12.10.2017

Wie macht man zu dritt einen Film?

Babylon Berlin
Babylon Berlin – Spiegel unserer Gegenwart?

Achim von Borries, Hendrik Hand­lo­egten und Tom Tykwer über ihr Gemein­schafts­pro­jekt, den histo­ri­schen Krimi­nal­thriller »Babylon Berlin« aus dem Schwel­len­jahr 1929

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

Drei Regis­seure, 200 Sprech­rollen, ein Jahr Drehzeit, hunderte von Stunden Film und eine über zwei­jäh­rige Vorbe­rei­tungs­zeit – das ist Babylon Berlin, eine Fern­seh­serie in 16 Folgen von 12 Stunden Gesamt­länge, die die Filme­ma­cher selber als einen einzigen langen Kinofilm ansehen. Aber wie macht man überhaupt zu dritt einen Film?
Offenbar sehr kollegial. Denn Achim von Borries, Hendrik Hand­lo­egten und Tom Tykwer, die drei Regis­seure von »Berlin Babylon« geben auch die Inter­views zu dieser in Deutsch­land einma­ligen Fern­seh­serie nur gemeinsam. Manchmal geht es dabei wild durch­ein­ander, und der eine führt den Satz des anderen zuende, aber auch das hat offenbar System bei dieser Serie nach Vorlagen von Volker Kutscher. Über den Inhalt darf noch nichts verraten werden.
Ein Werkstatt-Gespräch und ein Einblick in den Prozess des Filme­ma­chens.

Artechock: Beginnen wir mit der legen­dären Frage von Francois Truffaut: Achim von Borries, Hendrik Hand­lo­egten und Tom Tykwer – wie haben Sie das gemacht?

Tom Tykwer: Ich hatte viel­leicht einen kleinen Vorsprung, weil ich bei Cloud Atlas  bereits zu dritt einen Film gemacht hatte. Ich glaube einfach unglaub­lich stark an die Drei­er­kon­ste­la­tion

Achim von Borries: Wir haben tatsäch­lich erstmal drei Jahre zusam­men­ge­sessen in einem Raum, und haben die Serie entwi­ckelt, geschrieben, zum Teil auch tatsäch­lich gemeinsam geschrieben in dem selben Raum – da schreibt dann einer das erste Drittel einer Episode, die man zusammen entworfen hat, ein zweiter das zweite, usf. Sobald man durch ist, wird getauscht. Immer wieder – irgend­wann waren wir auch zu dritt in einem einzigen Modus: Wir dachten und wir sprechen wie einer. Dann kamen wir mit unserem Team zusammen – die haben das zun ächst einmal als unfass­bare Kako­phonie empfunden...

Hendrick Hand­lo­egten: Der Dreh ging so ähnlich weiter. Wir haben die Dreh­ar­beiten in Blöcke aufge­teilt, und in der Zeit dazwi­schen haben wir auch schon geschnitten. Dann kamen wir drei im Schnei­de­raum mit unseren drei Editoren zusammen...

AvB: ...wieder im Wechsel... Und dann haben wir auch die Schneide-Räume getauscht.

HH: Wir haben keine Episoden gedreht, sondern Locations gedreht. Ein Raum wurde einmal aufgebaut, fand dann Verwen­dung in Folge 5, 7 11 und 16 – das wurde aber natürlich nur einmal gebaut und dann komplett abgedreht. Das heißt, wir haben etwas gemacht, was unseres Wissens noch nicht häufig gemacht wurde, wir haben zu dritt 'nen Film gedreht. Film­ar­beit ist sowieso Team­ar­beit – aber das mehrere Regis­seure einen Film machen, gibt es nur äußerst selten.

Da wird es ja zu einem Problem, den Überblick über den Stoff zu behalten, aber auch, dem Gesamten einen einheit­li­chem Stil zu verleihen...

TT: Die Zeit, in der man drüber spricht, drüber reflek­tiert, in der man auch darüber streitet, ist einfach genauso wichtig, wie die, in der man akut schneidet. Es braucht soviel Reflexion, soviel inhalt­liche Ausein­an­der­set­zung! Es ist verrückt, wenn man sich klar macht, dass die »Post­pro­duk­tion« heute wie eine Ferti­gungs­fa­brik durch­ge­plant wird. Dadurch entstehen Zeit­fenster, die einge­halten werden müssen – aber gleich­zeitig ist der Film­schnitt ein so irrer, so erfin­dungs­rei­cher Vorgang. Und darum geht es ja eigent­lich: Man muss heraus­finden, was man wirklich will, weil man im Schnitt den Film nochmal neu schreibt.

HH: Die Logistik war schon olympisch, weil wir das tatsäch­lich behandelt haben, wie einen Spielfilm.

Babylon Berlin spielt nach der Buch­vor­lage und mit den Figuren von Volker Kutscher im Berlin des Jahres 1929, zwischen den Wirren der Weimarer Republik, Welt­wirt­schafts­krise, poli­ti­scher Verschwö­rung und dem kultu­rellen Aufbruch der Moderne der Zwanziger Jahre. Was macht diese Epoche aus heutiger Sicht so aktuell, dass sie wie ein ferner Spiegel unserer Gegenwart wirkt?

HH: Der Gewief­teste, der Skru­pel­lo­seste, der Virtuo­seste hat sich damals durch­ge­setzt. Die Haupt­fi­guren des Films sind Über­le­bens­kämpfer.

TT: Es war tatsäch­lich am Anfang ein bisschen beängs­ti­gend. Wir spüren wirklich jetzt eine ganz starke Welle des Inter­esses an dieser Zeit. Es ist sehr präsent, auf eine Weise, dass der Stoff von Volker Kutscher das nagende Näher­kommen dieser Gefahr auf eine Weise erzählt, die uns bewusst macht, an welcher Stelle wir uns gerade befinden.

Wie groß eigent­lich der Schei­deweg ist, an den wir gerade stehen? Wir fühlen uns so gesichert – viel­leicht zu Unrecht. auch wenn wir heute in einem ungleich stabi­leren poli­ti­schen Gebilde leben, als es damals die Deutschen taten.

AvB: Babylon Berlin  soll keine Lehr­stunde sein, sondern eine spannende Handlung vor histo­ri­schem Hinter­grund. Wir wollen unsere Figuren nicht moralisch bewerten, wir wollen ihr Handeln nicht permanent kommen­tieren. Aber im Idealfall vergisst man den histo­ri­schen Abstand, und erkennt die Nähe zum Heute.

HH: Unsere Geschichte einer Verschwö­rung der Reichs­wehr und der Groß­in­dus­trie zur illegalen Wieder­auf­rüs­tung Deutsch­lands ist aber histo­risch fundiert, und hat natürlich eine poli­ti­sche Dimension.
Der Zuschauer von heute wird mitdenken, dass die Schläf­rig­keit des Esta­blish­ments etwas mit uns zu tun hat. Damals hat man den »böhmi­schen Gefreiten« Hitler unter­schätzt, heute unter­schätzen wir viel­leicht Figuren wie Trump und andere, auch in Deutsch­land.

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