18.04.2013

»Man kriecht so langsam von links und rechts, von oben und unten, langsam voran«

Hye-Won und Herr Krieger beim Autofahren

Lia Jaspers, Autorin von You Drive Me Crazy, über den Wunsch einen Film für die breite Masse zu machen, über die Suche nach Finan­zie­rung und dem Spagat zwischen inneren und äußeren Stress.

Fünf Jahre haben Lia Jaspers und Andrea Thiele an Ihrem Doku­men­tar­film You Drive Me Crazy gear­beitet. Ein Film über deutsche, ameri­ka­ni­sche und südko­rea­ni­sche Fahr­schüler in fremden Ländern: Indien, Japan und Deutsch­land.
Am schwersten tat sich der US-Ameri­kaner Jake, der sich in Japan an seinem sphinx­ar­tigen Fahr­schul­lehrer die Zähne ausbrach. Und während die Südko­rea­nerin Hye-Won sich mit dem wohl­wol­lenden Humor eines baye­ri­schen Herrn Kriegers ausein­an­der­setzte, erlebte die Deutsche Mirela ein hoch­kom­mu­ni­ka­tives Indien, das beim Auto­fahren per Handz­ei­chen und Zuruf immer im Gespräch bleibt.

Das Gespräch führte Borissa Hellmann.

artechock: Wie kam es zu der Zusam­men­ar­beit zwischen Dir und Andrea Thiele?

Lia Jaspers: Andrea und ich haben beide auf der Film­hoch­schule in München studiert und haben uns da über einen Auslands­dreh in Brasilien kennen­ge­lernt. Das hieß „Close Up“, das ist so eine kleine Repor­ta­ge­reihe, die wir damals mit Dieter Kron­zu­cker gemacht haben und da haben wir beide uns ausge­sucht, dass wir in Rio de Janeiro drehen wollen. Da hat sich dann aus der Kolle­gin­nen­be­zie­hung eine Freund­schaft entwi­ckelt, die sehr tief geworden ist. Wir sind sehr viel zusammen gereist. Wir haben gemerkt, dass wir einen sehr ähnlichen Humor haben und ähnliche Vorstel­lungen davon haben, war wir an einem Film gut finden. Und das ist halt eine gute Basis um ein größeres Projekt zusammen zu machen. Bei einem Projekt, das über fünf Jahre geht, braucht man die Kraft von zwei Menschen um so etwas zu stemmen. Das ist alleine schon schwierig.

artechock: Habt Ihr Euch, was das Genre Doku­men­tar­film angeht, an Vorbil­dern orien­tiert?

Lia Jaspers: Wir wollten einen unter­halt­samen Film machen, der von Jedermann gesehen werden kann. Wir wollten jetzt nicht speziell einen Arthouse-Film machen mit einem ganz kleinen Ziel­pu­blikum. Sondern wir wollten schon was machen, womit mehr Menschen sich iden­ti­fi­zieren können. Und diese thema­ti­sche Vorgabe von Führer­schein-machen, ist ja etwas womit sich sehr viele Menschen iden­ti­fi­zieren können. Weil die meisten Menschen Auto­fahrer sind oder schon mal gereist sind und wissen, was es bedeutet sich irgendwo anpassen zu müssen. Und das war eine Vorgabe, wo wir gedacht haben, daraus kann man gut einen Film machen. Auch gerne für die breite Masse. Auf der anderen Seite wollten wir keinen Schen­kel­klopfer-Film machen, der viel­leicht dann auch die Menschen vorführt und in die Kerbe „Die dümmsten Fahr­schüler der Welt“ reinhaut.

artechock: Im Pres­se­heft steht etwas von „Cultural Comedy“. Den Begriff habe ich vorher noch nie gehört. Was steckt dahinter?

Lia Jaspers: Ich weiß gar nicht, ob es den Begriff wirklich gibt. Uns ist diese Einord­nung nicht wichtig. Wir möchten diesen Film nicht einordnen unter: das ist eine „Dokumödie“, das ist ein dies, das ist ein das... Das ist viel­leicht eine Schublade, die es braucht um den Film zu vermarkten, aber das ist jetzt mir und Andrea nicht wichtig. Uns ist es wichtiger, dass die Leute raus­kommen und sagen, hey, ich hab mich unter­halten gefühlt. Und, dass unsere Prot­ago­nisten mit dem klar­kommen, was wir da gemacht haben.

artechock: Wie habt Ihr Euch die Aufgaben geteilt?

Lia Jaspers: Es ist ein Gemein­schafts­pro­jekt. Wir haben da beide sehr viel rein­ge­steckt und uns gegen­seitig geholfen. Viel­leicht teilweise auch Sachen gemacht oder über­nommen, die nicht in den Credits drin­stehen. Die Unter­tei­lung war, dass Andrea am Set die Regie über­nommen hat und sozusagen das letzte Wort hatte. Weil es auch wichtig ist, dass es da eine gewisse Hier­ar­chie gibt und nicht alle reinreden. Aber die Recherche, da haben wir uns schon sehr unter­s­tützt.

artechock: Wie seid Ihr bei der Recherche vorge­gangen?

Lia Jaspers: Also in München haben wir mit der Fahr­schule ange­fangen, bevor wir überhaupt Prot­ago­nisten hatten. Und das ist einfach ein Rumte­le­fo­nieren, in Fahr­schulen gehen, mit den Fahr­leh­rern reden, dann aber auch Fahr­schüler kennen­lernen, die befragen, was haben sie für Probleme gehabt. Also wir haben mit hunderten von Leuten zu tun gehabt. Auch diesen geeig­neten Fahr­lehrer zu finden, war nicht einfach. Weil es auch ganz oft so war, sobald dann Kameras da sind, möchten die einfach zeigen – da stehen sich Indien und Japan in nichts nach –, dass sie auch ihren Job gut machen. Da war es natürlich dann sehr erfri­schend, dass ein Herr Krieger weder vor irgendwem noch vor irgendwas Angst hatte. Der hat sich da gar keine Sorgen gemacht. Und das war so unser erstes Highlight: gut, dass wir den an Bord haben.
Und die Recherche hat sich bestimmt über ein Jahr hinge­zogen, alles in allem. Wir haben so viele Leute ange­schrieben: Netzwerke, Facebook, Craigs List... Wir haben in Zeitungen annon­ciert. Wir haben einen wahn­sin­nigen Aufwand betrieben. Uns war es halt ganz wichtig eine gute Symbiose zu finden, zwischen diesen drei Charak­teren, bezie­hungs­weise zwischen den sechs Charak­teren, die es ja eigent­lich sind. Es war halt ganz wichtig, dass es ausge­gli­chen ist, dass es spannend ist, dass jeder für sich steht und seine eigene Welt hat, die er reprä­sen­tiert. Das so auszu­loten war eine große Heraus­for­de­rung. Es hat viel Zeit gebraucht.

artechock: Wann stand die Finan­zie­rung?

Lia Jaspers: Die ganze Geschichte ist, dass Andrea und ich uns mit dem Projekt und mit der Idee ganz ohne Produk­ti­ons­firma bei der Docu­men­tary Campus Master School beworben haben. Und ein Jahr lang in vier Workshops diesen Film vorbe­reitet haben. Dort haben wir dann unseren Produ­z­enten kennen­ge­lernt, der da auch ein Projekt hatte. Und der wollte dann den Film produ­zieren. Ab da hat es dann natürlich ange­fangen, dass man sich um Finan­zie­rung kümmern musste, dass man Recherche macht: Wir haben zum Beispiel in Indien schon einen Trailer gedreht mit dem wir dann auf Festivals gepitcht haben. Das war dann der Start­schuss für ein Jahr voller Recher­chen und Finan­zie­rung suchen.

artechock: War es schwierig den Film finan­ziert zu kriegen?

Lia Jaspers: Grund­sät­z­lich muss man ja sagen, dass wir in Bayern nicht schlecht da stehen mit Finan­zie­rungs­mög­lich­keiten für Film. Nicht so schlecht, wie es anderen jetzt geht in Deutsch­land. Ich will gar nicht sprechen von anderen Ländern, da sieht es noch viel finsterer aus. Aber es ist immer eine große Reise bis man so ein Projekt finan­ziell auch gestemmt bekommt. Wir haben das Glück gehabt, dass wir die FFF Bayern für uns gewinnen konnten und dass die einen Teil finan­ziert haben. Dass der BR und BR/ARTE noch mit rein­ge­kommen sind, hat dann erst einmal eine solide Grundlage geschaffen. Aber wir haben doch dann auch noch von der Hamburger Film­stif­tung und vom Kura­to­rium Junger Film Unter­s­tüt­zung bekommen. Und vom Media Programm. Es gab schon einige, die da mit dabei waren. Und das zeigt eigent­lich schon, dass es ein wirk­li­ches Puzzle­spiel ist so einen Film finan­ziert zu bekommen. Und das geht auch nicht Schlag auf Schlag, dass alle an einem Tag „ja“ sagen. Man kriecht so langsam von links und rechts und von oben und unten langsam voran. Manchmal geht das dann erup­ti­ons­artig, weil wenn eins klappt, klappt das andere auch, weil es sich oft bedingt. Aber es hat insgesamt schon ein Jahr gedauert, bis es dann finan­ziell auf sicheren Füßen stand.

artechock: Was für einen Einfluß hatten die Redak­tionen von BR und BR/ARTE auf den Film?

Lia Jaspers: Die Redak­tionen sind Berater und natürlich auch Unter­s­tützer in so einem Projekt. Also man hat immer wieder Treffen, immer wieder stellt man irgendwas vor, zeigt denen Ausschnitte vom Material und hat natürlich eine Rohschnitt-Abnahme, eine Fein­schnitt-Abnahme. Das sind schon immer wieder Momente, wo die mit einge­bunden sind. Und natürlich auch ihre Meinung dazu sagen. Das ist natürlich immer eine wilde Diskus­sion. Man kann vieles annehmen, man muss nicht alles annehmen. Wir haben da eine sehr gute und frucht­bare Erfahrung gemacht. Wir haben gute Anre­gungen bekommen und wir haben einige Sachen abgewehrt, die wir nicht wollten. Und so sollte es eigent­lich sein.

artechock: Welche Erfah­rungen nimmst du aus diesem Film beruflich mit?

Lia Jaspers: Ich glaube, dass dieser Film uns mal wieder gezeigt hat, wieviel Aufwand, wieviel Zeit doch in einen Film zu inves­tieren ist, damit er so wird, wie man sich das erhofft. Dass es auch gut ist, dass wir die Entschei­dung gefällt haben, sehr viel Zeit in die Recherche zu inves­tieren, in das Finden der Prot­ago­nisten. Wir waren in allen Orten vorher. Wir haben an allen Orten recher­chiert und Zeit verbracht. Das ist ein Luxus für den wir gekämpft haben. Von dem ich aber ausgehe, dass es eigent­lich kein Luxus sein darf, denn das ist die Grundlage. Dafür würde ich mich gerne stark machen, das zu unter­strei­chen, dass Recherche kein Luxus sein darf. Es muss eine solide Recherche geben, sonst macht man Murks. Das hoffe ich auch, dass es bei Geld­ge­bern und Redak­tionen immer klarer wird, dass einfach viel Geld in die Recherche rein­ge­geben werden muss.

artechock: Wie haben Eure Prot­ago­nisten auf den fertigen Film reagiert?

Lia Jaspers: Wir haben den Film gerade bei dem South-by-Southwest Festival in Austin gezeigt und hatten dort unsere Nord­ame­rika-Premiere. Und da ist Jake aus Tokyo gekommen. Er findet schon, dass wir ihn toll gemacht haben. Aber er ist sehr unglück­lich wie stark er irgendwie als Looser rüber­kommt. Jetzt nicht, dass wir ihn als Looser darge­stellt haben, aber dass er diesen Führer­schein nicht geschafft hat. Das ist für ihn schon schwierig und dass die ganze Welt gesehen hat: er hat diesen Führer­schein nicht bestanden. Da knabbert er natürlich dran. Aber auf der anderen Seite ist er ja ein lockerer Typ, der dann darüber­hinaus das Projekt als Lebens­er­fah­rung sieht und auch weiß, dass wir alle wissen: er hätte ihn gar nicht machen können. Nicht unter diesen Voraus­set­zungen, mit dem Fahr­lehrer und wie das gelaufen ist. Es war eigent­lich ab einem bestimmten Punkt absehbar, dass es nichts wird.

Die Mirela sagt, dass man noch viel krasser hätte zeigen können, wie schlimm Indien eigent­lich ist. Das war ihre Reaktion darauf. Sie hat gesagt, das ist ja noch die Light­ver­sion von Indien gewesen.

artechock: Mir kam es auch nicht so stressig vor, wie es anschei­nend bei ihr ankam.

Lia Jaspers: Sagen wir mal so, es ist ja immer ein Spagat, den man macht. Wie man das zeigt und was man szenisch zeigt. Hätten wir uns jetzt darauf konz­en­triert Indien so schlimm wie möglich darzu­stellen, wäre das ein anderer Film gewesen. Wir sind ganz stark an ihr geblieben und an dem was sie dort erlebte und wie sie da voran­kommt. Und wir sind ihrer Geschichte gefolgt. Und es war gar nicht so wichtig den Stress außen darzu­stellen, weil man gesehen hat, was sie innerlich für einen Stress hat Und das ist ja eigent­lich viel wichtiger. Dass man mitkriegt, was f ür eine Iden­ti­täts­krise sie da in der Zeit durchlebt hat.