artechock: Man weiß, dass Sie Horrorfilme
mögen, Sie haben zweimal "Batman" gedreht.
Sollte es diesmal etwas "Positiveres" sein? Ohne
Schrecken und Gewalt?
Burton: Oh nein, damit hat das gar nichts zu tun.
Ich glaube nicht an die angeblichen negativen Folgen von Gewalt
im Film. Ich bin dafür das beste Beispiel: Ich habe Sachen
im Fernsehen gesehen, die man dort heute gar nicht mehr zeigen
würde. Es ist übrigens bekannt, dass die meisten
Massenmörder sehr streng und repressiv erzogen wurden,
übrigens auch sehr religiös... Je mehr man Kinder
unterdrückt, um so mehr realer Horror ereignet sich.
Ich sehe Gewaltfilme als ein sehr gesundes Ventil für
Phantasien.
Ist Phantasie für Sie, wie für Ihre Hauptfigur
Edward Bloom, eine Möglichkeit, einer öden Wirklichkeit
zu entfliehen?
Phantasie kann vieles bewirken. Mythologien und Fabeln haben
mich immer fasziniert. Mir selbst scheinen sie sehr wirklich.
Manchmal sind Fantasie-Geschichten emotional wahr. Sie rühren
an das Unterbewusste. Sie können einen natürlich
auch umgekehrt von der Wirklichkeit fernhalten. Nehmen Sie
den "Zauberer von Oz" - da steckt ein Stoff für
Kinder drin, wie für Erwachsene.
BIG FISH handelt von einer Vater-Sohn-Beziehung. Ihr eigener
Vater ist kürzlich gestorben. War das der Auslöser
für diesen Film?
Ja, tatsächlich ist dies für mich eine Auseinandersetzung
mit meinem eigenen Vater. Sein Tod war ein Schock für
mich - wie es das wahrscheinlich für jeden ist. Bevor
mein Vater starb, hätte ich nie daran gedacht, so einen
Film zu machen. Aber es gibt darin auch hier wieder die üblichen
Themen aller meiner Filme: Was ist real, was nicht? Das Verhältnis
von Phantasie und Wirklichkeit.
BIG FISH erscheint im Vergleich zu den meisten Ihrer Filme
als ein "helleres" Werk. Eröffnet uns dies
einen neuen Tim Burton, der das Dunkle meidet, oder ist
dies nur ein Ausrutscher?
Definitiv ein Ausrutscher. Die Helligkeit lag im Material.
Ich habe ein paar Dinge ausprobiert, die ich vorher noch nicht
gemacht habe.
Was muss ein Stoff haben, um Sie zu faszinieren und Material
für einen burtonesken Film zu bieten?
Ich versuche, gerade darüber nicht nachzudenken. Ich
plane nicht sehr weit im voraus. Man arbeitet ein ganzes Jahr
an einem Film - was weiß ich, wie ich mich in einem
Jahr fühle? Letztlich suche ich in dem Moment nach einem
neuen Stoff, in dem ich mit einem Film fertig bin. Ich will,
dass der nächste Film emotional passt. Sehr wichtig ist
auch, ob ein Film auf die kulturelle Situation passt.
Inwiefern passt BIG FISH denn auf die gegenwärtige
Lage in den USA?
Typisch amerikanisch ist der Film, indem er Figuren vorstellt,
die einen merkwürdigen, naiven Idealismus besitzen, durch
seinen verdrehten Optimismus. Der hängt offenbar eng
mit einer Vorliebe für Legenden zusammen, für das
Zurechtdichten von Wirklichkeit.
Phantasien und Legenden spielen auch in der Politik eine große
Rolle. Die Grenzen Wahrheit und Realität verwischen sich
dort heute völlig. Wenn man manchen Politikern zuhört,
sind sie durch und durch verlogen. Umgekehrt sind manche Märchen
- von denen wir wissen, dass sie erfunden sind - sehr wahrhaftig.
Und es wird immer schlimmer. Sehen Sie sich die Nachrichten
im Fernsehen an: Sie haben "Themenmusik", werden
präsentiert wie Soap-Operas oder Dramen - für mich
ist das überaus erschreckend.
Sind Sie darum selbst aus Amerika weggezogen und nach
England übergesiedelt?
Es spielte eine Rolle. Ich fühle mich dort wohler.
Aus ganz banalen Gründen: Wenn Sie in Los Angeles zu
Fuß gehen, werden Sie an jeder Ecke von der Polizei
angehalten. Sie wirken verdächtig. In England können
Sie spazieren gehen. Ich liebe das. Außerdem ging mir
die Wärme auf die Nerven. Das Wetter in Los Angeles war
einfach zu gut.
Und Amerika ist zu konformistisch. Individualismus wird in
England mehr geschätzt. Ich bin in den Vorstädten
aufgewachsen. Man fühlt sich dort immer beobachtet. In
England ist das alles anders und besser.
Sie mache Filme für das große Publikum. Wenn
Sie völlig unabhängig entscheiden könnten:
Möchten Sie manchmal gerne inhaltlich und formal weiter
gehen, radikalere Filme machen?
Ich weiß es nicht. Ich fühle mich als Person
ziemlich normal, nicht irgendwie 'schräg'. Natürlich
fühlt man sich manchmal beschränkt durch den Druck
des Budgets, durch die Studios, die mitreden wollen.
Würden Sie sagen, Sie sind frei in Ihren Entscheidungen?
Ja. Hier ganz besonders. "Big Fish" war die erste
positive Studioerfahrung, die ich gemacht habe. Dabei ist
das kein einfacher Film: Die Geschichte lässt sich nicht
in drei Sätzen erklären, es gibt keinen großen
Star. Das gibt mir Hoffnung, dass man gelegentlich etwas machen
kann, was kein sicherer Hit ist.
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