artechock: Mr.Cage, Sie haben offensichtlich einen
Hang zu ambivalenten, gebrochenen, dunklen Charakteren...
Cage: Nun, ich interessiere mich nicht für Perfektion
- die Condition Humaine ist anders. Ich mag es, die Maske
herunterzureißen, die wir alle immerzu tragen: Andauernd
lächelnd, gutgelaunt, etc. Ich möchte die Abgründe
des Lebens zeigen, und wie man diese überwinden kann.
In WINDTALKERS sucht John Erlösung, er ist spirituell
verloren und fühlt sich schuldig, weil er einst seine
Männer in den Tod geführt hatte. John repräsentiert
eine Vorstellung von Ehre und Loyalität, die jüngeren
Generationen verlorengegangen ist.
Eine Message, die perfekt in Kriegszeiten zu passen scheint...
Ich hasse Krieg. Dieser Film zeigt, dass Krieg die Hölle
ist, dass das nicht passieren soll. Wir haben WINDTALKERS
vor dem 11.September gedreht. Wenn er einen Sinn hat, dann
den, davor zu warnen, dass Eltern ihre Kinder in den Krieg
schicken.
John Woos Filme handeln immer von Helden. Was ist - in
allen Ihren Filmen - für Sie ein Held? Was macht einen
Helden aus?
Wer tapfer genug ist, um sich aufs Schlachtfeld zu wagen,
ist eine Art Held. Aber John, meine Figur in WINDTALKERS verändert
sich, wird zu einer anderen Art Held. Er wird selbstlos. Ein
Held ist einer, der, wenn das Schicksal
gegen ihn - oder sie - ist, eine Form von spiritueller Macht,
von emotionaler Stärke findet, um dies zu überwinden.
Und zwar in selbstloser Weise.
WINDTALKERS ist nach FACE/OFF ihr zweiter Film mit John
Woo, in einigen Wochen werden Sie den dritten drehen: Einen
Western. Sie spielen dort einen irisch-stämmigen Arbeiter,
der gemeinsam mit chinesischen Arbeitern beim Bau einer
der großen Eisenbahnlinien von Ost nach West durch
die USA beschäftigt ist. Warum ist John Woo ein so
guter Regisseur für Sie?
John Woo ist einfach ein großer Künstler und
wahrhafter Visionär, außerdem ein Gentleman, der
die Leute, mit denen er arbeitet, mit Respekt behandelt. Ich
glaube, ich verstehe, was er will, wohin er seine Schauspieler
bringen will. Als wir FACE/OFF gedreht haben, war ich schnell
sicher: Mit ihm wird es etwas ganz Besonderes, Neues werden.
Er hat keine Angst vor Gefühlen, vor dem Extremen - und
das ist genau das, was auch ich selbst in meiner Arbeit
versuche. Längst nicht alle Regisseure begreifen das.
In WINDTALKERS nimmt sich Woo erstmals einem "echt"
amerikanischen Thema an. Zugleich handelt WINDTALKERS von
einem Menschen, der einer Minderheit angehört. Es geht
darin auch um Rassismus, um Identitätsfindung... -
Erfahrungen, die er selbst machen musste. Ist es für
Woo ein Vorteil in Hollywood, als Chinese ein Fremder zu
sein, die Dinge von Außen betrachten zu können?
Ich sehe Woo als Amerikaner. Seine Perspektive ist die eines
echten Künstlers. Das hat nichts damit zu tun, wo er
aufwuchs. Ähnliche Rassismus-Erfahrungen kann man ja
auch in anderen Ländern machen, auch in China. Was bei
WINDTALKERS in dieser Hinsicht wirklich interessant ist, ist,
dass die Gruppe wie ein internationaler Querschnitt zusammengesetzt
ist: Weißen, Griechen, Navajos, Italo-Amerikaner. Ab
einem bestimmten Punkt werden sie farbenblind, sehen die Unterschiede
nicht mehr. Sie erkennen sich als zu einer Einheit verbunden.
So könnte es vielleicht auch unserer heutigen Welt ergehen,
wenn es bloß keine Kriege gäbe...
Die klassische revolutionäre Idee von der Armee als
dem Instrument der Vergesellschaftung und der Gleichheit
aller Bürger?
Ja. Einer der für mich schönsten Sätze des
Films sagt: In 50 Jahren verstehen wir uns vielleicht mit
den Japanern prächtig, spielen gegeneinander Fußball...
Da sind wir heute! Und da können wir - denken Sie an
den 11.September - auch in absehbarer Zeit mit den islamischen
Ländern sein. Das wäre großartig!
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