17.10.2013

Abgründe einer Welt, in der immer die Sonne scheint

Ernst neben Komik: Finsterworld

Frauke Fins­ter­walder über Spiel- und Doku­men­tar­filme, Ernst und Komik und ihren Film Fins­ter­world.

Nach einigen Doku­men­tar­filmen ist Fins­ter­world Frauke Fins­ter­wal­ders erster Spielfilm. Das Drehbuch hat sie mit ihrem Mann, dem Schrift­steller Christian Kracht, geschrieben. Der Film zeigt ein Deutsch­land, in dem immer die Sonne scheint, Abgründe und Perver­sitäten jedoch hinter jeder Ecke lauern. Irgendwo zwischen alptraum­hafter Wirk­lich­keit und modernem Märchen bewegen sich die teilweise skurrilen und doch immer liebens­wür­digen Figuren: Ein Fußfe­ti­schist, der Herzkekse aus Fußstaub bäckt, ein Polizist, der gerne Tier­kos­tüme trägt, eine unzuf­rie­dene Doku­men­tar­fil­merin und ein im Wald lebender Aussteiger, der einen Raben dressiert. All diese Figuren verbindet die Sehnsucht nach Wärme und die Suche nach Gemein­schaft in einer grotesk überz­eich­neten Welt, die traurig und komisch zugleich ist.

Das Gespräch führte Anna Stein­bauer.

artechock: Was ist das für eine Welt, die in dem Film Fins­ter­world beschrieben wird?

Frauke Fins­ter­walder: Es ist eine Welt, in der immer die Sonne scheint und alles wunder­schön aussieht, eine Welt, die hinter der schönen Ober­fläche manchmal traurig, manchmal aber auch sehr lustig ist. Insgesamt ist es wirklich ein sehr lustiger Film, das möchte ich doch ausdrück­lich betonten, obwohl er gleichz­eitig auch horror­ar­tige Momente hat.

artechock: Wie viel hat diese Welt mit unserer Realität zu tun?

Fins­ter­walder: Dadurch, dass er durch seine Bild­sprache ein hoch­sti­li­sierter Film ist und ja auch durch den Titel Fins­ter­world schon klar wird, dass er eine eigene, fast comich­afte Welt beschreibt, kann jeder selbst entscheiden, ob er glauben will, was er da sieht. Das ist auch die Idee des Films, dass man nicht mit dem Zeige­finger auf die Welt zeigt und sagt, so ist die Welt, sondern dass es eine gewisse Offenheit gibt.

artechock: Wie ist denn der Film entstanden, das Drehbuch hast du ja zusammen mit deinem Mann Christian Kracht geschrieben?

Fins­ter­walder: Meine Doku­men­tar­filme davor handelten alle von Deutsch­land und ich lebte zu der Zeit schon im Ausland und wollte eigent­lich auf gar keinen Fall einen Film machen, der in Deutsch­land spielt. Die Idee zu dem Film ist letzt­end­lich auf der deutschen Autobahn geboren worden. Wir waren nach längerer Zeit wieder einmal zu Besuch in Deutsch­land und in einem nagel­neuen, deutschen Mietauto unterwegs auf der Autobahn. Wir saßen also in diesem schall­iso­lierten Auto, sahen aus dem Fenster und erblickten um uns herum eigent­lich nur Straßen, Beton, andere Autos und Menschen, die sich in diesem Todes­rasen bewegten. Ausgehend von dieser Auto­bahn­fahrt entwi­ckelten sich die einzelnen Erzähl­stränge, es gab aber keinen klaren Plan. Die Figuren sind aus dem Bauch heraus entstanden und haben sich dann auch verselbst­stän­digt oder entstanden im Gespräch. Oder wir sprachen in den Figuren zuein­ander und so ergaben sich dann die Dialoge.

artechock: Du kommst vom Doku­men­tar­film, wie kam es zu der Entschei­dung, einen Spielfilm zu machen?

Fins­ter­walder: Ich wollte immer schon auspro­bieren, einen Spielfilm zu machen. Es ist schon so, dass ich den Doku­men­tar­film immer als einschrän­kend empfunden habe, obwohl man durchaus auch viele Vorteile wie z. B. ein kleines Team oder güns­ti­gere Produk­ti­ons­be­din­gungen, hat. Aber man hat mit Menschen zu tun, keinen Schau­spie­lern und ist immer darauf bedacht, die jetzt nicht komplett bloßzu­stellen. Beim Spielfilm kann ich, ange­fangen bei der Wandfarbe bis über die Kleidung der Schau­spieler, alles selbst entscheiden, so dass man auch wirklich eine eigene Welt kreieren kann. Das hat mich sehr gereizt.

artechock: Eine der Figuren, Franziska, ist eine Doku­men­tar­fil­me­ma­cherin, die durch eine Schaf­fens­krise geht. Wie viel steckt da von deinen eigenen Erfah­rungen drin, ist der Film eine Absage an den Doku­men­tar­film?

Fins­ter­walder: Nein auf gar keinen Fall, das habe ich studiert und ich mag Doku­men­tar­filme sehr gerne. Es ist eher so, dass da zum Teil meine eigenen Erfah­rungen einge­flossen sind, Krisen durch die man geht, wenn man z. B. fest­stellt, dass der Film, den man machen möchte gar nicht zu machen ist. Es passiert ja nicht immer das, was man sich gerade wünscht, was passieren sollte, da das ja alles echte Menschen sind, mit denen man arbeitet.

artechock: Wie sympa­thisch ist dir die Figur der Franziska?

Fins­ter­walder: Ich finde sie in ihrer Verzweif­lung sehr sympa­thisch und das ist auch das tolle daran, wie Sandra Hüller sie spielt, dass man ihr abnimmt, dass es ihr mit ihrem Problem wirklich ernst ist. Leider vergisst sie dabei ihren Freund. Das ist etwas, was sehr vielen Figuren in dem Film passiert. Mit dem, was sie tun und machen sind sie zufrieden, aber die Menschen um sie herum haben darunter zu leiden.

artechock: Gibt es eine deutsche Seele in dem Film und was war dir wichtig an der Darstel­lung Deutsch­lands?

Fins­ter­walder: Es geht um Themen, die mich schon seit meiner Kindheit beschäf­tigen, es geht um die deutsche Geschichte, das gestörte Verhältnis das man als Deutscher zu seinem Land hat, besonders wenn man im Ausland ist. Dort wird man stärker mit Kritik an Deutsch­land konfron­tiert als in Deutsch­land selber.

artechock: Also konntest du den Film nur mit einem bestimmten Au ßenblick machen?

Fins­ter­walder: Ich glaube es ist weniger ein Außen­blick als ein Blick in das tiefe Innere, das ist so wie im Film das Abhobeln der Hornhaut in der Szene, als Claude Frau Sandberg die Füße behandelt. So funk­tio­niert eben auch der Film, man kuckt darunter. Viel­leicht traut man sich das eher, wenn man nicht ständig umgeben ist von Leuten, die kommen­tieren, was man denkt oder wenn man weniger über Deutsch­land spricht und auch nicht an der aktuellen Tages­dis­kus­sion beteiligt ist. Viel­leicht ist es auch ein Vorteil, weil man sich eher traut, Dinge zu formu­lieren, als wenn man unmit­telbar drin­steckt.

artechock: Da fällt mir die Figur des Ausstei­gers, der nur mit seiner Krähe im Wald lebt, ein..

Fins­ter­walder: Im deutschen Märchen­wald mit diesem Mann beginnt ja alles. Er hat sich von dem Rest der Welt frei­ge­macht und lebt in einer Art para­die­si­schem Zustand. Letztlich ist er eine der wenigen Figuren, die damit glücklich ist, wie sie lebt – außerhalb der Zivi­li­sa­tion. Er gewinnt ja dann den Vogel als Freund und baut eine sehr liebe­volle Beziehung zu dem Tier auf.

artechock: Am Schluss sagt Franziska: „Wäre es nicht besser, wenn es keine Menschen auf der Welt gäbe?“ Gilt das auch für den Einsiedler, in dessen Welt plötzlich das Außen dringt?

Fins­ter­walder: Das Motiv des Verlet­zt­seins zieht sich durch den ganzen Film, z. B. spricht auch die Figur Dominik darüber, wie es ist, wenn man erwachsen wird und dass man sich mit den zuneh­menden Verlet­zungen immer mehr verschließt. Der Einsiedler ist in meiner Phantasie jemand, der sehr viele Verlet­zungen in der Welt da draußen erlebt hat und der sich dazu entschlossen hat, dass sein Leben für ihn besser ist ohne Menschen. Er möchte sich dieses Kindliche, den Urzustand bewahren. Aller­dings bricht dann das Außen doch in sein Leben ein und das endet dann schreck­lich für ihn. Es ist ja auch inter­es­sant, dass er dann mit seinem Schuss denje­nigen trifft, der ihm am ähnlichsten ist.

artechock: Mir persön­lich sind ja die meisten Figuren des Films sehr sympa­thisch, da alle ihre Abgründe und Perver­sitäten haben...

Fins­ter­walder: Das ist leider etwas, was es im deutschen Film momentan nicht so gibt, das Neben­ein­ander von Ernst und Komik. Ich glaube das ändert sich jetzt ein bisschen, aber es gab lange Zeit nur die absolute Komik oder den absoluten Ernst. Dass Komik und Ernst aber eigent­lich sehr nahe beiein­ander liegen, darum geht es in dem Film auch.

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