25.07.2013

»Veränderung und Wandel sind unvermeidlich!«

Robert Redford in The Company You Keep

Robert Redford über seinen neuen Film, die Protest­be­we­gung der sechziger und die Abgründe ameri­ka­ni­scher Politik

Robert Redford (geb. 1936) stammt aus Kali­for­nien und wuchs in einfachen Verhält­nissen auf. Über das Baseball-Spiel bekam er ein Stipen­dium. Der Tod der Mutter warf ihn jedoch aus der Bahn, er schlug sich mit Gele­gen­heits­jobs durch. Nach einer Europa-Reise, während der er eine Weile in München lebte und dann in Paris in einer Kommune, kam Redford zurück, spielte Theater und bekam kleinere Film­rollen. Zum Star wurde er 1969 mit Zwei Banditen. Jetzt kommt sein neuer Film The Company You Keep (deutsch Die Akte Grant)  ins Kino.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

artechock: Die eine Haupt­figur Ihres Films ist ein junger Jour­na­list. Er ähnelt dem, den Sie selbst damals in Die Unbe­stech­li­chen gespielt haben...

Robert Redford: Die Chance auf der Leinwand eine Figur zu zeigen, wie sie Shia LaBoeuf verkör­pert, war für mich sehr reizvoll. Denn wenn wir genau hinschauen, gibt es unter der Ober­fläche heute eine ähnliche Situation wie zur Zeit des Watergate-Skandals. Unter dem guten Willen zur Wahrheit liegt der Wunsch nach Ruhm. Shias Figur sucht nach der Wahrheit. Aber er weiß auch, dass das für ihn persön­lich Ruhm bedeutet.
Vieles in Bezug auf Jour­na­lismus ist heute anders. Als wir Die Unbe­stech­li­chen drehten, 1974/75, gab es kein Internet, keine Computer. Keine von diesen neuen Tech­no­lo­gien, die den Infor­ma­ti­ons­fluss derart ansteigen ließen. Es ist einfach schwie­riger, zu wissen, was die Wahrheit ist, wenn es so viele Fern­seh­kanäle gibt, die alle behaupten, zu wissen, was die Wahrheit ist.

artechock: Wie lösen wir das Dilemma?

Redford: Es muss Kriterien geben. Aber auch wenn die Umstände anders sind, ist die Kernfrage gleich geblieben: Es wird immer das Bedürfnis nach irgend­einer Form von poli­ti­scher Verän­de­rung geben. Wenn Menschen sehen, dass eine kleine Gruppe sich selbst unge­rechte Vorteile verschafft, wenn sie erleben, wie ihre Frei­heiten einge­schränkt werden, oder wegge­nommen, oder wenn man sie zwingt, in einen Krieg zu ziehen, den sie für falsch halten, dann werden sie sich das auf Dauer nicht bieten lassen. Das wird immer passieren. Und das ist auch sehr gesund. Es hat etwas mit Verän­de­rung und Wandel zu tun. Verän­de­rung und Wandel sind unver­meid­lich, ob wir es mögen oder nicht.

artechock: Wie kamen Sie zu dem Thema alt gewor­dener Unter­grund­kämpfer?

Redford: Ich habe mich immer für Geschichte inter­es­siert. Als die »Weathermen« in den Unter­grund gingen, war es zu früh. Ich wollte die Geschichte des ameri­ka­ni­schen Unter­grunds schon vor über 30 Jahren erzählen. Damals ging das nicht. Das Thema war zu frisch! Als es passierte, war es noch keine Geschichte. Jetzt können wir es im Licht von Vietnam, und von McCarthy sehen. Das ist jetzt alles ein Teil dieser ameri­ka­ni­schen Geschichte. Und ein bisschen hat es mich auch an Les Miséra­bles erinnert.

artechock: Sie gehörten auch politisch immer zu den Liberalen Amerikas...

Redford: Ich hatte große Sympathie für die Bürger­rechts­be­we­gung, für Wider­stand und Protest gegen die US-Regierung. Ich glaube bis heute, dass die einen guten Grund hatten, zu rebel­lieren. Zugleich konnte man schon ahnen, dass sie sich selbst zerstören würden. Das hat mich traurig gemacht, denn ich fand, dass sie gute, gerechte Gründe für ihren Kampf hatten. Denn der Krieg in Vietnam, den sie bekämpften, war ein unge­rechter Krieg. Aber das ist nur meine Ansicht. Ich war seinerzeit nicht politisch engagiert.
Jede Gene­ra­tion hat ihren Moment der Unzuf­rie­den­heit und Rebellion. Die Zeiten und die Umstände mögen sich ändern. Aber das kommt immer wieder, und wird auch weiterhin immer wieder­kommen. Wir müssen nach­fol­genden Gene­ra­tionen etwas hinter­lassen, was nicht verrottet ist.

artechock: Sympa­thi­sieren Sie mit den Ideen des »Weather Under­ground«? Sie wollten den Krieg beenden, durch Gewalt gegen Sachen...

Redford: Ich denke, sie hatten die richtigen Ideen. Ihre Inten­tionen waren voll­kommen richtig. Denn im Prinzip haben sie nichts anderes getan, als uns an unsere eigenen, an die urame­ri­ka­ni­schen Ideen zu erinnern: An die Meinungs­frei­heit, aber auch an die Freiheit zu gleichen Ausgangs­be­din­gungen, an die Freiheit, die gleiche Chancen geben. Aber die Chancen der Menschen sind nicht gleich. Man sollte nicht so tun, als wäre das so.
Das war ihr Antrieb. Sie standen auf gegen Doppel­moral. Sie standen auf dagegen, dass die Prin­zi­pien, auf denen Amerika gegründet worden war, unter­drückt wurden. Ihr Kampf war ein guter Kampf. Sie hatten recht.
Aber in dem Film inter­es­sierte mich etwas anderes: In dem Film geht es um Heute. Darum spielt er heute, außer einem ganz kurzen Rückblick zu Beginn. Ich wollte wissen: Wie fühlen sie sich jetzt? Wie gehen sie mit ihrer Vergan­gen­heit um?

artechock: Wenn Sie auf Amerika blicken: Wie erscheint ihnen ihr Land?

Redford: Als Gefan­gener seiner eigenen Propa­ganda und Mythen. Was wir gerade beob­achten können: Die poli­ti­sche Land­schaft ist in zwei Seiten gespalten. Die eine Seite – ich spreche von Obama und den Demo­kraten – glaubt, dass Wandel unver­meid­lich ist- Und darum soll er in die richtige Richtung gehen. Die andere Seite hat Angst vor Verän­de­rung an sich. Denn sie fürchtet, dass der Wandel ihnen Nachteile verschafft. Das hat eine Situation geschaffen, die mich sehr traurig macht.
Man kann nicht darum herum­reden, es ist ein Faktum, dass die Super-Reichen immer durch­kommen. Egal, was man tut, wie man Wall-Street eingrenzt – sie kommen immer durch. Offen­kundig gibt es da große Macht. Und offen­kundig gibt es eine Grund für diese Macht. Und mögli­cher­weise wird sich das nie ändern. Offen­kundig gibt es also immer gute Gründe für die, die keine Macht haben, wenigs­tens ein bisschen davon abzu­be­kommen.
Es ist für alle offen­sicht­lich, die auch nur ein halbe Hirn haben, dass es den Super­rei­chen ziemlich gut geht, und dem Rest Amerikas ziemlich schlecht. Wenn wir uns den Wahlkampf 2012 ansehen, ist glasklar: Es geht am Ende nur um die reichsten 1 Prozent.

artechock: Die Akte Grant ist ein Polit-Thriller. Sind poli­ti­sche Filme Kassen­gift?

Redford: Poli­ti­sche Filme sind kein Kassen­gift. Manche Studios haben zwar Angst. Aber das liegt daran, dass ihre Filme zu teuer sind. Mein Film war relativ billig, er verzichtet auf Spezi­al­ef­fekte, dann ist das Risiko auch nicht so groß. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass poli­ti­sches Kino unver­zichtbar für unsere Gesell­schaft ist. Das Publikum erkennt das auch an.

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