16.11.2017

Die Nachwuchs-Olympiade

Jules und Jim
Iss nicht vom falschen Kuchen! Greetings from Kropsdam erhielt den erstmals verliehenen Reformationspreis

Beim 37. Film­school Fest Munich ist Dabei sein noch lange nicht alles

Von Dunja Bialas

Watch me if you can! war das Motto des 37. inter­na­tio­nalen Festivals der Film­hoch­schulen, das sich seit letztem Jahr kurz und knackig »Film­school Fest Munich« nennt. Guck mich, wenn Du kannst! könnte man über­setzen, was sich dann nicht mehr so schön auf Steven Spiel­bergs Catch Me If You Can reimt. Wer aber soll schaffen, das alles zu gucken? 44 Filme waren aus siebzehn Ländern ausge­wählt – dem Nachwuchs eine große Chance.

Dabei sein ist alles, bei dieser konzen­trierten Film-Olympiade, in der alle Filme im Wett­be­werb gezeigt werden. Festi­val­lei­terin Diana Iljine hob bei der Preis­ver­lei­hung hervor, die Einladung auf das Festival sei bereits eine Auszeich­nung. Die Teilnahme am Festival könnte ein Sprung­brett für die spätere Profes­sio­na­lität sein, vor allem aber, und das ist das Schöne, geht es hier darum sich kennen­zu­lernen und, wer weiß, Freund­schaften fürs Leben zu knüpfen.

Das Festival vollzieht sich in zehn Programmen im stets vollen Saal des Film­mu­seum München, das eigent­lich viel zu klein ist für die zahl­rei­chen anwe­senden Filme­ma­cher, Freunde, Studie­renden und den Happy Fews, die noch eine Karte ergattern konnten. Besonders ist es, dass nach jedem Film intensiv disku­tiert wird, besonders schön ist es, wenn der Film­nach­wuchs beginnt, unter­ein­ander zu disku­tieren, wie ein paar Mal geschehen.

Spezi­elles Augenmerk, im wahrsten Sinne, verdiente dieses Jahr der Festi­val­trailer des HFF-Studenten Andreas Irnstorfer, der so gut war wie, jetzt kommt's: noch nie. Künst­le­risch über­zeu­gend, mit tech­ni­schen Spie­le­reien, die sich nicht an sich selbst ergötzen, blickten einen junge Menschen aus zwei Reihen Augen­paaren an. Was eine schöne Irri­ta­tion erzeugte und man nicht richtig zurück­gu­cken konnte. Watch me – if you can!

Über andere Sicht­weisen auf die Welt, ob fiktional oder doku­men­ta­risch, ging es in vielen der präsen­tierten Filme. Sehr witzig wurde das eingelöst in Welcome! des Brasi­lia­ners Lucas Piloto (School of Commu­ni­ca­tion and Arts, Univer­sity of Sao Paolo). Wie ein Reigen guter und böser Feen kommen hier die Tanten und Onkels zu einem Fami­li­en­essen, das einen neuen Erden­bürger will­kommen heißen soll. Nur will dieser nicht essen. Alles wird aus der Perspek­tive des Babys erzählt, die Kamera im strengen Point-of-view-Shot geführt, was witzig ist und über­ra­schend gut funk­tio­niert.

Strenger ist die Sicht­weise auf die Welt, die sich eine Drohne sucht. Hier ist die Objek­ti­vität das Ziel, es gilt, den Überblick zu wahren. In Find Fix Finish von Sylvain Cruiziat und Mila Zhluk­tenko (Hoch­schule für Film und Fernsehen München) erzählen mittels Voice over drei US-Droh­nen­pi­loten von ihrem Alltag. Sie haben die Route ihrer Ziel­per­sonen im Visier und stehen auf Kommando auch für das tödliche Finish zur Verfügung. Poli­ti­sches Kino, das durch Klarheit besticht.

Durfte hier »Wallace & Gromit« Vorbild spielen? In Greetings from Kropsdam des Nieder­län­ders Joren Molter (Nether­lands Film Academy, Amsterdam), der mit dem erstmals verlie­henen Refor­ma­ti­ons­preis ausge­zeichnet wurde, setzt sich aus wenigen, immer­glei­chen Einstel­lungen zusammen. Alles wirkt wie in einem künst­li­chen Puppen­land, man denkt auch an den mit dem Münchner Starter Filmpreis ausge­zeich­neten Film Kleinheim des HFF-Stun­denten Michael Ciesielski. Das Haus, die Wegkreu­zung, die Küche von Lammert, einem gutmü­tigen Tauben­züchter, alles wird stets aus dem gleichen Winkel gefilmt. Ein tolles Bild-Narrativ für Starrheit und Unabän­der­lich­keit, die sich ebenso bieder­mei­er­lich zeigt (hier aber im guten Sinne) wie die Dorf­ge­mein­schaft, die Lammert zusetzt, weil er vom falschen Kuchen gegessen hat.

Ein Ensemble an Minia­tur­szenen entsteigt in licht­durch­flu­tetem Schwarz­weiß dem Sommer­film Freibad von Sinje Köhler (Film­aka­demie Baden-Würt­tem­berg), der als bester Film mit dem VFF Young Talent Award ausge­zeichnet wurde. Es geht hier um die Liebe junger Leute, die sich zwischen Sprung­türmen, quen­gelnden Kindern, fettigen Pommes und Laut­spre­cher­durch­sagen fast schon wie zum Trotz ihren Weg bahnt. Die kleinen Details, die wohl in jedem Freibad beob­achtet werden können, geben den meisten Spaß ab: das Bade­ther­mo­meter, das von einem Frei­bad­profi ins Wasser gehalten wird, die dicken Bäuche, die sich in der weit verbrei­teten Disziplin des Steh-Schwim­mens üben, das Eis, das zu Boden fällt.

Der Schweizer Tizian Büchi (Institut des Arts de Diffusion, Belgien) holte mit The Sound of Winter gleich zwei Preise des Festivals, den ARRI-Preis für den besten Doku­men­tar­film sowie den Student Camera Award, letzterer ging an seine Kame­ra­frau Camille Sultan. Der Film ist das Gegen­s­tück zu Freibad, er spielt im Winter auf dem Land, schwere Schnee­räum­ma­schinen fahren durchs Bild. Sehr stim­mungs­voll und ganz und gar auf einen Score verzich­tend, lauscht der Film in die Stille des schnee­ge­dämpften Dorfs und in das nicht weniger stille Leben seiner Bewohner hinein. Ein Plädoyer für die Einfach­heit, auch die kine­ma­to­gra­phi­sche, das sehr überzeugt.

Was die doku­men­ta­ri­sche Form vermag, wenn sie auto­bio­gra­phisch wird, zeigte die Nieder­län­derin Tessa Louise Pope (Nether­lands Film Academy, Amsterdam) mit The Origin of Trouble, der den zweiten Preis der Refor­misten erhielt. Der Film geht der Frage nach der Abwe­sen­heit des Vaters in der eigenen Familie nach, die Geschwister, Mutter und der Vater selbst geben offen­herzig Antwort. Ein frei­geis­tiger Film, der spie­le­risch mit der Form des Inter­views umgeht, leichte Fragen stellt, zwischen­drin Fotos rein­schneidet, alles sehr stil­si­cher und selbst­be­wusst. Eine heitere Fami­li­en­auf­stel­lung.

Einen Beitrag zu #Metoo lieferte die Austra­lierin Sunday Emerson Gullifer (Victorian College of the Arts, Melbourne) mit Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow, der vom Macht­miss­brauch im Theater erzählt. Eine Schau­spie­lerin wird hier auf Anweisung des Regis­seurs auf offener Bühne miss­han­delt, wer das als physi­sches Theater verstehen möchte, hat die blauen Flecke nicht gesehen. Dies erschien unterm Strich dann doch ein wenig zu deutlich formu­liert, erhielt aber – viel­leicht wegen des aufrechten Mutes der Regis­seurin – den Luggi-Wald­leitner-Preis für das beste Drehbuch.

Weitere Preise wurden vergeben, insgesamt in Höhe von 70.000 Euro. So machen nicht nur die beträcht­liche Anzahl der präsen­tierten Filme und das gezeigte Niveau das Film­school Fest zu einer der wich­tigsten Film­schul­schauen. Für den Nachwuchs ist auf dieser wett­be­werbs­starken Film-Olympiade das Dabeisein noch lange nicht alles.

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