01.04.2010

»Das war wahnsinnig verführerisch für eine Filmemacherin«

Das Schema war immer »Heidi«

Jessica Hausner über ihren neuen Film Lourdes, über ihr Bedürfnis, den Katholizismus unter die Lupe zu nehmen und die Rückkehr des Religiösen ins Kinoe

Nach ihren mehrfach preisgekrönten Filmen Lovely Rita und Hotel gilt die Österreichern Jessica Hausner als eine der begabtesten europäischen Regisseurinnen. In Lourdes zeigt sie nicht nur das System des Wallfahrtsortes, ihr Film handelt von der Dialektik von Ordnung und Zufall. Als eine Pilgerin geheilt wird, wirkt dieses Wunder wie ein Zufall, der völlig willkürlich in die göttliche Ordnung der Dinge einbricht und doch zugleich bestätigt. Jetzt kommt Lourdes ins Kino. Mit Jessica Hausner sprach Rüdiger Suchsland.

artechock: Viele Schauspieler, mit denen Du arbeitest, bezeichnen Dich als akribisch, rigide, nennen Dich streng im guten Sinn. Auch im Venedig-Presseheft von Lourdes findet man dieses Vokabular wieder. Kannst Du einmal beschreiben, wie Du mit Schauspielern arbeitest? Man gewinnt von Außen den Eindruck, dass Du Deine Filme sehr genau planst, und schon vor Drehbeginn exakt im Kopf hast. Trifft das zu?

Jessica Hausner: Früher dachte ich: Vielleicht mache ich etwas falsch. Inzwischen habe ich gelernt, zu akzeptieren, dass es vielleicht einfach meine Arbeitsweise ist: Ich habe unlängst wieder, weil ich mich in Gedanken bereits mit einem neuen Film beschäftige – Lourdes ist ja seit Sommer 2009 fertig –, über meine Arbeitsweise nachgedacht, und bei diesem Projekt war es wieder so: Wenn ich ein Drehbuch schreibe, dann geht es darin hauptsächlich um die Konstruktion der jeweiligen Idee. Meine Drehbücher sind wirklich nur Gerüste. Da schreibe ich oft nicht hinein, wie die Personen sind. Menschen, die das Drehbuch lesen, merken dann oft Dinge an in der Art: Wer soll das sein? Das seien doch Allgemeinplätze. Da müssen Details hinein. Ich habe aber immer den Eindruck: Diese Entwürfe von mir sind wie Kostüme: Sie warten auf den, der sie tragen kann und so mit Leben erfüllt. Das passiert dann beim Auswählen und Casting der Schauspieler. Etwa zeitgleich zeichne ich ein Storyboard.

Und das sind meine beiden Haupttools, wenn es um die Realisierung geht. Wenn ich weiß, wer das spielen kann, kann ich mir auch ungefähr vorstellen, wie die Aura dieser Person sein wird, wie die Gesten sein werden, und was nötig sein wird und was nicht. Da fallen dann zum Beispiel oft Dialoge wieder weg. Oder ganze Szenen.

Weil ich merke: Ok, die war erklärerisch, die Szene, die brauche ich nicht. Weil so wie die das spielt, ahnt man das eh. Man spürt es. Dies ist dann wieder der Punkt der Reduktion: Dass ich dann versuche, schon wieder auf das Wesentliche zu kommen. Kein Chichi rundherum. Mir ist das wurscht, ob eine Figur in ihrer Biografie irgendwelche Erlebnisse und Berufswechsel hatte oder so. Sondern es geht dann auch irgendwie um Prototypen. Um das, wofür die Figur steht.

artechock: Was sie repräsentiert?

Hausner: Ja, was sie repräsentiert. Eigentlich wie bei einem Märchen: Da gibt es die böse Hexe, die unschuldige Prinzessin und die helfende Fee…

artechock: Also ein Prinzip, wofür sie steht: Das Böse. Die Unschuld…

Hausner: Genau. Vielleicht hängt das, was als Strenge oder Rigidität empfunden wird, damit zusammen. Weil ich halt keine überflüssigen Details haben möchte.

artechock: Weil Du auch nicht psychologisierst. Das empfinden dann auch Zuschauer, als streng, weil sie das halt vom Fernsehen anders gewohnt sind.

Hausner: Eben. Und bei diesem neuen Projekt, das ich habe, fällt mir eben auch schon wieder auf, dass ich, sobald ich anfange, psychologisch zu denken bei meinen Figuren, denke: Naja also… Was interessiert das mich? Darum geht’s eigentlich nicht. Ich merke, dass es in meinen Filmen um Ideen geht. Also um bestimmte allgemeine Fragen über das Leben. Und die werden anhand der Geschichte und anhand der Figuren auserzählt.

artechock: Weil Du gerade Märchen erwähnt hast: Ich fand ja Hotel auch super. Und das ist definitiv für mich wie ein Märchen. Mehr als Lourdes. Und mehr als Lovely Rita. Würdest Du sagen, dass solche Modelle wie Märchen und Fabel für alle Deine Filme gelten?

Hausner:Ich glaube schon. Beim Casting fällt mir immer wieder auf, dass ich bei der Besetzung oft an Märchen denke. Die Qualität, die eine Märchenfigur hat, suche ich auch bei einem Schauspieler: Dass möglichst einfach und schlicht sich so ein bestimmter Wesenszug oder ein bestimmtes Merkmal in den Vordergrund setzt, und die Figur so ein Prototyp wird. Naja, Prototyp ist jetzt wieder ein komisches Wort… Aber ja: Also nicht etwas Wiedersprüchliches. Das Eindeutige.

Ein Beispiel: Bei Lourdes war die Cecile, also die Rolle, die die Elena Löwensohn spielt, noch viel mehr als ein Fräulein Rottenmeier geschrieben. Das Schema bei Lourdes war für mich immer »Heidi«. Die Klara, die im Rollstuhl sitzt, Heidi ist die Maria, also die im roten Kleid. Der Peter von der Alm ist dieser Malteserritter, und das Fräulein Rottenmeier ist die Cecile. [Lacht] Ja, das ist tatsächlich lustig, dass man diese Konstruktionen verwendet. Weil die sind ja auch gar nicht übel. Das hilft einem ja eben auch, eine Gesellschaft zu beschreiben. Daher kommt es ja: Was für Rollen stehen zur Verfügung in einer Gesellschaft.

Das ist mir in Lourdes schon sehr sehr wichtig gewesen, und wird auch immer wichtiger: Das ich über den Einzelnen auch den Kontext beschreiben möchte. Warum hat er diese Rolle? Diese Rolle ist sein Anteil an der Gesellschaft.

artechock: Gesellschaft ist ein System – das wird in Lourdes besonders deutlich, weil dieses Lourdes ein in sich geschlossener Raum ist. Und der Film zeigt ein System, in dem jede Figur auf die andere bezogen ist, in dem sich Beziehungsnetze ziehen durch den Film.
Jetzt sind ja Märchen auch archetypische Erzählungen, in denen das Allgemeine viel deutlicher hervortritt, als zum Beispiel im Roman. Vielleicht kannst Du das beschreiben, worin Lourdes etwas Archetypisches erzählt. Hotel wirkt zwar auch archetypisch, zugleich ähnelt der Film eher einem Bildungsroman, in dem eine Figur im Zentrum steht.

Hausner: Genau: Bei Lourdes geht es zunächst einmal um mehrere gleichberechtigte Figuren. Aber die repräsentieren – wenn man sich nach Archetypen fragt – Aspekte, die man auch in einer einzigen Figur finden könnte. Diese Dialoge, die da im Film sind, habe ich ja mit mir selbst geführt. Das war sehr spannend. In dem Sinn sind diese Figuren verschiedene Aspekte.

artechock: Wie bereitest Du einen solchen Film vor? Es ist klar, dass hier viel Recherche vorausging: Der Ort, die theologischen Aspekte des Wunderglaubens. Du hattest ja theologische Beratung…

Hausner: Ja, das war wirklich eine Feldforschung. Das hat sehr viel Spaß gemacht, und war sehr interessant, da noch einmal einzutauchen in diese katholische Welt. Das kenne ich alles bereits aus meiner Kindheit, ich war auch an einer katholischen Schule – wie in Lovely Rita.

artechock: Nochmal zur Recherche: Wusstest Du von Anfang an: Du willst etwas mit Lourdes machen? Oder ist Lourdes hinzugekommen, weil Du etwas über Katholizismus machen wolltest, und den in bestimmte Richtungen ausforschen?

Hausner: Am Anfang steht immer eine recht kurze und sehr allgemeine Idee. Bei Lovely Rita war die Logline: Ein Mädchen bringt ihre Eltern um. Und bei Lourdes war es: Ein Wunder geschieht. Dann habe ich Verschiedenstes recherchiert. Und dabei habe ich über Lourdes gelesen. Daran hat mich interessiert, dass sich hier eben auch der gesellschaftliche Kontext zeigt: Das ist ein Ort, den es wirklich gibt, und von dem Leute behaupten, das dort Wunder geschehen.

Da kann man hinfahren, wenn es einem ganz dreckig geht, und keine Hoffnung besteht, und man hat dann trotzdem eine Möglichkeit, geheilt zu werden. Das ist irrsinnig verführerisch für eine Filmemacherin.

Ich hatte auch überlegt, eine Geschichte zu erzählen, dass irgendwer irgendwo im Wald ein Wunder erlebt. Das ist nicht aufgegangen. Da habe ich gemerkt: Das wird zu eindimensional.

Während eine Geschichte in Lourdes zu erzählen, hat eben zusätzlich diese Fragestellung nach den Erwartungshaltungen in einer Gesellschaft, die katholisch geprägt ist, mitgebracht. Deswegen habe ich mich mehr für Lourdes interessiert.

Dann bin ich erstmals hingefahren, und war recht erschüttert: Weil das einfach auch so tragisch ist: Diese Krankheiten, die die Leute haben – das war wirklich fürchterlich. Das habe ich auch noch nie gesehen gehabt. Und das riecht nach Medizinen und Sterben. Und dann diese riesigen Messen, wo lauter Gelähmte sitzen, und dann gesegnet werden und weinen, und sich auch total dieser Hoffnung hingeben, geheilt zu werden.

Ich fand's schrecklich. Und habe zuerst gedacht: Nein, das kann ich nicht machen, das ist sozialpornographisch. Quatsch, das will ich nicht. Aber trotzdem hat's mich auch nicht losgelassen, und ich habe mich gefragt: Wo ist die Möglichkeit, daraus eine abstraktere Geschichte zu machen. Und dann bin ich mitgefahren mit einer Malteser-Pilgerreise. Das war dann lustig, denn da kam der totale Gegensatz zu diesem sozialen Elend: Nämlich die Damen mit den Perlenohrringen aus »besseren« Kreisen, die halt einmal im Jahr nach Lourdes fahren um dort Rollstühle zu schieben und damit ihre Schuld abbüßen. Das hat dann für mich Humor in die Vorstellung hineingebracht, so einen Film zu machen. Dadurch habe ich die Diskrepanz gehabt: Man kann das Elend zeigen, aber indem man daneben die zeigt, denen es eh super geht.

artechock: Es ist ja eigentlich so, dass Du diesen Schauplatz Lourdes – gerade angesichts des gerade beschriebenen Elends – dass Du den ästhetisierst. Lourdes ist nicht nur ein schöner Film, es sieht auch schön aus: Ich finde die Totalen auf diese Kirche, mit den Prozessionen, den Uniformen… Zudem bestimmte Bildeinstellungen, in denen mit Wiederholungen und Wiedererkennung gearbeitet wird. Manches könnte auch Videokunst sein, Teil einer Installation über Katholizismus… Was war der Sinn dieser Ästhetisierung? Wie arbeitest Du mit der Kamera? Um was geht es auf der Bildebene?

Hausner: Wie gesagt zeichne ich Storyboards. Ich fange an, Zeichnungen zu machen, oft zunächst mal für eine Szene, und versuche eine Art Stil zu entwickeln. Aber eben nicht dogmatisch. Bei Lourdes war es das Gruppenfoto.
Das ist wie eine Anordnung, bei der sich alle gemeinsam eine Ordnung geben, die dann sofort wieder zerfällt. Das fand ich interessant, den Film so zu erzählen, dass man wirklich die Gruppe erzählt, und dadurch auch die Gruppendynamik, und dass man den gesellschaftlichen Aspekt somit mitbekommt und auch den Gedanken: Der liebe Gott hat eine Auswahl von Menschen, aus der er wieder einen herausgreift: Er könnte diesen heilen, oder jenen.

artechock: Es geht ja auch um die Dialektik von Ordnung und Zufall. Das Wunder ist der Zufall, der völlig willkürlich in die göttliche Ordnung der Dinge einbricht, sie zerstört und so zu widerlegen scheint, aber zugleich bestätigt…

Hausner: Genau. Darum habe ich die Bilder so gebaut, dass das System dieser Menschen betont wird. Daraus hat sich auch ergeben, dass die Einstellungen relativ lang sind, und dass die Bewegungen der Menschen immer so einer Choreographie folgen. Damit man immer das Gefühl hat: Es ist nicht das Individuum, das entscheidet, ob es jetzt da raus geht oder sitzen bleibt, sondern es hängt immer damit zusammen, wie sich das Ganze der Gruppe entwickelt. Nur wenn die Schwester oder die Reiseleitung sagt: Jetzt gehen alle raus, dann geht man raus. Nicht, wenn einer aufs Häusl muss.

Wenn das skizziert ist, dann kommt der Kameramann Martin Gschlacht ins Spiel. In unserer Zusammenarbeit ist er immer derjenige, der das, was ich mir so ausdenke, dann auf Realität überprüft. Der mir sagt: Was zeichnest Du da; das geht so nicht; das kann ich perspektivisch nicht lösen. Und dann überlegen wir gemeinsam, wie man es machen könnte. Martin Gschlacht bringt Ideen dazu, das Ganze wird realistischer, wir gehen an die Drehorte, legen genau fest, wo die Kamera steht, mit welchem Objektiv und wie machen wir das praktisch. Wir machen ja immer unsere Filme zusammen und er ist wirklich einer meiner wichtigsten Kollegen.

Bei Martin geht es nicht nur um Bilder. Er sagt auch, wenn man manchmal betriebsblind ist, wenn er findet, dass der Schauspieler das jetzt nicht richtig rübergebracht hat. Weil er auch versteht, was eine Geschichte können soll.

artechock: Woran ich oft gedacht habe, ist das erste Bild: Die Totale auf den Speisesaal von schräg oben, und dann allmählich zoomt das Bild heran. Diese Einstellung wirkt im Zusammenhang des Films dann wirklich auch wie ein »göttlicher« Blick. Zugleich sieht man der Choreographie des Speisesaals zu, und weiß eigentlich schon in der ersten Einstellung, wenn der erste Suppentopf hingestellt wird: Jetzt wird es keinen Schnitt geben, bevor auch der letzte Tisch auch einen Suppentopf hat. Gibt es bei Dir auch eine Ironie des Blicks, einen Bildwitz?

Hausner: Ja. Darüber habe ich mit meinem französischen Produzenten viel gesprochen, weil der die Meinung vertritt: Halte Dich nicht mit Sprachwitz auf, Sprache versteht eh nur eine Nation. Was überall funktioniert ist der visuelle Humor. Damit hat er recht, bei den Übersetzungen ist schon wieder die Hälfte verlorengegangen. Aber gut.

Im Fall von Lourdes war für mich eh recht klar, dass ich gerade weil es um Behinderte und Elend und Sterben geht, ich eine feine Ironie brauche, um die Geschichte erzählen zu können. Ich finde eine Art Sturheit in der Bildgestaltung hat ja oft einen feinen Witz: Dann redet halt einer im Off weiter. Das allein erzählt ja mit einer kleinen Dreistigkeit: Ja so wichtig war es nun auch wieder alles nicht.

Und bei dieser ersten Einstellung ist der Witz ähnlich: Dass etwas, das ja eigentlich unwichtig ist, nämlich das Aufdecken von Tischen, auserzählt wird.

artechock: Aber Du machst gleichzeitig sofort das System klar: Wir verstehen sofort, das da eine Institution ist mit Personal und Insassen, dass es im Film um Rituale und Rhythmen geht, auch um Choreographie. Das ist wie ein Ballett…

Hausner: Bei Lourdes hat es mich immer wieder jeden Tag erfreut, dass sich der Witz quasi von selbst ergeben hat: Als wir für die erste Szene die Leute aufgestellt haben, und festgelegt haben, wer geht als erster rein, dann war da dieser Rollstuhlfahrer mit dem elektrischen Rollstuhl der so schnell ist. Der ist immer vorgeprescht. Vom ersten Tag an hat er immer ein bisschen angegeben, um zu zeigen, dass er eben nicht benachteiligt ist. Als er dann plötzlich Gas gegeben hat, war das einfach lustig. Das hat sich so gefügt.

artechock: Du hast in Venedig sowohl den Preis der Kirchenjury als auch den der atheistischen Jury bekommen. Welcher war gerechtfertigter aus Deiner Sicht?

Hausner: Bis zur Premiere war für uns immer die Frage: Wird der Film jetzt als katholischer oder als atheistischer wahrgenommen? Ist er genug kirchenkritisch oder zu wenig nicht-katholisch? Ich wollte nicht, dass man ihn als katholisch wahrnimmt. Ich wollte nur auf dem Parkett dieser katholischen Erzählung meine Geschichte platzieren.

artechock: Wenn man nicht katholisch ist, dann irritieren manche Aspekte zunächst einfach: Ich weiß nicht, was ich mit Wundern anfangen soll, weil ich das von Außen nicht ernst nehmen kann. Ich habe auch erst begreifen müssen, dass die Mädchen in den bunten Uniformen Schwestern sind und keine Nonnen. Weil ich mich wunderte, warum sie flirten…

Hausner: Dieser distanzierte Blick ist interessant. Ich habe mir immer gedacht: Ich möchte den Film erzählen wie ein japanischer Forscher, der sich erstmals mit der Materie beschäftigt, und auch nicht weiß, ob das Schwestern oder Nonnen sind.

Oder: Warum tun die alle den Stein abgrapschen? Was soll das? Diese Distanz führt eben auch dazu, dass man nicht von vornherein ankommt mit einem Set von Erklärungen: Eigentlich will ich das und dies sagen. Sondern ich wollte es so erzählen, als wüsste ich selber nicht, was mir das Ganze sagen soll. Deswegen wollte ich auch nicht, dass es als katholischer Film empfunden wird.
Diese beiden Preise haben mich wirklich sehr erfreut.

artechock: Ich denke, es ist ein Film, der für jede Religion funktioniert: Man kann es schon Fundamentalismus nennen: Es geht um den Wahnsinn, der in jedem Glauben liegt.
Es muss auch kein religiöser Glaube sein: Wahrscheinlich könnte man mit der gleichen Haltung auch einen Film über die Börse drehen. Die lässt sich auch schön von oben photographieren, kennt Wunder, hat Choreographien…

Hausner: Ja, der Glaube spielt da ja auch eine große Rolle. Es ist lustig, dass man auch in weltlichen Zusammenhängen ähnliches Verhalten findet.

artechock: Musstest Du den Film in Lourdes vorzeigen?

Hausner: Nein, gar nicht. Die Offenheit hat mich ehrlich gesagt selber gewundert. Es gibt da einen Pressebeauftragen. Der hat aber eher versucht, mich kennenzulernen. Er hat meine früheren Filme angesehen, und wir hatten ein Gespräch über Kunst. Dass die Filme in Cannes waren, hat er gut gefunden.

Das Thema Wunder fanden sie schön, und die Ambivalenz können sie selbst am besten verstehen. Mit den Fragen den Films: Was sagt uns das Wunder? Wann ist es überhaupt eines? schlagen die sich tagtäglich herum.

Für die Kirche war es nur wichtig zu wissen, dass alles in einem ernstgemeinten Kontext stattfindet, und nicht lächerlich gemacht wird. Die haben mich alles machen lassen. Wir durften nur nicht in den Bädern drehen, aber das hat nur damit zu tun, das da umgebaut wird.

artechock: Wenn es in Lourdes nicht geklappt hätte – hättest Du den Film dann trotzdem gedreht: Woanders oder mit gebauten Kulissen?

Hausner: Dann hätte ich es nicht gemacht. Lourdes ist schon ein Synonym für Wunder.

artechock: Hat sich etwas durch den Film verändert an Deiner Haltung Gott und Religion gegenüber?

Hausner: Ja, ich glaube schon ehrlich gesagt. Ich kann es vielleicht nicht genau an einer Sache… Doch: Ich habe viele kranke Leute kennengelernt, zum Beispiel in einer Multiple Sklerose Selbsthilfegruppe. Zuerst war ich ein höflicher Gast, und habe mich nicht getraut, viel zu fragen, denn man hat ja dann seinen Respekt vor Krankheit und sterben-müssen. Aber nach dem zweiten oder dritten Mal, haben die mich dann auch eingeschlossen und mich über meine Interessen befragt.

Für mich selbst war das effizienter, als in eine Gesprächstherapie zu gehen. Das hatte viel mit meinem eigenen Leben zu tun, wie es dieselben Probleme sind, die ich auch habe. Es geht immer darum: Was kann ich tun, um mein Leben auch zu genießen, oder eine Art Sinn darin zu finden oder Erfüllung, oder mich so zu verhalten, dass sich das Ganze gelohnt hat am Ende?

Es hat mich extrem erleichtert und war für mich eine Gelegenheit, meiner eigenen Angst vor dem Sterben ein bisschen ins Gesicht zu schauen. Auch eine schreckliche Krankheit lebt man dann halt einfach. Und wenn der Tag kommt, an dem Du krepieren musst, dann ist das halt so.

artechock: Es gibt aber auch Leute, die bringen sich um. Weil sie es nicht ertragen wollen. Jeder kennt diese theoretischen Spinnereien: Ja, wenn ich so und so krank wäre, dann würde ich so nicht leben wollen.

Ich habe Selbstmord – die Tatsache, dass wir das können – immer als einen großen Trost empfunden. Dann muss man es nämlich nicht tun – weil man es kann. Das ist Freiheit. Ich stelle mir vor, dass ich Sachen aushalten kann, weil ich weiß: Ich kann im schlimmsten Fall immer noch diesen Ausweg wählen. Ich muss keine Angst haben. Denn man hat doch mehr Angst vor bestimmten Formen des Lebens und des Schmerzes, als vor dem Tod. Deswegen ist Selbstmord weniger eine Schwäche oder Eigenschaft, als vielmehr eine Möglichkeit, die jeder hat, und die den Mensch vom Tier unterscheidet.

Hausner: Aber weißt Du: Es klingt jetzt vielleicht total überheblich und blöd, aber man kann auch leben, wenn man nur noch den Kopf bewegen kann. Nicht, dass einer das soll, oder muss, aber dass sich einer dann lieber umbringt, das hängt mehr mit ihm selbst zusammen.
Mein nächstes Projekt handelt von einem Selbstmord. Für mich ist dieser eher die erschreckendere Vorstellung.

Umgekehrt gibt es ja auch eine lustvolle Vorstellung davon, gefangen zu sein. Wenn man zum Objekt wird. Das ist nicht nur der reine Horror. Bei vielen Kranken passiert auch eine Infantilisierung: Man kann beobachten, dass sie sehr kindlich werden, dass sie mit ihren Pflegern total scheiße umgehen, totale Tyrannen werden.

artechock: Hast Du eine Erklärung dafür, dass es derzeit unter den Autorenfilmern einen Boom des Religiösen gibt? Man kann Haneke nehmen, Bruno Dumont, von Trier, Park Chan-wook – überall kommt Religion aus den Ritzen. Woher kommt das? Oder ist es nur ein dummer Zufall?

Hausner: Nein, das wird schon irgendwoher kommen – sage ich jetzt mal so blöde, weil es ja für mich selber schwierig ist, dass herauszukriegen. Es ist mir auch schon aufgefallen.

Seit ich mich mit Filmemachen beschäftige, habe ich gemerkt: Es funktioniert nicht mehr, diese klassischen Geschichten zu erzählen. Zumindest ist es nicht mehr spannend. Ich habe ja immer die Filme von Haneke interessant gefunden, weil die eben keine richtigen Geschichten erzählen, weil sie die Erwartungen vor den Kopf stoßen.

Es muss damit zusammenhängen, dass in unserer Gesellschaft die herkömmlichen traditionellen Gefüge und damit auch die impliziten Antworten auf bestimmte Lebensfragen so nicht mehr funktionieren. Sondern: Jeder kann Recht haben oder nicht Recht haben. Jeder zimmert sich sein eigenes Leben zusammen.

Beziehungsmuster funktionieren nicht mehr, jeder muss sich das selber zurechtschneiden und bastelt sich sein Ding zusammen. Das ist toll, denn man hat viele Möglichkeiten, aber es ist auch furchtbar verunsichernd und anstrengend, wenn alles gilt oder nichts. Und vielleicht ist die Rückkehr zur Religion auch diese Suche danach, nach Sicherheiten…

artechock: Dann wäre dies das Symptom einer scheiternden Freiheit, dass eigentlich die Versprechen der Aufklärung und des Abschieds von Religion, die ja Freiheitsversprechen sind, nicht funktionieren?

Hausner: Ja, aber Du hast ja selber gesagt, das sind keine Filme, die sagen: Religion ist super. Es ist eher ein nochmal zurück schauen, und sich fragen: Was heißt Religion für uns? Wo gehen wir danach hin? Es heißt es ja nicht, dass ich jetzt katholisch werde. Sondern es ist nur, um vielleicht nochmal zurück zu schauen, um dann besser in die Zukunft schauen zu können. Es hat vielleicht auch damit zu tun, Abschied zu nehmen von diesem sicheren Hafen. Sondern dass man es dann gut, besser leben kann, diese komische Verwirrung.

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