16.11.2017

Monika Grütters ist gefordert

Jules und Jim
Im Visier der Filmkritik und Branche: Die Berlinale unter Dieter Kosslick. Jetzt geht es vor allem darum: Was kommt danach?

Mehr Klasse statt Masse gewünscht: Die Kritik der Regis­seure an der Berlinale gilt auch der Kultur­po­litik. Die Staats­mi­nis­terin kann sie nicht einfach aussitzen – ein Kommentar

Von Rüdiger Suchsland

Über 80 deutsche Film-Regis­seure sind es. Sie fordern keine Revo­lu­tion, keinen Putsch, sie machen sich einfach Sorgen um das mit Abstand wich­tigste deutsche Film­fes­tival, eine mit zwei­stel­liger Millio­nen­summe Steu­er­geld finan­zierte Kultur­ver­an­stal­tung. Und sie wollen gehört werden, beim über­fäl­ligen Neuanfang. Denn sie, die fast alle schon mit Filmen auf der Berlinale vertreten waren, die dort Preise gewonnen haben, sie wissen aus eigener Erfahrung, dass die Berlinale dem deutschen Kino schon seit Jahren nicht mehr nutzt.
Wenn ein Film heute bei der Berlinale läuft, dann bedeutet dies, dass er in Cannes oder Venedig abgelehnt wurde – das deutsche A-Festival sei nicht mehr auf Augenhöhe mit diesen wich­tigsten Film­fes­ti­vals, stellen die Regis­seure nüchtern fest.
Die Inter­na­tio­nalen Berliner Film­fest­spiele sind in Teilen zu einer vulgären Jahr­markts­ver­an­stal­tung verkommen. Geprägt nicht vom Beson­deren, von Filmkunst, sondern von belie­biger Massen­ware und von einer glit­zernden Star­pa­rade auf dem roten Teppich, wo zwischen Rudeln deutscher Fern­seh­stars nur einzelne inter­na­tional bedeu­tende Schau­spieler und Regis­seure zu entdecken sind.

Es ist ein aufge­bla­senes Programm mit über zehn Sektionen und weiteren Unter­sek­tionen, doppelt so groß wie Cannes und Venedig zusammen, ein unüber­schaubar gewor­dener Moloch, in dem sich selbst Fachleute nicht mehr zurecht­finden.
Aber bei einem Film­fes­tival geht es um nichts so sehr wie um Sicht­bar­keit. Darum, wahr­ge­nommen zu werden. Um Klasse statt Masse.

Auch ein selbst­er­nanntes »Publi­kums­fes­tival« – welches Festival ist keines? – kann nicht jeden Film zeigen, es muss auswählen, kura­tieren. Mit Elitismus und Elfen­bein­turm hat das nichts zu tun, sondern mit Dienst am Publikum. Denn wer dient dem Publikum mehr? Der ihm etwas nahe bringt und vermit­telt, was nicht von selbst zu konsu­mieren ist? Oder der es unter­schätzt?
Und wo wir gerade beim Dienen sind: Ein Film­fes­tival hat nicht nur dem Publikum zu dienen, sondern auch den Filme­ma­chern und den Filmen selbst. Und ihren Vermitt­lern: Den Verlei­hern und den Kinos.

Die Berlinale, nicht nur der Wett­be­werb, ist heute längst kein Ort der Avant­garde von Morgen mehr. Sie entdeckt nichts mehr – die Neuen Kino­wellen des letzten Jahr­zehnts kamen aus Rumänien, Korea, der Türkei und Argen­ti­nien und betraten sämtlich in Cannes die Bühne des Weltkinos.
Der Anspruch eines solchen Festivals wie der Berlinale – eines der bedeu­tenden drei zu sein – muss aber genau darin liegen: Eine Handvoll Filme zu präsen­tieren, die über das Filmjahr hinweg relevant bleiben, die in den Köpfen und Körpern nach­wirken, die nicht schon nach wenigen Tagen vergessen sind.

Dem über­fäl­ligen Neuanfang, den die Regis­seure fordern, stehen, so sieht es derzeit aus, zwei Leute im Wege. Der eine ist Dieter Kosslick, der Leiter der Berlinale. Er reagiert auf die Kritik der Branche persön­lich gekränkt, wiegelt ab, wirft Nebel­kerzen. Das wäre eigent­lich egal, denn Kosslicks Vertrag läuft in einein­halb Jahren aus, er ist dann 70, und ein Mann von Gestern.

Aber er will auch der Mann der Zukunft sein, kämpft hinter den Kulissen bissig um eine Vertrags­ver­län­ge­rung und möchte aus dem Hinter­grund weiter die Strippen ziehen, als eine Art Präsident, unter dem dann ein künst­le­ri­scher Leiter arbeiten soll.
Gewiss wäre eine Trennung der Ämter, wie es sie in Cannes und Venedig schon längst gibt, eine gute Sache. Aber entschei­dend ist nicht, ob die Ämter getrennt werden, sondern wie, wer über die jeweilige Besetzung entscheidet, welche Hier­ar­chien es zwischen den Ämtern gibt und wie unab­hängig von der Politik sie sein dürfen.

Kosslick versucht nun, den Wunsch nach einem Neuanfang zu perso­na­li­sieren. Als ob es um ihn ginge, droht er offen: »Ich oder das Chaos.«
Aber es geht nicht um die Eitelkeit eines alten Kultur­funk­ti­onärs, sondern um die Zukunft einer Insti­tu­tion.

So hängt alles an der amtie­renden Kultur­staats­mi­nis­terin. Offen­sicht­lich schlecht infor­miert, hat sie die Kritik an der Berlinale über­rascht.

So ist der Wunsch der Regis­seure nach einem klaren Schnitt und Neuanfang auch eine schal­lende Ohrfeige für eine Kultur­po­litik, die die Berlinale bislang syste­ma­tisch vernach­läs­sigt hat, der offenbar jede Idee dafür fehlt, was sich mit so einem Film­fes­tival tatsäch­lich anfangen ließe.
Die Kultur­staats­mi­nis­terin hat jetzt den »schwarzen Peter« zuge­spielt bekommen.

Sie behauptet, auf eine Findungs­kom­mis­sion verzichten zu können. Kann sie das wirklich? Kann diese film­fremde Minis­terin über die wich­tigste Film­in­sti­tu­tion allein entscheiden?
Auch wenn sie das rechtlich womöglich kann – sie sollte es nicht. Politisch wäre ein Allein­gang nicht weise – da sollte ihr auch das Beispiel Chris Dercon und das Desaster an der Volks­bühne vor Augen stehen, oder die miss­glückten Beru­fungen von Neil McGregor (Humboldt Forum) und Ben Gibson (DFFB).

Davon abgesehen: Warum darf die Minis­terin das eigent­lich? Warum gilt das Prinzip der Legi­ti­ma­tion durch Verfahren, der Trans­pa­renz über Kriterien und Kandi­daten, der Infor­ma­tion der Öffent­lich­keit nicht auch für die Berlinale?
Warum soll, was für Lehr­s­tühle und Inten­dan­ten­posten selbst­ver­s­tänd­lich ist, hier nicht gelten?
Ist politisch und moralisch legitim, was rechtlich legal ist?

Hoffen wir einmal, dass Monika Grütters doch wohl nicht wie eine abso­lu­tis­ti­sche Kultur­fürstin in Hinter­zim­mern allein entscheiden möchte.

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