artechock: Hattest du Schwierigkeiten ONE HOUR PHOTO
zu realisieren?
Mark Romanek: Nichts an diesem Film machte Schwierigkeiten.
Ich habe in den letzten sieben, acht Jahren viele Projekte
zu realisieren versucht, aber nichts davon hat geklappt. Bei
ONE HOUR PHOTO haben die Dreharbeiten zehn Monate, nachdem
ich mich für die Idee interessierte, begonnen - und da
gab es noch nicht einmal das fertige Drehbuch. Der Film wollte
gemacht werden, so wie er jetzt ist. Und das beinhaltet auch
Robin Williams.
War er von Anfang an beteiligt?
Ich hatte zu Beginn gar nicht an Robin Williams gedacht.
Ein wirklicher Star würde nicht in einem so düsteren
Film mitmachen wollen... Also, warum hätte ich ihn belästigen
sollen? Ich wollte mit einem guten Independent-Schauspieler
drehen. Aber dann hat Robins Agent das Drehbuch gelesen, und
so kam die Idee auf. Ich für meinen Teil war zunächst
nicht besonders begeistert - was nicht daran liegt, dass ich
kein Fan von Robin Williams bin - aber diese Figur sollte
jemand sein, den der Zuschauer, fünf Minuten nachdem
er ihn gesehen hat, wieder vergisst. Das ist ein Widerspruch,
weil der ganze Film sich um ihn dreht. Also muss der Charakter
gleichzeitig faszinierend und leicht zu vergessen sein. Und
mit einem Star in der Hauptrolle treibt man diesen Widerspruch
natürlich auf die Spitze.
Das ist auch der Grund, warum wir Robin in seiner körperlichen
Erscheinung so stark verändert haben. Das war von Anfang
an klar, denn wir mussten die Zuschauer dazu bringen, nicht
in erster Linie Robin Williams zu sehen. Er verstand sofort,
was die Grundstimmung des Films bedeutet und wollte den Film
machen. Im Nachhinein ein Glücksgriff. Das Studio fühlte
sich sicherer mit einem Star im Film, weil wir dadurch natürlich
mehr Aufmerksamkeit bekommen würden. Und zugleich bedeutete
die Besetzung Robin Williams, dass der Film noch subversiver
werden würde.
Was bedeutet Dir die Figur des Sy Parrish?
Schon als ich das Drehbuch fertig geschrieben hatte war mir
klar, dass dies ein Film mit einem unheimlichen Heiligen werden
würde, nicht mit einem bösen, erschreckenden Menschen.
Deshalb endet ONE HOUR PHOTO auch so überraschend für
den Zuschauer. Ich sehe in dem Stoff eine Lovestory über
einen Typen, der sich in die Idee einer Familie verliebt,
auch wenn sich seine Liebe in sehr krasser Art und Weise manifestiert.
Noch einmal zum Ende, das wirklich unkonventionell ist.
Hattest du das Recht auf den final cut?
Das Studio sagte, dass sie mich nicht zwingen würden,
Sachen zu ändern oder herauszuschneiden. Es ist nicht
diese Art von Studio. Sie bezahlen den Leuten nicht besonders
viel Geld und sie verlangen, dass du deine Filme innerhalb
eines sehr straffen Budgets realisierst. Im Gegenzug bekommt
man völlige kreative Freiheiten.
Das Ende ist so überraschend, weil der ganze Film immer
wieder mit den Erwartungen der Zuschauer spielt. In dem Moment,
wo das Jagdmesser auftaucht, denkt man, dass bald Blut fließen
wird. Aber dem ist nicht so. Die Familienphotos sind trügerisch,
weil sie immer nur perfekte Momente abbilden. Und vielleicht
sind die Bilder, die uns der Film zeigt genauso trügerisch.
Und vielleicht ist dies eines der Themen, von denen ONE HOUR
PHOTO tatsächlich erzählt: Bilder können nicht
anders, sie lügen.
Wie sah der Produktionsprozess aus?
Der Film wurde in 43 Tagen abgedreht. Dann habe ich mir aber
13 Monate Zeit für den Schnitt genommen. Zum einen, weil
ich die Arbeit gemocht habe. Zum anderen war der Film wirklich
schwer zu schneiden. Die Zuschauer sollen sich so auf die
Charaktere einlassen, wie ich es will und der Linie bis zum
Schluss folgen. Robin Williams bot mir viele Möglichkeiten
in seinem Spiel, viele Variationen, so dass ich ONE HOUR PHOTO
noch düsterer hätte schneiden können, oder
auch lustiger und leichter. Allein Robin gerecht zu werden
hat neun Monate gedauert. Man kann im Schnitt die Leistung
eines Schauspielers unterstützen, man kann sie aber auch
zunichte machen, und ich fühlte mich Robin gegenüber
einfach enorm verpflichtet.
Vor One Hour Photo hast du viele Videoclips gemacht. War
es ein großer Schritt von dort zum Spielfilm?
Die Videos waren eine große Hilfe und gaben mir die
Möglichkeit, diesen Film zu machen. 10 Jahre Clips haben
mich das Handwerk gelehrt. Ich musste mir während des
Drehs nicht so viele Gedanken über die technische Seite
der Produktion machen und konnte mich so auf die Schauspieler
konzentrieren. Und ich hatte viele Mitarbeiter, die ich mitbringen
konnte. Es ist fast wie eine Familie mit der ich arbeite.
Das gibt mir ein starkes Gefühl von Sicherheit.
Jedoch bringen dir die Videos nicht wirklich bei, wie man
einen Film macht. Ich habe mich mit ONE HOUR PHOTO immer gefühlt
wie mit einem klassischen Musikstück, wie mit einer Symphonie.
Es gibt Tempiwechsel, der Rhythmus ist mal schneller, mal
langsamer, was es beim Clip nicht gibt.
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