18.01.2018

Engagement braucht Energie

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Der Traum vom bedingungslosen Grundeinkommen geht weiter: Free Lunch Society – Komm komm Grundeinkommen eröffnet am heutigen Donnerstag die FilmWeltWirtschaft

Der Verbrauch von Energie im Ehrenamt – oder: »Wir schaffen das!«

Von Dunja Bialas

»Art but fair«, »Initia­tive Festi­val­ar­beit«, Mindest­lohn oder bedin­gungs­loses Grund­ein­kommen: die Vorstöße, das Enga­ge­ment im kultu­rellen Bereich besser zu stellen, sind viel­fältig. Ehrenamt heißt eine der Säulen, die unsere Gesell­schaft tragen. Es ist in der Kultur anzu­treffen, aber auch in den sozialen Einrich­tungen, in der Kinder­be­treuung, in der Senio­ren­pflege, im Umwelt­schutz, in der Flücht­lings­hilfe. Am kommenden Sonntag findet gar eine eigene Messe zum Ehrenamt statt, die soge­nannte »Frei­wil­ligen Messe«, auf der man sich ein Ehrenamt aussuchen kann, das zu einem passt. Klingt gut, oder etwa nicht?

In der freien Wirt­schaft heißt es immer: »Enga­ge­ment macht sich bezahlt.« – »Zeit ist Geld.« Für die ehren­amt­lich Arbei­tenden klingt dies zynisch. Prin­zi­piell ist nichts gegen die ehren­amt­liche Tätigkeit einzu­wenden, Rente­rinnen und Rentner können mit ihr weiterhin am gesell­schaft­li­chen Leben teil­nehmen, den Gene­ra­tio­nen­ver­trag sinnvoll erfüllen, indem sie ihr Wissen an die Jüngeren weiter­geben, Hobbys können einen wert­vollen Rahmen finden. In vielen Bereichen aber gilt, dass mit dem Ehrenamt bezahlte Arbeit einge­spart wird. Angeblich fehlt es dem Staat am notwen­digen Kleingeld für essen­ti­elle Bereiche – die Wirt­schaft, die als Sponsor einspringen könnte, hält sich lieber raus.

Die neueste Ausgabe der Filmreihe »FilmWel­tWirt­schaft« erinnert daran, dass das Enga­ge­ment auch Energie benötigt – Körper­energie, Kraft, Zeit, Man- und Woman­power, alles, was man eben so rein­steckt in ein Projekt oder Thema, das einem wichtig ist. Sieben Film­pro­gramme stellen unter­schied­liche Initia­tiven vor, die Bahn­bre­chendes erreicht haben oder noch erreichen wollen.

Eine der wich­tigsten Forde­rungen für ein unent­lohntes gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment ist die nach dem bedin­gungs­losen Grund­ein­kommen. Es könnte ermög­li­chen, dass auch außerhalb von bezahlten Stellen zu fairen Bedin­gungen Arbeit geleistet wird – in den tradi­tio­nellen Bereichen des Ehrenamts. Auch die prekäre Situation von Künstlern könnte hier aufge­fangen werden. Free Lunch Society – Komm komm Grund­ein­kommen des Öster­rei­chers Christian Tod setzt sich intensiv mit dem Thema ausein­ander. In einer Reise rund um den Globus sammelt er Stimmen zur Idee des Grund­ein­kom­mens ein – in der Schweiz gab es hierfür sogar eine Volks­ab­stim­mung. Ein Roadmovie, das die Utopie bereist.

Wesent­li­ches Merkmal der FilmWel­tWirt­schaft sind die tief­ge­henden Diskus­sionen zu den gezeigten Filmen. Die stell­ver­tre­tende Film­mu­seums-Leiterin Claudia Engel­hardt, die die Filmreihe nun schon zum 13. Mal orga­ni­siert, hat diesmal die entschei­denden Initia­tiven ins Film­mu­seum einge­laden. Zum Grund­ein­kommen ist dies die »Initia­tive Grund­ein­kommen München« (Donnerstag, 19 Uhr), zum Film Bellevue Di Monaco (Freitag, 21 Uhr) kommt Christian Ganzer ins Kino und stellt das außer­ge­wöhn­liche Wohn- und Kultur­zen­trum »für Menschen mit und ohne Asyl« vor – es befindet sich übrigens in nächster Nähe zum Film­mu­seum in der Müller­straße 2. Das Café im »Bellevue« könnte sich so auch als alter­na­tiver Ort zum Stadtcafé etablieren, obendrein tut man dann noch etwas Gutes und ist sogar ein gern gesehener Gast, während man seinen Kaffee trinkt (Do-Sa von 11 bis 18 Uhr geöffnet).

Gast­freund­lich ist auch die Wirtin des Café Waldluft, den der Starter-Film­preis­träger Matthias Koßmehl persön­lich vorstellt (Freitag, 21 Uhr). Die Berch­tes­gar­de­nerin Flora Kurz hat ihr Hotel in der Berg­idylle für die Flücht­linge geöffnet, und muss nun gegen die Vorur­teile im Ort ankämpfen. Mitt­ler­weile musste sie ihr Projekt leider wieder beenden, Matthias Koßmehl kann dazu die Hinter­gründe erzählen.

Völker­ver­s­tän­di­gend ist übrigens nicht nur Fußball. Dass auch das Kochen zum soli­da­ri­schen und zusam­men­füh­renden Akt werden kann, steht am Anfang der Intiative »Kitchen on the Run«, die in The Taste of Home von Mathias Niepen­berg vorge­stellt wird. Menschen mit Fluch­ter­fah­rung kochen die Gerichte ihrer Heimat und setzen sich mit den Menschen der neuen Heimat zum Essen an einen Tisch (Freitag 18:30 Uhr). Eine Idee, die man in München derzeit auch als Video­in­stal­la­tion erleben kann: Das »Bimovie«-Festival zeigt im Rahmen der Mittel­meer­film­tage im Akti­ons­raum des Gasteigs »Pixel« die Arbeit der israe­li­schen Künst­lerin Anna Sherbany A Place At The Table, in der es genau darum geht, dass verschie­dene Kulturen in einem kommu­ni­ka­tiven und soli­da­ri­schen Akt zusammen essen (die Instal­la­tion ist noch bis zum 28. Januar zu sehen).

Keine Initia­tive kann Erfolg haben, wenn man nicht frei sprechen oder an der Gesell­schaft parti­zi­pieren kann. Free Speech Fear Free des jungen Briten Tarquin Ramsay geht dem Grund­recht der Rede­frei­heit nach – und wie beängs­ti­gend sie sich in den letzten Jahren gewandelt hat (Samstag 18:30 Uhr). Suffra­gette: Taten statt Worte zeigt die Anfänge der Frau­en­rechts­be­we­gung, die in der Einfüh­rung des Frau­en­wahl­rechts mündete – in wenigen Ländern. Das Frau­en­wahl­recht in Deutsch­land wird dieses Jahr übrigens hundert Jahre alt, der entschei­dende Beschluss des Rates der Volks­be­auf­tragten erging am 12.11.1918. Gewählt wurde aller­dings erstmals am 19. Januar 1919 – die Vorfüh­rung im Film­mu­seum am Samstag, den 20.1. um 21 Uhr feiert damit das genau 99 Jahre und einen Tag prak­ti­zierte Wahlrecht – anschließend wird mit Susanne Klingner von Frau­en­stu­dien München e.V. disku­tiert.

Zwei Filme runden am Sonntag das Programm zum Thema Umwelt­schutz ab. Bertram Verhaags Der Bauer und sein Prinz zeigt, wie sich der Prince of Wales für die ökolo­gi­sche Land­wirt­schaft in England einsetzte und es zur Gründung der Duchy-Home-Farm kam, die England auch das tradi­tio­nelle Land­schafts­bild mit den Hecken, in denen die Vögel nisten können, zurückgab (Sonntag, 18:30 Uhr).

Wich­tigster globaler Aktivist in Sachen Umwelt- und Klima­schutz ist Al Gore. Vor allem hat er den psycho­lo­gi­schen Faktor der Proble­matik erkannt: Es ist eine Wahrheit, die uns nicht angenehm ist, eine »incon­ve­nient truth«. An Incon­ve­nient Sequel: Truth to Power zeigt die Dring­lich­keit des Kampfs gegen die Klima­ver­än­de­rung – zumal US-Präsident Donald Trump den Klima­wandel leugnet.

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FilmWel­tWirt­schaft
18.-21. Januar 2018, Film­mu­seum München
Eintritt: 4 € (Mitglieder des MFZ 3 €)
Das Programm wird von der stell­ver­tre­tenden Leiterin des Film­mu­seums München, Claudia Engel­hardt, kuratiert.

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