19.01.2017

»Es dreht sich alles um Verstörung im Rahmen unserer Wahrnehmung«

Olivier Assayas und Kristen Stewart
Kirsten Stewart und Olivier Assayas am Set von Personal Shopper in Oman

Ein Gespräch mit Olivier Assayas darüber, wie das Internet und Digi­ta­li­sie­rung unsere Wahr­neh­mung verändern, die dringend nötige Rückkehr von Sigmund Freud ins Kino und über die Anwe­sen­heit des Abstrakten

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

Artechock: Sie haben in Ihrem Film eine Referenz auf Victor Hugos Interesse für Spiri­tismus...

Assayas: Das ist sehr bekannt in Frank­reich. Hugo hat während seines Exil in Jersey spiri­tis­ti­sche Sitzungen veran­staltet, mit Tischerü­cken und solchen Dingen. Er hat sehr klare eindeu­tige Tran­skripte der Seancen ange­fer­tigt, das liest sich wie ein Logbuch. Das wurde erst vor ein paar Jahren veröf­fent­licht. Da steht alles drin: Wer war da? Wer sagte was?
Ein faszi­nie­rendes Dokument denn er hat das alles offen­sicht­lich sehr ernst genommen. Victor Hugo hatte »Gespräche« mit großen Männern der Vergan­gen­heit: Shake­speare, Moliere, Jesus Christus. Auch mit abstrakten Wesen wie dem »Geist der Tragödie«
Wenn man nicht ernsthaft glaubt, dass man mit den Toten kommu­ni­zieren kann, dann ist das eine außer­ge­wöhn­liche Innen­an­sicht in das Unter­be­wusst­sein und die Phan­ta­sien eines großen Autors des 19.Jahr­hun­derts. Denn er erfand in gewissem Sinn die »ecriture auto­ma­tique«. In gewissem Sinn verband er das Geis­ter­thema mit der Zukunft seiner Gattung.
Die Texte wirken wie etwas, das auch 100 Jahre später hätte geschrieben werden können. Hinzu kommt: Es war nicht auf eine Publi­ka­tion angelegt. Also: Warum sollte man das alles vortäu­schen?
Er und seine Gruppe glaubten daran, dass sie sich mit den Toten verbinden w ürden.

Ich vermute Sie würden sich selbst als Agnos­tiker bezeichnen...

Ja.

Wie erklären Sie so etwas? Kann man sagen: Mittels Geis­ter­glau­bens bringt man sich selbst in einen gewissen Zustand jenseits der Welt der Vernunft. Man kann das auch mit Psycho­ana­lyse tun, mit Drogen...

Wenn man Drogen braucht, um in sich etwas zu entfes­seln, ist das in Ordnung. Warum nicht? Das ist ein Teil der lite­ra­ri­schen Kultur nicht nur in Europa. Ja absolut.
Aber was ich sage: Es ist alles eine Frage der Wahr­neh­mung. Es gibt einen Teil der Wahr­neh­mung, den wir kontrol­lieren und einen anderen, den wir nicht kontrol­lieren. Der hat etwas mit unserem Unter­be­wußten zu tun. Das ist im Prinzip das, was bereits Sigmund Freud sagte.
Ich glaube in diesem Film geht es auch darum, die Psycho­ana­lyse zurück ins Zentrum des Filmem

In Personal Shopper gibt es einen Erzähl­strang, der sehr rational ist. Aber eine Weile kann man auch annehmen, das hier ein Geist über SMS kommu­ni­ziert. Ich saß im Kino und dachte: Wow! Was macht Assayas jetzt?

Das ist natürlich irgendwie abstrakt. Aber es ist eine Abstrak­tion, die unglaub­lich präsent in unserem Leben ist. Wir alle kommu­ni­zieren mit Leuten, die wir nicht kennen. Ehrlich gesagt: Ich mache so etwas nicht. Aber sehr viele Menschen kommu­ni­zieren aus sehr verschie­denen Gründen mit Leuten, die sie nicht kennen – oft sind es sexuelle Gründe.
Maureen fragt das Wesen auf der anderen Seite mehr als einmal »Bist du eine Frau oder ein Mann?« Und sie bekommt nie die Antwort. Denn es gibt im Internet dieses komplexe Spiel mit sexuellen Iden­ti­täten. Man weiß nie, ob das Wesen auf der anderen Seite echt ist oder fiktiv. Das finde ich faszi­nie­rend. Das ist eines der faszi­nie­rendsten Elemente, wie das Internet und Digi­ta­li­sie­rung unsere Wahr­neh­mung ver ändern.

Aber als Filme­ma­cher zeigen Sie uns ja das Geis­ter­hafte. Wir sehen die Geister im Haus, wir sehen schwe­bende Gläser. Oder wie würden Sie beschreiben, was Sie da mit uns machen?

Nun es geht immer um Vers­tö­rung im Rahmen unserer Wahr­neh­mung (i.O.: »It's all about distur­bance within the framework of our percep­tion«). Was wir »Geister« nennen, sind vor allem Projek­tionen von etwas, das in unserem Inneren geschieht. Wir benutzen diese Bilder. Zum Beispiel: Sie sind in einem leeren einsamen Haus in der Mitte eines Waldes in der Nacht. Es ist in uns angelegt, dass wir uns dann fürchten. Aber was uns da erschreckt, wovor wir Angst haben, ist nichts, was da draußen passiert, sondern etwas, das in unserem Inneren geschieht.
Was mich inter­es­siert hat, ist, Bilder zu finden für das Unter­be­wusst­sein meiner Haupt­figur Maureen.

Das heißt: was wir auf der Leinwand sehen ist mehr oder weniger eine Subjek­tive... Eine Darstel­lung ihrer Imagi­na­tion...

Es ist eine Form des Posi­ti­ons­wech­sels. Wir sind konstant mit ihr. Der Film ist sehr sehr stark ein Film über Einsam­keit, übers Allein­sein. Die ganzen anderen Figuren exis­tieren fast nur in der Form, in der Maureen mit ihnen kommu­ni­ziert. Ja: ab und zu müssen wir uns in ihrer Innenwelt aufhalten.

Haben Sie etwas Ähnliches bereits in ihrem letzten Film Die Wolken von Sils Maria gemacht?

Ja. Genau. Ich denke, in diesem Film bin ich einen kleinen Schritt weiter gegangen. Aber den größten Teil des Weges bin ich bereits in meinem vorhe­rigen Film gegangen.

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