Ich war erst nicht
so begeistert, weil ich dachte: Ach Du lieber Gott, KATHARINA BLUM
und das ist ja irgendwie alles..., also ich hab eigentlich erst so
reagiert, wie das Publikum heute reagiert: Der Terrorismus, das
liegt doch Jahrzehnte zurück - in der ersten Reaktion.
Hat es Sie auch genervt, dass Sie selbst damit
noch mal zu tun haben sollten...
Ja, ich hatte irgendwo das Gefühl, ich hätte meinen Tribut schon
gezahlt. Und ich konnte mir erst nicht vorstellen, dass ich da noch
etwas Neues entdecke. Aber innerhalb des gleichen Gespräches war
natürlich auch die Neugier geweckt. Zuerst mal im Sinne dieser
beiden Fragen, die sofort wieder da waren: Warum hat die DDR denn
so etwas gemacht, sich auf diese unsicheren Kandidaten einzulassen.
Politisch ein absolutes Abenteuer, das ihnen nichts bringen kann,
aber mit allerhöchstem Risiko, wenn das auffliegt, sind sie doch
blamiert. Das war die eine Frage, die andere war natürlich
diese menschliche Frage: Ich hab' ja nun einige gekannt von denen
früher. Ich hab' nie die Inge Viett persönlich gekannt, aber ich
kannte sie indirekt sehr gut von früher, denn ich habe so zwischen
1975 und 1980 in München sehr aktiv mit dem Fritz Teufel in der
sogenannten "Roten Hilfe" gearbeitet. Wir haben da - wie das hieß -
"Knastarbeit" gemacht, also Gefängnisbesuche, die Margit Schenkie
und den Rolf Heißler, die 'ne Bank gemacht hatten, - was meine
Frau, meine damalige, [= Margarethe von Trotta; R.S.] unter dem
Titel DAS ZWEITE ERWACHEN DER CHRISTA KLAGES verfilmt hat -, und
der Fritz Teufel schwärmte immer so von der Inge Viett.
Aus welchen Gründen?
Der sagte, das sei die einzige patente Frau da drin, die nicht so
aus bürgerlichen Kreisen kommt, und die einfach ist und
vernünftigen, klaren Menschenverstand hat und nicht in irgendeiner
Weise gewaltversessen ist. Sondern eine ganz ruhige, abwägende, die
immer auch versucht, zu klären: "Wie können wir das jemandem
vermitteln, der nicht so verschrobene politische Ideen hat?" -
dieser Ansatz. Und da war der Name in mir hängengeblieben. Der
Teufel hat mir auch einen dicken Aktenordner mit Briefen... - er
war Anfang der 70er Jahre in Berlin im Knast, und die Inge Viett
auch, vor Ihrem ersten Ausbruch - und da haben sie sich
geschrieben, wöchentlich, und diesen ganzen Briefwechsel, den hat
der mir damals anvertraut, und den hatte ich 20 Jahre später noch -
sorgfältig wie ich bin - zu Hause. Den hab' ich übrigens im letzten
August [= 1999; R.S.] der Inge Viett gegeben, die eben ihre eigenen
Briefe nicht hatte. So dass ich also, im Gegensatz zu dem, was die
immer behaupten: das sei alles Kasperletheater oder so - Ich hab
nie dazu gehört, aber ich habe einen sehr guten Einblick gehabt.
Wie diese Atmosphäre war, wie diese Aufbruchstimmung war, wo man
wirklich glaubte, alles sei möglich. Wie sagt sie einmal im Satz:
"Wir dachten, wir können das Unrecht abschaffen und den Staat
gleich mit." Und so verkürzt muß man das leider sagen, wurde das
auch geglaubt.
Gehörten Sie zu den Überzeugten?
Also ich war damals schon sehr gespalten, wenn wir diese
Sitzungen hatten, die dann also wirklich wie bei Dostojewski in
irgendwelchen ausgedienten Kellern stattfanden, mit viel Rauch und
wenig artikulierten Gedanken - das waren jetzt nicht die Aktiven,
sondern das war die Unterstützerszene.
Waren die Ideen wirklich so simpel, wie Sie es
im Film zeigen? Das kommt einem so ironisiert vor.
Ja, ich konnte das damals schon nur ironisch aufnehmen. Da war
die Margarethe von Trotta dabei, und wenn wir immer nach Hause
gingen, haben wir immer nur den Kopf geschüttelt und gesagt:
"Träumen die völlig, oder in welcher Welt leben die eigentlich?"
Aber es waren dann doch irgendwie sympathische Träumer - das waren
ja wie gesagt keine Gewalttätigen, sondern welche die von außen
dabei waren, die berühmte Unterstützerszene. Übrigens waren da
einige dabei, die dann später abgestürzt sind und in die nächste
Generation reingekommen sind - wie der Christoph Wackernagel oder
die eine Biene genannte, wie hieß sie? Sabine Plambeck glaub' ich.
Juliane Plambeck?
Ja, das waren zwei Schwestern. Ich hab' die Namen fast vergessen.
Die dann übrigens so 'nen tödlichen Autounfall hatte,
In Bietigheim-Bissingen...
Sie kennen sich ja aus. Also das waren Leute, die kamen auch zu
mir in die Toskana ins Haus in Ferien, und kochten da nachts
Schokoladenpudding und alle Töpfe waren angeschmort
Das war aber bevor sie gesucht wurden?
Das war alles bevor sie gesucht wurden. Wenn man das so will, war
das alles so eine abschüssige Ebene. Also sei es, dass die
kriminalisiert und schikaniert wurden, bloß weil sie sich immer um
die Leute da im Gefängnis kümmerten, sei es weil sie für sich
selbst keinen anderen Ausweg mehr fanden. Oder dass sie beinahe
durch 'ne Erpressung reinkamen: das dann einer getürmt ist und dann
auftaucht und versteckt wird, und dem man seine Papiere gibt - das
reichte meistens. Das war dann ja schon Beihilfe zu irgendetwas,
was weiß ich - wie hieß das? - Landverrat, nein Landfriedenbruch.
Jedenfalls KV, Kriminelle Vereinigung.
Haben Sie den Eindruck, dass viele, die da
reingerutscht sind, jedenfalls in den zweiten und dritten
Generationen, dass die da halb unfreiwillig mitgemacht haben?
Würde ich unbedingt sagen. Wo der freie Wille des Menschen
anfängt, ist ja in der Philosophie sehr umstritten.
Sie glauben doch auch, dass nicht alles
determiniert ist?
Klar. Nein, jeder hat immer die Wahl, was er macht. Und sie
hätten immer die Wahl gehabt, das nicht zu tun. Aber alles,
worüber wir jetzt sprechen, ist eigentlich nicht der Film. Das wäre
ein vollkommen anderer Film geworden. Und solche Themen veralten
übrigens nie, da glaube ich auch nicht dran. Das kann jemand sicher
noch mal interessant erzählen. Aber da muss man sehr, sehr weit
ausholen, um das einigermaßen richtig darzustellen. Um auf den
Anfang des Gesprächs zurückzukommen: Was uns interessierte war: Wie
werden die mit der DDR fertig? Wie wird die DDR mit denen
fertig? Wichtig ist da die erste Kontaktaufnahme: Das die so
beiläufig am Flughafen Schönefeldt läuft, das wusste ich nicht.
Dass dann der Stasi-Offizier die einfach "anzählt", wie die das
nennen, im Warteraum, ihr dann ihren Pass gibt, und ihre Pistole -
was ja auch erstaunlich ist. Unsereiner hat nicht mal ein
Rowohlt-Taschenbuch da durchgebracht, und die bringen gleich 'ne
Waffe durch. [LACHT] Und bis es dann zur endgültigen Einreise
kommt und einer von denen sagt: Warum eigentlich nicht, wir kennen
das Land ja nur von der Durchreise, ich will mich jetzt mal darauf
einlassen. Und da wiederum war von all den Charakteren - es sind ja
11 gewesen - die Inge Viett die einzige, die von sich aus damit
einfach gebrochen hat. Die anderen waren, wenn man so will, kaputt
und waren ein Gewicht am Bein der Aktiven und waren zu nichts mehr
nütze. Inge Viett aber hat durchaus noch im Vollbesitz ihrer
geistigen Kräfte gesagt: Ich will das nicht mehr mitmachen. Das hat
aber hauptsächlich auch damit zu tun, dass die paar
Übriggebliebenen von der "Bewegung 2.Juni" gerade von der RAF
absorbiert wurden. Und die RAF dann die großen Töne spuckte, und
sie auf einmal dann im Abseits stand. Also es gab viele Gründe.
Also hier ist die Rita, Ihre Hauptfigur, der
Inge Viett sehr nahe?
Da ist sie ihr sehr nahe. Natürlich ging das nicht so Knall auf
Fall wie im Film: Direkt nach dem Schuss auf den Polizisten in
Paris der Ausstieg. Die hat sich noch ein gutes Jahr, anderthalb
Jahre in Syrien mit den Palästinenser rumgetrieben, hat diese
Macho-Gesellschaft nicht ertragen, und ist dann freiwillig
nachgekommen. Wir hatten zuerst ein sehr dokumentarisch
geschriebenes Drehbuch über das Leben der Susanne Albrecht. Wie sie
da als Hanseaten-Tochter reinkommt, wie das alles passiert ist.
Wenn man so will, wie die Jungfrau zum Kind. Das war aber eine
passive Heldin. Was ein Widerspruch in sich ist.
Die Albrecht wusste vorher auch gar nichts von
der Ponto-Aktion?
Nein, sie wusste: die gehen da mit den Waffen rein, aber das die
auf einmal losballern, damit hatte sie nicht gerechnet. Also der
Satz: "Es sollte nichts passieren", den jetzt wieder unsere Rita
nach der Gefängnisbefreiung sagt, entspricht ihrer Haltung, dieser
Naivität. Insofern ist der fertige Film jetzt eine Erfindung,
der sich der Elemente bedient. Wie jede Literatur vom Werther bis
sonst wohin.
Die Albrecht wusste vorher auch gar nichts
von der Ponto-Aktion?
Schlöndorff: Nein, sie wusste: die gehen da mit den
Waffen rein, aber das die auf einmal losballern, damit hatte sie
nicht gerechnet. Also der Satz: "Es sollte nichts passieren", den
jetzt wieder unsere Rita nach der Gefängnisbefreiung sagt,
entspricht ihrer Haltung, dieser Naivität. Insofern ist der
fertige Film jetzt zum Schluß eine Erfindung, der sich der Elemente
bedient. Wie jede Literatur vom Werther bis sonst wohin, oder bei
Dostojewski. Nicht weniger wichtig sind aber die Erfahrungen
der Rita in der DDR. Auch da geht es mir nicht um Ideologie,
sondern um die Menschen in der DDR. Und was mir heute noch
sympathisch ist an den Menschen in der DDR, das ist, das die in
einem ausgesprochen schlechten Staatswesen trotzdem versucht haben,
als Menschen zurecht zu kommen. Das macht sie einfach sympathisch
nicht die Überzeugten - um Gottes Willen. Sondern das die ganz
normalen Leute einfach mit der List die das Volk auszeichnet,
irgendwie mit ihrem Staat fertig werden - egal wie ungerecht oder
wie unvollkommen der ist, wie verlogen in seinen Parolen. Aber
jeder Einzelne hat doch versucht, seine Würde zu wahren, sich nicht
einvernehmen zu lassen. Das ist ja eine gewisse Qualität, weil es
Bewusstsein voraussetzt. Und das ist die Haltung, die mir gefällt.
Die sagen: Ich erwarte mir von keinem Staatswesen mehr das Heil der
Menschheit - und auch nicht von der Marktwirtschaft. Diese Skepsis
den Ideologien gegenüber, die ist ihnen ja geblieben. Das muß man
nicht belächeln.
Das ist ja auch eine politische Haltung...
Ganz klar. Und das war es, das ich in den wenigen Begegnungen der
Rita zeigen wollte. Wir zeigen ja nie, wie der Staat funktioniert,
oder die Stasi, sondern die Begegnung mit Menschen. Daran kann man
viel mehr ablesen. Das sind Begegnungen, die wir alle nicht gehabt
haben, wir sind ja wirklich nur durchgereist. Und das sie nach
den ganzen Jahren der Verfolgung sich darauf einläßt - es wird
irgendwann 'mal angedeutet, dass sie auch aus einer kaputten
Familie kommt: Die Mutter ist mit 40 gestorben, der Vater wird gar
nicht erwähnt -, dass sie sich da wohl fühlt, ist bemerkenswert.
Eine Welt in der es diese Verfolgung nicht gibt, aber auch nicht
diesen Konsumterror, wo nicht das Materielle alles bestimmt, in der
eine gewisse spartanische Lebensweise vorherrscht. Sie fühlt sich
wohl. Und das verwechselt sie natürlich dann, als es untergeht
da sagt sie dann: "Das kann doch nicht das Ende sein". Wobei sie
zugleich spürt: Das ist auf jeden Fall das Ende. Wogegen die Rike -
sprich Susanne Albrecht, die da von der Jenny Schily gespielt wird,
die ja damit auch aus Bürgerkreisen kommt, von der Besetzung her -
die empfindet das natürlich als die große Erleichterung. Die wird
sich wahrscheinlich zwei Monate später scheiden lassen von ihrem
Chorleiter, und mit ihrem Kind rüberziehen.
Aber sie wird erst einmal inhaftiert werden, nicht, Susanne
Albrecht ist glaube ich auch erst einmal mehrere Jahre in Haft
gewesen.
Das ist klar.
Haben Sie eigentlich Kontakt zu Ex-RAF-Mitgliedern?
Nein, überhaupt nicht. Gar nicht mehr. Ich hab den auch nicht
mehr gesucht. Ich habe diese Besuche auch bewusst vom Wolfgang
machen lassen. Denn die sind ja alle jetzt über 50, und ich wollte
für den Film lieber das Bild der End-Zwanzigjährigen im Kopf
behalten. Aber im Zuge der Recherchen - es gibt ja das
Spiegel-Archiv, und Stefan Aust mit seinen Büchern und Kontakten -
haben wir buchstäblich mit jedem gesprochen, bis hin zu Leuten im
Betrieb, wo die waren, um uns ein Bild zu machen. Denn erst
dann kann man frei erfinden, wenn man die Sicherheit hat: Ich kenne
den dokumentarischen Teil jetzt so gut, dass ich mich traue, zu
erfinden. Als das in Hamburg vorgeführt wurde, habe ich den Stefan
Aust angerufen, und er hatte gerade Zeit, und kam später heraus und
sagte: "Es stimmt so genau, und trotzdem glaubt man kein Wort.
Genauso ist es gewesen, der General war der General Neubert, der
sieht dem sogar ähnlich" - das hab ich nicht gewusst, da hab ich
mich nie drum gekümmert. Der den der Martin Wuttke spielt, der
war nur noch jovialer und herbergsvatermäßig...
Der hat im Film etwas Dämonisches...
Ja, wenn der schon so sympathisch ist, wollte ich ihn wenigstens
mit einem Schauspieler besetzen, der sonst den Bösewicht spielt.
Damit man nicht verharmlost wird. Zudem wissen wir, dass er in
seiner Funktion auch ganz anders sein kann. Jedenfalls hat mir
der Stefan - der auch sehr hart umspringen kann mit mir, wir kennen
uns ja seit Ewigkeiten, und haben damals DER KANDIDAT über Strauß
gemeinsam gemacht und DEUTSCHLAND IM HERBST, diese Filme - er sagt:
"es stimmt im kleinsten Detail, ich erkenne alles wieder, und
trotzdem sitze ich da und denke: Das kann doch nicht wahr
sein."
Mir - ich kenne das ja nicht aus eigenem Erleben - ging es
so, dass ich manches sehr ironisierend fand - etwa diese
politischen Gespräche am Anfang des Films in Paris...
Ja das ist aber auch ironisierend. Das ist eine stilistische
Entscheidung: Der Banküberfall ist wie Kasperltheater inszeniert,
das weiß ich auch, dass das nicht ganz so abgelaufen ist. Dass die
auch Angst hatten, oder so was. Aber ich dachte, als Einstieg
mit dem Zusatz "Das waren die heiteren Jahre" - das ist eine
Stilfrage. Wenn ich Musiker wäre, hätte ich ein Scherzo davor
gesetzt: Nicht ganz ernst genommen, das sieht ja wohl jeder, dass
man das nicht ganz ernst meint. Aber es gibt dann andere
Momente, wo plötzlich die Kamera zum Stillstand kommt und man Ruhe
hat. Und diese Auseinandersetzung in Paris - natürlich: In der
Verkürzung wirkt die immer absurd. Wir haben es nicht darauf
angelegt, die schlimmsten Sätze zu nehmen oder so was. Wir haben im
Gegenteil versucht, moderat zu bleiben. Aber das entlarvt sich
selbst. Ich weiß überhaupt bis heute nicht - übrigens: in der
BLEIERNEN ZEIT spielt der Luc Bondy so 'ne Szene, wo er da als
Terrorist reinkommt, und solche Sprüche ablässt. Das sollte auch
sehr überzeugend sein und ist vollkommen lächerlich - ich kenne bis
heute keinen Fall wo das wirklich glaubwürdig ist. Aber ich würde
'mal sagen: Im Gegensatz zu Breloers TODESSPIEL werden sie trotzdem
nicht denunziert. Man sieht einfach: Das ist ein armer Haufen. Und
als es an die persönliche Auseinandersetzung geht, und die sich
vorwerfen: Du fickst rum, und Du trägst Designerjeans, und Du
fährst 'ne Honda - da ist es am wahrhaftigsten. Das kann ich mir
auch sehr gut vorstellen, dass das so läuft. Und dass das natürlich
ein Psychoterror ist. Die waren ja nur maximal zwölf Leute, alle
sehr jung, und mit ihren Bedürfnissen, und die Partnerwahl konnte
nur innerhalb der Gruppe stattfinden und der Partnerwechsel auch.
Nach draußen gabs keine Kontakte. Dass das in 'ner Psychokiste
endet, das kann jeder Psychologe nachweisen.
Da muss man kein Psychologe sein. Was würden Sie sagen, auch
dem Jüngeren, der Ihnen gegenüber sitzt, was bleibt von der RAF?
Was ist es, dass man heute damit anfangen kann und mit dem Ansatz
einer radikalen politischen Veränderung?
Also ich finde, das erste ist: Es muss einem sehr fremd sein. Es
ist nur in der damaligen Zeit denkbar gewesen, nur in dem Umfeld
der Sprüche, die damals beinahe Gemeingut waren, konnten die ihren
Dialog auf diese Sprüche verkürzen. Auch ihre Vorstellung, dass man
das Unrecht in der Welt auf einen Schlag mit einem kleinen
Grüppchen abschaffen kann. Allein die Vorstellung, dass so ein
Grüppchen einen mächtigen NATO-Staat aushebeln könnte, von den
Verbündeten ganz zu schweigen, ist nur in der damaligen Zeit
denkbar gewesen. Und das haben damals sehr kluge Leute gedacht.
Das erste, was man wirklich feststellen kann: Das ist eine
Sache, die sich mit der damaligen Zeit überholt hat, und insofern
auch nicht weiterwirken kann.
Nur als Einschub: Was sind denn heute die klugen Sprüche, die
uns in 20, 30 Jahren lächerlich vorkommen werden?
Nun ganz bestimmt viel von dem Karrieredenken, dem Traum der
ewigen Jugend, und das Glück aus dem Internet. Wie sich überhaupt
eine gesamte Zivilisation aus dem Internet berauschen kann, das
wird einem spätestens in 15 Jahren wie eine Verirrung vorkommen.
Aber das ist etwas anderes: Ja, warum dann überhaupt so eine
Geschichte erzählen? Es ist wie es bei Kleist von seinem "Michael
Kohlhaas" gesagt wird: Einer der beeindruckendsten und
entsetzlichsten Menschen zugleich. Das heißt es gibt Leute, die so
eine altruistische Ader haben - man kann es auch Idealismus nennen
- die sind dann glaube ich doch die Hefe der Menschheit. Die
scheitern oft, aber andererseits: Alle ihre Ansätze zusammen
bewirken dann eben doch, dass wir dran glauben, dass eben die
Menschheit sich bessert. So einen zu beschreiben, ist immer
wieder interessant. Und das die scheitern liegt auch in der Natur
dieser Sache. Aber dass sie auch im Scheitern nie zu Kreuze
kriechen, und nie bedauern, was sie gemacht haben, das gehört auch
zu dieser Art Charakter. Man kann sagen: sie sind uneinsichtig. Man
kann aber auch sagen: Sie sind ungebrochen. Der aufrechte Gang
war auch ein Slogan im Westen. Natürlich ist das auch ein
jugendliches Phänomen. Klar gibt es immer wieder diese Haltung.
Deshalb ist es eine schöne Haltung. Das sind die erzählenswerten
Biographien für mich.
Ist es auch erzählenswert, an diesem Anspruch einer radikalen
politischen Veränderung festzuhalten?
Glaube ich nicht. In den schlimmsten Fällen führt das dann zu
Fundamentalismus religiöser Art. Also: Ich glaube überhaupt, das
durch den Radikalismus nie etwas Gutes geschehen kann. Ich glaube
mehr an so eine praktische moderate Demokratie wie die
amerikanische: Ablösung durch Wahlen. Wo man aber auch weiß: es
kommt auf Individuen an. Ich habe da eine hoffnungslos humanistisch
individualistische Einstellung. Die jedenfalls verirren sich nie
ganz. Das ist ein positives Mittelmaß. Und sie erwarten sich nie so
viel von der Politik und den Politikern. Ich glaube, das ist sogar
das Wichtigste. Sie merken, meine politische Überzeugung ist noch
nicht 'mal mehr eine linke.
Ja, es wundert mich, dass sie da so milde sind.
Ja, aber an eine Revolution, eine Planwirtschaft, an die Diktatur
einer Partei - da habe ich mal dran geglaubt, aber das glaube ich
nicht mehr. Dafür sind die Gegenbeweise zu erdrückend. Es geht nur
ganz schrittweise. Und ohne den enormen Einsatz des Einzelnen geht
gar nichts.
Kann Film etwas leisten?
Da hab ich übrigens noch nie dran geglaubt...
Aber Sie haben politische Filme gemacht, im Gegensatz zu
vielen anderen...
Aber wenn Sie so wollen, da muss man doch mal ehrlich sein: Diese
politischen Filme, die predigten zu Überzeugten. Und das ist auch
wichtig. Man muss den Überzeugten Mut machen. Die anderen erreiche
ich sowieso nicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich durch einen
sogenannten "politischen Film" Andersdenkende bekehre. Aber sich in
den eigenen Reihen Mut zu machen - so wie ich einen Roman von Böll
oder Text von Marcuse lese. Natürlich entdecke ich etwas, aber ich
fühle mich oft auch bestätigt in etwas, was ich unklar empfunden
habe. Und insofern gehören politische Filme natürlich zur
Bewusstseinsbildung.
Sie sind aber heute selten.
Ja natürlich. Es kann heute keinen politischen Film in dem Sinne
geben, als es keine politischen Ideen gibt. Es kann jemand
einen Film machen gegen das Töten von Seerobben oder Ölpipelines in
Afrika, und über Menschenrechtsverletzungen - also über konkrete
Zustände. Aber man kann es nicht mehr im Namen einer Ideologie
machen, nur im Namen einer allgemeinen Freiheitssuche des Menschen.
Im Grunde sind wir wieder zurückgeworfen auf den Anfang des
19.Jahrhunderts: Schiller: "Geben Sie Gedankenfreiheit." Aber
immerhin um die Erfahrung bereichert, dass die totalitäre Ideologie
nicht die Lösung ist. Dagegen ist die Menschheit jetzt auf
absehbare Zeit immun. Das ist ja auch was.
Sie glauben, es ginge ganz ohne politische Utopie?
Ich kann mir es mir nicht vorstellen. Aber ich weiß nicht, wo die
nächste herkommen soll.
Und wie geht man gegen extremistische Herausforderungen vor,
etwa die Neonazis zur Zeit?
Mit denen ist schon die Weimarer Republik nicht fertig
geworden.
Aber es fragt sich, wie man gegen die vorgeht.
Ich glaub nur mit Law and Order [Lacht]. Auch das ist eine
erstaunliche Erfahrung, dass man da hin kommt. Aber ich glaube, das
Allerwichtigste ist einfach: Wenn einer dem Anderen in die Fresse
haut, dann gehört er erst mal dafür bestraft. Und zwar nicht mit
'nem Prozeß in 12 Monaten und dann 3 Wochen auf Bewährung, sondern
wie bei Guiliani in New York: Auf der Stelle. Das kommt mir zum
eigenen Erschrecken so über die Lippen. Dagegen reduziert sich
das bei uns auf diese Plakate mit Günter Jauch und anderen - aber
die featuren nur sich selbst, für mich kommt das nicht in
Frage.
Können Sie sich denn vorstellen, in 20 Jahren einen Film über
die Neonazis zu drehen, einen Neonazi in ähnlicher Weise zu
vermenschlichen, wie jetzt ein RAF-Mitglied?
Das ist eben sehr schwer. Ich hab in Hoyerswerda sehr lang mit
einem US-Journalisten recherchiert. Der hat darüber in "esquire"
geschrieben, fast 40 Seiten, so wie die Amerikaner das dann machen
- investigative journalism. Daraus ist dann das Drehbuch für den
Film mit Edward Norton geworden, AMERICAN HISTORY X. Erinnern Sie
sich an das Knacken des Kopfes da am Bürgersteig - das kommt alles
aus Hoyerswerda. Da sieht man es aber auch: Obwohl der Film sehr
stark ist, hat er seine Grenzen. Ich kann es nicht anders
sagen: Für die Linken, auch die Gewalttätigen, die ich gekannt
habe, für die konnte ich mehr empfinden, menschlich, als für manche
von diesen Rechten, bei denen ich das Gefühl habe, das sind in
erster Linie sadistische Schläger und in zweiter Linie ordnen sie
sich ein. Aber der Sadismus ist zuerst da. Und das ist schon ein
erheblicher Unterschied. Weshalb man mit denen auch sehr schwer
argumentieren kann. Man kommt da gar nicht 'ran. Die haben auch ein
Brett vorm Kopf. Leider ist der Rechtsradikalismus mit seiner
Fremdenfeindlichkeit in Deutschland eine Grundtendenz. Ich komme
sehr viel herum, und sie begegnen dem immer wieder: Wozu brauchen
wir überhaupt Ausländer? Antisemitismus, das sitzt so tief, und
auch in den "allerbesten Kreisen". Das ist einfach ein Urübel in
der deutschen Gesellschaft, und das drücken diese Rechtsradikalen
im Grunde aus. Deswegen ist gerade diese Einwandererdebatte
ganz wichtig. Wir müssen einfach begreifen, dass jeder Einwanderer
eine Bereicherung ist. Das muss Allgemeingut werden.
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