22.12.2016

»Es gibt immer noch keinen Film aus Südafrika, der die Regierung offen kritisiert!«

Lidudumalingani Mqombothi 2016
Lidudumalingani Mqombothi (Foto: Axel Timo Purr)

Der südafri­ka­ni­sche Caine-Preis-Gewinner Lidu­du­ma­lin­gani über die Notwen­dig­keit nicht nur Filme zu machen, seine preis­ge­krönte Kurz­ge­schichte, die Schwie­rig­keiten für regie­rungs­kri­ti­sche Filme in Südafrika noch Förder­gelder zu bekommen und das Dilemma sich im »weißen« Kapstadt als »schwarzer« Künstler zu behaupten

Das Gespräch führte Axel Timo Purr

Lidu­du­ma­lin­gani Mqombothi ist Schrift­steller, Fotograf und Filme­ma­cher und Gewinner des Caine-Preises 2016, des bedeu­tendsten Nach­wuchs­preises für afri­ka­ni­sche Literatur. Lidu­da­ma­lin­gani empfängt mich an seinem Arbeits­platz in einer Multi­me­diagentur in Woodstock, wo er als Produzent für Werbe- Doku-Produk­tionen zuständig ist. Der einstige, für hohe Krimi­na­litäts­raten berüch­tigte Arbei­ter­vorort von Kapstadt ist inzwi­schen von der Gentri­fi­zie­rung schwer gezeichnet. Alte vikto­ria­ni­sche Villen sind edel­re­no­viert worden, verlas­sene Fabrik­ge­bäude wurden von Galerien und Agenturen über­nommen. Die Agentur, bei der Lidu­du­ma­lin­gani sein Geld verdient, liegt gleich neben den Bahn­gleisen, in einem Teil der ehema­ligen Castle-Brauerei. Eine Sekre­tärin bringt sofort Kaffee; wir setzen uns in die warme Sonne. Links von uns glitzern die Kräne des Kaps­tädter Hafens, rechts sind die Ausläufer des milchig leuch­tenden Tafel­berges gerade noch zu sehen.

Artechock: Was machen Sie hier eigent­lich, haben Sie nach dem Caine-Preis überhaupt noch Zeit hier zu arbeiten?

Lidu­du­ma­lin­gani: Aber ja doch, ich arbeite hier Vollzeit als Multi­media-Produzent, ein Job, den ich schon vor dem Caine-Preis hatte. Nach der Film­hoch­schule blieb mir nicht viel anderes übrig. Trotz der riesigen Film­stu­dios hier in Kapstadt sind es meist auslän­di­sche Block­buster-Produk­tionen, die hier buchen; dementspre­chend wird man an der Film­hoch­schule motiviert. Eigent­lich sollte ja »Memories we lost« (seine Caine-Preis prämierte Kurz­ge­schichte – hier als PDF-Download) ein Film werden, aber keiner hat sich dafür inter­es­siert.

Die Geschichte von zwei jugend­li­chen Schwes­tern auf dem Land, von denen die jüngere durch eine Geis­tes­krank­heit gehan­di­capt ist und durch tradi­tio­nelle Heiler kuriert werden soll – ist nicht gerade »modern«. Sie hätte so in der African Writer Series von Heineman in den 1960er Jahren erscheinen können. Liegt es viel­leicht daran, dass keiner Interesse an einer filmi­schen Umsetzung der Idee hatte?

Das stimmt schon, aber obwohl es mit der filmi­schen Umsetzung nicht geklappt hat, ist es ja dann immerhin ein Stück Literatur geworden. Man muss in dieser Hinsicht flexibel sein. Und auch beim Schreiben will ich nichts schreiben, dass »nur« lite­ra­risch ist. Ich möchte über Dinge schreiben, die es gibt, die real sind, die uns betreffen. Dinge, die meinem Herzen nah sind, Dinge die meinen Charak­teren nah gehen.

Wissen die Leute in den Städten hier von dieser immer noch exis­tie­renden »tradi­tio­nellen« Welt in den länd­li­chen Regionen Südafrikas, mit all ihren Vorur­teilen?

Die Weißen viel­leicht weniger als die Schwarzen. Aber Vorur­teile über Geis­tes­krank­heiten exis­tieren auch in den Städten. Auch in Städten redet man nicht über Depres­sionen, versteckt, verdrängt es. Es kann also überall passieren. Ich hatte mal eine Frau in einer Lesung, die sagte, dass Ärzte bestraft werden sollten, die Patienten mit bipolarer Diagnose, Depres­sionen und Ängsten unter Medi­ka­tion stellt. Das finde ich nicht. Medi­ka­mente können auch helfen. Genauso wenig kann allein ein »Sangoma«, ein tradi­tio­neller Mediziner, helfen.

Haben Sie ihre Geschichte auch in den Dörfern, wo sie spielt, vorge­stellt?

Dazu hatte ich bislang noch nicht die Möglich­keit, ich weiss nicht mal, ob meine Mutter die Erzählung überhaupt schon gelesen hat. Ich werde aber ein paar Exemplare in an meiner alter Schule vorbei­bringen, bin mir aber nicht sicher, ob die Leute das mögen. Bei einem Film zu diesem Thema wäre das nicht anders.

So wie im rumä­ni­schen Film – im Ausland gemocht, im Inland gehasst?

So in etwa, denn ich schreibe über Sachen, über die keiner reden will. Es ist ein Betrug an der eigenen Heimat. Aber es muss sein, denn diese unaus­ge­spro­chenen Problem­felder betreffen auch die nächste Gene­ra­tion. Das fängt ja schon an, wenn Mädchen ihre Periode kriegen und mit niemanden drüber reden können, weil ihre Mütter nicht dazu bereit sind, ihnen nie etwas davon gesagt haben. Und natürlich gilt das auch für den Film. Es gibt immer noch keinen Film aus Südafrika, der die Regierung offen kriti­siert! Sowas wie Gewalt ist natürlich Thema, aber über das Land, unser Land, das ausein­an­der­fällt, macht niemand etwas.

Fehlen die Gelder für diese Produk­tionen?

Es ist inzwi­schen schon so weit, dass die Verfil­zung der Regierung bis weit in die Kunst­szene greift. Das Arts Depart­ment mit seinen Förder­gel­dern steht der Regierung nah und schon aus diesem einfachen Grund hat ein regie­rungs­kri­ti­scher Film keine Chance auf irgend­welche Gelder. Es gibt eine paar Ausnahmen, wie etwa der sati­ri­sche Film Wonder Boy for President (Link zum Youtube-Trailer), aber das sind rare Momente abseits des Eska­pismus, der sonst überall dominiert. Und dabei gibt es so tolle Regis­seure in diesem Land. Die zwar Gelder kriegen, aber nicht für Projekte, die sie wirklich reali­sieren wollen. Immerhin ist es noch nicht so weit, dass Filme­ma­cher verboten werden, was Anlass zur Hoffnung gibt. Doch im Grunde müssen wir jetzt handeln, müssen diese Filme jetzt drehen, bevor der ANC zum nächsten Schritt ansetzt und nicht nur die Förderung solcher Filme, sondern die Filme selbst verbietet

Wird der ANC wirklich soweit gehen?

Ich weiß es nicht. Ich habe das Interesse an Wahlen verloren. Ich habe einfach keine Lust mehr mich von Poli­ti­kern verar­schen zu lassen. Wähle für das oder das, obwohl du weißt, dass nichts davon in Erfüllung gehen wird. Auch wenn ich den Lokal­wahlen immerhin etwas Schönes abge­winnen konnte, da der ANC zum ersten Mal reali­sieren musste, dass ihn nicht nur Weiße nicht wählen, sondern es auch Schwarze gibt, die das nicht mehr tun. Es ist ein Wahnsinn vom ANC zu glauben, dass die Leute zu blöd sind, um zu kapieren, was hier wirklich passiert. Und Kapstadt und Johan­nes­burg zu verlieren, heißt so viel wie die Wahlen verlieren. Aber nicht nur dort. In der kleinen Stadt im Free State, wo mein Vater wohnt, sieht es nicht anders aus, da ist die DA (Demo­cratic Alliance) auch stark geworden.

Bleibt nur zu hoffen, dass nicht hier wie überall auf der Welt, die popu­lis­ti­schen, die radikalen Kräfte stärker werden...

Wir kriegen das schon hin. Ich bin auch nicht zufrieden mit der Idee, dass die DA das Land regiert, aber dem ANC zu zeigen, dass es so nicht weiter­geht, ist von unschätz­barem Wert.

Sie schreiben, filmen, foto­gra­fieren auch. Wie hängt das alles zusammen? Ist es nur mehr prag­ma­tisch, wie sie vorher bezüglich ihrer Idee zu ihrer Kurz­ge­schichte ange­deutet haben oder steckt mehr dahinter?

Es überlappt alles sehr stark. Im Moment arbeite ich an einer Doku­men­ta­tion und einem Spielfilm und an meinem ersten Roman, »The Many Ways God Abandons Us«. Nachher habe ich ein Treffen über die Finan­zie­rung des Spiel­films, an dem ich seit drei Jahren arbeite. Aber es ist tatsäch­lich auch mehr, gerade wenn sich die Arbeiten derartig über­schneiden. Für mich ist eine Foto­grafie wie ein perfekter Satz und mein Schreiben ist wie eine Geschichte, die sich nach vorne bewegen muss. Eine Foto­grafie ist wie ein Gedicht und ein Film ist dieses Gedicht, nur in Bewegung versetzt.

War das schon immer so für Sie oder gab es eine Entwick­lung dahin?

Na ja, es hat bei mir eigent­lich damit ange­fangen, dass ich unbedingt ein Radio-DJ sein wollte. Und das bin ich dann auch geworden. Natürlich erst Schule usw., aber dann war ich genau das – und bin vor Lange­weile fast gestorben. Ich bin dann Redakteur in einem Jugend­ma­gazin im Free State gewesen. Dort habe ich dann wen getroffen, der Filme machte. Und weil ich über Monate Texte redigiert hatte und auch über Filme geschrieben habe, inter­es­sierte mich das so sehr, dass ich mich entschloss eine Film­hoch­schule zu besuchen, für zwei Jahre und dann ein weiteres Jahr Drama-School. Die Foto­grafie kam erst vor zwei Jahren dazu. Ich fing einfach an, Fotos zu machen, auf meinen Wegen zwischen Arbeit und Zuhause. Witzi­ger­weise war die Literatur das Stiefkind der drei, aber dann kam diese Erzählung, die ich eigent­lich ursprüng­lich als Film angelegt hatte. Und deswegen schreibe ich nun auch wie schon erwähnt an einem Roman. Und wenn der fertig ist, werde ich viel­leicht auch daran denken können, diesen Job hier aufzu­geben.

War es immer selbst­ver­s­tänd­lich für Sie, in Englisch zu schreiben, ich denke an Ngugi und seine Probleme damit?

Ich habe immer in Englisch geschrieben und ich wüsste gar nicht, ob ich überhaupt in isiXhosa schreiben könnte. An einem normalen Tag spreche ich wirklich so wenig isiXhosa, dass ich die Worte fast an der Hand abzählen kann. Ich spreche es kaum hier und ich spreche es nirgendwo im Ausland. Ich mag Ngugi und seine Ideen zwar, aber das ich in Englisch schreibe, gibt mir nicht das Gefühl mein Hirn zu kolo­nia­li­sieren.

In einem Interview mit dem Mail & Guardian haben Sie vor kurzem gesagt, dass Sie Probleme mit der »Whiteness« in Kapstadt hätten. Was meinen Sie damit?

Es ist einfach so, dass etliche Insti­tu­tionen hier auf Weiße zuge­schnitten sind – Galerien, Buchläden, Literatur- und Film­fes­ti­vals. Und wenn sie dann mal einen Schwarzen einladen, dann kommen sie mit diesen ganzen Erwar­tungs­hal­tungen: erzähl uns über schwarzes Leben, schwarze Probleme. Und das ist halt nicht das, was man Weiße auf diesen Workshops und Festivals fragt. Und wenn man diesen Erwar­tungs­hal­tungen folgt, wird das zu Kunst, die im Grunde nichts mehr mit dem Leben, mit der Realität zu tun hat. Deshalb bleibt einem als Schwarzer in Kapstadt eigent­lich keine andere Möglich­keit, als sich mit anderen schwarzen, kreativen Leuten zusam­men­zutun, um dieser »Whiteness« zu wider­stehen. Und Dir das Gefühl zu geben, dass du auch kreativ sein kannst.

Das erinnert mich an das Problem, das schwarze Geschäfts­leute in Südafrika beim »Bidding« für neue Aufträge haben, weil sie zuerst immer verdäch­tigt werden korrupt zu sein und damit nicht wirklich in Konkur­renz zu »weißer« Wirt­schaft stehen zu können.

Exakt, das System gilt tatsäch­lich nicht nur für den kreativen Bereich, es ist überall hier in Kapstadt. Schwarz sein, heißt verdächtig sein. Natürlich gibt es ein paar Ausnahmen, wie die zwei Galerien in der Stadt, die sich auf schwarze Künstler spezia­li­siert haben. Aber mir geht es um die anderen Orte. Wir als Schwarze müssen einfach auch in den Kopf kriegen, dass wir ein Recht haben dorthin zu gehen, auch wenn wir nur 2 unter 20 sind. Dass eine Galerie für alle offen steht, dass wir jedes Recht haben dort zu sein. In Johan­nes­burg ist das ein wenig anders, da gibt es mehr Orte wie etwa in Braam­fontein, wo die Kunst­szene schwarz ist. Das liegt auch daran, dass im Zentrum von Jozi viele Studenten und Schwarze leben, dass es also bei Veran­stal­tungen dort auch anders durch­mischt als in Kapstadt ist, wo im Zentrum haupt­säch­lich Weiße leben.

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