03.08.2017

»Was man nicht probiert, kann nix werden!«

Eva Mattes, ganz entspannt (Foto: Simon Hauck)

Eva Mattes galt wegen ihrer Rollen fast als »bad girl« des deutschen Films. Heute werden kaum noch Rollen für ihre Alters- und Schau­spiel­klasse geschrieben. Ein Interview mit einer starken Frau

Das Gespräch führte Simon Hauck in Starnberg.

Eva Mattes ist eine Ausnah­me­schau­spie­lerin. Ihr gelang der direkte Sprung vom Kinder­star zur Peter-Zadek-Schau­spie­lerin. Parallel arbeitete sie mit den wich­tigsten Auto­ren­fil­mern des neuen deutschen Films (z.B. mit Rainer Werner Fass­binder, Michael Verhoeven oder Roland Klick) und war eine Zeitlang mit Werner Herzog liiert, mit dem sie auch eine gemein­same Tochter – Hanna Mattes – hat. Seit 1992 lebt die preis­ge­krönte Schau­spie­lerin, Synchron­spre­cherin, Sängerin und Rezi­ta­torin zusammen mit dem öster­rei­chi­schen Künstler Wolfgang Georgs­dorf in Berlin-Kreuzberg. Das 11. Fünf Seen Film­fes­tival ehrt die gebürtige Bayerin als Ehrengast mit einer Werkschau.

Artechock: Frau Mattes, Sie sind Ehrengast des dies­jäh­rigen Fünf Seen Film­fes­ti­vals. Wie kamen Sie zu dieser Ehre, und was bedeutet Ihnen dies ganz persön­lich?

Eva Mattes: Es ist wirklich eine Ehre. Allein schon dadurch, dass ein Film­fes­tival eine soge­nannte Retro­spek­tive für mich macht, fühle ich mich sehr geehrt. Das heißt ja auch: Man hat schon einige Filme gemacht, und es lohnt sich, dass man so etwas über einen macht. Ange­spro­chen hatte mich dazu Kurt Tywker (Vater von Regisseur Tom Tykwer und dem Film­fes­tival seit Jahren verbunden, Anm. d. Red.). Und zwar auf eine so über­zeu­gende und herzliche Weise, dass ich mir gedacht habe: Ja – und ich habe auch gerade Zeit – also warum nicht? Das mache ich jetzt mal. Und Starnberg leuchtet mir auch sehr ein: Die Seen...

Sie hatten ja selbst schon von Beginn an so etwas wie einen direkten »See-Bezug«. Anstatt in München brachte Sie Ihre Mutter, die UFA-Schau­spie­lerin Margit Symo, 1954 in Tegernsee auf die Welt...

Warum gerade dort, weiß ich eigent­lich auch gar nicht so genau. Das müssten Sie meine Mutter fragen. Es war auch nicht die Sommer­fri­sche. Eine Zeit lang lebten meine Eltern (der öster­rei­chi­sche Film­kom­po­nist, Arrangeur und Dirigent Willy Mattes, der 2002 starb, war der Vater von Eva Mattes, Anm. der Red.) dann auch am Schliersee: Mit mir als Säugling. Aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Aufge­wachsen sind Sie in München-Laim, wo zum Beispiel auch der junge Helmut Dietl nach dem Krieg groß wurde. Haben Sie heute noch Erin­ne­rungen an diese Zeit in Ihrer Kindheit?

Oh ja, daran kann ich mich noch gut erinnern. Ich weiß noch genau, wie unser Kinder­zimmer aussah. Ich hatte mir da eine extreme Puppen­welt einge­richtet. Mit Allem: Mit Koch­ge­schirr und Wasch­trögen, alles natürlich in Puppen­größe, und da denke ich heute noch gerne dran zurück. Bis zu meinen zehnten Lebens­jahr habe ich dort gewohnt. Und danach sind wir dann nach Stein­hausen gezogen. Das ist da, wo die Prinz­re­gen­ten­straße endet, in der Nähe der Unter­füh­rung zum ehema­ligen Flughafen München-Riem.

Zugleich haben Sie bereits als Kind sehr früh mit der Schau­spiel- und Synchron­ar­beit begonnen...

Ja, mit zwölf habe ich schon ange­fangen.

Und bis heute haben Sie – höchst erfolg­reich – in mehr als 200 Produk­tionen mitge­wirkt. Viele Ihrer Schau­spiel­rollen sind inzwi­schen legendär: Egal ob als Verge­wal­ti­gungs­opfer Phan Ti Mao in Michael Verhoevens Berlinale-Skandalon O.K., als Hanni Schneider in Reiner Werner Fass­bin­ders Fern­se­he­klat Wild­wechsel, als Prosti­tu­ierte Monika mit blonder Perücke in Roland Klicks Super­markt oder als Marie in Werner Herzogs preis­ge­krönter Woyzeck-Verfil­mung. Welche dieser allesamt gewagten Frau­en­rollen ist Ihnen im Rückblick besonders wichtig?

Es sind im Grunde schon viele dieser Filme, die hier auch auf dem Fünf Seen Film­fes­tival laufen. Dazu hatte ich mit Kurt Tykwer und Matthias Helwig auch vorab gespro­chen. Da gehört also zum Beispiel auf jeden Fall Deutsch­land, bleiche Mutter von Helma Sanders-Brahms dazu – oder Céleste von Percy Adlon. Aber eben auch auf jeden Fall ein Film wie Super­markt von Roland Klick, den ich nach wie vor für einen der besten Regis­seure des jungen deutschen Films halte. Stroszek und Woyzeck müssen natürlich ebenso dabei sein. Und besonders Wild­wechsel hätten wir gerne wieder einmal gezeigt, aber der Herr Kroetz…: Der mag' des ned! Ich weiß nicht, warum er's immer verhin­dert, ich verstehe das überhaupt nicht. Ich find's einfach nur blöd! Das können Sie gerne auch genauso schreiben. O.K., meinen ersten Kinofilm, hätte ich hier natürlich auch sehr gerne gesehen, aber da ist es ganz ähnlich: Da will der Produzent (Rob Houwer, Anm. der Red.) eben nicht und gibt die Rechte einfach nicht raus.

Gleich für O.K. haben Sie blutjung Ihr erstes Filmband in Gold als beste Nach­wuchs­schau­spie­lerin – zusammen mit Ihrer Leistung als Kathi in Reinhard Hauffs Mathias Kneissl-Adaption – gewonnen. Was haben Sie eigent­lich mit all diesen Preisen gemacht? Stehen die wirklich bei Ihnen zu Hause in Berlin-Kreuzberg in einer präch­tigen Vitrine, wie es Ihre Mutter immer wollte?

Die stehen in der Tat nicht alle bei mir. Den Chaplin-Schuh zum Beispiel (gemeint ist der Deutsche Darstel­ler­preis, der von 1977 bis 1990 von Bundes­ver­band Regie für heraus­ra­gende schau­spie­le­ri­sche Leis­tungen verliehen worden war, Anm. der Red.) hat meine Schwester bei sich. Der steht bei ihr wirklich am Fußboden, weil er so schwer ist. Den konnte ich nie mit mir mitschleppen. Meine Bundes­film­preise, die ja vor der heutigen Lola-Figur wirklich noch in der Form von Film­bän­dern in Gold gestaltet waren, liegen bei mir zu Hause einfach in der Schublade. Und die letzte Lola steht wiederum bei mir auf dem Fußboden. Ich habe ihr auch noch so ein kleines, gelbes Plas­tik­hüt­chen verpasst.

Und Ihre Auszeich­nung aus Cannes für die Marie in Woyzeck?

Die liegt bei mir in irgend­einem Schrank unter irgend­wel­chen Papieren: Das ist nur ein Dokument. Die wirkliche Goldene Palme haben Sie mir nämlich nie geschickt. Die hatten zu mir immer gesagt: Das bekommen Sie dann noch hinterher… Aber sie ist nie bei mir ange­kommen. So habe ich wenigs­tens die Urkunde. Ach, was soll's!

Machen Sie sich generell selbst viel aus diesen Preisen? Was bedeuten sie Ihnen – und sehen Sie sich diese prämierten Filme privat auch ab und zu mal an?

Nein, ich hole sie nicht regel­mäßig raus. Das mache ich weder für mich noch für meine Familie: Die nehmen mich schon so wie ich bin. Dafür brauche ich überhaupt keine Preise! Und die Filme? Ja, im Rahmen von Festivals sehe ich sie natürlich immer wieder mal.

Der lange verschol­lene Mathias Kneissl wurde zum Beispiel jüngst wieder auf dem Filmfest München gezeigt im Rahmen der Hommage für Reinhard Hauff.

Oh ja, den hätte ich wahn­sinnig gerne wieder gesehen! Das war eine phan­tas­ti­sche Drehzeit – und ein ganz wunder­bares Ensemble! Da wäre ich gerne ins Film­mu­seum gekommen, aber ich war gerade beim Drehen und konnte deshalb leider nicht. Es ist so schade, dass es den nicht auf DVD gibt. Und keiner weiß, ob's ihn so überhaupt auch mal geben wird. Abgesehen davon: Zusammen im Kino ist das natürlich noch mal ein ganz anderes Erlebnis!

Frau Mattes, wenn man heute in alten Kritiken liest, fallen einem Begriffe wie »Voll­blut­schau­spie­lerin«, forsche »Kindfrau« oder das ewige »Hippie-Mädchen« ins Auge. Sehen Sie sich darin wider­ge­spie­gelt – und lesen Sie heute überhaupt noch Kritiken über sich? Welche Meinung zu Ihrer Arbeit ist Ihnen überhaupt besonders wichtig?

Naja, ich habe eigent­lich immer das gemacht, was ich will. Das heißt: Ich hatte immer das Glück, mir meine Rollen auszu­su­chen und auch die Leute, mit denen ich arbeite. Das war bei Peter Zadek so, bei Fass­binder war es ganz ähnlich. Mir ist heute die Meinung meiner Freunde oder der Leute, mit denen ich arbeite, wichtig. Und natürlich ist mir auch die Meinung meiner Familie sehr wichtig. Die Meinung dagegen von einem einzigen Kritiker… Zum Glück habe ich nur ganz selten wirklich schlechte Kritiken bekommen – auch im Theater. Es ist oft so: Man probiert zum Teil mona­te­lang an einem Stück, man setzt sich wirklich damit ausein­ander. Und dann geht da ein Mensch rein und verreißt das Ganze mit so ein paar Worten und tut das Ganze so ab… Das finde ich ein bisschen undif­fe­ren­ziert. Und davon kann ich mich auch absetzen. Das ärgert mich dann zwar, weil ich mir denke: Da könnte man sich auch noch ein bisschen anders damit ausein­an­der­setzen und viel­leicht ein bisschen genauer zuschauen, ein bisschen genauer hinsehen. Ich denke mir dann auch: Viel­leicht inter­es­siert den sein Job einfach nicht mehr.

Ihre Darstel­lung der Klara Blum im SWR-Tatort war ebenfalls nicht unum­stritten…

Ja, auch mit der Fern­seh­kritik ist das so seine Sache. Ich kann mich aber ganz gut davon lösen. Für unseren »Bodensee-Tatort« wurden wir regel­mäßig in der »Süddeut­schen Zeitung« verrissen. Aber ich stehe da drüber: Das hat mir überhaupt nichts ausge­macht! Darüber musste ich wirklich jedes Mal selbst schmun­zeln und dachte mir: Ja, mei! Ist halt so! Diese Kritik hat mich aber nicht getroffen oder weiter berührt. Ich war ja auch nicht mit jedem Tatort einver­standen und hätte mir manches auch noch ein bisschen anders vorge­stellt, als wie es dann war. Aber ich habe immer versucht, das Beste draus zu machen. Und manche Kritiken waren ja auch sehr lustig.

Aktuell sind Sie im ZDF als Eva Lorenz in der Zieg­ler­film-Heimat­serie »Lena Lorenz« zu sehen. Ganz ehrlich: Lang­weilen Sie sich da als gestan­dene Thea­ter­schau­spie­lerin nicht am Set?

Ja. Aber die Berge sind sehr schön! Ich genieße es sehr, dort zu sein. Ich habe wunder­bare Kollegen und in den Dreh­pausen unter­halten wir uns gut. Es ist ja nicht so, dass das nicht Arbeit ist. Und die so genannte Lange­weile ist eben dabei: Das Warten gehört zum Beruf. Spielen tue ich zum Vergnügen, bezahlt werde ich für's Warten.

Der Künstler Wolfgang Georgs­dorf, mit dem Sie seit 1992 in Berlin leben, hat Sie einmal eine »Trieb­tä­terin im Spiel« genannt. Was treibt Sie heute als extrem erfahrene Schau­spie­lerin überhaupt noch an? Und was können Sie mit dem Bonmot »Einmal Schau­spieler – immer Schau­spieler« anfangen?

Ich bin jeden­falls noch nicht am Ende. Ob ich es immer so weiter­ma­chen werde, weiß ich jetzt noch nicht. Ich lasse einfach vieles auf mich zukommen, bin aber durch meine eigenen lite­ra­risch-musi­ka­li­schen Abende, die ich mache, auch selbst genü­gend­in­spi­riert: Zum Beispiel im Hinblick auf das Thema Flucht. Viele, viele Menschen waren immer schon auf der Flucht und mussten ihre Heimat verlassen, weil sie nichts zu essen hatten, weil der Boden nichts hergibt, weil es Kriege, Hunger und Umwelt­zer­stö­rung gibt. Und davon handeln diese Abende, die ich zusammen mit der Diri­gentin Irmgard Schleier mache. Das Singen ist mir dabei ein großes Begehren! Das will ich auch noch weiter ausbauen. Ich langweile mich auch nicht.

Trotzdem berichten ebenfalls renom­mierte Schau­spie­le­rinnen wie Hanna Schygulla, Margit Cars­tensen oder Irm Hermann immer wieder davon, dass sie einfach in ihrem Alter keine span­nenden Rollen mehr angeboten bekommen.

Ich will gar nicht hofiert werden: Ich will einfach gerne tolle Rollen haben! Das liegt oft daran, dass diese Rollen einfach nicht geschrieben werden. Das ist das Problem! Ich glaube nicht, dass sich die Leute nicht trauen mich zu fragen.

Warum werden dann diese Rollen so selten geschrieben? Und liegt es nicht auch daran, dass es bei uns so wenige Inten­dan­tinnen oder Regis­seu­rinnen gibt?

Keine Ahnung: Ich weiß es nicht. Und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, woran es liegt.

Den Kontakt zu starken Frauen suchten Sie bereits in der Vergan­gen­heit. Für das von Ihnen mitor­ga­ni­sierte Bochumer Frie­dens­kon­zert 1982 wollten Sie zum Beispiel Marlene Dietrich nach Deutsch­land zurück­holen.

Was man nicht probiert, kann nix werden! Es hätte ja sein können. Allein mit ihr zu sprechen war natürlich wunderbar: absolut großartig. Ich bin froh, dass ich damals diesen Mut hatte. Ich war natürlich furchtbar aufgeregt. Sie war ja sehr politisch! Und ist ganz bewusst aus Nazi-Deutsch­land wegge­gangen. Sie war immer engagiert, hatte zum Beispiel auch die ameri­ka­ni­schen Soldaten unter­s­tützt.

In Ihren langen Proben­zeiten mit Peter Zadek kam es durchaus schon mal vor, dass sie zu ihm sagten: »Du spinnst wohl! Das mache ich nicht!« Gibt es – über­tragen auf Ihre Arbeit als Film- und Fern­seh­schau­spie­lerin – etwas, das sie vor einer Kamera nie tun würden: Eine Art »rote Linie«?

Das kann ich so pauschal nicht sagen. Es kommt immer drauf an. Das liegt wiederum oft an den Büchern, die geschrieben werden, oder an den Regis­seuren und Regis­seu­rinnen. Es hat in erster Linie damit zu tun, was man gemeinsam erzählen will. Und da kann ich mir eigent­lich alles vorstellen! Aber auch, dass es Dinge gibt, die ich ablehnen würde. Das ist von Fall zu Fall sicher­lich anders.

Gibt es denn abschließend ein Lieb­lings­pro­jekt, das Sie gerne noch reali­sieren möchten? Oder eine Rolle, die Sie nach all den Jahr­zehnten unbedingt noch spielen wollen?

Nein, das gibt es so eigent­lich nicht. Das erfülle ich mir in gewisser Weise mit meinen musi­ka­lisch-lite­ra­ri­schen Abenden. Genauso mit den Lesungen: Denn ich lese auch wirklich gerne! Das macht mir großen Spaß und da habe ich immer wieder große Lust drauf, weil ich einfach auch sehr lange an meiner Stimme gear­beitet habe. Das begann schon ziemlich früh durch meine Synchro­ni­sa­ti­ons­ar­beit, wo ich haupt­säch­lich Jungs synchro­ni­siert habe: Bei »Lassie« zum Beispiel oder auch bei »Pippi Langs­trumpf«. Und weil ich auch nie auf einer Schau­spiel­schule war, habe ich mir das Ganze im Prinzip in der Praxis durch meine Zeit am Hamburger Schau­spiel­haus mehr und mehr erar­beitet, ja: erobert! Irgend­wann habe ich dann auch Gesangs­stunden genommen – und dadurch habe ich meine jetzige Stimme entwi­ckelt. Und dieses flüssige Lesen, das auch gar nicht so einfach ist, habe ich im Grunde auch dadurch gelernt, dass ich meinen Kindern so viel vorge­lesen habe. In ein Buch einzu­tau­chen, wie zum Beispiel in die Welt von Jane Austen, das ist für mich eigent­lich genau wie Thea­ter­spielen, obwohl ich meinen Körper beim Lesen überhaupt nicht bewegen darf, weil ich vor dem Mikrofon ganz ruhig bleiben muss. Das fordert mich!

top