25.04.2013

Noch einmal »Mr. Cowboy«

Johan Heldenbergh (links) und Felix Van Groeningen vor dem City-Kino in München (Foto: Natascha Gerold)

Felix van Groeningen und Johan Helden­bergh über ihren Film The Broken Circle, ihre gemein­same Arbeit, flämi­schen Katho­li­zismus und Elvis als Feindbild der Coun­try­musik-Puristen

»Dat Team draait goed«, sagt man im Nieder­län­di­schen, wenn ein Team gut funk­tio­niert, egal ob beim Sport oder im Berufs­alltag. Bei Felix Van Groeningen, dem Regisseur von The Broken Circle und seinem Haupt­dar­steller Johan Helden­bergh trifft der Spruch ins Schwarze. Zum einen kennen und verstehen sich die beiden sehr gut, zum anderen hat ihre Zusam­men­ar­beit diesseits und jenseits der belgi­schen Grenzen bereits Aner­ken­nung gefunden, unter anderem mit Die Beschis­sen­heit der Dinge, in dem Helden­bergh den spiel- und trink­freu­digen Onkel Braem spielt. Den größten Erfolg bislang können sie jedoch mit The Broken Circle verbuchen, der die Herzen der belgi­schen und hollän­di­schen Zuschauer im Sturm erobert und auch bei der dies­jäh­rigen Berlinale den Publi­kums­preis gewonnen hat.

Das Gespräch führte Natascha Gerold.

artechock: Der Film basiert auf dem Thea­ter­stück »The Broken Circle Breakdown Featuring the Cover-ups of Alabama«, das von Johan stammt und in dem er auch, wie im Film, den Prot­ago­nisten spielt. Ist es nicht ungleich schwie­riger, aus einem Stück einen Film zu machen als aus einem Roman wie »Die Beschis­sen­heit der Dinge«?

Felix Van Groeningen: Bei der Adaption eines Stücks ist manches einfacher, aber auch schwie­riger. Ein Vorteil ist die in etwa gleiche Dauer: wenn man den Text dieses Stücks umsetzt in Szenen, läuft das ungefähr auf Spiel­film­länge hinaus; ich musste nicht so oft entscheiden, wovon ich mich für den Film verab­schieden muss. Lässt man bei der Umsetzung eines Romans alles drin was einem gefällt, hat man in der ersten Drehbuch-Version schnell einen Film von vier oder fünf Stunden …. Der Nachteil ist, dass es Momente in Johans Stück gibt, die auf der Bühne fantas­tisch funk­tio­nierten, sich filmisch aber einfach nicht umsetzen ließen. Es besteht aus vielen Monologen, und wir haben viel Zeit darauf verwandt, sie auf verschie­dene Art im Film unter­zu­bringen. So einen Monolog kannst Du einmal, aber nicht zehnmal machen, denn sonst hättest Du ein verfilmtes Thea­ter­stück. Für den Rest haben wir Version für Version andere Lösungen gefunden, das Gespro­chene in Szenen und Situa­tionen umge­wan­delt.

artechock: Im Zusam­men­hang mit Die Beschis­sen­heit der Dinge hast Du erwähnt, wie wichtig der jeweilige Drehort ist, den man als Hinter­grund erschafft, vor dem sich alles abspielt. War das auch bei diesem Film so?

Felix Van Groeningen: Ich wusste zunächst nicht, wo was passiert, welches Erschei­nungs­bild man den Figuren gibt – das alles wächst sehr langsam und in vielen Gesprächen mit dem Team. Der Klei­dungs­stil von Elise zum Beispiel sollte zunächst viel braver und schlichter sein, aber letzt­end­lich wurde klar, dass wir sie sexyer zeigen mussten als die Bühnen­figur.

artechock: Wo habt Ihr gedreht?

Felix Van Groeningen: In der Umgebung von Gent, sie ist aber nicht eindeutig der Stadt zuzu­ordnen.

Johan Helden­bergh: Es ist der Genter Hafen­be­reich, die Gegend kennen nicht so viele Leute.

artechock: Johan, Du hast Felix Dein Stück, Dein Baby über­lassen. War es da überhaupt möglich, sich nicht in den Schaf­fens­prozess des Regis­seurs einzu­mi­schen?

Johan Helden­bergh: Um bei der Baby-Metapher zu bleiben – wenn Du ins Kino willst und Dir für den Abend einen Baby­sitter orga­ni­sierst, gibt es die Sorte, bei denen Du lieber gleich ganz klare Regeln im Vorfeld abmachst. Und dann gibt es jene, bei denen Dein Kind fast noch besser aufge­hoben ist als bei Dir selbst. Felix gehört zur zweiten Gruppe. Ich vertraue ihm hundert­pro­zentig. Darüber hinaus hätte ich auch nicht genügend Abstand vom Stück gehabt, um »gute Ratschläge« für den Film zu erteilen. Ich bin auch kein Film-, sondern Bühnen­mensch.

Felix Van Groeningen: Ich bewundere Johan echt dafür, dass er in seiner Filmrolle alles geben, und sich doch gleichz­eitig so raus­ge­halten konnte.

artechock: Johan, 130 Mal hast Du Didier auf der Bühne gegeben. Und dann nochmal im Film. Dann eine große Tournee mit der Band. Das heißt: Immer wieder die Gefühl­sach­ter­bahn aufs Neue. Wann glaubst Du lässt Dich das Ganze mal los?

Johan Helden­bergh: Ich hab The Broken Circle zuletzt bei der Berlinale gesehen, in diesem schönen Kinosaal mit Publikum. Da hab ich beschlossen: ich will den Film nie mehr sehen. Während der Vorfüh­rung ließ ich die fünf Jahre Revue passieren, in denen ich Didier spielte, mit all den Emotionen – jetzt reicht es. No more Mr. Cowboy. Es waren sehr heftige Jahre, vor allem wegen des Stücks: Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag musste ich spielen, Sonntag saß ich heulend am Frühs­tücks­tisch. Das kann man nicht einfach von sich abschüt­teln. Aber jetzt ist es vorbei.

artechock: Viele flämische Filme sind aufge­laden mit reli­giösen Symbolen: In Rundskop von Michaël R. Roskam begleiten sie Schlüs­sel­szenen, Die Beschis­sen­heit der Dinge zeigt die Mutter mit Hingabe Kreuz und Mari­en­statue in der Kirche abstauben, in The Broken Circle sind sie erst recht unüber­sehbar. Ist die kritische Ausein­an­der­set­zung mit der Kirche etwas Typisches im flämi­schen Film?

Felix Van Groeningen: Für mich persön­lich überhaupt nicht. Für die Figuren in Die Beschis­sen­heit... spielte Reli­gio­sität keine große Rolle, da war es einfach visuell dankbar. Diese Art von tiefer Reli­gio­sität habe ich nicht durchlebt, aber in meiner Jugend mitbe­kommen. Und dass das Thema in diesem Film so eine Bedeutung hat, ist einfach Johans Schuld (lacht).

Johan Helden­bergh: Ist es etwas typisch Flämi­sches? Hugo Claus, der große flämische Autor, hat sein ganzes Leben gegen die Katho­li­sche Kirche geschrieben; selbst als er dachte, er hat damit abge­schlossen, hat er noch 20 Jahre weiter­ge­kämpft. Diese Ausein­an­der­set­zung gehört wohl auch zu unserer Kultur. Allein durch die Tatsache, dass wir Flamen Katho­liken und keine Protes­tanten sind, die im 16. Jahr­hun­dert ihren Kampf mit der Kirche hatten. Für die ist das abge­schlossen. Bei uns ist die Kirche auch noch so omni­prä­sent, ähnlich wie in Italien, Frank­reich oder Spanien, hast Du die Kirche im Dorf, drei Kneipen drumherum, ein paar Häuser. Auf der einen Seite kulti­vieren wir das, auf der anderen Seite rebel­lieren wir dagegen und haben noch Bilder, die wir stürmen können.

artechock: Didier hat eine Riesenwut auf die Kirche – ist diese Wut die Botschaft des Films?

Johan Helden­bergh: Nein, es ist seine Art, mit dem umzugehen, was geschehen ist. Ich habe die Figur Didier auch für mich selbst erfunden, bin Atheist wie er und stehe zu jedem Wort, das ich da geschrieben habe.

artechock: Ein Schweizer Kritiker hat prophezeit, dass es bald eine ameri­ka­ni­sche Fassung von The Broken Circle geben wird…

Felix Van Groeningen: Das denke ich nicht. Wir werden den Film zwar in den USA bei einem Festival vorstellen, viel­leicht findet er von da aus ja seinen Weg. Ich denke jedoch, dass er zu schwer ist für den ameri­ka­ni­schen Markt. Aber wir sind auch so zufrieden mit dem bisher Erreichten. Wenn die Ameri­kaner den Film machen wollen müssen sie »fucking« viel zahlen (lacht).

artechock: Apropos Amerika: Ohne die Bluegrass-Musik wären Film und Stück nicht denkbar. Warum ausge­rechnet Bluegrass?

Johan Helden­bergh: Weil diese Musik wie ein umge­drehter Spiegel zu Didiers athe­is­ti­scher Einstel­lung funk­tio­niert. Er beschimpft Gott, singt aber gleichz­eitig »Nimm mich mit« – dieser Kontrast funk­tio­niert drama­tur­gisch sehr gut. Und weil es akus­ti­sche, ehrliche Musik ist, die man im unmit­telbar im Hier und Jetzt machen kann.

Felix Van Groeningen: Mich faszi­niert diese Viel­sei­tig­keit: melan­cho­li­sche Balladen, sehr traurige Lieder, die durch Mark und Bein gehen, aber auch die super­schnellen Songs, die voller Leben sind, wo die Musiker sich gegen­seitig anfeuern.

artechock: Sagt mal, habt Ihr eigent­lich ein Problem mit Elvis? In der Beschis­sen­heit bekommt der King seine Breit­seite, in diesem Film wird er gar als »Schwuchtel« diffa­miert.

Johan Helden­bergh: Für so ‘nen Country-Menschen wie Didier ist er das auch. Aber ganz im Ernst – ich bin der größte Elvis-Fan der Welt. Und zwar ab dem Zeitpunkt, wo es keinen Rock’n’Roll-Elvis mehr gab und er mit seinen Las-Vegas-Shows anfing. Vom schmal­zigen Schwafel-Elvis kann ich alles mitsingen! (singt) »Don’t cry daddy …«