18.01.2018

Meer Leben!

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Those Who Go Those Who Stay eröffnen am heutigen Donnerstag die 11. Mittelmeerfilmtage

Mit den 11. Mittel­meer­film­tage brechen die Film­gruppen Münchens zu einem neuen Festi­val­jahr auf

Von Dunja Bialas

Ist das zynisch? Derzeit werben überall in der Stadt Plakate des Reise­un­ter­neh­mens »Mein Schiff« für Kreuz­fahrten über das Mittel­meer. »Premium, alles inklusive« preisen sie an, »7 Nächte ab 995 €«. Für wie kurz hält man eigent­lich das Gedächtnis der Menschen, oder besser der Konsu­menten, die hier ange­pro­chen werden? Vor kurzem wurde man noch beinahe täglich von Schre­ckens­nach­richten von im Mittel­meer gesun­kenen Flücht­lings­schollen erschüt­tert; heute packt man sich selbst schon wieder in Watte. Wenn aber das Watte­schiff vulgo Kreuz­schiff auf die harte Realität eines im Meer trei­benden Schlauch­bootes trifft, wie dies Philip Scheffner in seinem 2016 entstan­denen expe­ri­men­tellen Doku­men­tar­film Havarie zeigt, dann prallen die Welten aufein­ander. Von seinem Kreuz­schiff aus hatte ein Passagier ein Boot gefilmt, das in Seenot geraten war, und das Video ins Netz gestellt. Havarie dehnt den lebens­be­droh­li­chen Augen­blick des steu­er­losen Treibens auf dem Wasser in die schiere Unend­lich­keit aus, bis die Realität wieder weh tut.

Wenn am heutigen Donnerstag die 11. Mittel­meer­film­tage beginnen, dann ist es wieder an der Zeit, an den Mittel­meer­raum als poli­ti­schen Raum zu denken. Auch UNDERDOX – das ich zusammen mit Bernd Brehmer leite – nimmt als Festival der Filmstadt München e.V. an der Filmreihe in einem Programm­punkt teil. Ange­sichts des akutellen Kreuz­schiff­fahrt-Werbe­pla­kats bedauere ich es zutiefst, nicht den Film von Philip Scheffner fürs Programm vorge­schlagen zu haben. Ande­rer­seits wäre es viel­leicht wiederum ein wenig brutal erschienen, einen Film über ein hava­riertes Schlauch­boot voll mit Flücht­lingen bei den Mittel­meer­film­tagen zu zeigen. Unsere Sehnsucht, sich den Mittel­meer­raum als intakte Region unserer Urlaubs­wün­sche, des guten Essens, der immer schei­nenden Sonne zu denken, ist groß.

Vieles aber ist politisch, viel­leicht nicht auf den ersten Blick. So kann auch ein Essen politisch werden. Die britische Künst­lerin Anna Sherbany insze­niert in A Place At The Table einen Essens­tisch, an dem sechs Frauen Platz nehmen, gefilmt wurde von oben. Sie stammen alle aus verschie­denen Regionen des Mittel­meers, fügen die Aromen, Tradi­tionen und ihre Geschichten zu einer leben­digen Tafel des Austauschs. Die Arbeit wird bei den Mittel­meer­film­tagen als Video­in­stal­la­tion gezeigt; proji­ziert wird auf ein Tischtuch. Die Instal­la­tion wirft so auch einen Licht­strahl in den häus­li­chen Bereich, der der Frau eine tradi­ti­ons­ge­bun­dene Rolle zuweist. Mehr noch aber geht es Sherbany um das sinnliche Zusam­men­treffen der Kulturen in einem Raum. In den verschie­denen Speisen finden sich auch Migration, Herkunft, Ankunft; sodann gibt es leere und volle Teller, die die unge­rechte Vertei­lung der Ressourcen symbo­li­sieren. Der Akt des Essens ist soli­da­ri­sie­rend. Und wenn man zusammen isst, geht man für den Moment der Mahlzeit eine Gemein­schaft außerhalb der Zeit ein, tauscht sich aus, bevor wieder der Alltag beginnt.

Die in Israel geborene Künst­lerin gehört dem Volk der Mizrachim an, also den soge­nannten orien­ta­li­schen Juden, wie Irit Neidhardt in »Mit dem Konflikt leben« heraus­stellt, und ist so seit jeher zwischen den Kulturen behei­matet. Sie ging nach London und lebte sogar eine zeitlang in München. Aus dieser Zeit kennen sie auch die Frauen der Münchner Film­gruppe »Bimovies«, die jetzt ihre nach­haltig wirkende Instal­la­tion im Akti­ons­raum PIXEL (ehema­liger Gastro-Raum im Durchgang von der S-Bahn zum Gasteig) zeigen. Vernis­sage ist am heutigen Donnerstag um 18 Uhr in Form eines »Warm-ups« vor der eigent­li­chen Eröffnung der Mittel­meer­film­tage mit Ruth Becker­manns Those Who Go Those Who Stay (19 Uhr, Gasteig Carl-Orff-Saal).

Das filmische Gegen­s­tück zu Sherbanys Instal­la­tion ist Ouroboros der in Kuwait geborenen Künst­lerin Basma Alsharif. Sie setzt das Verrückt-Sein der Welt in das Zentrum ihres expe­ri­men­tellen Spiel­films. Der Film hebt an mit einem schwin­del­erre­genden Blick auf das Mittel­meer am Gaza-Streifen; gänzlich beun­ru­hi­gend wird es, erkennt man, dass das Bild rückwärts läuft und die Wellen somit ins Meer zurück­fließen. Das Land veräußert sich, übergibt sich dem Wasser, ist nicht mehr der solide Grund, auf dem alles gebaut ist. Diese Verun­si­che­rungen finden ihre Fort­set­zungen in einer paläs­ti­nen­si­schen Frau, die wie in einem Geis­ter­haus durch die Flure ihrer Wohnung streift. Ein Mann schält sich schließ­lich als Prot­ago­nist aus der beob­ach­tenden Position der Kamera. Alsharifs Film ist rätsel­haft, voller Wider­sprüche, und insze­niert die Konven­tion, auch die Seh-Konven­tion, als starken Wider­spruch. Ein heraus­for­dernder Film, zugegeben, aber auch eine betörend schöne Reise durch diffuse Bewusst­seins­zu­stände, für die Mittel­meer­film­tage von UNDERDOX heraus­ge­sucht (Samstag, 17 Uhr, Gasteig Carl-Amery-Saal).

Insgesamt werden bis 28. Januar im Münchner Gasteig 23 Filme von den verschie­denen Gruppen der Filmstadt München gezeigt. Filme für die Jüngsten, die das Kinder­kino München ausge­wählt hat, sind dabei (jeweils Freitag um 15 Uhr), Kurzfilme aus dem Reper­toire des Festivals »Bunter Hund« ergänzen an ausge­wählten Terminen das Programm. Es lohnt sich, mit ihnen auf Entde­ckungs­reise durch den Mittel­meer­raum zu gehen – und dazu braucht es nur eine Eintritts­karte ins Kino.

Die Mittel­meer­film­tage machen in folgenden Ländern Station: die Türkei (Yarim: eine unkon­ven­tio­nelle Beziehung an der Ägäis; Kedi: Katzen in Istanbul), Italien (Sole cuore amore: eine italie­ni­sche Arbei­terin; La stoffa dei sogni: die Camorra), Spanien (Estiu 1993: ein kata­la­ni­scher Sommer; No todo es vigilia: Doku­men­tar­film über eine Liebe im Alter; El Rayo: mit dem Traktor zurück nach Marokko), Israel (Bar Bahar: drei Paläs­ti­nen­se­rinnen in Tel Aviv; Sar'a: Doku­men­tar­film über einen verschwun­denen Kibbuz; Distur­bing the Peace: Doku­men­tar­film über die preis­ge­krönte NGO »Comba­tants for Peace«), Grie­chen­land (Son of Sofia: Aufwachsen in Athen), Algerien (Good Luck Algeria: als alge­ri­scher Skifahrer bei den Olym­pi­schen Winter­spielen), Syrien (zwei Kurzfilme von KINO ASYL: Shake­speare in Zaatari und Unge­wöhn­lich), Marokko (Doku­men­tar­film Als Paul über das Meer kam), Kosovo / Maze­do­nien (Home Sweet Home: ein Kriegs­ge­fan­gener kehrt aus Serbien heim), Katar (A Memory in Khaki: Doku­men­tar­film über Syrier im Exil); Tunis (À peine j'ouvre les yeux: Erwach­sen­werden kurz vor dem arabi­schen Frühling), Monte­negro / Serbien (Igla ispod praga: eine surreale Tragi­komödie auf einer monteni­g­ri­ni­schen Halbinsel).

Auf den sechs dalma­ti­ni­schen Inseln im Mittel­meer gab es früher übrigens viele Kinos. Dies zeigt Kino Otok – Islands for Forgotten Cinemas des kroa­ti­schen Filme­ma­chers Ivan Ramljak. Heute hat sich das Leben dort geändert, die Kinos sind verschwunden. Aber die Gebäude sind geblieben, und sie sind immer noch die Orte, an denen die Menschen zusam­men­kommen. Der Film wird ebenfalls als Instal­la­tion im PIXEL gezeigt, das für die Zeit der Mittel­meer­film­tage so etwas wie ein kleines Festi­val­zen­trum ist.

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11. Mittel­meer­film­tage
18.-28. Januar 2018, Gasteig München, Carl-Amery-Saal
Eintritt: 7 € (ermäßigt 5 €, Kinder­pro­gramm 3 €)
Das Programm ist ein Gemein­schafts­pro­gramm der Gruppen der Filmstadt München e.V. in Zusam­men­ar­beit mit der Münchner Stadt­bi­blio­thek, dem Instituto Cervantes, dem Institut Français, dem Centro Catala de Munic und ist gefördert vom Kultur­re­ferat der Landes­haupt­stadt München.

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