16.10.2014

»Das Spießigste beim Krimi ist, wenn man alles kapiert«

Am Set des neuen Polzeirufs SMOKE ON THE WATER

Ein Misch-Ton aus Desil­lu­sio­nie­rung, Satire, Sehnsucht und Härte: Dominik Graf über seinen neuen Krimi und die wenigen Reste des alten München, die noch Melan­cholie und Hinterhof atmen

Er ist mit Die geliebten Schwes­tern für den Oscar nominiert, er dreht gerade einen Film über seinen verstor­benen Freund Michael Althen, und zwischen­durch mal wieder einen München-Krimi. Drei Fragen an Dominik Graf zu seinem neuen Münchner »Polizeiruf«, der kommende Woche in Hof läuft, und am Sonntag deutlich gekürzt im Fernsehen.

Mit Dominik Graf sprach Rüdiger Suchsland.

artechock: Sie haben mit dem ersten Meuffels-Polizeiruf seinerzeit die Figur des Hanns von Meuffels »gesetzt«. Was ist das für ein Ermittler? Was macht ihn aus? Wie hat er sich entwi­ckelt? Und was ist der Anteil von Matthias Brandt?

Dominik Graf: Meuffels ist ein strenger, angenehm selbst­kri­ti­scher Typ, Einz­el­gänger, will nicht angefasst werden, wird es aber innerlich durch die meisten Fälle dann doch. Er ist sarkas­tisch, vor allem wenn Schütter die Dreh­bücher schreibt, er ist intel­lek­tuell, gebildet, seine Sehn­süchte sind verdeckt aber nicht vergraben. Die meisten Episoden meiner Regie­kol­legen für die Reihe fand ich faszi­nie­rend. Matthias Brandt ist nicht Meuffels, er ist ganz anders, aber ich glaube beim Spielen physisch zu spüren, wie sehr er diesen Kommissar mag und wie er dessen Sprö­dig­keiten und trockenen Witz mitformt.

artechock: In Ihren Krimi­nal­filmen erzählen Sie immer auch etwas über den Fall und die Figuren hinaus: Über die Orte. Was für ein Ort ist Ihre Heimat­stadt München? Was für Verbre­chen ereignen sich hier?
Und inwieweit ist die in den Ort einge­schrie­bene Reinecker-Tradition »Der Kommisar« und »Derrick« Verpflich­tung, oder etwas wovon man sich absetzt?

Graf: Ich bin tief in den 50ern und 70ern Münchens verwurzelt. Der Stil und die Form eines Films sind deshalb für mich wichtiger als sein Inhalt und sein Thema. Ein starker Dialog ist mir wichtiger als siebzig korrekte Plot­points. Als in Cassan­dras Warnung Doris Kunstmann den aktuellen Zustand der Leopold­straße beschimpfen durfte, war ich begeis­tert. Ich liebe verwin­kelte Geschichten, von mir aus können die Stories auch ins Leere laufen oder keine Lösung haben, das Spießigste beim Krimi ist, wenn man alles kapiert. Es gibt Reste von München, die den Geist dieser laby­rin­thi­schen Melan­cholie und einstigen Hinterhof-Nörgelei bewahrt haben. Sie werden gerade von toll­wü­tigen Lokal­behörden vernichtet.

artechock: Was macht diesen Polizeiruf besonders? Er spielt in »höchsten Polit- und Wirt­schafts­kreisen«. Er läuft nächste Woche in Hof in einer erwei­terten Fassung, die aus Jugend­schut­zgründen nicht fürs Fernsehen frei­ge­geben wurde. Was können Sie mir darüber erzählen?

Graf: Allein schon die Tatsache, dass Günter Schütter ihn geschrieben hat, ist für mich immer wieder besonders. Er hat auch den ersten Meuffels »Cassan­dras Warnung« (hab ich selbst inze­nieren dürfen) und den fantas­ti­schen späteren Meuffels »Der Tod macht Engel aus uns allen« (Regie Jan Bonny) verfasst. Wir arbeiten schon sehr lange zusammen, ich fühle mich wohl in seinem Misch-Ton aus Desil­lu­sio­nie­rung, Satire, Sehnsucht und Härte. Ich fühl mich wohl in seiner exqui­siten Dialog-Sprache. Antago­nist von Matthias Brandt ist diesmal ein junger hoch­ad­liger EU-Politiker, gespielt von Ken Duken. Günter beschreibt hier eine poli­ti­sche BRD-Gegen­warts-Gesell­schaft von gewählten Heuchlern und Dieben, die sich am Ende gegen­seitig massa­krieren wollen. Dabei geht es nicht zimper­lich zu. 20 Uhr 15-Filme müssen jugend­frei ab 12 sein. In Hof gibt's die zehn Minuten längere Fassung für die Menschen ab 16.

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